Predigt über 2. Timotheus 1,7-10 am 16. Sonntag nach Trinitatis 2026 (20. September) in Holtrup und Eisbergen
Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Brief des Paulus an Timotheus, im 1. Kapitel:
7 Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Schäme dich also nicht, als Zeuge für unseren Herrn aufzutreten. Und schäme dich auch nicht für mich, weil ich seinetwegen in Haft bin. Sei vielmehr bereit, mit mir für die Gute Nachricht zu leiden. Gott gibt dir die Kraft dazu.
9 Er hat uns gerettet und dazu berufen, zu seinen Heiligen zu gehören.
Das geschah nicht etwa aufgrund unserer Taten, sondern aus seinem eigenen Entschluss – und aus der Gnade, die er uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt hat. 10 Aber jetzt wurde diese Gnade offenbar durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus. Er hat den Tod besiegt und durch die Gute Nachricht unvergängliches Leben ans Licht gebracht.
(Vers 7: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; Verse 8-10: BasisBibel, © 2021, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)
Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.
Liebe Geschwister in Christus!
Gott hat berufen, dazuzugehören. Dazugehören – das ist in unserer heutigen Zeit ein ganz besonderes Wort, denn die Frage, wer zu einer Gruppe, zu einem Land oder auch einer Religionsgemeinschaft dazugehört, hat in den letzten Jahren immer wieder zu zum Teil heftigen Diskussionen geführt: Wie schnell sind Menschen dabei, zu fragen, ob jemand genug oder das Richtige glaubt, um zu einer religiösen Gemeinschaft zu gehören; wie schnell fragen Menschen, ob jemand die richtige Kleidung trägt oder das richtige Outfit hat, um zu einer besonderen Gruppe dazuzugehören; wie erschreckend intensiv wird in den letzten Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft bei Menschen infrage gestellt, die etwas anders aussehen, als man es in einer etwas unbestimmten Vergangenheit erwarten konnte!
Dazugehören: Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, dass Menschen wissen wollen, wo sie hingehören und wer zu der eigenen Gruppe gehört. Bei Fans von Fußballvereinen ist das sehr schnell klar, denn da sind die Vereinsfarben das Erkennungsmerkmal. Bei vielen Gruppen gibt es ein Wappen oder ein anderes Zeichen, das getragen wird, an dem jemand erkennen kann: Er oder sie gehört dazu. Und bei der deutschen Staatsangehörigkeit ist es bestimmt nicht eine wie auch immer biologische Abgrenzung, die dass klärt, sondern einzig und allein, wer sie in seinem Pass oder Ausweis stehen hat: weil er oder sie in das Deutschsein hineingeboren wurde oder weil er oder sie diese Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hat.
Dazugehören – für Christinnen und Christen ist die Frage, ob sie zur christlichen Gemeinschaft dazugehören, allerdings etwas, das nicht einfach in ihrer Macht liegt. Denn auch wenn Menschen sich entscheiden, sich taufen zu lassen, wenn Eltern das auch für ihre Kinder entscheiden, so geht dieser Entscheidung immer schon das JA Gottes zu diesem Menschen voraus. Er – also Gott – beruft in diese Gemeinschaft.
Das ist ein wenig so, wie wenn bestimmte Stellen besetzt werden: wenn Richter an ein Verfassungsgericht berufen werden; wenn Professoren auf einen Lehrstuhl berufen werden; auch wenn Pastorinnen und Pastoren auf eine Pfarrstelle berufen werden. Die Personen bewerben sich zwar auch, aber die Berufung geschieht dann durch eine übergeordnete Stelle. Und für die christliche Gemeinschaft ist es eben nicht der Pastor oder die Kirchengemeinde, die entscheiden, ob jemand getauft und damit in die weltweite Gemeinschaft aufgenommen wird; die Berufung geschieht in diesem Fall von wirklich ganz, ganz oben!
Gott ist absolut frei, jeden Menschen zu berufen: völlig unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, von Geschlecht und Orientierung, von theologischer Bildung und Frömmigkeitsstil. So schafft sich Gott eine unendlich vielfältige Kirche, die in Jesus Christus gegründet ist. Christus ist das alles und allein entscheidende Kriterium.
Er – also Gott – beruft in diese Gemeinschaft, und zwar schon lange, bevor diese Menschen überhaupt den Gedanken gehabt haben und bevor sie sich diese Gemeinschaft durch irgendwelche Taten hätten verdienen können. So wie ein kleines Kind, das getauft wird, noch nicht fragt: Bin ich würdig genug, habe ich genug gebetet oder bin ich oft genug im Gottesdienst gewesen – so beruft Gott aus eigener Macht Menschen nicht aufgrund der bisherigen Taten, sondern aus seinem eigenen Entschluss und seiner unendlichen Gnade. So dürfen wir wissen: Bei Gott werden wir nicht nach unseren Leistungen bewertet, bei Gott haben wir jeweils unsere ganz eigene Würde, die über jeden messbaren Wert hinaus geht. Wir sind in Gottes Augen kostbar – nicht nur messbar mit einem Wert belegt und deshalb wertvoll; nein: Wir sind kostbar – und das heißt, nicht bezahlbar und nicht mit Gold aufzuwiegen.
Gott beruft, zu den Heiligen zu gehören! Das wiederum ist für uns etwas ganz Wertvolles und Kostbares. Auch wenn wir feststellen müssen, dass es für viele Menschen nicht mehr so erstrebenswert scheint, zu dieser Gemeinschaft dazuzugehören. Ich vermute, es liegt daran, dass diese Menschen kein Gespür mehr haben, was es bedeutet, zu den Heiligen Gottes zu gehören; dass die Zugehörigkeit zur Kirche eine Hülle geworden ist, die aber innen hohl ist. Wie wäre aber die Gemeinschaft der Heiligen, in die Gott uns beruft, zu füllen? Das schreibt der Apostel im ersten Satz unseres heutigen Predigttextes: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Ich finde es unendlich wichtig, dass in diesem Satz der Plural steht: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht.“ Es ist die Gemeinschaft der Getauften, der eine Verheißung gegeben wird, die durch Furcht und – wie es in der Basisbibel heißt – durch Verzagtheit trägt. Manchen wir uns doch nichts vor: Es gibt ja so vieles, was uns ängstlich und verzagt werden lassen kann: der Umgangston im politischen und gesellschaftlichen Leben; der Ausgang von Wahlen, wenn Strömungen an der Macht beteiligt werden, denen die Würde mancher Menschen völlig gleichgültig ist; die Gewalt in Kriegen rund um den Erdball; die wirtschaftlichen Sorgen, weil Menschen nicht genau wissen, wie sie sich und ihre Familie versorgen sollen; die Auswirkungen des Klimawandels mit Hitzetoten und mit zu wenig oder zu viel Regen. Die Liste lässt sich leider noch verlängern und ausdifferenzieren.
Und all diesen Verzagtheiten, all diesen Furchtsamkeiten setzt der Apostel seine Überzeugung entgegen, indem er an das erinnert, was unsere Taufe und damit unsere Gottesbeziehung als Gemeinschaft ausmacht: Der Gemeinde Gottes ist der Heilige Geist nicht nur verheißen, sondern schon gegeben. Wir haben den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit schon erhalten.
Den Geist der Kraft, um standhaft zu bleiben: Bei allen Anfeindungen, die wir erleben mögen, bei allen Anfechtungen, die uns durch Krankheit, Unfälle oder andere Schicksalsschläge treffen können.
Den Geist der Liebe, um erst einmal – so viel an uns liegt, wie Paulus im Römerbrief schreibt – mit allen Menschen in Frieden zu leben, liebevoll und behutsam umgehen zu können, so schwer es uns vielleicht auch fallen mag.
Den Geist der Besonnenheit, um nicht einfach den ersten Regungen unserer Emotionen – dem berühmten Bauchgefühl – nachzugeben, sondern innerlich einen Schritt zurückzutreten, um die Sache mit den Augen des Glaubens anzusehen und im Licht des Evangeliums zu bedenken.
Das ist uns als christlicher Kirche gegeben. Das ist es, was wir als unser Vertrauen, als unseren Glauben bekennen – einen Glauben, der sogar weiter reicht als der Tod, den Jesus Christus überwunden hat. Amen.