Kategorie: Predigt

  • Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Eine Abendgesellschaft; bevor es zum Essen geht, steht man zusammen und unterhält sich mit einem Glas Sekt in der Hand. Und es trifft sich, dass man neue Menschen kennenlernt. Es wird erzählt: Woher man kommt und was man so macht. Das ist die Situation, die in einer Karikatur von Thomas Plaßmann dargestellt wird. Der Protagonist steht da, als ob er in eine saure Zitrone gebissen hätte. Denn die Frage, die ihm gestellt wird, lässt ihn erschaudern: „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ Ein Wort hatte das andere ergeben und in der angeregten Unterhaltung hatte er sich wohl zu seinem Christsein bekannt. Und dann diese Frage: „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“

    „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ Karrikatur von Thomas Plaßmann
    © Thomas Plaßmann

    Fast hört es sich in dieser Situation an, als ob nach dem Beruf oder Hobby gefragt wird. Darin sind wir alle geübt: Über unseren Beruf zu erzählen, wie wichtig der ist und was ihn ausmacht. Ganz ähnlich ist es bei unseren Hobbys: Was jemand bei der freiwilligen Feuerwehr macht, lässt sich ebenso gut beschreiben, wie die Trainingseinheiten beim Handball und Fußball; was eine Briefmarkensammlerin tut und was eine Reiterin – alles lässt sich wunderbar erklären; wie bei so vielen anderen Hobbys auch. Und je spezieller ein Hobby ist, desto faszinierender mag es sein, sich von einer Fachfrau oder einem Fachmann das jeweilige Wissensfeld erklären zu lassen.

    „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ – Ja, was mache ich als Christ denn so? Erster Impuls: »Von wegen Hobby! Natürlich ist Christsein kein Hobby, das man in der Freizeit betreibt und wenn man mal keine Zeit hat, geht man halt nicht hin – wie beim Training oder der wöchentlichen Vereinsversammlung.« Zweiter Impuls: Richtigkeiten verbreiten, die jeder kennt! »Christsein ist etwas, das das ganze Leben umfasst, keine nur oberflächliche Einstellung. Ich glaube: an Gott, an Jesus Christus, wie ihn uns die Heilige Schrift verkündigt, an den Heiligen Geist. Ich gehe zur Kirche, zahle meine Kirchensteuer. Ich bete: nicht nur im Gottesdienst, sondern auch zwischendurch – vielleicht sogar ganz regelmäßig morgens und abends.«

    Um dann nach diesen ersten Impulsen zu entdecken: Die Frage danach, was man als Christ so macht, ist damit nicht wirklich beantwortet. Ja, um es neutral zu sagen: Christsein ist natürlich zuallererst eine Haltung. Aber was sind dann konkrete christliche Handlungen? Was ist christlicher Glaube außer dem „Du zu du mit Gott“?

    Perspektivwechsel: „Christ?! Ach, interessant? Und was machst du da so?“ Diesmal ist es Gott, der mich nach meinem Christsein fragt. Wie stehe ich dann da? Was will, was kann ich sagen? Bin ich vielleicht so mutig, wie der junge Mann, von dem wir in der Schriftlesung gehört haben: der von sich aus tiefster Überzeugung sagen kann, dass er alle Gebote gehalten hat – sogar von Jugend auf? Und der doch nicht in den Himmel kommt? Ich traue mich bestimmt nicht, mich so vollmundig ins beste Licht zu rücken. Gott weiß um meine Schwierigkeiten im Halten der Gebote, um meine Lücken und dunklen Flecke in meinem Leben. Da brauche ich ihm nichts vorzumachen. Und trotzdem bleibt die Frage offen: „Du bist Christ? Und was machst du da so?“ Wie stehe ich da vor Gott? Bin ich ihm recht?

    Wie oft haben sich Christinnen und Christen im Lauf der letzten 2000 Jahre diese Frage gestellt: „Wie stehe ich da vor Gott? Bin ich ihm recht?“ Und: „Bin ich für ihn gut genug, dass er mich auch annimmt?“ Ja! So haben Paulus und Martin Luther und viele andere das immer wieder betont: „Ja, du bist Gott recht, er nimmt dich an, so wie du bist: mit deinem Glauben-Wollen und deinem immer wieder Nicht-Glauben-Können. Das ist es, was dir in der Taufe zugesagt ist: Ja, du bist Gott recht!“

    Und trotzdem bleibt die Herausforderung, zu sagen, was Christsein in das alltägliche Handeln übersetzt bedeutet. Welchen Zusammenhang es gibt zwischen dem Glauben, also dem Vertrauensverhältnis zwischen mir und Gott auf der einen Seite und meinem Handeln im Alltag der Welt auf der anderen Seite? Aus der ganz frühen Zeit des Christentums gibt es dazu einen Abschnitt zu lesen, der uns heute als Predigttext aufgegeben ist. Im Brief, der dem Apostel Jakobus zugeschrieben wird, heißt es im 2. Kapitel in der „Neuen Genfer Übersetzung“:

    14 Was nützt es, meine Geschwister, wenn jemand behauptet: »Ich glaube«, aber er hat keine entsprechenden Taten vorzuweisen? Kann der Glaube als solcher ihn retten? 15 Angenommen, ein Bruder oder eine Schwester haben nicht genügend anzuziehen, und es fehlt ihnen an dem, was sie täglich zum Essen brauchen. 16 Wenn nun jemand von euch zu ihnen sagt: »Ich wünsche euch alles Gute! Hoffentlich bekommt ihr warme Kleider und könnt euch satt essen!«, aber ihr gebt ihnen nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt ihnen das?
    17 Genauso ist es mit dem Glauben: Wenn er keine Taten vorzuweisen hat, ist er tot; er ist tot, weil er ohne Auswirkungen bleibt.
    18 Vielleicht hält mir jemand entgegen: »Der eine hat eben den Glauben und der andere die Taten.« Wirklich? Wie willst du mir denn deinen Glauben beweisen, wenn die entsprechenden Taten fehlen? Ich dagegen kann dir meinen Glauben anhand von dem beweisen, was ich tue. 19 Du glaubst, dass es nur einen Gott gibt? Schön und gut! Aber auch die Dämonen glauben das – und zittern!
    20 Willst du denn nicht begreifen, du unverständiger Mensch, dass der Glaube ohne Taten nutzlos ist? 21 Wurde nicht unser Vater Abraham aufgrund seines Tuns für gerecht erklärt? Er wurde für gerecht erklärt, weil er seinen Sohn Isaak auf den Altar legte, um ihn Gott als Opfer darzubringen. 22 Daran siehst du, dass sein Glaube mit seinen Taten zusammenwirkte; erst durch seine Taten wurde sein Glaube vollkommen. 23 Und erst damit zeigte sich die volle Bedeutung dessen, was die Schrift sagt: »Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet«; ja, er wurde sogar »Freund Gottes« genannt.
    24 Ihr seht also, dass der Glaube allein nicht genügt; ein Mensch wird nur dann von Gott für gerecht erklärt, wenn sein Glaube auch Taten hervorbringt. 25 War es bei der Prostituierten Rahab nicht ebenso? Auch sie wurde aufgrund ihrer Taten für gerecht erklärt, denn sie nahm die israelitischen Boten gastfreundlich bei sich auf und half ihnen, auf einem geheimen Weg aus der Stadt zu fliehen. 26 Genauso nämlich, wie der Körper ohne den Geist ein toter Körper ist, ist auch der Glaube ohne Taten ein toter Glaube.

    Ihr Lieben!
    So weit der Abschnitt aus dem Jakobusbrief, dessen Schreiber so oft und so oft mutwillig missverstanden worden ist: Als ob die Taten, das Handeln im Alltag der Welt für Christinnen und Christen die Voraussetzung für den Glauben und damit für die Annahme bei Gott wären. Aber das ist nicht so! Glauben und christliches Handeln sind die berühmte zwei Seiten der einen Medaille. Es geht das eine nicht ohne das andere. Oder mit den Worten des Jakobus: Wo die Hinwendung zu den Menschen fehlt, ist der Glaube tot.

    Das hatte schon Jesus so formuliert, als er auf die Frage nach dem höchsten Gebot, dem der Sonntag heute gewidmet ist, geantwortet hat: »Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“. Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Es ist kein anderes Gebot größer als diese.« – Und der Apostel Paulus hat in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus über diejenigen, die von sich sagen, sie verkünden das Wort Gottes, gesagt: „An ihren Früchten werde ihr sie erkennen.“ Das ist unsere Aufgabe, denn wir alle sind durch unsere Taufe dazu berufen, das Evangelium zu verkünden – in Worten und Taten!

    Messen lassen müssen sich unsere Taten dann immer an dem, was im Sinn Jesu das Gute ist: an der Liebe zu Gott und zu den Menschen, die Gott uns zu unseren Nächsten macht. Unsere Taten sind aber nie die Voraussetzung dafür, dass Gott uns seine Liebe schenkt, sondern die Folge dieser Liebe. „Christ?! Ach, interessant? Und was macht man da so?“ – Lasst es uns herausfinden, lasst es uns leben und lasst unsere Taten dabei die Folge der Liebe sein, die Gott uns schenkt! Amen.

  • Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis über 1. Petrus 5,5b-11

    Der Predigttext 1. Petrus 5,5b-11 wurde zuvor als Schriftlesung gelesen.

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Es ist eines der eindrücklichsten Bilder, die in der Bibel vorkommen: der brüllende Löwe. Wer einmal einen Löwen live und in Farbe gesehen und seine Stimme gehört hat, wird das bestätigen können. Und wer die Nachrichten in der vergangenen Woche verfolgt hat, konnte da einen ganz besonderen Löwen brüllen hören: mit blonder Mähne in einer riesigen Halle und er brüllte fast vier Mal so lange, wie es ihm zugestanden hätte; Löwen kümmern die Regeln für andere Tiere anscheinend nicht. Doch davon später!

    Vorher würde ich gerne wissen, bei wem sich bei dem Wort Demut ein gewisses Unbehagen eingeschlichen hat. Dieses Wort hat in unserer Zeit einen schlechten Ruf. Denn es steht in der Gegenwart ganz oft für eine schlaffe Haltung ohne Rückgrat, ohne eigenen Willen und vor allem ohne alle Macht. Und so wollen wir uns natürlich nicht sehen: nicht 3 cm mit Hut.

    Ich hoffe, Ihr habt trotzdem nicht aufgehört, auf den weiteren Text zu hören. Denn der ist es wirklich wert! Und Demut im Sinn von Kadavergehorsam und sklavische Ergebenheit wird diesem Wort einfach nicht gerecht; es ist schlicht falsch, auch wenn leider auch in der Kirche diese Stelle und andere Stellen dazu missbraucht wurden, Menschen klein und unselbstständig zu halten. Aber: Warum sollte sonst in Demut das Wort „Mut“ stecken.

    Ich frage also noch einmal nach der „Demut“, besser nach ihrem Gegenteil: Was ist das Gegenteil von Demut? – Richtig, auch im Text wird ein Gegenteil genannt: Hochmut. Und Hochmut im Blick auf unser Verhältnis zu Gott bedeutet: „Ich meine, in meinem Leben alles aus eigener Kraft schaffen zu können.“ Vom Erwachsenwerden bis zur eigenen Kindererziehung, von der Schule bis zur führenden Stellung im Beruf, vom Gesundbleiben bis zum richtigen Älterwerden; und so weiter. Wer allerdings so durch das Leben geht, wird feststellen, dass der Hochmut, alles aus eigener Kraft und Macht schaffen zu können meistens vor dem tiefen Fall kommt. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“, schreibt der Apostel.

    Es gibt aber noch ein weiteres Gegenteil von „Demut“ – wenn ihr so wollt, genau in die andere Richtung. Und da sind wir bei der falsch verstandenen Bedeutung von Demut. Demütig sein ist das genaue Gegenteil von „unterwürfig sein“.

    Ich meine nicht, dass Menschen stolz zu sein hätten, damit wären wir schon wieder beim Hochmut. Ich meine aber, dass wir uns durchaus ein gewisses Selbstbewusstsein zu eigen machen dürfen. Der Schreiber des ersten Johannesbriefes schreibt uns, dass wir uns nicht nur Gottes Kinder nennen dürfen, sondern es tatsächlich auch sind! Wie wunderbar ist das denn! Gottes Kinder, nicht seine Sklaven, die er nach Belieben herumscheuchen kann; Gottes Kinder, ja sogar seine Erben, wie es Paulus schreibt. Das ist der Stand, in den wir durch unsere Taufe erhoben werden!

    Ja, der Apostel fordert uns auf, uns unter Gottes Hand zu demütigen. Wir sollen es tun, wie Kinder sich ihren Eltern anvertrauen, weil sie wissen: Meine Eltern sorgen für mich; bei ihnen bin ich in Sicherheit, ohne dass ich aufhöre, ein eigener Menschen mit meiner eigenen Würde zu sein! Und wie meine Eltern mich „groß machen“ – wie es hier in Ostwestfalen so schön heißt –, damit ich irgendwann selbstständig mein Leben gestalten kann, so wird auch Gott mich groß machen und erhöhen.

    Es wird in meinem Leben auch immer wieder andere geben, die von mir verlangen, dass ich mich ihnen unterstelle, die über mich Macht ausüben wollen und mich für ihre Zwecke benutzen wollen. Es geht da nicht einfach um eine Rangordnung im Gefüge eines Dienstverhältnisses. Im alltäglichen Leben muss geleitet werden und es müssen die Richtlinien der Leitung befolgt werden. Aber so etwas darf nie zu einem absoluten Abhängigkeitsverhältnis führen. Die Frage ist wie so oft: Wem gebe ich Macht und Herrschaft über mich – Gott oder denen, die mich nur benutzen wollen, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Meine Entscheidung ist da klar: Niemand soll absolute Macht über mich haben, als nur Gott!

    Demut Gott gegenüber heißt, mich ihm unterstellen und seine Macht über mich anerkennen und damit aufrecht und selbstbewusst allen anderen gegenüber dastehen, die irgendwelche Machtansprüche an mich stellen könnten. Und wie wichtig ist das, dass wir Kinder Gottes sind und so ein gesundes Selbstbewusstsein haben dürfen! Denn: „der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge!“

    So geht es in unserem Text weiter und wir sind damit wieder bei dem Löwen, der in der UN-Vollversammlung gebrüllt hat. Auch hier muss ich einmal ganz schnell eine sprachliche Sache klären: Im griechischen Text steht für das Wort Teufel „Diabolos“. Und wenn man dieses Wort Stück für Stück ins Deutsche übersetzt ist es der „Durcheinanderwerfer“. Der Teufel ist keine Fantasiefigur mit Hörnern und Schwefelgeruch, wie er in früheren Jahrhunderten so gerne vorgestellt wurde. Der Teufel ist der, der die lebenserhaltende Ordnung zerstört, in dem er alles durcheinanderbringt. Und wenn wir uns umsehen, werden wir feststellen: Ganz vieles von dem, was wir einmal als sicher und feststehend geglaubt haben, ist ins Wanken geraten; Menschen sind verunsichert, weil plötzlich einer die Friedensordnung Europas durcheinander bringt und ohne Grund ein Land angreift; weil plötzlich sich ein Regierungschef mit Verordnungen über geltendes Recht hinwegsetzt und die Menschenwürde von nicht weißen Menschen mit Füßen zu treten scheint.

    Der Teufel mag aber auch auf ganz andere Weise unser Leben aus dem Gleichgewicht bringen: Wenn Partnerschaften auseinanderbrechen; wenn Krankheiten den eigenen Lebensentwurf zum Einstürzen bringen wie einen Turm aus Bauklötzen, der nur eben angetippt wurde; wenn plötzliche Arbeitslosigkeit einem den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegzieht.

    Dem Diabolos, dem Durcheinanderwerfer, der alles ins Chaos stürzt, sollen wir widerstehen. Wie das geht? Auch dazu schriebt uns der Apostel etwas: Fest im Glauben sollen wir sein. Also: Stark sein sollen wir im Vertrauen auf Gott, widerstandsfähig gegen Anfeindungen, weil wir uns von Gottes Macht getragen und gehalten wissen. „Fest im Glauben“ heißt nicht, dass zeitlich bedingte Lehrsätze des Glaubens einbetoniert gültig sein müssen. Es heißt, dass unser Vertrauen in Gott und seine Fürsorge für uns ein Gegengewicht zu dem Chaos sein müssen, das der Diabolos angerichtet hat und weiter anrichtet.

    In unserer Taufe werden wir zu solchen Leuten berufen, die eben so sind: standhaft und gefestigt, dem Bösen gegenüber. Dieses Vertrauen, dieser feste Glauben ist aber nicht einfach so plötzlich da. Wir müssen dieses Vertrauen lernen. Nicht wie Vokabeln oder mathematische Formeln in der Schule. Wir brauchen Menschen, die uns das beibringen, indem sie uns das vorleben, indem sie uns Anteil an ihrem eigenen Vertrauen zu Gott geben. Eltern und Paten, die anderen Glieder der Gemeinde können solche Menschen sein.

    Und es heißt auch nicht, dass ein solches Leben, wie es uns der Apostel als so gut anpreist, von ganz allein und einfach so funktioniert. Der Diabolos ist eine reale Kraft, die uns immer wieder in Bedrängnis führen wird. Vielleicht wird sogar ein großer Teil unseres Lebens von diesem Widerstand gegen den Diabolos geprägt sein. Für viele wird es nur ein kleiner Trost sein, wenn sie wissen: Du bist mit deinem Kampf gegen das Chaos nicht allein, vielen von deinen Geschwistern im Glauben geht es ebenso. Aber alleine das Wissen, mit diesem Kampf nicht allein zu sein, wird helfen, den Blick zu weiten und mit der Frage nach dem „Warum ich?“ umgehen zu lernen. Der Apostel erinnert uns: „Du bist mit deinem Kampf nicht alleine; anderen geht es ebenso und diese Gemeinschaft trägt dich mit.“

    Und so groß, ja riesig dir deine Aufgabe in deinem Kampf auch scheinen mag, ist sie doch begrenzt. Der Apostel schreibt von einer kleinen Zeit, die diese Bedrängnis dauert. So groß das Leid auch für mich ist, es ist nicht unfassbar, es ist auch handhabbar. Der Grund dafür liegt in der Zusage, in dem Versprechen, das den Adressaten und damit auch uns vom Schreiber des Briefes gesagt ist: Gerade in der Situation der Bedrängnis wird Gott da sein und uns das geben, was wir brauchen: Er wird uns aufrichten, stärken, kräftigen und gründen!

    Das ist keine Vertröstung auf ein besseres „nach dieser kleinen Zeit“ des Leides, nach der dann wieder die Sonne scheint. Schon gar keine Vertröstung auf ein jenseitiges Leben. Das ist die Zusage in das Jetzt der Bedrängnis: Gott wird: Aufrichten – Gott holt uns aus der Verkrümmung und lässt uns so wieder frei durchatmen; Stärken und Kräftigen – von Gott kommt die Kraft, wenn unsere Kraft zu Ende ist, wiir werden nicht vergehen; Gründen – denn ohne ein Fundament können Menschen keinen sicheren Stand gewinnen. Mit Jesus Christus ist dieser tragfähige Grund gelegt und wir werden nicht versinken!

    Gott wird uns aufrichten, stärken, kräftigen gründen! Das ist die Zusage, auf die hin wir dem Durcheinanderwerfer entgegentreten können; die Zusage, auf die hin wir in der Taufe Menschen im Auftrag Gottes in seine ewige Herrlichkeit berufen, die schon hier und jetzt wirksam wird und im Hier und im Jetzt ihre Macht entfaltet. Darum sei ihm, diesem Gott, die Macht in alle Ewigkeit. Amen!

  • Gottesdienst am 24. August 2025 im Rahmen der Sommerkirche „7 Kirchen – 7 Lieder“

    Den folgenden Gottesdienst haben wir gestern in der Möllberger Kirche zum Lied „Packt nun eure Sache und zieht hinaus“ gefeiert (Nico Szameitat (Text) und Timo Böcking (Musik)). (Die Predigt ist unten nach dem Gottesdienstablauf zu finden; LzHuE = Das Liederbuch. Lieder zwischen Himmel und Erde; #lautstärke: Liederbuch zum 37. DEKT 2019 in Dortmund)

    Glockengeläut
    Orgelvorspiel
    Votum und Begrüßung
    Lied „Die güldne Sonne“
    (LzHuE 430; EG 449,1-4+12)
    Psalm 139 (in der Übertragung von Peter Spangenberg: Höre meine Stimme. Die Psalmen, Hamburg 2023)
    Gloria Patri
    Kyrie (EG 178.9)
    L Die Welt da draußen – wunderbar geschaffen ist sie von Dir, Gott: als Ort allen Lebens. Wir rufen dich an:
    G Kyrie eleison.Kyrie eleison.Kyrie eleison.
    P Die Welt da draußen – uns ist sie von dir gegeben, Gott: als unser Zuhause. Wir rufen dich an:
    G Kyrie eleison.Kyrie eleison.Kyrie eleison.
    L Die Welt da draußen – und die Welt in uns drinnen, Gott: Beide sind Ziel deiner Liebe. Wir rufen dich an:
    G Kyrie eleison.Kyrie eleison.Kyrie eleison.
    Gnadenzusage
    P Christus spricht: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. (Apostelgeschichte 1,8)
    Gloria in Excelsis „Gott in der Höh …“ (EG 180.2)
    Tagesgebet
    P Lasst uns zu Gott beten, der uns liebt und uns vertraut:
    Großer und doch so naher Gott,
    Du hast diese Welt erschaffen und uns berufen,
    dir in dieser Welt zu dienen
    und ihr deine Liebe zu bezeugen.
    Wir bitten dich:
    Christus, dein Wort,
    stärke uns für unseren Weg durch deine Welt,
    die heilige Geistkraft stärke uns für den Weg durch unsere Zeit.
    Dir sei Ehre – jetzt und Ewigkeit.
    G Amen.
    Chor „Vergiss es nie – Du bist du“
    Gerahmte Schriftlesung:
    ♫ Gottes Wort (EG 591) – Matthäus 28,16-20 – ♫ Halleluja
    L Die Schriftlesung steht im Evangelium nach Matthäus,
    im 28. Kapitel.
    G Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht
    L 16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg,
    wohin Jesus sie beschieden hatte.
    17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder;
    einige aber zweifelten.
    18 Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach:
    Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.
    19 Darum gehet hin und lehret alle Völker:
    Taufet sie auf den Namen
    des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
    20 und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.
    Und siehe,
    ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
    Halleluja. Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern,
    ich will dich in der Gemeinde rühmen. Halleluja.
    Lied „Keinen Tag soll es geben“ (LzHuE 85)
    Predigt über „Packt nun eure Sachen“
    (#lautstärke 117)
    Taufliturgie
    Lied „Geh aus mein Herz“ (EG 503,1+8+14-15)
    Abkündigungen
    Fürbitten
    P Du, Gott, hast uns auf den Weg Jesu gerufen, uns manchmal so zögerliche Menschen. Hilf uns, dass wir dir treu sind und so zu Zeichen der Hoffnung in dieser oft umdunkelten Welt werden. Wir rufen dich an:
    G Herr, erbarme dich.
    L Dein Wort, Gott, hast du uns gewöhnlichen Menschen anvertraut. Dein Werk hast du in unsere Hände gegeben. Hole uns heraus aus allem, was uns gefangen hält oder an der Nachfolge hindern will. Wir rufen dich an:
    G Herr, erbarme dich.
    P Zerstreue unsere Bedenken. Überwinde unsere Bitterkeit. Führe uns über unsere eigenen Vorbehalte hinaus. Bring unser Gerede zum Schweigen und gib uns Worte, die helfen und trösten. Wir rufen dich an:
    G Herr, erbarme dich.
    L Bewahre Trostlose und Suchende vor Härte und Missachtung. Lass die Kleinen und Stummen nicht endlos leiden unter dem Einfluss der Großen und Lauten. Hilf uns, sorgsam zu werden im Umgang mit der Macht; bringe uns zum Frieden. Wir rufen dich an:
    G Herr, erbarme dich.
    P Gib uns deine Kraft und Zuversicht, damit wir in Zeiten von Unsicherheit und Sorge unser Vertrauen bewahren und zuversichtlich deinen Weg mit uns gehen und das tun, was die Not der Menschen wendet. Wir rufen dich an:
    G Herr, erbarme dich.
    L Gib uns deinen Geist. Geleite N.N., den wir heute getauft haben, seine Familie und alle, die ihn begleiten. Geleite N.N. in dein ewiges Reich, tröste alle, die voller Dankbarkeit für sein Leben Abschied nehmen müssen. Wir rufen dich an:
    G Herr, erbarme dich.
    P Du willst nicht, dass auch nur irgendwer verloren gehe. Du liebst das Leben. So sende uns als deine Botinnen und Boten, Gott, hinaus in die Welt draußen: heute, morgen und immer wieder neu.
    (nach einer Vorlage von M. Meyer, Nachdenkliche Gebete, Göttingen 1988, S. 55)
    Vater unser
    Chor „Möge die Straße“
    Segen
    Schlusslied „Packt nun eure Sachen“

    Predigt zu „Packt nun eure Sachen“

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ – ist das die Welt da draußen, die in unserem Lied gemeint ist? Es wäre zumindest ganz weit draußen!

    „Die Welt da draußen“ ist für andere vielleicht etwas, das große Angst macht und in einem großen Gegensatz zu einer sicheren und heilen Welt in einem wie auch immer gearteten „drinnen“ steht. Für wieder ist „die Welt da draußen“ vielleicht ganz naheliegend ihre Umwelt, die sich direkt vor ihrer eigenen Haustür ausbreitet.

    Nico Szameitat hat in seinem Lied „Packt nun eure Sachen und zieht hinaus“ eine Welt vor Augen hat, die von der christlichen Botschaft geprägt ist. Entstanden sind der Text und die Musik 2018 während der Vorbereitungen für den Dortmunder Kirchentag. Und es ist einer der seltenen Fälle, dass die Musik von Timo Böcking zuerst da war. Und zu diesem Lied ohne Text sind Nico Szameitat bei der Liederwerkstatt zum Kirchentag die vorliegenden Worte eingefallen. Nico ist Pfarrer in Oldenburg, nebenbei Kirchenmusiker und „Wortschöpfer“. Sein taizé-artiges „Soviel du brauchst“ ist in manchem Gottesdienst bei mir schon vorgekommen, ein paar andere Stücke von ihm auch.

    Also: „Packt nun eure Sachen und zieht hinaus“ – aus einer ersten Assoziation heraus habe ich das Lied bei Vorstellungsgottesdiensten und bei Konfirmationen verwendet – als Gemeindelied oder als solistisches Schlusslied. Denn es nimmt mit den ersten Worten die komische Vorstellung auf, dass Konfirmandinnen und Konfirmanden mit der Konfirmation „aus der Kirche heraus konfirmiert werden“. Packt nun eure Sachen – und dann wirklich auf Nimmerwiedersehen? Nein, das nun gerade nicht! Mit der Konfirmation wird niemand aus der Kirche hinauskonfirmiert, wie es der alte Witz mit den Fledermäusen im Turm nahelegt, die der Pastor konfirmiert und so sein Problem löst.

    Die Konfirmation ist die Bestätigung dessen, was der ganzen christlichen Kirche als Zuspruch und Aufgabe gegeben ist: Was Jesus seinen Jüngern aufgetragen und zugesagt hat; das, was wir eben in der Schriftlesung mit dem Tauf- und Missionsbefehl schon gehört haben. Auch das Lied trägt mit modernen Worten diesen Auftrag in sich.

    Singen wir zunächst den Refrain; damit wir gut hineinkommen, wird er zuerst einmal vorgesungen, danach singen wir ihn drei Mal:
    Packt nun eure Sachen und zieht hinaus! Denn die Welt da draußen ist euer Haus. Geht zu allen Menschen und sagt laut, dass Gott uns liebt und uns vertraut.

    Nachdem Jesus im Missionsbefehl also die Jünger aufgefordert hatte, hinaus in die Welt zu gehen, besteht der inhaltliche Auftrag an die Jünger Jesu aus zwei Teilen. Der erste lautet: „Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Das tun wir immer wieder und auch heute! Der zweite inhaltliche Auftrag lautet: „Und lehret sie halten, lehret sie bewahren alles, was ich euch befohlen habe“. Was diese Lehre ausmacht, umschreibt Nico Szameitat im Refrain mit dem, was das Leben Jesu, seine Verkündigung und die Botschaft in ihrem Innersten ausmacht: Es ist das Evangelium, die frohe Botschaft, dass Gott uns liebt und uns vertraut.

    Immer wieder seit diesem letzten Moment im Matthäusevangelium haben Menschen, die sich auf die Verse bezogen haben und ihnen gefolgt sind, erkunden müssen, was denn diese „Welt da draußen“ wohl ist. Zum ersten Mal waren es die Jünger, als sie an Pfingsten das verschlossene Haus verlassen haben, um mit der Kraft des Heiligen Geistes in den Sprachen der Zuhörenden die Liebe Gottes zu den Menschen zu verkündigen – hinein in die neue Welt derer, die nicht mit Jesus unterwegs gewesen waren.

    Auch später haben sich den Jesus-Leuten immer wieder neue Welten aufgetan, in die hinaus sie sich geschickt sahen: als der noch junge Jesusglaube die Grenzen der kultischen Reinheit des Judentums übersprang und Menschen aus den Heidenvölkern von Petrus und Paulus in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen wurden; als wieder später die lokalen Grenzen von Jerusalem und Judäa und Kleinasien überschritten wurden und das Christentum den Sprung von Asien nach Europa tat; als im Rahmen das Glaubens die Grenzen der damaligen gesellschaftlichen Ordnung aufgegeben wurden und Männer und Frauen, Sklaven und Freie, Juden und Griechen in der Gemeinschaft der Kirche zusammenfanden; als das Gleichnis vom großen Gastmahl Wirklichkeit wurde: Auch die an den Hecken und Zäunen waren willkommen und werden es immer sein. So ist die ganze Welt unser Haus, unser Zuhause – Christinnen und Christen sind Kosmopoliten. Sie brauchen keine Wagenburg, sie igeln sich nicht ein.

    Geht und verkündet – geht hinaus und sagt laut: Was das heißt, wozu wir im Missionsbefehl und folgerichtig auch im Refrain unseres Liedes aufgefordert werden, entfaltet sich in den drei Strophen.
    In der ersten Strophe klingt der Weg Jesu an, der mit seinen Freunden durch die Felder unterwegs war – und sich bei Ährenraufen am Sabbat Ärger eingehandelt hat. Schon da hat Jesus Grenzen übersprungen und einer buchstäblichen Auslegung des Sabbat-Gebotes widersprochen: „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat!“ Und wo die Liebe Gottes zu den Menschen verkündet wird, breitet sich ein Strahlen und Leuchten aus, das die Welt heller macht und glänzen lässt – nicht so wie auf heutigen Campingplätzen, auf denen es vor lauter Minifotovoltaik-Lichtern kaum noch dunkel wird, sondern so, dass die Nächte im übertragenen Sinn hell werden und das Leben der Menschen einen milden Glanz bekommt. Wie es für Jesus unverzichtbar war, sollen auch wir die Menschen am Rand der Gesellschaft nicht vernachlässigen, sondern sie in unsere Herzen und in unsere Mitte holen; wir sollen trösten, indem wir Menschen beistehen, die weinen; wir sollen einander ermutigen und nichts kann das besser als ein Lachen.

    Wir singen den Refrain und die erste Strophe:
    Packt nun eure Sachen und zieht hinaus! Denn die Welt da draußen ist euer Haus. Geht zu allen Menschen und sagt laut, dass Gott uns liebt und uns vertraut.
    Lauft durch Felder und springt über Grenzen, erhellt Nächte, lasst die Welt glänzen. Leiht Ohren und Herzen den Schwachen, trocknet Tränen, schenkt euch ein Lachen. Das Wort stärke euch für den Weg. Der Geist stärke euch in der Zeit.

    Gottes Liebe fördert das Leben: Er macht Mut, Dinge anzugehen, Neues zu entdecken und aus dem auf- und auszubrechen, was Menschen gefangen nimmt. Und Christinnen und Christen sollen diese positive und geradezu luftige Leichtigkeit mit ihren Worten unter die Menschen bringen. Nicht eine bestimmte koffeinhaltige Limonade verleiht Flügel, sondern die Worte von Gottes befreiender Botschaft.

    Das Lied blendet die Schwierigkeiten im Miteinander aber nicht aus: Böse, widergöttlichen Kräfte sind Realität und sie sollen nicht gewinnen. Eine Haudrauf-und-Schluss-Mentalität ist aber nicht im Sinn Gottes. Es ist vielleicht die größte Herausforderung im christlichen Leben, dass wir das Böse nicht mit Bösem, also mit Gewalt, bekämpfen sollen, sondern mit der Sanftmut derer, denen Jesus in den Seligpreisungen den Besitz des Erdreiches verheißen hat.
    So entsteht neues Leben: Wenn Menschen in den Namen Jesu hinein getauft werden – natürlich mit Wasser, das geschöpft über dem Täufling ausgegossen wird. Denn, so schreibt der Apostel Paulus, ist jemand getauft, ist der Mensch wie neugeboren: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Der Neuschöpfung in der Taufe entspricht die Stärkung im gemeinsamen Essen: Brot – das Lebensmittel schlechthin – steht ebenso wie der nicht erwähnte Wein für die Gemeinschaft mit Christus, die uns auf unserem Weg vergewissert und stärkt.

    Wir singen den Refrain und die zweite Strophe:
    Packt nun eure Sachen und zieht hinaus! Denn die Welt da draußen ist euer Haus. Geht zu allen Menschen und sagt laut, dass Gott uns liebt und uns vertraut.
    Habt ihr Zweifel, verzweifelt dann nicht, seid ihr ängstlich, fürchtet euch nicht. Gott vertraut euch: Es wird euch gelingen. Gottes Segen soll durch euch klingen. Das Wort stärke euch für den Weg. Der Geist stärke euch in der Zeit.

    ‚Glauben wollen‘ ist das eine, ‚glauben können‘ ist das andere. Denn immer wieder machen Christinnen und Christen die Erfahrung, dass eine einmal vorhandene Sicherheit nicht durchträgt und Zweifel aufkommen. Auch diese Seite des Christseins blendet das Lied nicht aus: Es macht einen nicht zu einem schlechteren Christen oder gar zu einem Nichtchristen, wenn die einmal erfahrene Glaubenssicherheit abhanden kommt. Zweifel gehören zum Glauben immer mit dazu, das ist aber kein Grund zum Verzweifeln. Und auch wenn es bedrohliche Situationen im Leben gibt: Den Ernst der Lage wahrzunehmen und zu respektieren, ist ganz wichtig; aber auch dann braucht uns dieses Gefühl nicht gefangen zu nehmen, sodass wir vor Furcht erstarren.

    Gott traut uns zu, dass wir auch durch solche Schwierigkeiten hindurch kommen, dass das Leben gelingen wird! Ja, dass sogar genau in diesen Situationen, in aller unserer Schwachheit etwas von Gottes Stärke durch uns hindurchklingen und hindurchscheinen wird. Denn die Macht Jesu ist gerade dann stark und mächtig, wenn Menschen schwach sind. Was für ein Vertrauen, das er in uns setzt – in uns Menschen mit allen unseren Unzulänglichkeiten, die uns ja auszeichnen.

    Die Strophen sind voll von Aufforderungen, manche mögen sich gar von einer Fülle von Befehlen überrannt sehen. Aber ist das wirklich so? Will Jesus uns überfordern? Will unser Lied uns in ein Hamsterrad mit christlichem Aktivismus einsperren, bei dem es immer auf geistlichen Burnout hinauslaufen wird? Das ist bestimmt nicht so. Im Taufbefehl steht an der letzten Stelle keine Aufforderung, sondern da die wunderbar große Zusage Jesu „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Die Überschrift in den Bibelausgaben lasst das leider unter den Tisch fallen. Am Ende steht die Befähigung zu den Aufgaben durch Jesus Christus selbst.

    Und genau so ist das auch in unserem Lied, auch da steht am Ende jeder Strophe Segen: Das Wort, also Jesus selbst stärkt uns für den Weg, sein Heiliger Geist wirkt in uns und gibt uns in unserer Zeit die Kraft. Wir müssen das, was unseren Auftrag ausmacht, nicht aus eigener Kraft schaffen, wir könnten das auch gar nicht. Aber die Kraft dazu wird uns gegeben wird: in der Taufe der Heilige Geist, mit dem Wort Jesu immer neue Kraft. Und dann geht es daran, unsere Sachen zu packen, rauszugehen und den Menschen von Gottes Liebe zu erzählen: manchmal durch Worte, manchmal durch konkrete Taten, manchmal einfach nur durch die Art, wie wir leben, weil dann Gottes Liebe durch uns hindurch scheint. Lasst es klingen und leuchten!

    Wir singen den Refrain, die 3. Strophe und den Schlussrefrain:
    Packt nun eure Sachen und zieht hinaus! Denn die Welt da draußen ist euer Haus. Geht zu allen Menschen und sagt laut, dass Gott uns liebt und uns vertraut.
    Findet Worte, die Menschen beflügeln, helft mit Sanftmut, Böses zu zügeln. Schöpft das Wasser und schenkt neues Leben, esst gemeinsam, was euch gegeben. Das Wort stärke euch für den Weg. Der Geist stärke euch in der Zeit.

  • Gottesdienst im Rahmen der Sommerkirche „7 Kirchen – 7 Lieder“

    Den folgenden Gottesdienst haben wir heute in der Lohfelder Kirche zum Lied „My Lighthouse“ von ‚Rend Collective‘ gefeiert. (Die Predigt ist unten nach dem Gottesdienstablauf zu finden.)

    Glockengeläut und Musik zum Eingang
    Votum und Begrüßung
    Lied „Du höchstes Licht, du ewger Schein“
    (EG 441,1-5 mit Mel. EG 440)
    Psalm 27 (in der Übertragung von Reiner Knieling (in: Kraftworte, Wetzlar (Adeo-Verlag), 3. Aufl. 2024, S. 53-54))
    Chor „Lasst uns loben unser Gott und Vater“
    Kyrie (EG 178.9)
    L: In meinem Ringen, in meinen Zweifeln, bei meinen Fehlern wirst du, Gott, dich nicht abwenden. Dich rufen wir an:
    G: Kyrie eleison. Kyrie eleison. Kyrie eleison.
    L: In der Stille wirst du nicht loslassen; in meinen Fragen wird deine Wahrheit mich tragen, Gott. Dich rufen wir an:
    G: Kyrie eleison. Kyrie eleison. Kyrie eleison.
    L: Ich werde nicht fürchten, was morgen sein wird; an jedem Morgen werde ich aufstehen und singen. Dich, Gott, rufen wir an:
    G: Kyrie eleison. Kyrie eleison. Kyrie eleison.
    Gnadenzusage
    P: Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. Johannes 8,12
    Gloria in Excelsis „Gott in der Höh“ (EG 180.2)
    Tagesgebet
    P: Lasst uns beten zu Jesus Christus, der uns mit seinem Licht den Weg des Lebens zeigt:
    Jesus Christus,
    dein Licht gibt einen hellen Schein in die oft so dunkle Welt.
    dein Licht gibt uns für unser Leben Richtung und Ziel.
    Wir bitten dich:
    Sei du unser Leuchtturm
    dass wir Halt und Trost und Orientierung finden,
    dass wir dem Leben gerecht werden als Kinder des Lichtes
    durch die Kraft deines Heiligen Geist.
    G: Amen.
    Chor „Zeichen“ (aus: Hoffnungsland“)
    Schriftlesung (Matthäus 5,13-18) und Halleluja (Psalm 115,1) mit „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“ (EG 591)
    L: Die Schriftlesung steht im Evangelium nach Matthäus,
    im 5. Kapitel.
    G: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht …
    L: Jesus Christus spricht im Rahmen der Bergpredigt:
    13 Ihr seid das Salz der Erde.
    Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen?
    Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet
    und lässt es von den Leuten zertreten.
    14 Ihr seid das Licht der Welt.
    Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
    15 Man zündet auch nicht ein Licht an
    und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter;
    so leuchtet es allen, die im Hause sind.
    16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten,
    damit sie eure guten Werke sehen
    und euren Vater im Himmel preisen.
    Halleluja. Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre
    um deiner Gnade und Treue willen! Halleluja.
    G: Halleluja. Halleluja. Halleluja. Halleluja.
    Lied „Strahlen brechen viele“ (EG 268)
    Predigt über „My Lighthouse“ (siehe unten)
    Lied „My Lighthouse“
    (FJbest of 185)
    Glaubensbekenntnis
    Lied „Sonne der Gerechtigkeit“
    (EG 262,1-5)
    Abkündigungen
    Fürbitten
    P: Vor dir, Gott, kann die Finsternis nicht bestehen. Du überwindest das Dunkel, aus dem Angst und Hartherzigkeit und zögerliche Schritte kommen. Erhelle unsere umdunkelte Welt mit deiner Botschaft und mache auch uns zu einem Licht für die Menschen. Lass dein Licht leuchten, wir rufen:
    G: Herr, erbarme dich.
    L: Hilf uns, sorgsam zu denken, vertrauensvoll zu reden und in Liebe handeln: in deinem Geist, dass sich Wärme in unserem Miteinander ausbreite und das Leben wachsen kann. Lass dein Licht leuchten, wir rufen:
    G: Herr, erbarme dich.
    P: Hilf uns dienen, ohne aufdringlich zu werden. Hilf uns heilen und zurechtbringen, ohne zu demütigen. Hilf uns, Freude zu machen, ohne das Leid zu übersehen oder zu verdrängen. Lass dein Licht leuchten, wir rufen:
    G: Herr, erbarme dich.
    L: Gib Einsicht und Weitblick allen Regierenden. Hilf den Opfern dieser Welt zu Gerechtigkeit und vergib den Schuldigen. Schaffe Versöhnung und hilf zum Frieden. Lass dein Licht leuchten, wir rufen:
    G: Herr, erbarme dich.
    P: Stärke die Schwachgewordenen und Mutlosen. Wecke Zuversicht bei den Verzagten und bringe denen Hoffnung, die an ein Ende kamen. Lass dein Licht leuchten, wir rufen:
    G: Herr, erbarme dich.
    L: Wir beten voller Dankbarkeit für N.N. und N.N., die Du zu Dir gerufen hast. Lass ihnen dein ewiges Licht leuchten und gib allen, die um sie trauern Kraft und Zuversicht, Deinen Trost und Dein Licht des Lebens. Lass dein Licht leuchten, wir rufen:
    G: Herr, erbarme dich.
    P: Dein Friede, Gott, durchdringe uns. Dein Licht erleuchte unser Leben. Deine Botschaft schreibe in unser Herz. Und wenn du willst, dann sende auch uns zu den Menschen unserer Tage in der Kraft des Geistes deines Sohnes Jesus Christus, unseres Bruders und Herrn. Mit seinen Worten sprechen wir: (nach einer Vorlage von M. Meyer, Nachdenkliche Gebete, Göttingen 1988, S. 101)
    Vater unser
    Chor „Der Vater im Himmel segne dich“
    Segen
    Musik zum Ausgang

    Predigt zu „My Lighthouse“

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!

    Leuchttürme – sie sind markant und auffällig, sie sind mal weiß wie der in Hirtshals und mal rot, mal rot-weiß gestreift wie der in Falshöft oder wie der in Westerheversand oder schwarz-weiß gestreift wie der in Kampen auf Sylt, selten rot-gelb gestreift wie der in Pilsum in Ostfriesland oder grüß-weiß wie der in Friedrichsort bei Kiel; viele stehen an Land; mache stehen aber auch mitten im Wasser wie der Leuchtturm Kalkgrund an der Einfahrt zur Flensburger Förde, den Ihr auf der Vorderseite des Programms sehen könnt.

    Sie sind aber vor allem eines: Leuchttürme sind Sehnsuchtsorte! Warum sonst haben sie fast über Jahrhunderte hinweg Maler und Fotografinnen inspiriert; warum sonst gibt unzählige Zusammenstellungen auf Postern, Kalendern und digitalen Diashows. Leuchttürme sind Wahrzeichen für Urlaubserinnerungen an Ost- oder Nordsee oder für Hochzeiten, denn es gibt in ihnen unzählige Standesämter.

    Erstaunlich ist, dass auf allen diesen Bildern von Leuchttürmen schönes Wetter ist: zu 99 Prozent scheint die Sonne, höchstens ein paar Schäfchenwolken ziehen am sonst blauen Himmel vorüber. Sehnsüchte der ganz anderen Art können wir wahrnehmen, wenn wir bedenken, für welche Situationen Leuchttürme eigentlich gedacht sind: Sie werden gebraucht, wenn es dunkel oder stürmisch oder beides gleichzeitig ist. Heute – in der Zeit von GPS, Radar und Echolot – ist das im ersten Moment vielleicht nicht mehr so einleuchtend; aber bis vor nicht allzu langer Zeit war an ein Navigieren – also das Steuern eines Schiffes bei Nacht oder Sturm um Untiefen herum vor allem in Küstennähe – ohne Leuchttürme und Leuchtbojen nicht zu denken. Die Menschen draußen auf dem Meer mussten und müssen wissen, wo sie sind und wohin sie sich bewegen. Sonst sind sie verloren, wenn das Schiff auf Grund läuft und von den Wellen zerschlagen wird. Leuchttürme sind wichtig, weil es um Leben und Tod geht.

    Um die Gefahr, das Leben zu verlieren, und damit um die Sehnsucht nach Leben geht es auch in unserem Lied „My Lighthouse“, das 2013 veröffentlicht worden ist und das eine Gruppe geschrieben hat, die aus der Jugendarbeit einer nordirischen Kirchengemeinde hervorgegangen ist. Die Gruppe heißt „Rend Collective“, kommt aus Bangor, einer Stadt rund 20 Kilometer östlich der Hauptstadt Belfast am Südufer der Bucht von Belfast, also direkt an der Küste der Irischen See.

    Für die Gruppe war wohl klar: Jesus Christus ist das Licht der Welt, er gibt Orientierung, damit das Leben in einer Welt gelingt, die oft genug im Dunkeln und im Chaos zu versinken droht. Und was läge näher, als diesen Jesus Christus, dieses ‚Licht der Welt‘ mit einem Leuchtturm zu vergleichen, der im Chaos des Sturmes oder der Finsternis der Nacht Orientierung bietet und die um ihr Leben fürchtende Schiffsbesatzung sicher ans Land, an das rettende Ufer bringt?!

    Wir singen auf Deutsch den Refrain:
    Mein Leuchtturm, mein Leuchtturm. Du strahlst durch das Dunkel, und ich folge dir. Mein Leuchtturm, mein Leuchtturm.
    Ich glaub dem Versprechen: Du bringst mich ans Land, bis ans Land, bis ans Land, bis ans Land, bis ans Land.

    Da steht er also nun – unser Leuchtturm. In unserem Lied geht es vor allem um die persönliche Situation der Singenden, in besonderer Weise um das immer wieder gefährdete Verhältnis der Singenden zu Gott: Da ist in der ersten Strophe vom Wrestling, also dem Ringen, und den Zweifeln und den Fehlern die Rede, die ich mache; und von der überraschenden Erfahrung, dass Gott meinen Fehlern nicht ausweicht und nicht vor ihnen davon läuft.

    Es ist eine Grunderfahrung des geistlichen Lebens, dass wir den Glauben nie wirklich sicher haben können, so sehr wir das denken und wünschen mögen. Es ist vielleicht der entscheidende Grund, warum ich eine eigene Übersetzung gemacht habe. In der veröffentlichten Übersetzung beginnt der deutsche Text: „Wenn ich zweifle“, das hört sich immer so wie die Ausnahme an: „Eigentlich bin ich stark im Glauben, nur ganz manchmal, da gibt es auch mal Ringen und Zweifel …“ Aber das stimmt nicht, wenn wir ehrlich sind. Wir leben immer auf dem Kipppunkt von ‚glauben wollen‘ und ‚nicht glauben können‘. Wie oft gelingt Glauben, aber wie oft gelingt Glauben auch nicht!

    Und Gott weicht dem nicht aus; Gott lässt uns nicht links liegen, er bleibt nicht nur an uns dran, sondern es ist vielmehr seine so übergroße Liebe, die uns durch diesen ganzen Schlamassel hindurch trägt. Nicht wir bleiben an Gott dran, er bleibt an uns dran und lässt uns – mitten in der rauhen See mit ihren bedrohlichen Wellen Ruhe und inneren Frieden finden. Wir singen wieder auf Deutsch die 1. Strophe und schließen den Refrain mit an:

    In den Zweifeln, in meinem Kampf, meinen Fehlern weichst du nicht aus. Deine Liebe trägt mich durch. Du bist die Ruh meiner rauen See, du bist die Ruh meiner rauen See.
    Mein Leuchtturm, mein Leuchtturm. Du strahlst durch das Dunkel, und ich folge dir. Mein Leuchtturm, mein Leuchtturm.

    Ich glaub dem Versprechen: Du bringst mich ans Land, bis ans Land, bis ans Land, bis ans Land, bis ans Land.

    Neben dem Ringen und Zweifeln gibt es auch noch eine andere Erfahrung: die Stille, also das Schweigen, wenn wir von Gott keine Rückmeldung bekommen. Für viele von uns ist es ja schon fast unerträglich, wenn auf die letzte Whatsapp-Nachricht, die letzte Mail nicht sofort Antwort kommt, wenn der versprochene Rückruf ausbleibt. Und wenn wir von Gott keine Rückmeldung bekommen? Oft ist es aber auch anders herum: Dass wir auf Gottes Anfragen nicht antworten! Unser Lied ist sich sicher: Auch dann – in beiden Fällen ist die Verbindung von Gottes Seite nicht gekappt; er lässt nicht los.

    Wir brauchen auch keine Angst zu haben, dass unsere Fragen, Gott etwas anhaben oder ihn gar beleidigen könnten. Gottes Wort, seine Wahrheit wie es im englischen Text heißt, ist groß genug, um unsere Fragen zuzulassen, um uns Antworten zu geben, die nicht fundamentalistisch in Stein gemeißelt sind, sondern uns in die Freiheit der Kinder Gottes führen. Die modernen Leuchttürme sind dafür ein gutes Bild: Wenn wir uns mit unseren Fragen nach Gott dem Leuchtturm nähern, zeigt der sich jeweils, wie es die Situation erfordert. Und das heißt: Komme ich aus dieser Richtung, zeigt sich der Leuchtturm mit seinem weißen Licht; komme ich aus einer anderen Richtung mit seinem grünen Licht und, wenn ich aus noch einer anderen Richtung komme, mit seinem roten Licht. Es ist der eine Leuchtturm, aber er zeigt sich mir, wie ich es gerade brauche, wie es gut für mich ist. Wir singen wieder auf Deutsch die 2. Strophe und schließen den Refrain mit an:

    In der Stille lässt du nicht los, meine Fragen hält dein Wort aus. Deine Liebe trägt mich durch. Du bist die Ruh meiner rauen See, du bist die Ruh meiner rauen See.
    Mein Leuchtturm, mein Leuchtturm. Du strahlst durch das Dunkel, und ich folge dir. Mein Leuchtturm, mein Leuchtturm. Ich glaub dem Versprechen: Du bringst mich ans Land, bis ans Land, bis ans Land, bis ans Land, bis ans Land.

    Wie so oft stehen im Verhältnis zu Gott Zweifel und Ringen ganz unvermittelt neben der glaubenden Gewissheit, die sich anderen mitteilen möchte. In unserem Lied wechselt in der dritten Strophe die Blick- und die Sprechrichtung: Aus dem Zwiegespräch mit Gott wird ein Bekenntnis, das anderen davon erzählt, was in den ersten beiden Strophen an Glaubensgewissheit gewachsen ist: Weil Gott trotz alles Ringens und trotz aller Zweifeln, trotz aller Stille und Fragen sich als der gegenwärtige Helfer erweist, braucht es keine Angst vor der Zukunft. Nach dem Sturm und der Finsternis der Nacht stehe ich auf und singe: Die Liebe meines Gottes trägt durch Sturm und Nacht.

    Wer schon einmal eine Nacht in Küstennähe oder auf dem Meer verbracht hat, weiß, wie faszinierend es ist, die unterschiedlichen Lichter am Horizont zu verfolgen. Wichtig ist für das Navigieren, dass man das richtige Licht, also den richtigen Leuchtturm findet. Dafür hat jeder Leuchtturm eine Kennung, wie das Licht leuchtet: Kalkgrund wechselt gleichmäßig zwischen an und aus; in der Karte steht dafür „ISO“; Kaegnaes rechts daneben hat alle 5 Sekunden ein Blinklicht, in der Karte steht dafür „Oc 5s; bei beiden gibt es weiße, rote und grüne Sektoren.

    Im Glauben gilt es auch den einen richtigen Leuchtturm, also Jesus Christus zu finden. In unserem Lied hat der Leuchtturm Jesus Christus eine ganz einfache Kennung: Er ist das hellste Feuer, das hellste Licht am Horizont. Da ist dann kein Irrtum möglich, auch wenn Strandräuber immer wieder versuchen, mit Irrlichtern gutgläubige Schiffe zu irritieren und vom Kurs abzubringen. Wir singen wieder auf Deutsch die 3. Strophe und die anschließende Bridge:

    Ich fürcht‘ nicht, was die Zukunft bringt, jeden Morgen steh ich und sing: Gottes Liebe trägt mich durch. Du bist die Ruh meiner rauen See, du bist die Ruh meiner rauen See. Mein Leuchtturm, mein Leuchtturm. …
    Licht von vorne, du – das hellste, ja, du führst uns durch den Sturm.
    Licht von vorne, du – das hellste, und du führst uns durch den Sturm.

    Der Leuchtturm führt uns also durch die Nacht und den Sturm und die Schiffe folgen dem Leuchtturm. Sie fahren aber nicht einfach nur auf ihn zu. In seinem Licht unterwegs sein heißt: immer mit ihm als Orientierungshilfe fahren, aber eben auch in ganz andere Richtungen.

    Jesus Christus, unser christlicher Leuchtturm, sagt zu und von seiner Jüngern: „Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt!“ Wir als Christinnen und Christen haben also eine Aufgabe: Je an unserem Ort selber – mit der Hilfe von Jesus Christus – ein Leuchter zu sein, durch den es im Haus und im Leben hell wird; ja, wir sollen nach dem Willen Jesu und in seinem Auftrag ein kleiner Leuchtturm sein.

    Deshalb habe ich als Evangelium keine Sturmstillungsgeschichte ausgesucht, wie mache es vielleicht erwartet haben. Wir sind durch unsere Taufe berufen, Licht der Welt zu sein; wir sind berufen, jeden Morgen aufzustehen und wie in der 3. Strophe von unserem Vertrauen und unserer Treue zu dem einen, großen Leuchtturm zu singen: Jesus Christus, das eine, das große Licht der Welt, der jeden Tag dafür sorgt, dass wir trotz unseres Ringens und Zweifelns, trotz der Leere und der Fragen in uns den richtigen Weg an allen Untiefen des Lebens vorbei finden! Amen.
    Wir singen das ganze Lied – jetzt auf Englisch!

    Originalvideo:

  • Predigt am Karfreitag 2025 zu Johannes 19,5 in Holzhausen

    (und an Judika 2025 beim GoSpecial-Gottesdienst im Haupensiek/Löhne-Gohfeld)
    Lesung: Johannes 18,28-19,5 und Johannes 19,16-30

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister am Karfreitag!

    „Seht welch ein Mensch!“ Da steht er: Jesus im Purpurmantel und mit der Dornenkrone auf dem Kopf. Alles andere können wir uns dazu denken: ein gefolterter Mensch, dem die Kraft fehlt, sich gerade zu halten, hängende Schultern und so vieles mehr. Ein Gesicht, das müde und schmerzverzerrt ist.

    „Seht welch ein Mensch!“ Schon immer haben mich diese Worte des Pilatus interessiert und fasziniert. Die Menge schreit nur ihr „Kreuzige ihn!“ Wen sie in dieser Gestalt vor sich sehen, bleibt unbestimmt. Und ich frage mich, wen ich in diesem Menschen sehe, der da von Pilatus der Menge präsentiert wird, der dann wenig später am Kreuz hängt; ich frage nach meinem Bild von Jesus. Und ich frage mich, wen andere Menschen in Jesus sehen.

    „Seht welch ein Mensch!“ Ich werde immer wieder an diesen Ausspruch erinnert, wenn ich Bilder von anderen Menschen sehe: Bilder aus dem Fernsehen oder in der Zeitung, Bilder von Menschen, denen die Not ins Gesicht geschrieben ist: aus dem Krieg in der Ukraine; von den Geiseln der Hamas und von den Palästinensern im Gazastreifen; von Flüchtlingen, die gerade so noch vom Ertrinken gerettet wurden; von Opfern von Naturgewalten und Gewaltverbrechen. Welche Empfindungen habe ich, haben wir bei diesen Bildern? Welche Emotionen löst ein Satz wie „Seht welch ein Mensch!“ aus, wenn uns Menschen in ihrer so großen Not vor Augen geführt werden?

    „Seht welch ein Mensch!“ Die Szene, in der Pilatus diese Worte spricht, lassen wohl nur eine Interpretation zu: Seht, welch ein Häufchen Elend, seht, welch ein Stück Dreck sich unter dem purpurnen Mantel verbirgt. Von der Hoheit eines Königs, dem man mit Ehrerbietung entgegentreten müsste – keine Spur. Ein Mensch, der jeder Würde beraubt ist.

    Oder sieht Pilatus doch noch etwas anderes? Schwingen bei seinen Worten entgegen dem ersten Eindruck doch Achtung oder gar Bewunderung mit: Weil er einen Menschen vor sich sieht, der trotz des Spottes, der Folter und der Erniedrigung nicht gebrochen ist, sondern immer noch Würde ausstrahlt? Ist Jesus gerade deshalb noch so gefährlich, dass die Menge das „Kreuzige ihn!“ schreit, weil sie spüren: Kein Häufchen Elend, sondern ein Mensch steht da, dem nichts Irdisches seine Würde nehmen kann?

    Wenn ich ein Vorbild bräuchte, um mir Jesus in der Situation damals vorzustellen, dann sind es die Züge der heutigen Menschen, die dem Gesicht Jesu damals seinen Ausdruck verleihen. Denn ich finde auch in diesen Menschen immer wieder etwas, das mich erkennen lässt: Da ist mehr als nur ihr Elend, das vordergründig in ihr Gesicht geschrieben ist!

    Da steht er also: Jesus im Purpurmantel und mit der Dornenkrone auf dem Kopf. Wir hören diese Worte: „Seht welch ein Mensch!“ und wir fragen uns: Wer ist dieser Jesus – für uns selbst und für andere. Natürlich spielt in diese Frage und das Bild, das wir von Jesus haben, das hinein, was Jesus in der Zeit seiner Wanderschaft getan und gepredigt hat: Seine Wunder und seine Mahlgemeinschaften, seine Predigten und sein Verhältnis zu Gott, wie es uns in den Evangelien geschildert wird.

    Aber wir sehen Jesus und das, was er uns bedeutet, immer auch durch die Brille unserer je eigenen Zeit; durch die Brille unseres Herkommens und unserer Sozialisierung. Mancher Buchtitel über Jesus kann das zeigen: Für die meist unfreien Bauern in Südamerika war und ist die soziale Gerechtigkeit das große Thema ihres Lebens: Jesus als der Sozialreformer. Und so schrieb Ernesto Cardenal sein berühmtes befreiungstheologisches Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentinam“. Als in den 70-Jahren die Psychologie in der Seelsorge Einzug hielt, wurde Jesus durch diese Brille gedeutet, Hanna Wolf schrieb ein Buch „Jesus als Psychotherapeut“. In den 80-Jahren stand die Frauenbewegung immer mehr im Vordergrund, die Frauen in Jesu Umgebung wurden aus ihrem Schattendasein herausgeholt. Jesus erschien als der, der die Trennung der Geschlechter aufheben sollte und Franz Alt schrieb sein Buch „Jesus – der erste neue Mann“.

    Es sind aber nicht nur Bücher, die unser Bild von Jesus prägen oder in denen sich das manifestiert, was in unserer Zeit, in unserer Glaubensrichtung gerade dran ist. Mit Blick auf die Situation, wie Jesus vor Pilatus steht und die Kreuzigung Jesu: In der romanischen Kunst steht der gekreuzigte Christus aufrecht und geradezu erhaben am Kreuz und lässt so schon am Kreuz die Auferstehung durch das Karfreitagsgeschehen hindurchscheinen. Und dem gegenüber verlieren sich die Kreuzigungsszenen der Gotik in einer immer detailverliebteren Darstellung der Qualen Jesu, die in der Kunst der Nachkriegszeit im 20. Jahrhundert noch einmal aufgenommen und noch einmal auf eine ganz neue Ebene gehoben wurde.

    In den alten Passionsliedern im Gesangbuch ist es meistens der Mensch, der sich zu Jesus in die Niedrigkeit und die Qualen der Passion Jesu begibt, weil Jesus für die Sünden des Betrachters mit seinem Leben büßt: Jesus ist ganz unten und der singende Betrachter gibt auch sich selbst die Schuld an Jesu Leiden und Sterben.
    In der Musik aus dem Lobpreis- und Worship-Bereich wird Jesus dagegen oft als König beschrieben, der herrscht und mächtig ist; der – zwar von den Wunden des Kreuzes gezeichnet – immer oben ist und den Menschen aus der Tiefe heraufholt. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, der sehr hoch oben steht, hoch über all dem Staub der Welt, ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Der Refrain des bekannten Liedes kann als ein Beispiel für viele andere dienen.

    Das Lied, das wir vor der ersten Lesung gesungen haben, ist 1986 entstanden – wahrscheinlich für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 1987 in Frankfurt geschrieben, der unter dieser Losung stand: „Seht welch ein Mensch“. Vielleicht erinnern sich einige noch an das blaue Plakat mit dem ockerfarbenen Kreuz, in das skizzenhaft ganz unterschiedliche Menschen eingezeichnet waren. Das Lied nimmt auf und vereint die Themen der 80-er Jahre, an deren Aktualität sich bis heute nichts geändert hat: die Frage nach Frieden und Gerechtigkeit mit dem ökumenischen Aufbruch durch den „Konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“; das Verhältnis von Himmel und Erde, die zentrale Stellung der Liebe Gottes, die Orientierung an Jesus als dem Licht für die Menschen in der Dunkelheit der Welt und Segen und Beistand durch Gottes guten Geist im Handeln der Menschen. Alles als Antworten auf und im Gegensatz zu den Strömungen der Zeit, dem Missbrauch der Macht, den unheilvollen Verflechtungen in Politik und Wirtschaft und der empfundenen eigenen Ohnmacht.

    Entscheidend für alle Menschen ist nach diesem Lied, dass sie auf Gottes Spuren gehen. Zuerst ist mit dem Menschen natürlich Jesus gemeint. Im Sinn des Liedes, aber auch im Sinn des Gleichnisses vom großen Weltgericht im Matthäusevangelium setzt der Dichter Hans-Jürgen Netz einen ganz starken zusätzlichen Akzent: Jesus wird nicht mit Namen genannt. Er ist zwar derjenige, an den wir zuallererst denken; aber mit dem Menschen, auf den wir sehen sollen, kann alle gemeint sein, die auf Gottes Spuren gehen.

    Jesus steht stellvertretend für die, die unter die Räder von Unrecht und Gewalt, von Terror und Krieg kommen. Jesus steht mit seiner Präsentation durch Pilatus und dann mit seinem Weg ans Kreuz für alle, denen ihre Würde genommen wird, die für die Wahrheit eintreten und damit nach christlichem Verständnis für alles, was das Leben fördert, auch wenn ihnen ein Pilatus ein „Was ist schon, was kümmert mich Wahrheit!“ entgegenschleudert.

    Jede Zeit, jede Richtung des christlichen Glaubens, jede und jeder Mensch hatte und hat ein eigenes Bild von Jesus, ob wir das für uns wollen oder nicht. Alle machen wir uns ein eigenes Bild von Jesus: Weil das, was uns in unserem Leben bestimmt, unseren Blick lenkt; unseren Blick auf das, was uns die Bibel von Jesus vermittelt. Vielleicht ist das sogar gut so. Denn das heißt eben auf der anderen Seite, dass mein Bild, das ich von Jesus habe, nicht alternativlos gültig ist und es kein anderes mehr daneben geben dürfte. Vielmehr müssen wir unser eigenes Bild von Jesus und damit unser Bild von Gott immer wieder neu überdenken, wir müssen uns immer wieder neu von ihm ansprechen und oft genug überraschen lassen. Sonst endet unser Glaube so engstirnig wie die Einstellung vieler fanatischer Gruppen. Die zerstören dann Kunstwerke anderer Kulturen, aber eben nicht, weil diese Kunstwerke etwas mit ihrem Glauben zu tun hätten, sondern weil sie Gott durch ihre eigene Auslegung ersetzt haben. Und solches gibt es nicht nur bei den muslimischen Taliban, die vor ein paar Jahren Buddha-Statuen zerstörten, das hat es immer auch unter Christen gegeben, es gibt es auch unter Christen immer noch.

    Am Ende weiß ich wohl nur dieses: Das eine, das allgemeingültige und absolute Bild von Jesus gibt es nicht: für mich nicht und auch für alle anderen nicht. Mein Bild von Jesus ist immer nur ein Ausschnitt, mit dem er sich mir in einem Moment meines Lebens gezeigt hat und zeigt. Für eine gewisse Zeit wird mich dieses Bild von Jesus tragen und mir im Leben helfen – in all der Freude und vor allem auch in all den Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt. Aber ich verändere mich und die Welt um mich herum verändert sich. Das alte Bild von Jesus wird vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – nicht mein ganzes Leben halten.

    Wie gut, dass ich nicht auf mein einmal gefasstes Bild von Jesus festgelegt bin. Ich kann mich immer wieder neu von Pilatus auffordern und damit im besten Sinn verunsichern lassen: „Seht welch ein Mensch!“ und Jesus in den Menschen entdecken, die er mir schickt: in seinen geringsten Geschwistern, in den Nächsten, die er mir an die Seite stellt.

    Worauf ich mich immer verlassen kann, ist dabei dieses: Jesus Christus ist – ganz gleich, welches Bild ich von ihm habe – immer an meiner Seite. So wie er es versprochen hat: Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende und das Ziel der Welt! Amen.