Predigt am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr – 8. Nov. 2020

Der Predigttext 1. Thessalonicher 5,1-6 wurde zuvor in der Übersetzung der Basisbibel als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist das Thema dieses Sonntags; aber es ist auch viel mehr: Denn diese Überschrift ist ja nicht einfach nur ein Mal im Jahr dran, um dann bis zum nächsten drittletzten Sonntag im Kirchenjahr wieder in der Schublade der wohl geordneten Predigttexte wieder zu verschwinden. Bis es dann eben nächstes Jahr wieder so weit ist.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist doch das, was unser ganzes Leben ausmachen soll, jeden Tag und immer wieder neu. So wie wir ja nicht nur einmal im Jahr Ostern und Weihnachten feiern, um dann mit der Dekoration auch unser Leben als österliche oder weihnachtliche Christenmenschen wieder einzupacken, als ob diese Feste mit dem Rest des Jahres und unserem Leben nichts zu tun hätten. Ostern und Weihnachten sind nicht das Sahnehäubchen auf unserem Leben als Christen.

Wenn wir unseren Glauben leben, dann tun wir das immer und überall als österliche und weihnachtliche Menschen, weil das, was diese Feste für unseren Glauben bedeuten, wie Hefe oder Sauerteig einen Brotteig durchziehen und ihn dann zu einem Brot werden lassen. Und so ist auch „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ nicht eine nette Zugabe für unseren christlichen Glauben wie eben das Sahnehäubchen auf der heißen Schokolade.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist das, was uns bei all dem, was uns in unserer Welt und in unserer Zeit bedrückt und bedrängt, nicht verzagen lässt. Denn wie könnten wir sonst angesichts all der großen Schwierigkeiten und Probleme, die wir tagtäglich erleben, zuversichtlich sein? Gerade in diesen Zeiten, wenn uns das Corona-Virus mit seinen schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit, die Wirtschaft und unsere Gesellschaft in Atem hält; wenn das Miteinander in unserer Gesellschaft – zumindest an manchen Punkten – immer mehr in ein Gegeneinander zu kippen droht; wenn der Ruf nach einer gewaltsamen Lösung von Problemen plötzlich im Raum steht und unsere demokratische Kultur den Bach runter zu gehen droht?

„Bleiben Sie zuversichtlich!“ als Gutenachtgruß von Ingo Zamperoni zum Abschluss der Tagesthemen reicht da nämlich bestimmt nicht aus, so nett und gewinnend der smarte Nachrichtenmensch das auch rüber bringen mag.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das meint aber auch nicht ein Vertrösten auf den so berühmten St. Nimmerleinstag: „Ja – irgendwann kommt das Ende der Welt und dann …“ Auch das hilft uns nicht weiter, ist kein Trost und ist keine Hilfe. Denn das, was den Menschen in der ersten Christenheit herbei gesehnt hatten: dass dieses Ende der Welt bald kommen würde, um aus der Bedrängnis allen Irdischen zu befreien – das hat für uns schon längst seine Attraktion, aber auch seine Schrecken verloren. Seine Attraktion, weil dieses Ende eben seit fast 2000 Jahren auf sich warten lässt; und seine Schrecken, weil es trotz aller bisherigen Katastrophen doch immer noch mit uns Menschen weiter gegangen ist.

Da lässt uns der eine Satz aus dem Evangelium dieses Sonntags aufhorchen, auch wenn wir es heute leider nicht in Gänze hören konnten. Aber diesen einen Satz Jesu sage ich hier und jetzt sehr gerne: „Sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ So berichtet es Lukas im 17. Kapitel seines Evangeliums. Da merken wir: „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ hat zwar etwas damit zu tun, was für uns noch in der Zukunft liegt. Aber diese Zukunft, die Gott für uns bereit hält, und damit auch unsere Hoffnung sind ganz fest in unserer Gegenwart verankert; in unserem Hier und Jetzt.

Und da bekommen die Worte des Paulus einen ganz anderen Charakter, da erscheinen sie in einem ganz anderen Licht: Wenn der Tag des Herrn – wie Paulus es nennt – und damit der Anbruch des Reiches Gottes so unerwartet wie ein Dieb in der Nacht kommt, dann kann mich das ja wirklich ganz plötzlich betreffen und treffen. Wenn ich mich ganz plötzlich in einer Situation wiederfinde, in der mir für Gottes Reich die Augen geöffnet werden, dann ist der jüngste Tag wirklich nicht mehr fern.

Nun ist die Erwartung, dass bei mir jemand einbricht, keine besonders schöne und verheißungsvolle Vorstellung. Alle, bei denen das schon einmal geschehen ist, berichten von der unglaublichen Unordnung, die so ein Einbruch hinterlässt: äußerlich natürlich, wenn alle Schubladen aufgerissen und alle Schränke durchwühlt sind; aber mehr noch innerlich, weil alle Sicherheit, mit der man vorher gelebt hat, plötzlich verschwunden ist und die früher so selbstverständliche Ruhe erst einmal weg ist. Es braucht wohl lange, bis sich Menschen, die Opfer eines Einbruchs geworden sind, wieder gefangen haben.

Für den Beginn des Reiches Gottes ist eine solche grundlegende Verunsicherung des Lebens keine schöne Vorstellung. Aber auch ganz viele andere Berichte von den letzten Dingen – seit der damaligen Zeit bis heute zu den großen Katastrophenfilmen vom Weltuntergang – spielen mit diesem Element der Verunsicherung: dass alles, auf das sich Menschen verlassen haben, plötzlich in Frage gestellt wird und in Unsicherheit und Chaos versinkt.

Paulus nimmt dieses Bild von der plötzlichen Verunsicherung durch einen Einbruch zwar auf und malt die verschlafene Selbstzufriedenheit der Menschen auch noch schön aus: „Wir leben in Frieden und Sicherheit!“ Und schon ist es damit vorbei.

Aber Paulus bleibt nicht dabei stehen. Denn er ersetzt das bekannte Einbruchsbild von der plötzlichen Verunsicherung, die nur das Zerstörerische als Ergebnis haben kann, durch ein ganz anderes Bild. Und dieses Bild ist das Bild für neu entstehendes Leben schlechthin: Paulus schreibt von der Plötzlichkeit, mit der die Wehen über eine Frau kommen, wenn es so weit ist, dass ein Kind zu Welt kommen soll. Anstrengung und Schmerzen gilt es auch hier zu durchzustehen und zu überwinden. Ein Kind zu gebären, das ist kein gemütlicher Sonntagsspaziergang. Aber die Perspektive heißt: Leben und damit eben Hoffnung und Zukunft.

Was lässt eine Frau die Geburt bestehen? Es ist – so weit ich das als Mann in ganz allgemeine Worte fassen kann – genau diese Gewissheit des Lebens und der Zukunft. Was lässt Christinnen und Christen die Gefahren und die Bedrängnisse, die Nöte und gar die Abgründe in ihrem alltäglichen Leben bestehen? Es ist genau diese Gewissheit des Lebens und der Zukunft, so schwer sie manchmal auch zu fassen sein mag.

Wie so oft erweist sich Paulus an dieser Stelle als Realist, der seiner Gemeinde keinen Sand in die Augen streut oder sie sonst in irgendeiner Weise einlullt. Aus den Problemen dieser Welt gibt es kein Entrinnen. Er stellt dieser Einsicht in das Leben aber sein ganz großes „ABER“ entgegen, auch wenn es als Wort hier nicht vorkommt.

Paulus erinnert die Menschen damals in Saloniki und damit alle Christinnen und Christen daran, dass die Welt, wie sie nun einmal mit ihrem oft so gruseligen Dunkel ist, uns nicht gefangen nehmen und in die Schwärze zeihen muss. Denn der „Tag des Herrn“ ist eben keine „Nacht der Schrecken“. Die biblische Botschaft lebt von dem Glauben und dem Vertrauen auf den Sieg des Lichtes über die Finsternis: Ihr seid alle Kinder des Lichtes, schreibt Paulus seiner Gemeinde, weil Jesus ihnen mit seinem Sterben und Auferstehen Anteil an seinem neuen Leben gibt.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ heißt auf den neuen Tag hin zu leben, so wie wir in jede Nacht in der Gewissheit hineingehen, dass aus der Tiefe der Nacht ein neuer Tag erwächst: um Mitternacht noch nicht sichtbar, aber unaufhaltsam mit dem Morgenstern als Vorzeichen. Dieses glaubende Wissen ist mehr als ein plattes „Alles wird gut.“ Denn diese Hoffnung speist sich nicht aus unserer Kraft, sondern sie kommt von Gott.

Diese Hoffnung macht aber kein Ruhekissen, auf dem wir gut schlafen könnten; diese Hoffnung macht wach, sie schärft Verstand und Sinne und stärkt das Herz. Und das brauchen wir im Kampf gegen die Anfechtung der Finsternis. Und Glaube, Hoffnung und Liebe, von denen Paulus direkt im Anschluss an unseren Abschnitt und nicht nur im 1. Korintherbrief schreibt, sind unsere Möglichkeiten, mit denen wir wie mit Waffen unser Leben retten und schützen können: mit dem Glauben gegen Zweifel und Verzweiflung, mit der Liebe gegen Selbstsucht und Bequemlichkeit und mit Hoffnung gegen Resignation und Müdigkeit. Paulus nennt Glaube, Hoffnung und Liebe die „Waffen des Lichtes“ im Kampf gegen die dunklen Mächte und Gewalten der Nacht.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ heißt also– wie Paulus es schreibt – wach und nüchtern zu sein, um für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten, damit, wie wir es im Psalm 85 gesprochen haben, Gerechtigkeit und Friede sich küssen können. Denn ein Leben in Frieden und Sicherheit ohne Gerechtigkeit lullt nur ein und betoniert mit dem Ende von Visionen die Finsternis. Sicherheit und Gerechtigkeit machen Frieden. Sicherheit als Voraussetzung für das Eintreten und den Kampf für Gerechtigkeit: soziale und Generationengerechtigkeit; Gender- und Klima- und Wirtschaftsgerechtigkeit. Die Liste der Gerechtigkeiten lässt sich gut und gerne fortsetzen.

Denn das heißt „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“: Wir gehören nicht zum Bereich der Nacht oder der Dunkelheit; wir sind Kinder des Tages und des Lichtes. Und deshalb werden wir uns nicht einlullen lassen, uns nicht berauschen und schlafen, sondern nüchtern sein und wach. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Musikalisches Vorspiel: „Es wird sein in den letzten Tagen“ (EG 426)
  • Begrüßung
  • Lied „Wir warten dein, o Gottes Sohn“ (EG 152)
  • Psalm (Psalm 85,9-14)
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung: 1. Thessalonicher 5,1-6
  • Halleluja-Vers: Psalm 85,1
  • Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 263)
  • Predigt über 1. Thessalonicher 5,1-6
  • Glaubensbekenntnis
  • Lied „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“ (EG 430)
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Jesus bleibet meine Freude“ von Johann Sebastian Bach aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“

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