Konfiormationspredigt 2020

Gehalten bei den Konfirmationsgottesdiensten am 6. September 2020 in Holtrup und am 13. September 2020 in Möllbergen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Festgemeinde! Vor allem aber:
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

„We shall overcome“ – wir haben das Lied vorhin bei eurem Einzug gehört: „We shall overcome, truth will make us free, Black and White together, we‘ll walk hand in hand, we shall live in peace.“ Wir werden überwinden; die Wahrheit macht uns frei, Schwarz und weiß zusammen, wir gehen Hand in Hand, wir werden in Frieden leben.“

„We shall overcome“ – ein Lied, das für eine ganze Generation zu einer Art Glaubensbekenntnis wurde. Es ist kein Glaubensbekenntnis, wie Ihr es auswendiggelernt habt und wie wir es gleich sprechen werden; auch kein Bekenntnis, wie die von Euch selbst geschriebenen, die mich sehr beeindruckt haben. Der entscheidende Unterschied ist, dass dieses Lied nicht etwas in der Vergangenheit beschreibt. Es ist ein Bekenntnis zu einer Vision von einem Leben in Frieden und Freiheit für alle Menschen; es ist ein Bekenntnis zur Zukunft.

Auch Martin Luther King, mit dem wir uns bei unserer Konfifreizeit intensiv beschäftigt haben, hatte so eine Vision für die Zukunft. Am 28. August 1963 – also fast auf den Tag genau vor 57 Jahren – hat er in Washington vor mehreren 100.000 Menschen seine so berühmte Rede „I have a Dream“ gehalten: über den Traum von einer gerechten und friedlichen Welt für das Leben seiner Kinder und Kindeskinder. Auch seine Rede ist ein Bekenntnis zur Zukunft.

Der Garant für diese Zukunft ist in dem Lied und für Martin Luther King jeweils Gott, auch wenn das Wort Gott im Lied und in den bekanntesten Passagen der Rede gar nicht vorkommt. Aber das Lied ist ein Gospel: die Haltung der Menschen, die das Lieb geschrieben und gesungen haben, ist untrennbar mit dem christlichen Glauben verbunden. Und das Fundament auf dem Martin Luther King seinen Weg gegangen ist, das ist das Wissen, dass in Jesus Christus alle Menschen gleich sind, und dass er in seinem ganzen Leben von Gott getragen ist – von diesem Gott, den auch wir in unserem Glaubensbekenntnis bekennen. Diese Glaubensgewissheit hat Martin Luther King den Weg gehen lassen, den er gegangen ist: den Weg der Gewaltlosigkeit bis zu seiner Ermordung 1968.

„We shall overcome – Wir werden überwinden“. Damals – vor gut 40 Jahren – ging es in Amerika um das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe. Der so unendlich große Riss in der damaligen Gesellschaft sollte überwunden werden. – Wenn ich mich heute umsehe, gibt es noch oder wieder so unendlich viele Situationen auf unserer Welt, wo es so dringend notwendig ist, dass Spaltungen und Hass, dass Ungerechtigkeit und Gewalt überwunden werden. Wenn ich an Martin Luther Kind denke, steht mir die heutige Situation in Amerika vor Augen, wo ein Land so zerrissen ist, wie wir uns das kaum vorstellen können. Ich denke aber auch an die Situation in Israel und Palästina oder an Länder wie Syrien, den Irak oder Afghanistan, wo sich unterschiedliche Volksgruppen oder Anhänger von verschiedenen Religionsgemeinschaften so unversöhnlich gegenüberstehen. Ich denke auch an unser Land, in dem so vieles unversöhnt erscheint: auf der großen politischen Bühne, in den ganz kleinen Gemeinschaften und in dem, was dazwischen liegt; ich denke aber auch an christliche Gruppen, die sich gegenseitig das Christsein absprechen.

Menschen müssen bestimmt nicht immer einer Meinung sein – das meine ich nicht. Aber Menschen müssen einander gelten lassen; sie müssen die Würde der jeweils anderen achten. Sie müssen in ihrem Gegenüber immer auch den Menschen sehen, der von Gott ebenso geliebt wird, wie man selbst.

An dieser Stelle kommt der Evangelist Johannes ins Spiel, aus dessen Brief Fynn uns einen Abschnitt gelesen hat. Auch seine Zeilen sind zuerst ein Bekenntnis: „Das Einzigartige an der Liebe Gottes ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns seine Liebe geschenkt.“ Gott fordert nicht zuallererst, um dann zu entscheiden, ob ihm das reicht, was wir ihm zu bieten haben. So ist Gott nicht. Er geht in Vorleistung und er schenkt uns seine Liebe – sichtbar in Jesus Christus geworden. In ihm hat sich Gott ein menschliches Gesicht gegeben.

Für Johannes ist aber auch klar: Dieses Bekenntnis hat auch Auswirkungen auf das Leben. Es ist wie der Traum von Martin Luther King vom Leben in Gerechtigkeit und wie das Lied „We shall overcome“ ein Bekenntnis zur Zukunft: „Meine Freunde, wenn uns Gott so sehr liebt, dann müssen auch wir einander lieben.“

Einander lieb haben, weil Gott uns zuerst seine Liebe geschenkt hat. Ich glaube, dies ist der Schlüssel zu dem, was Martin Luther King angetrieben hat, dass er seinen Weg der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung gehen konnte, dass er Gewalt und Hass überwinden konnte.

„We shall overcome“ – das Bekenntnis zur Zukunft bleibt eine lebenslange Aufgabe – so wie christlicher Glaube auf seine Weise eine lebenslange Aufgabe ist. „Meine Freunde, wenn uns Gott so sehr liebt, dann müssen auch wir einander lieben.“ So schreibt Johannes.

Es wäre ja sehr schön, wenn man sagen könnte: „Jetzt bin ich konfirmiert, jetzt habe ich für den Rest meines Lebens den direkten Draht zu Gott.“ Ich kann da erst einmal nur für mich sagen: Im Lauf meines Lebens ist mir immer wieder klar geworden, wie wichtig es ist, auch selber etwas in die Beziehung zu Gott zu investieren.

Und in die Beziehung zu Gott investieren, das heißt für Johannes wie schon für Jesus: in die Beziehung zu den Menschen neben mir zu investieren: „Indem wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe erfüllt uns ganz.“ So schreibt es Johannes – Jesus sagt: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst – das ist das höchste Gebot, das ist der Weg zum Leben. Das Evangelium des Tages vom „Barmherzigen Samariter“ grüßt zur Konfirmation.

„We shall overcome“ – Es ist die große Vision für die Zukunft mit einem Leben in Würde und Frieden, in Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen. Welche Visionen habt Ihr für Eure Zukunft? Heute, am Tag der Konfirmation ist das für die meisten von Euch wahrscheinlich noch gar nicht so klar. Manche Ideen habt Ihr auf der Konfirmandenfreizeit ja formuliert, sie sind in diesen Gottesdienst eingeflossen: als Psalm am Anfang, als Fürbittengebet nachher zum Ende hin.

Ich wünsche und hoffe, dass wir alle – und ganz besonders Ihr, die Konfirmandinnen und Konfirmanden, Euren Weg des Lebens auf dem Fundament gehen könnt, das auch Martin Luther King getragen hat: auf dem Fundament der Liebe Gottes, die in Jesus Christus sichtbar geworden ist. Amen.

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