Predigt am 1. Weihnachtstag 2021

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Kind in der Krippe, dem Heiland der Welt!

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Es ist der Tagesspruch für das Weihnachtsfest und der Wochenspruch für die ganze Weihnachtswoche. In nur einem Satz fasst der Evangelist das in Worte, was wir zum einen aus der Weihnachtserzählung des Lukas vor Augen haben: das Gebot von Augustus, die Herbergssuche und die Geburt des Kindes, die Verkündigung an die Hirten mit dem Engel und deren Weg zum Stall. Eben ist sie noch einmal erklungen. Und zum anderen sehen wir, auch wenn sie in der liturgischen Tradition erst an Epiphanias dran sind, die Weisen aus dem Morgenland kommen und ihre Geschenke bringen.

Johannes geht mit seinem einen Satz noch viel weiter, denn in seinem „er wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ schwingt mit, dass es im Folgenden ja dann um den erwachsenen Jesus geht. Seine Herrlichkeit wird bis zur Erhöhung am Kreuz und bis zur Auferstehung in geradezu paradoxer Weise immer mehr an Strahlkraft zunehmen – je nachdem, aus welchem Blickwinkel die Menschen diesen Jesus Christus betrachten.

„Das Wort ward Fleisch!“ – Die Worte haben als Höhepunkt des sogenannten Johannes-Prologes einen ganz besonderen, für viele einen geradezu heiligen Klang.

Vielleicht deshalb haben die Revisions-Kommissionen 1984 und 2017 den Modernisierungsversuch von 1975 wieder rückgängig gemacht. Die hatten übersetzt: „Das Wort wurde Mensch.“ Gott selbst, der schon in seinem Wort hörbar und erfahrbar ist, wird ein Mensch, ein Mensch von Fleisch und Blut!

Das feiern wir Weihnachten. Und das ist etwas, was uns froh und getrost machen kann. Das will Hoffnung und Zuversicht schenken. Wir feiern nämlich nicht nur, dass da vor 2000 Jahren in Bethlehem eine wundersame Geburt geschah, damit sich heute Menschen streiten können, ob die Mutter des Kindes biologisch gesehen noch Jungfrau war oder nicht. Der Theologe Martin Nicol schreibt dazu so wunderbar: „Dass man auch nur eine Sekunde lang meinen kann, es ließe sich von der ‚Jungfrauengeburt‘ normal reden, ist mir unerfindlich. Die ‚Jungfrauengeburt‘, wie sie in fachbegrifflicher Nominalität genannt wird, ist das Mindeste, was an Anormalität aufzubieten ist, wenn Gott zur Welt kommt. In dieser Perspektive ist die Jungfrauengeburt kein Problem von Weltbild, modernem Denken und zeitgemäßem Verstehen. Sie gehört vielmehr zur poetischen Hülle, die die Bibel um ein Geschehen legt, das sich dem Verstehen entzieht.“

Wir feiern kein 2000 Jahre zurückliegendes biologisches Wunder. Wir feiern vielmehr, dass immer wieder neu diese Menschwerdung Gottes geschieht. Johannes Scheffler, bekannt als Angelus Silesius, der ‚Schlesische Bote‘ bekennt: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“ Immer wieder neu will Gott selbst in uns geboren werden. Gott wird Mensch – in, mit und durch uns hindurch.

Weihnachten ist deshalb ein Fest der Leibhaftigkeit. Die Hirten liefen, kamen und sahen sich an, was da in Bethlehem geschehen war. Und später die Könige: Sie brachten ihre Geschenke und beteten an. Das alles ist leibhaftiges Geschehen. Weihnachten geschieht, was jeder Mensch durchlebt hat: Geboren werden. Jedes Kind erinnert uns daran: Am Christfest kam Gott selbst zur Welt und wurde uns Menschen gleich.

Warum? Wir sollen ihm immer ähnlicher werden. Wir sollen immer tiefer in diese Erfahrung hineinsinken: Wir kommen aus Gott, wir leben als Menschen in dieser Welt und wir kehren zu Gott zurück. Leibhaftigkeit – der Berneuchener Tradition, aus der ich komme, ist das ein zentrales Anliegen: Leibhaftige Begegnung von Menschen: im Gottesdienst und bei Gruppen und Kreisen, beim KonfiCamp für die Konfirmandinnen und Konfirmanden; leibhaftige Einwohnung Gottes in den Menschen bei der Feier seines Mahles: Wir tun nicht nur so, wir essen und trinken; leibhaftige Vollzüge des Glaubens: Taufe mit echtem Wasser, das Stehen beim Gebet oder das Knien, für manche das selbst vollzogene Kreuzzeichen – so schwer das alles in dieser schwierigen Zeit durchzuhalten ist. Leibhaftigkeit als zentrale und wichtige Erfahrung: Es geht um so viel mehr, als theoretisch über Glaubenssätze oder Bibeltexte nachzudenken. Das ist alles auch wichtig, aber es ist die leibhafte Gemeinschaft, die uns in unserem Glauben durch das Leben trägt.

Am Christfest kam Gott selbst zur Welt und wurde uns Menschen gleich, wurde leibhaftiger Mensch. Warum? Wir sollen ihm immer ähnlicher werden. Und indem und weil Weihnachten in uns geschieht, vollzieht sich ein wunderbarer Wandel, die Rollen vertauschen sich erneut: Aus dem Kind, das an Weihnachten als kleiner Mensch zur Welt kommt und Gott leibhaft werden lässt, wird im Lauf seines Lebens Jesus von Nazareth, den wir als Christus und Messias, als Herrn und Heiland bekennen. Auch in uns klingt der Vers aus dem Johannes-Prolog nach: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Und durch Christus vollzieht sich der zweite Teil dieses neuerlichen Rollentausches: Wir werden durch Christus zu Gottes Kindern berufen – nicht irgendwann, sondern schon hier und jetzt.

Denn so schreibt der Apostel und Evangelist Johannes in seinem ersten Brief: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Mit diesen Worten des Johannes öffnet sich uns der Blick in die Zukunft – also auf das, was von Gott her auf uns zu kommt: Gott gleich zu werden, wie er zuvor uns gleich geworden ist. Das ist das Ziel, dem wir entgegengehen: die Einheit mit Gott, die uns dadurch eröffnet wird, dass Gott mit uns eins wurde und wird: als Kind, als leibhafter Mensch.

Gott geht nicht auf in unserer Leibhaftigkeit und unserem Menschsein, aber wir als Gottes Geschöpfe können uns nicht außerhalb Gottes stellen. So bleibt es immer die „weihnachtliche Aufgabe“ von uns allen, uns gemeinsam immer neu auszurichten auf den, der unter uns geboren wurde, der in uns neu geboren werden will und der uns als seine Kinder liebt, damit wir für andere leuchten und zum Licht in dunklen Zeiten werden. Amen.

Vielen Dank an Matthias Gössling, den Leiter der Gemeinschaft Sankt Michael für die Inspiration durch seinen Weihnachtsbrief.
Ebenso Dank an Martina Schwarz, in deren Predigtmediation zum Lukas 1,26-38 ich das Zitat von Martin Nicol gefunden habe (Timebreak und englisches Empowerment, in: Gött. Predigtmed. 76, S. 39); Originalzitat in: Martin Nicol, Fanfaren der Freude und Ankunft im Pianissimo (Lk 1.,26-33[34-37]38, in: Gött. Predigtmed. 71 (2016/2017). S. 36-38)

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