Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis – 6. Juni 2021 über Jona 1,1-2,2.11

Schriftlesung und Predigt über Jona 1,1-2,2.11

Lesung: Jona 1,1–3

P: Liebe Gemeinde! Wie hätten wir wohl an der Stelle von Jona reagiert? Es ist ja keine Freudenbotschaft, die er da überbringen sollte. Dann wäre das bestimmt etwas anderes gewesen: Jemandem den Gewinn eines Lottojackpots mitzuteilen, das würden wir sicherlich sehr gerne machen; oder jemandem sagen: „Glückwunsch, du hast bestanden! Du hast eine Zwei oder sogar eine Eins geschrieben.“; oder: „Freue euch, ihr seid Eltern eines gesunden Kindes geworden!“
Aber das soll Jona nun nicht tun. Er soll Ninive den Untergang ankündigen, weil die Stadt in den Augen Gottes so böse ist. Jona sollte im wahrsten Sinn des Wortes ein Untergangsprophet sein. Noch einmal: Was hätten wir an Jonas Stelle getan? Ganz viele Menschen wünschen sich in solchen Situationen nicht nur ganz weit weg, sie setzten diesen Wunsch dann auch wie Jona in die Tat um und verschwinden: entweder, indem sie wirklich weglaufen; oder indem sie in die innere Emigration gehen und so tun, als hätten sie nichts gesehen oder gehört. Von der Alternative singen wir:
EG 361,1: „Befiehl du deine Wege“

Lesung: Jona 1,4–7

P: Jona macht eine Erfahrung, die wir Menschen auch immer wieder machen: Vor einer unangenehmen Aufgabe davon laufen und in die innere oder auch äußere Emigration gehen hilft nicht. Im Gegenteil: Nicht für den Adressaten – also die Menschen in Ninive – sondern für Jona selbst und die Schiffsbesatzung – die Menschen, die er durch seine Flucht in die ganze Angelegenheit mit hineinzieht, wird es immer schlimmer.
Jona merkt davon zuerst nichts und schläft den Schlaf des scheinbar Gerechten, während um ihn herum alles aus den Fugen zu geraten scheint. Die Schiffsbesatzung sucht Rettung: zuerst mit ihrem Möglichkeiten, indem sie die Ladung über Bord werfen und dann bei denen, die das Schicksal der Menschen bestimmen – bei ihren Göttern.
Und so problematisch die Suche per Los nach einem Schuldigen normalerweise ist, denn so etwas geht viel zu oft in die falsche Richtung los – dieses Mal trifft es den Richtigen. Wie reagiert Jona? Vertraut er Gott?
EG 361,2: „Dem Herren musst du trauen“

Lesung: Jona 1,8–13

P: Die Schiffsleute fragen ihn nach dem Wer, Wie, Wohin und Warum. Ja: Wer ist Jona? Vielleicht ist ihm selbst das erst jetzt so richtig klar geworden, wer er wirklich war. Deutet sich in seiner Antwort an die Schiffsleute vielleicht sogar der erste Schritt hin zu einer Wandlung an? Jona kann zu sich und seinem Gott stehen; er muss gar nichts über seinen Beruf und seine Familie erzählen. Das Bekenntnis zu seinem Ursprung und zu seinem Gott reicht, um zu sagen, wer er ist: „Ich bin ein Hebräer und fürchte Adonai, den Gott des Himmels und der Erde.“
Moment: Hat er das so gesagt? „Ich fürchte Gott“? Fast möchte ich es nicht glauben. Meine erste Reaktion ist: Dann hätte er doch nicht vor diesem Gott weglaufen dürfen! Und ich frage mich weiter: Will er nicht trotz dieses Bekenntnisses wieder diesem Gott davonlaufen: mit seinem Vorschlag, ihn über Bord zu werfen?
Nach einiger Zeit aber denke ich: Vielleicht ist es gerade die Ferne von Gott, in die er sich selbst gebracht hat, die ihn jetzt erkennen lässt: „Ich gehöre zu diesem Gott, ich komme von ihm nicht los und so ungewiss mein Schicksal in diesem Sturm des Lebens auch sein mag, will ich mich doch seiner Treue und Gnade anvertrauen.“
Wie dem auch sei. Jona sagt den Schiffsleuten: „Werft mich über Bord! Dann seid ihr wenigstens raus aus der Sache.“ Dass die das zunächst nicht tun, ehrt sie. Und es zeigt: Mit ihrer Suche nach dem Schuldigen durch das Los wollten sie nicht einfach nur einen Sündenbock haben, den man opfern könnte.
EG 361,3: „Dein ewge Treu und Gnade“

Lesung: Jona 1,14–2,1

P: Noch einmal richtet sich der Blick auf die Schiffsbesatzung: Sie scheuen vor dem Opfer zurück. Sie wollen sich vergewissern, dass sie keinen Unschuldigen den Wellen preisgeben. Sie haben alles getan. Und Jona hat sich selbst das Urteil gesprochen – im Vertrauen auf Gott oder als neue Flucht? Was zuerst wie ein sicheres Todesurteil aussieht, wird durch Gott aufgefangen.
Mit dem Fisch, der Jona verschlingt, beginnt der fantastische Teil der Jona-Erzählung, der etwas von der Verwandlung berichtet, die Jona nun durchmacht. Es sind zwar keine 40 Tage und Nächte, die Jona im Fischbauch verbringt, was an andere Wandlungsprozesse in der Bibel erinnern würde: bei Elia die Wanderung zum Gottesberg, die 40 Jahre des Volkes Israel auf der Wüstenwanderung. Aber mit drei Tagen und drei Nächten wird ein Zeitraum genannt, der seine ganz eigene Tiefe hat. Nicht umsonst ist es der dritte Tag, an dem Jesus aus dem Reich des Todes auferstehen wird. Es ist jedenfalls genug, dass Gott mit seinem Weg ans Ziel kommt, wie es bei Paul Gerhardt heißt:
EG 361,5: Und ob gleich alle Teufel

Lesung: Jona 2,2.11

P: So treffen wir Jona im Bauch des Fisches wieder: Ganz gleich, ob es Vertrauen in Gottes Hilfe oder eine erneute Flucht war, die ihn zu dem Vorschlag bewogen hat: „Werft mich ins Meer!“ Jetzt hat er genügend Zeit, über sich und seine Situation nachzudenken. Jona begegnet im Bauch des Fisches zunächst sich selbst: sich selbst und seinem Leben, seinem Davonlaufen. Solche Begegnungen sind nicht einfach und schön, denn sie zeigen uns nicht unsere Sonnenseiten, sondern schonungslos die Seiten an uns, die wir so gerne verstecken wollen. Die Wogen und Wellen über Jona, das Schilf, das ihn bedeckt, und schließlich die Riegel der Erde, die sich über ihm schließen – alles, von dem Jona in seinem Psalm erzählt – es sind Bilder über die Fesseln, die gefangen halten: das, was in seinem und in unserem tiefsten Innern verborgen ist und Macht über uns hat.
In den drei Tagen im Bauch des Fisches erfährt Jona eine heilsame Begegnung mit sich selbst. Auch wir haben in unserem Leben immer wieder solche Möglichkeiten, zu diesen heilsamen Begegnungen mit uns selbst zu kommen, die uns Klarheit über uns und unsere Situation, über unser Verhältnis zu Gott bringen.
Jona schließlich findet sich an einem Strand wieder; ausgespuckt von dem Fisch – es sieht aus wie das Bild einer Geburt, die einen neuen Anfang und neues Leben ermöglicht. Ja: Alles ist auf Null gestellt und Jona kann noch einmal neu anfangen – mit sich und seinem Leben und mit Gott; aber es ist nicht mehr derselbe Jona wie zuvor, der einfach meinte, weglaufen zu können.
Am Anfang stand für Jona das Wort Gottes und damit Gottes Auftrag. Am Anfang stand auch für uns das Wort Gottes und damit Gottes Auftrag. Was tun wir? Nicht an Jonas Stelle, sondern weil wir es sind, die gerufen sind: in unserer Taufe durch den heiligen Geist. Was tun wir? Amen.
EG 361,6-7: „Hoff, o du arme Seele“

Veröffentlicht von PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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