Predigt am 10. Sonntag nach Trinitatis (16. August)

Der Predigttext Römer 11,25-32 wurde zuvor als Evangelium gelesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

„Ich bin ein Bibelentdecker; ja ich will es wissen; ein Bibelentdecker, dem Geheimnis auf der Spur; ein Bibelentdecker, will suchen und finden, ein Bibelentdecker auf Tour. Meine Tour führt mich durch zwei Testamente, da bleibt mir der Mund offen stehn; Kinder Gottes erben eine Menge, das lass ich mir nicht entgehn!“ – So heißt es im Refrain und in der dritten Strophe von Daniel Kallauchs Kinder-Bibel-Lied.

Mit dieser Strophe und dem Refrain ist die eine Seite zusammengefasst, die unseren Predigttext ausmacht: Christlicher Glaube ist etwas, das sich nicht einfach durch Nachdenken und Lernen erschließt. Christlicher Glaube ist eben ein Geheimnis, in das Menschen eingeführt werden und dem man sein Leben lang auf der Spur ist und bleibt. Die Beziehung jedes Christen zu Gott ist wie jede andere Beziehung nicht einfach naturwissenschaft-biologisch zu beschreiben; Beziehungen bleiben für Außenstehende letztlich nicht nachvollziehbar, eben ein Geheimnis.

Getragen ist dieses Geheimnis des Glaubens und der Beziehung zu Gott dadurch, dass wir durch unsere Taufe dazu berufen sind, Gottes Kinder zu sein. Die Anrede Gottes mit „Abba“ – also Papa und Vater ist für Paulus unendlich wichtig. Und Kinder sind Erben. Was hier so viel heißt wie: Gott als Vater ist Garant für die Zukunft. Er gibt uns das mit, was wir für unseren Weg in diese Zukunft brauchen.

Mit dem Stichwort von den ‚beiden Testamenten‘, durch die die Sänger des Liedes von Daniel Kallauch geführt werden, wird dann die zweite Seite in unserem Predigttext deutlich: Christlichen Glauben gibt es nicht im luftleeren Raum der Geschichte, er ist nicht vom Himmel gefallen, sondern durch Jesus Christus für diejenigen möglich geworden, die vorher noch nicht zum Volk Gottes im ersten Testament gehört haben. Durch das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes wird Gott zu ihrem Vater. Das ist das Evangelium, die Frohe Botschaft, mit der Paulus und dann auch andere der Urgemeinde über die Grenzen des jüdischen Glaubens hinausgehen.

Wir – heute und hier in Möllbergen in der Kirche, in unserer Gemeinde – gehören mit den vielen Generationen unserer Vorfahren auch zu denjenigen, für die das gilt: Erst und nur durch Jesus Christus und die Taufe auf seinen Namen gehören wir dazu.

Es bleibt die Frage, was denn mit denen ist, die vor den Christen ‚Kinder Gottes’ waren – also das Volk Israel, das aus den Ahnen Abraham und Sarah, Isaak und Rebekka, Jakob, Lea und Rahel hervorgegangen ist; das als jüdisches Volk zu Zeit Jesu gelebt hat und das bis heute im Staat Israel und über die ganze Welt verstreut lebt. Was ist mit denen? Sind sie keine Kinder Gottes mehr, weil es ja nun die Christen als neues Gottesvolk gibt? Der Gedanke kam ganz schnell und ganz früh im jungen Christentum auf. Und über all die Jahrhunderte hin hat es immer wieder neu christliche Theologen gegeben, die das auch vertreten haben. Aber zu Unrecht!

Denn schon Paulus – und er steht nicht umsonst mit so vielen Briefen im Neuen Testament – hat dieser Sicht ganz entschieden widersprochen. Paulus ist sich sicher: „Wie könnt ihr meinen, Gott habe sein Volk verstoßen? Das sei ferne, keineswegs! Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat.“ So schreibt er am Anfang des 11. Kapitels im Römerbrief. Und er will mit der Rede vom Geheimnis, das mit dem Volk Israel verbunden ist, den Menschen in der römischen Gemeinde erklären, dass die Christen keinen Grund haben, sich über Israel zu erheben. Denn ganz gleich, wie eine Momentaufnahme im Verhältnis von Gott und Israel aussehen mag: Für Paulus steht ein ganz großes Pluszeichen vor der Klammer, die den Weg Gottes mit Israel erzählt.

Und dieses Pluszeichen heißt: Gott ist treu! Was er einmal jemandem gegeben hat, das nimmt er nicht wieder von diesem weg. „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ Paulus zählt dann am Anfang von Kapitel 9 sieben plus eine Gabe auf, die Gott seinem Volk geschenkt hat, als er dieses Volk in die Nachfolge berufen hat. Sieben plus eins – überfließende Vollkommenheit von Gottes Liebe.

Israel ist seit dem Weg aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit das Volk der Kindschaft. Es hat Anteil an der Herrlichkeit Gottes, die am Sinai die Stiftshütte erfüllt und die später die Hirten auf den Feldern von Bethlehem umstrahlen wird. Gott verbindet sich mit den Bundesschlüssen immer neu mit Israel. Er gibt ihnen seine Wegweisungen: das Gesetz als gute Lebensordnung – mittendrin die heilsame Einrichtung des Sabbat und das Gebot der Liebe zu Gott und den Mitmenschen. Israel ist das Volk des Gottesdienstes durch das Gebet mit Gott im Gespräch zu sein, sich der Zusagen Gottes durch Lesen und Auslegen der Schriften zu vergewissern, ihn im Singen zu loben und zu preisen. Israel ist das Volk der Verheißungen – nicht weil es so gut und vollkommen ist, sondern weil Gott dieses Volk liebt. Aus Israel kommen mit Abraham und Sarah, Ruth und David und vielen anderen die Väter und Mütter des Glaubens. Aus Israel schließlich kommt seiner irdischen Herkunft nach der Christus, denn Jesus ist Jude.

So beschreibt Paulus das Gottesvolk, sieht es achtfach ausgezeichnet: Gott hat Israel beschenkt und berufen zum Volk der Erwählung und seine Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen.

Den Gaben der Berufung entspricht das Ziel von Gottes Weg mit Israel: Ganz Israel wird gerettet werden. Paulus schreibt es ganz bestimmt. Daran gibt es nichts zu rütteln: Ganz Israel wird gerettet werden, denn Gott kommt zur Rettung seines Bundesvolkes. Damit wird deutlich: Gott ist es, der handelt, von dem die Rettung und Vollendung Israels abhängt – von Gott und seiner Barmherzigkeit: „Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam,
damit er sich aller erbarme.“

Zwischen dem Anfang mit den achtfachen Gaben und dem Ziel mit der Zusage des endgültigen Heils verläuft der Weg Israels. Der ist ein einziges Auf und Ab, mit vielen Irrungen und Wirrungen. Wir dürfen dabei aber nie vergessen, dass über diesen langen Weg mit allem, was auf diesem Weg unverständlich und negativ erscheint, Gottes Pluszeichen steht: Der ganze Weg Israels geschieht innerhalb der Klammer von Gottes segnendem Vorzeichen.

Zu diesem Unverständlichen auf dem Weg Israels gehört auch sein so poröses, sprödes Verhältnis zu Jesus von Nazareth, dem Christus: geboren aus dem Judentum wirkt Jesus in Israel – und sie bleiben Juden. Es geschieht einfach; für Paulus ist es keine bewusste Entscheidung der Menschen damals. Es geschieht. Paulus ist überzeugt: Nur deshalb kann die Botschaft von der Liebe Gottes zu den Menschen über Israel hinaus gehen. Ohne die zwischenzeitliche Ablehnung des Christus durch die Juden wäre die Jesusbewegung ein innerjüdischer Freundeskreis geblieben. Es musste so kommen, damit die Botschaft Jesu den Weg rund um die Welt findet. An dem Verhältnis Gottes zu Israel, an seiner Liebe zu ihnen ändert das nichts. Sie bleiben Geliebte Gottes, auch wenn sie den Glauben an Jesus als den Heiland der Welt nicht mit vollziehen. Das ist das große Geheimnis von Gottes Weg mit Israel.

Das, liebe Gemeinde, ist die wohl nicht überbietbare theologische Größe des Paulus. Dass er, der nichts anderes mehr kennt als Christus den Gekreuzigten, dass er, Paulus, das so stehen lassen kann: Israels eigene Gottesbeziehung.

Deshalb darf Paulus auch schreiben: die Römer sollen sich nicht selber für klug halten; damit sie ihr Urteil über Israel nicht auf eigene Gedankenkonstrukte bauen, denen die nötige Grundlage fehlt. Um es mit heutigen Worten zu sagen: Sie dürfen bei der Findung ihres Standpunktes nicht in der Filterblase des eigenen römischen Mikrokosmos bleiben. Denn da werden sie immer nur mit den gleichen Meinungen ihrer Freunde bestätigt.

Es ging den Römer nicht anders als uns heute: Wir dürfen uns nicht mit unserem so kleinen Horizont unsere eigene Meinung zurechtschustern, die dann an der Realität keinen Anhalt hat. Die Frage nach Gott und seinen Weisungen ist die entscheidende. Da hilft uns das Evangelium des Sonntags weiter, in dem Jesus die Weisungen Gottes ganz knapp zusammenfasst: »Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“. Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.«

Das gilt dann auch heute, wenn wir als Christen, als Kirche unser Verhältnis zu Israel bedenken. Wir sind untrennbar geistlich mit Israel verbunden. Und das greift auch in die irdisch-weltpolitische Dimension mit ihren gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen hinein. Denn das Judentum heute besteht aus Menschen, die in dieser Welt leben. So ergibt sich eine gelebte Solidarität und Partnerschaft auch mit dem Staat Israel, bei der aber das kritische Wort auch seinen Platz haben muss. Vielleicht gerade in unserer heutigen Zeit, wo der Schmerz über den scheinbar nicht enden wollenden Konflikt Israels mit den Palästinensern so groß ist.

Eine Partnerschaft sucht miteinander Lebensperspektiven für alle Beteiligten. Im Sinn Jesu heißt das: den Nächsten immer mit im Blick zu haben – in dem Wissen, dass wir alle gleichermaßen auf Gottes Erbarmen angewiesen sind; in der Gewissheit, dass wir alle auf dieses Erbarmen vertrauen dürfen.
Amen.

Vielen Dank an Klaus Müller für die Meditation in den Göttinger Predigtmeditationen, aus der ich manches aufgenommen habe (Gött. Predigtmed. 74, S. 396-402).

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