Predigt zum Kirchentagssonntag am 7. Februar

P: Die Speisung der 5000 bei Markus ist nicht nur eine Geschichte über das Essen und das Sattwerden – und damit ist sie nicht nur eine Wundergeschichte, die etwas über die Macht Jesu sagt.
Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Jüngerinnen und Jünger Jesu: Jesus fordert sie auf, nach- und hinzusehen, was an Möglichkeiten da ist, um die Menschen satt zu machen. Und so ist diese Episode auch eine Geschichte über das Sehen.
„Schaut hin!“ – Sprichwörter und Aphorismen zum Sehen und Hinsehen gibt es wie Sand am Meer. Hier eine kleine, sicherlich sehr willkürliche Auswahl:

L2: „Ich seh den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ – sagt ein deutsches Sprichwort.
L1: Ich kam, sah, und siegte. – ist Julius Cäsars trockener Kommentar zu seinem Sieg.
L2: Eine kluge Frau wird manches übersehen, aber alles überschauen. – stellt Lil Dagover augenzwinkernd fest.
L1: „Seht ihr den Mond dort stehen, er ist nur halb zu sehen.“ – dichtet Matthias Claudius.
L2: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ – schreibt Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“.
L1: „Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“ – schachtelt Kurt Marti, der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller.

P: Ja, wo kämen wir hin, wenn keine nachsehen würde, was da ist! Jesu „Schaut hin!“ Es ist die zentrale Aufforderung an seine Jüngerinnen und Jünger. „Schaut hin!“ – Das ist auch das Leitwort, unter dem der 3. Ökumenische Kirchentag steht. „Schaut hin!“ – Und schließlich eine Aufforderung, die in unserer heutigen Zeit ihre ganz eigene Bedeutung hat. Denn heutzutage kommt es in besonderer Weise darauf an, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind – und nicht nur irgendwelche Zerrbilder oder Halbwahrheiten wahrzunehmen, irgendwelche Lügen oder Fakenews.

Das Ergebnis der Nachforschungen der Jünger scheint absolut ernüchternd zu sein: 5 Brote und 2 Fische! Aber Markus macht mit vielen Einzelheiten deutlich, dass es sich trotzdem nicht um eine Notspeisung handelt: Das grüne Gras erinnert an die verheißene Fülle aus Psalm 23 und das, was übrig bleibt, erzählt davon, dass für jeden Stamm Israels ein Korb da ist. Es kommt nicht darauf an, ein Festmahl auszurichten; sondern dass alle satt werden. Es reicht, sogar mehr als das. Die Jünger dürfen hier wie an vielen anderen Stellen lernen, dass sie in der Gegenwart Jesu keine Angst haben müssen. Glauben heißt: auf Jesus sehen.

Es heißt aber nicht: die Verantwortung für alles einfach an Jesus oder einen anderen abgeben, der sich als starker Mann inszeniert. Jesus lehrt die Jünger: Sie sollen sehen, was sie haben und dann tun, was dran ist. So ordnen die Jünger die Menge und verteilen, was sie haben, nachdem Jesus für das gedankt hat, was da ist. So übernehmen sie Verantwortung.

Jüngerin und Jünger Jesu sein – das heißt: nicht nichts tun und nicht das Übermaß tun wollen. Das gilt bis heute und über heute hinaus, wenn wir fragen, was die Kirche Jesu Christi in ihrer jeweiligen Zeit tun soll:

L1: Wir können als Christinnen und Christen und auch als Kirche nicht die Welt retten. Aber wir dürfen unsere Hände nicht in den Schoß legen.
Sehen wir die Möglichkeiten, die wir haben, und tun wir das, was wir tun können, um unsere Schöpfung zu bewahren. Das ist unsere Verantwortung.
L2: Wir können als Jüngerinnen und Jünger Jesu auch nicht die Kirche retten: nicht unsere eigene noch die ökumenische Gemeinschaft der Kirche. Aber wir sehen auf das, was wir an Möglichkeiten haben, und wir tun das, was wir tun können.
L1: Wir werden als Christinnen und Christen und auch als Kirche nicht das Elend der Welt beseitigen – weder das Elend durch Corona noch das Elend durch die ungerechte Verteilung von Gütern und Macht in dieser Welt. Aber wir sehen auf die Möglichkeiten, die wir haben, und wir setzen sie mutig ein zum Wohl der Menschen, die Unterstützung und Schutz brauchen.
L2: Wir als Jüngerinnen und Jünger Jesu und auch als Kirche werden nicht unser Sozialsystem und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt retten. Aber wir sehen auf unsere Möglichkeiten und wir nehmen sie wahr zum Wohl unserer Stadt und unseres Landes.

P: Als Kirche, als Jüngerinnen und Jünger Jesu dürfen auch wir lernen, dass wir in der Gegenwart Jesu keine Angst haben müssen. Glauben heißt: auf Jesus sehen. Und er hat versprochen: Siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen.

Veröffentlicht von PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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