Predigt an Rogate 2020 (17. Mai)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
Wer hätte bei den Worten „und geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu“ nicht auch an unsere „Gottesdienste am Sonntag zuhause“ gedacht, die es seit dem 29. März auf unserer Homepage zum Herunterladen gegeben hat? Da haben es eine ganze Reihe von Menschen so gemacht: Gottesdienst gefeiert – also in gewisser Weise die erweiterte Form des Gebetes vollzogen. Und es ist bestimmt für viele am Sonntagmorgen zwischen 10.00 Uhr und 11.00 Uhr ganz wichtig gewesen, sich beim Beten und Gottesdienstfeiern nicht alleine zu wissen.

Geistliche Verbindungen sind stärker als der Abstand, den uns Corona aufzwingt. Es war und es ist eben nicht alles abgesagt, wie es auf einem Bild im Internet so schön gestanden hat: weder Lesen noch Liebe, weder Trösten noch Telefonieren, weder Phantasie noch Frühling, weder Musik noch Beten. Und ich habe es für mich als unendlich hilfreich erfahren, mich abends um 9.00 Uhr in die mir so vertraute Form der Komplet fallen zu lassen: alleine mit Gott – die Welt nicht ignorierend, aber räumlich draußen gelassen; getragen von der vertrauten Form – mit Menschen der Gemeinde in der Fürbitte verbunden.

„… geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu.“ In diesen Tagen auf Abstand mit oft geschlossenen Türen wegen der Corona-Pandemie ist uns aber bei ganz vielen sonst Dingen deutlich geworden, dass diese eben nicht einfach so selbstverständlich da sind. Wenn wir uns begegnen und nahe kommen können, wenn wir einander nicht nur sehen und sprechen, sondern auch besuchen und umarmen können. Das ist immer wieder neu ein ganz besonderes Geschenk.

Zugegeben: Umarmen – so weit sind wir noch nicht wieder. Aber wir feiern immerhin – wieder Gottesdienst, wenn auch unter nicht so ganz gewohnten Umständen. Wenn uns auch hier in der Kirche ganz vieles an Corona erinnert, so ist es eben doch etwas ganz anderes, als wenn wir zuhause in unseren eigenen vier Wänden sitzen.

„… geh in dein Kämmerlein und schließe die Tür zu.“ Das bedeutet ja nicht, grundsätzlich alleine beten zu müssen. Es bedeutet: Ich habe einen Ort, wo ich auf eine gute Art und Weise mit Gott in Kontakt kommen kann, weil mich dann nichts ablenkt: kein Telefon und keine Klingel, kein Fernseher und kein „Komm doch mal!“ von einem aus der Familie. Dann bin ich einfach da. Der Raum der Kirche ist der Schutzraum, in dem ich mich öffnen kann. Und die Gemeinschaft der Menschen in der Kirche, die mit mir feiern, die sich also in der gleichen Weise öffnen, hilft dabei. Dann bin ich und sind wir also da – offen für Gott.

So wie Gott schon da ist. Seine Gegenwart müssen wir nicht erst erarbeiten oder herstellen; ihn müssen wir für unser Gebet nicht einladen und dann vielleicht ängstlich bangen, ob er denn kommt. Gott ist schon da – immer und überall. Und er ist es, der uns einlädt: Er ist der Gastgeber, der den Raum des Gebetes einmal eröffnet hat und ihn für uns immer offen hält. Das unterscheidet ihn von den Gastgebern bei den in diesen Wochen so wichtig gewordenen Videokonferenzen. Wenn die auf Ende klicken, dann ist die Verbindung und damit die Sitzung auch wirklich zuende. Gott aber hält diesen Raum offen. Immer.

Und Probleme mit dem Datenschutz gibt es bei Gott auch nicht: Wir dürfen ihm unser Innerstes anvertrauen; also das, was in unserem Innersten so ganz tief unten verborgen ist, dass es niemand anderes sehen kann und soll. Im Raum des Gebetes ist es für Gott sichtbar und wir erschrecken darüber nicht. Denn wir können gewiss sein: Gott sieht es mit einem ganz liebevollen Blick an – ganz einfühlsam und voller Zärtlichkeit.

So wirbt er um unser Vertrauen, so öffnet sich im Raum des Gebetes unser Herz und wir erfahren, wie gut es tut, einen anderen an dem teilhaben zu lassen, was uns freut und was uns traurig macht, was uns niederdrückt oder was uns sogar zu zerstören droht. Ich glaube, wir alle kennen solche Momente: Wenn es so ein liebevolles Zuhören unter Menschen gibt – mit der besten Freundin oder dem Kumpel, mit dem man durch Dick und Dünn geht, mit der Partnerin oder dem eigenen Kind oder Vater oder Mutter. In solchen Momenten des vertrauensvollen Gesprächs wird das Herz weit, öffnet sich gewissermaßen der Himmel und Angst und Sorge, Qual und Entsetzen verlieren ihre beherrschende Macht. Und genau das schenkt uns Gott mit dem Raum des Gebetes, den er uns eröffnet.

Seine Antworten sind vielleicht nicht so direkt wie die eines menschlichen Gesprächspartners. Aber das ist gar nicht so schlimm. Denn in solchen Gesprächen, die das Herz weiten und frei machen, braucht es auch zwischen Menschen keine langen Antworten. Die Gegenwart des anderen, seine liebevolle Aufmerksamkeit reichen aus, um meine Worte fließen zu lassen und so diese wunderbare Weite des Herzens zu spüren. Wie wichtig ist es, sich schwierige Dinge so von der Seele reden zu können; wie wichtig ist es, Glück und Freude mit mindestens einem anderen zu teilen und so seine Freude zu verdoppeln.

Der Text des Vaterunsers ist dann nicht nur eine Predigt, sondern eher eine Predigtreihe mit je einer Predigt für jede Bitte wert. Das würde heute und hier sicherlich zu weit führen. Und es ist auch gar nicht so nötig. Denn im Vaterunser vereint Jesus alles, was im Leben eines Menschen wichtig ist. Es bringt die Verbindung des Menschen zu Gott ebenso wie die Beziehungen der Menschen unter- und zueinander zur Sprache. Das Vaterunser hat – ebenso wie viele Psalmen – Worte für uns, wenn uns die eigenen Worte fehlen; Worte, die alles Leben in sich vereinen und die sich deshalb auch so gut mit dem füllen lassen, was mich, was uns persönlich jeweils ganz besonders bewegt.

Das heutige Fürbittengebet in diesem Gottesdienst ist so ein Versuch: Jede Zeile des Vaterunsers, die von Matthias Zelle/Heike Meier gelesen wird, wird durch weiterführende Gedanken konkreter, dass es für uns als Gemeinde näher dran ist. Und in unserem eigenen Gebet zuhause können wir alle das für uns persönlich Wichtige eintragen. Vielleicht versuchen wir es in den nächsten Tagen einmal: Im Gebet eine Zeile des Vaterunsers für sich stehen lassen und zu dem jeweiligen Thema unsere Gedanken in Worte fassen und als Gebet vor Gott bringen.

Bei der Lesung ist es manchen vielleicht aufgefallen: Der für uns so vertraute Schluss „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ – er fehlt. Und das in der Überlieferungsgeschichte der Bibel wohl zurecht, denn in den ältesten Handschriften gibt es ihn nicht. Alles deutet darauf hin, dass dieser Schluss, die sogenannte Doxologie, also das abschließende Rühmen der Herrlichkeit Gottes, wohl erst später von anderen an das Gebet Jesu angefügt worden ist.

Das macht aber nichts. Dadurch wird das Gebet Jesu ja nicht ungültig. Und die Gebetstradition der Kirche hat Texte aus der Bibel immer wieder für den jeweiligen Moment angepasst. Aus meiner Sicht ist es wichtig, wie Jesus nach der letzten Bitte „sondern erlöse uns von dem Bösen“ weiter spricht: Da geht es um das Vergeben, das wir den anderen Menschen gewähren sollen. Das ist Jesus an so vielen Stellen ganz wichtig, denn es ist ein, wenn nicht der Schlüssel für unser Leben. Es geht Jesus in seiner ganzen Verkündigung und damit auch im Vaterunser doch darum, den Shalom Gottes wieder herzustellen. Shalom – das ist Frieden im ganz umfassenden Sinn; das ist das Ganzsein und die Vollständigkeit des Volkes Gottes und der Schöpfung insgesamt. Und wenn etwas zwischen den Menschen steht, dann ist dieses Ganzsein gestört, dann fehlt etwas.

Vielleicht ist es gerade jetzt wichtig, sich daran erinnern zu lassen: Es ist nicht alles heil – in unserem Leben, in unser Ort und unserem Land, in unserer Welt. Die Masken und alles andere, was heute an Ungewohntem diesen Gottesdienst bestimmt zeugen davon. Normal ist etwas anders; aber vielleicht auch nicht das, was vorher war.

Für uns als Christen aber ist normal, dass wir mit Gott im Gespräch sind – in unserem jeweiligen Kämmerlein: zuhause oder hier in der Kirche. Und normal ist das Gebet, das uns verbindet, seit im frühen 2. Jahrhundert die Apostel in der Didache uns gesagt haben: „Drei Mal am Tage betet so, wie der Herr in seinem Evangelium geboten hat.“ Und das wollen wir tun. Amen.

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