Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis – 13. Juni 2021 über Jona 3

Lesung: Jona 3

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Was ist der Unterschied zwischen einer Vorladung und einer Einladung? Eine Vorladung kommt meistens per Einschreiben, sie verheißt nichts Gutes und macht genug ein mulmiges Gefühl: „Ich habe etwas falsch gemacht, bin vielleicht sogar angezeigt worden. Ich muss mich aus welchen Gründen auch immer rechtfertigen und verteidigen.“

Eine Einladung dagegen kommt mit einer netten Aufmachung daher. So eine Einladung bekommen wir alle gerne, denn sie bedeutet in den allermeisten Fällen: Eine nette Zeit mit festlich-fröhlichem Anlass, um mit netten Leuten zusammen zu sein und das Leben zu genießen. Gerade in dem zurückliegenden Jahr, in dem solche Einladungen so selten gewesen sind, ist uns das ganz besonders bewusst geworden, wie wichtig sie sind und wie sehr uns solche Einladungen gefehlt haben.

Manchmal hat eine Einladung allerdings auch einen traurigen Hintergrund: wenn es darum geht, dass das Leben eines Menschen oder eine schöne Sache zu Ende gegangen ist oder zu Ende geht. Aber auch bei diesen traurigen Anlässen stehen die Liebe zu dem verstorbenen Menschen oder das Schöne, was man mit der zu Ende gehenden Sache verbindet, im Mittelpunkt. Es ist wichtig, richtig und gut, Einladungen anzunehmen.

„Gott lädt ein!“ – das steht als Überschrift über diesem Sonntag. Nun ist das mit der Einladung, die Jona dem Volk von Ninive überbringt, so eine Sache: „In 40 Tagen wird Ninive untergehen!“ Das ist keine Einladung! Das ist sogar schlimmer als eine Vorladung, denn das Urteil scheint schon festzustehen! Trotzdem haben die Menschen in der Hauptstadt der Welt, die Ninive damals gewesen ist, diese so fordernde Einladung angenommen.

Vielleicht ist der Charakter dieser Einladung besser zu verstehen, wenn wir auf die 10 Gebote sehen, die mit ihren „Du sollst! Du sollst nicht!“ auch nicht wie eine Einladung wirken. Immer wieder hört man, dass im Christentum angeblich alles verboten sein, was Spaß macht. Trotzdem haben die 10 Gebote den Charakter einer Einladung: Gott lädt das Volk Israel am Berg Sinai ein, einen Bund mit ihm zu schließen für ein Leben im Land der Freiheit.

Im Konfirmandenunterricht haben wir den Anfang der 10 Gebote immer wieder so formuliert: „Ich, Gott, lade dich ein zu einem Leben in Freiheit. Wenn Du diese Einladung annimmst, wirst du …“ Und dann kommen die 10 Aspekte menschlichen Lebens, die in den 10 Geboten behandelt werden: dann wirst du nicht töten, nicht ehebrechen, nicht begehren; dann wirst du Gottes Namen und den Feiertag heilighalten und Vater und Mutter ehren.

„Gott lädt ein!“ Jona überbringt also die als Vorladung getarnte Einladung Gottes an die Menschen in Ninive. Die Erfolgsaussichten sind nach normalem Menschenverstand wohl eher gleich null: Wer rechnet damit, dass die Bewohner einer Weltstadt, die an andere Götter glauben, auf einen einzelnen Menschen hören, dessen Botschaft in einer Zumutung, in nur diesem einen Satz besteht: „Noch 40 Tage, dann wird Ninive untergehen.“

Ich weiß nicht, ob das vorher Erlebte mit Jona etwas gemacht hat: die Flucht vor Gott, die Sturmfahrt im Schiff und das Versinken im Wasser, nachdem er über Bord geworfen worden war; die Tage im Bauch des Fisches aus dem fantastischen Teil der Geschichte. Ich weiß nicht, ob das etwas mit ihm gemacht hat; ob er nun etwas an sich hatte, dem man nicht widerstehen konnte. Wie sollte ein Einzelner sonst so eine Wirkung erzielen: dass das Leben der ganzen Stadt umgekrempelt wird. Es wird nichts von so etwas Besonderem berichtet. Jona tut einfach, was Gott ihm sagt und es funktioniert.

Es ist eine Bewegung von unten: Die einfachen Menschen glauben der Ankündigung und rufen ein Fasten aus. Die Basis geht voran, wenn man es mit modernen Worten sagen will. Die Regierung in Person des Königs kommt erst am Ende dazu und fasst das in übersteigerte Worte, was die Menschen vorher schon einfach so getan haben: Sie hören die Botschaft und nehmen sie ernst; sie ziehen Konsequenzen statt den Kopf in den Sand zu stecken und wie bisher weiter zu machen, weil ja sowieso alles verloren wäre. Die Menschen von Ninive nehmen die Botschaft sogar so ernst, dass sie gegen ihr Schicksal glauben und damit schließlich erfolgreich sind. Sie hoffen, durch ihre Umkehr eben doch noch eine Umkehr Gottes zu bewirken, durch ihre Reue und Buße bei Gott Reue und Buße auszulösen und so noch einmal davon zu kommen. Und: So kommt es.

Ende gut, alles gut. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Sie sind noch einmal davon gekommen! Aber das wäre zu kurz gegriffen. Denn erstens gibt es im Buch des Propheten Jona noch ein viertes Kapitel, das nächste Woche dran ist; und zweitens steht der Bericht von der Wandlung Ninives ja nicht einfach so für sich selbst da, sondern ist eingebettet in die ganze große Geschichte Gottes mit den Menschen und damit auch in die Verkündigung Jesu und mit einer Botschaft an uns heute.

Es ist schwer, Ninive und seinen König mit einer heutigen Stadt oder einem heutigen Land und seiner Regierung zu vergleichen: Los Angeles, Neu Delhi oder Kairo, Moskau oder Peking? Keine Stadt passt wirklich. Ninive war zwar das Zentrum der damaligen Welt, mehrere Tagesreisen groß; aber nichts Konkretes von der Stadt wird im Bericht erwähnt, sie bleibt eigentümlich farblos und konturlos. So könnte diese große Stadt Ninive im Jonabuch eher so etwas wie ein Platzhalter sein für das große Ganze der damaligen Menschheit.

So kann in den Zeiten unserer globalisierten Welt Ninive auch für diese ganze heutige Welt als Adressat stehen. Und es sind nicht unbedingt 40 Tage, bis diese Welt untergehen könnte, aber das, was über den Zustand dieser Erde in 40 Jahren zu sagen ist, wird von kaum jemandem ernsthaft angezweifelt. Auch nicht, dass es ein „zu spät“ geben kann. Umdenken ist für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder und Enkel unbedingt nötig.

Zwei Fragen stellen sich mir: Gibt es heute einen Jona, der die Menschen wach rütteln kann? Und wenn ja, würden die Menschen heute auf ihn hören? Die Gefährdung des menschlichen Lebens in einem absehbaren Zeitraum ist inzwischen unbestritten und es gibt viele, die dringend und intensiv warnen und mahnen. Jona gibt es auch heute: in vielfältiger Gestalt. Und es gibt inzwischen viele Menschen über alle Parteigrenzen hinweg, die diese Botschaft hören und sie ernst nehmen; es gibt inzwischen viele Menschen über alle Parteigrenzen hinweg, die Konsequenzen ziehen wollen, statt den Kopf in den Sand zu stecken, und – um eines kurzen Vorteils willen – wie bisher weiter zu machen, weil es ja doch immer noch gutgegangen wäre. Auch heute nehmen Menschen die Botschaft von Jona so ernst, dass sie gegen ihr Schicksal glauben und damit hoffentlich am Ende erfolgreich sind.

Anders als die Menschen damals in Ninive müssen wir heute aber nicht den Sack anziehen und uns in die Asche setzten, um die Bereitschaft zur Umkehr sichtbar zu machen. Wir können und wir müssen vielmehr unser Verhalten in vielen Bereichen unseres Lebens ändern, wenn wir den Erfolg haben wollen, den die Niniviten damals auf die Predigt des Jona hin hatten: dass unsere Umkehr zu einem nachhaltigen und verantwortlichen Lebensstil eine Umkehr und eine Abkehr von der scheinbar unausweichlichen Zerstörung des Lebens – vor allem unseres menschlichen Lebens – möglich machen soll.

„Gott lädt ein!“ – das steht als Überschrift über diesem Sonntag. Diese Einladung kommt in Form der Predigt von Jona zwar nicht schön verziert oder grafisch besonders gestaltet bei uns an; aber die Einladung, die wir heute von Jona bekommen, hat sowohl einen befreiend-aufrichtenden wie einen festlich-fröhlichen Charakter. Denn nach unserer Umkehr steht die Freude darüber im Mittelpunkt, dass wir die alten eingetretenen aber zukunftslosen Wege verlassen haben und neu beginnen konnten; dass sich so Himmel und Erde berühren konnten. Lassen auch wir uns – wie Jona – zu Boten der Umkehr machen, die zu einem Leben einladen, das weiter reicht als 40 Tage oder 40 Jahre. Die Kraft dazu bekommen wir von Jesus Christus, der uns dafür frisch machen will, der er spricht: „Ich will euch erquicken!“ Amen.

Veröffentlicht von PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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