Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis (30. August)

Der Predigttext 1. Korinther 3,9-17 wurde zuvor als Evangelium gelesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Das Bild gehört für mich mit zu den eindrücklichsten Momenten, die ich auf der Ostpreußenreise vor 13 Jahren mit meiner Frau und meiner Tante erlebt habe: Mitten in Kaliningrad, dem alten Königsberg, erhob sich ein massives Gebäude, über 15 Stockwerke hoch, ein riesiger Klotz aus Beton. Es handelte sich um das Haus der Sowjets, das Parteigebäude, wenn man so will: der Tempel des Sozialismus – ganz beherrschend erhob es sich über den Dächern der Innenstadt auf einem Hügel mit den Ruinen des Stadtschlosses, nur ein paar hundert Meter vom Dom entfernt. Was man aber auch schon auf den ersten Blick sah: Dieses Gebäude war eine Bauruine, es war tot – ein Haus ohne Leben, das da nun einfach dastand. Irgendwer hatte dieses Gebäude einmal geplant, es war in Auftrag gegeben worden und dann hatte man es eben gebaut. Was dann aber auch immer der Grund gewesen war: Seinen Zweck, sein Ziel hat es nicht erreicht, weil die tragende Idee nicht mehr vorhanden war.

Vielleicht hatte Paulus so eine Schreckensvision von der Gemeinde in Korinth vor Augen, als er seinen 1. Brief an die Gemeinde geschrieben hat: Trotz aller guten Planungen und trotz allen guten Willens und aller Energie, die er in die Gründung seiner Gemeinde gesteckt hatte, befürchtete er, dass am Ende die christliche Gemeinde in Korinth so eine Bauruine sein könnte. Und deshalb war es ihm ein so großes Anliegen, den Korinthern die Wichtigkeit und den Wert ihrer Gemeinde deutlich zu machen.

Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen dem ‚Haus der Sowjets‘ in Kaliningrad und der Gemeinde in Korinth: Bei dem Parteitempel handelt es sich um ein reales Gebäude; bei der korinthischen Gemeinde handelt es sich um die Gemeinschaft von Menschen einer christliche Gemeinde, also um einen Tempel aus lebendigen Steinen. Denn Paulus schreibt: Ihr seid dieser heilige Tempel Gottes!

Trotzdem sah Paulus die Gefahr, vor der die christliche Kirche mit ihren vielen einzelnen Gemeinden auch heute noch steht: dass da etwas mit viel Freude, ja Enthusiasmus und noch mehr Engagement begonnen wird, was dann aber als tote Bauruine endet. Und deshalb schreibt er seinen leidenschaftlichen Appell an die Korinther.

Die Gemeinde, die Gemeinschaft der Menschen, die im 1. Petrusbrief ‚lebendige Steine‘ genannt werden, bilden das Haus Gottes, sein Bauwerk. Und Paulus ist derjenige, der – von Gott beauftragt – das Wichtigste tun darf: Er soll das Fundament legen. Dabei ist ihm bewusst, alles weitere kann nur gelingen und vor allem auch Bestand haben, wenn dieser Moment des Hausbaus verantwortungsvoll und präzise gemacht ist. Je größer das Haus werden soll, desto tiefer und breiter muss das Fundament gegründet sein. Wir können das heute in jeder Stadt sehen, wo große Häuser, gar Wolkenkratzer gebaut werden.

Das Fundament der christlichen Gemeinde in Korinth und auch der weltweiten Kirche insgesamt, so schildert es Paulus, ist das Beste, das man für den Tempel Gottes nehmen kann, denn es ist keine Spekulation über Ungewisses, es ist kein Versprechen, das man abgibt, ohne zu wissen, ob man es einhalten kann. Das Fundament der christlichen Gemeinde ist Jesus Christus, der Gottessohn, der den Menschen die Liebe Gottes gebracht hat, der sich sogar stärker als der Tod erwiesen hat, und der sich so als eben der tragfähige Grund erwiesen hat auf den Menschen getrost ihren Glauben und ihre Gemeinde bauen können. Das ist es, was Paulus in Korinth und damit für die ganze Kirche getan hat.

Natürlich ist ihm auch wichtig, wie das Gebäude nun aussehen soll, das auf seinem Fundament entstehen soll; aber da ist er nicht mehr einzige Architekt. Viele bauen daran mit, viele bringen ihre Ideen ein, um aus dem Haus der Gemeinde wirklich auch einen Tempel werden zu lassen – also einen Ort, der der Verehrung Gottes dient, und der nicht nur ein tolles Haus für eine potente Gruppe von irgendwelchen Leuten ist.

So geht es dann um die Fragen, wie denn die Architektur des Gebäudes im Großen sein soll modern-funktional oder barock-üppig? Himmelsstrebend-lichtdurchflutet gotisch oder erdverbunden-burgartig romanisch? Und wie soll dann die Ausstattung im Kleinen aussehen? Auch da gibt es ja so unendlich viele Möglichkeiten: Soll die Ausstattung in allen Zimmern einheitlich sein: gleiche Musik, gleiche Sprache, gleiches Dies und gleiches Das? Oder sollen die einzelnen Zimmer doch besser unterschiedlich ausgestattet sein?

Viele Themen, die Paulus in seinen Briefen behandelt, spiegeln die Fragen seiner Zeit – im Großen, was die ganze Kirche betrifft, und im Kleinen, was jeweils die einzelnen paulinischen Gemeinden in Korinth, Ephesus oder Rom betrifft: Wie sich Gemeinde gestalten soll; was wichtig ist und auf das Fundament Jesus Christus passt: Wer leitet wie die Gemeinde, wie werden Gottesdienst und Abendmahl gefeiert, wie geht die Gemeinde mit Menschen um, die Fehler machen und schuldig werden.

Wir können uns dann gerne fragen, welches unsere Fragen heute sind – wie wir uns Kirche vorstellen: in der weltweiten Gemeinschaft der Ökumene von evangelisch bis orthodox, von katholisch bis pfingstlerisch; in der bunten Vielfalt der Ortsgemeinden. Für uns in diesem Teil der Welt – in Europa und vor allem auch in Deutschland – ist es wohl besonders wichtig, zu sehen, wie wir angesichts von schwindender Kirchlichkeit mit hohen Austrittszahlen und einem bei vielen angestaubten Image vor Kirche die Freude des Evangeliums und seine tragende Kraft neu erfahrbar machen können.

Und das ist keine Sache von einigen wenigen. Alle bauen an der Kirche, dem Tempel Gottes weiter. Und für Paulus ist es dabei ganz wichtig, dass alle, die an der Gemeinde mit bauen, das auch in großer Verantwortung tun. Sie sollen, schreibt er, ‚sorgfältig‘ mitarbeiten. Und es kommt auf alle an; alle sind verantwortlich.

Dabei macht es für ihn keinen Unterschied, aus welchem Material die Gemeinde gebaut wird: Er nennt wie in einem Gleichnis Gold und Silber, kostbare Steine auf der einen Seite, Holz, Schilf oder Stroh auf der anderen Seite. Wer will, kann bis heute darin den Gegensatz von einer prunkvoll strahlenden Kirche hier und einer Kirche der Armen dort sehen. Aber damit werden wir Paulus wohl nicht gerecht.

Ein – vielleicht das einzige Kriterium bei der Suche nach richtigen Wegen wird sein: Dient das, was geschieht, nur einem Ego, das sich selbst in den Mittelpunkt stellen will, oder dient es wirklich dem Aufbau der Gemeinde, dem Miteinander unter dem Wort, der Gemeinschaft im Heiligen Geist.

Entscheidend ist für Paulus eben nicht, welche vordergründige Qualität die Baustoffe haben – also die Menschen, die zur Gemeinde gehören. Wenn Paulus in unserem Abschnitt von der Bewährung des Baues der Gemeinde im Feuer spricht, setzt er voraus, dass Schilf und Stroh bei einer guten Bauweise ebenso gut im Feuer bestehen können wie Edelsteine und Gold. Für ihn zählt alleine die Verbindung zum Fundament.

Denn – würde Paulus heute vielleicht sagen – nicht wir tragen das Fundament, sondern das Fundament – Jesus Christus – trägt uns: Jesus hat mit seinen Heilungen das Leben von Menschen zum Guten verwandelt: Er hat dem Tauben das Gehör und die Sprache gegeben und dem Blinden das Augenlicht, er hat die verkrümmte Frau aufgerichtet. – Texte und Geschichten, die ebenfalls dem heutigen Sonntag zugeordnet sind.

Von Jesus Christus her, diesem verwandelnden Fundament, ist die Gemeinde als Tempel Gottes aufgebaut, und sie wird von seinem Heiligen Geist durchweht – also von der Kraft Gottes, die uns mit Freude und Zuversicht Kirche sein lässt. Und wir – wir alle – sind Mitarbeiter, sind gerufen, an diesem Tempel Gottes, dem Haus zur Verehrung Gottes mitzubauen. Lasst es uns tun! Amen.

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