Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias – 9. Jan. 2022

Der Predigttext Jesaja 42,1-9 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde!
„Mein Name ist Bond, James Bond!“ – Ich bin mir sicher: Wir alle kennen diese Vorstellung. Auch wenn ich sie bestimmt nicht so cool rüber bringen kann wie Daniel Craig, Roger Moor und Jean Connery oder ihre jeweiligen Synchronsprecher. Aber wir haben sofort diesen überaus smarten und selbstbewussten Typen vor Augen, für den es die größte Ehre ist, im Dienst ihrer Majestät, der Königin von England, seinen Job zu tun.

Warum James Bond? An seiner Figur wird ganz schnell deutlich, was es mit dem Knecht auf sich hat, von dem im Jesajabuch im heutigen Predigttext gesprochen wird: Es geht bei der Vorstellung dessen, der oder die da in Gottes Dienst steht, nicht um irgendeine Tätigkeit, die als der letzte Dreck anzusehen wäre. So etwas haben viele Menschen aber im Kopf, wenn sie das Wort Knecht hören: willfährige Unterordnung und zu dreckigen Diensten angestellt. Bis hin zu Bezeichnungen wie „Kriegsknecht“ oder „Folterknecht“ verschlimmert sich das Bild vom Knecht. Weil das so ist, heißen die Angestellten in der modernen Landwirtschaft heute auch „Fachkraft Agrarservice“ und eben nicht mehr Knecht.

Wenn dann aber in der Bibel dieses Wort auftaucht, haben wir diese negativen Vorstellungen auch im Kopf. Aber der da von Gott vorgestellt wird, ist alles andere als so einer, der die unwürdige Drecksarbeit tun soll. Der Dienst, um den es geht, ist attraktiv; er ist eine Ehre, denn er hat Anteil an der Ehre des Auftraggebers – bei James Bond ist das die Ehre der britischen Königin, bei dem eved Adonai, wie es im Hebräischen heißt, ist es die Ehre Gottes, die diesem Amt und diesem Dienst seinen Glanz gibt.

Dieser eved Adonai ist nicht der einzige im Dienst Gottes. Aber er ragt als Figur unter allen Dienern Gottes in besonderer Weise heraus: obwohl – oder gerade, weil sein Name nicht bekannt ist. Vielmehr scheint Gottes Geistkraft immer wieder diese oder jenen dazu zu berufen. Und diese Gestalt ist mit höchster Machtfülle ausgestattet – in heutigen Wirtschaftsworten: mit allen Vollmachten, mit dem Recht, im Namen der Leitung des Unternehmens internationale Bündnisse zu schließen: das göttliche Recht unter die Heiden zu bringen.

Diese Aufgabe geschieht dann – um noch einmal auf James Bond zurückzukommen – geradezu undercover: unter der Decke der Verschwiegenheit: kein Schreien und Rufen, kein Reden mit Macht, denn es, das Tun Gottes, wird nicht „durch Heer oder Kraft“ geschehen, sondern durch Gottes Geist, wie schon der Prophet Sacharja weiß. Entscheidend ist: Der eved Adonai redet nicht, er tut!

Und was tut er? Auch hier steht an erster Stelle etwas ganz anderes, als wir es erwarten würden. Es sind keine Riesenaktionen, es ist kein Aktionismus. Mit den Bildern vom Bewahren des geknickten Rohrs und des glimmenden Dochtes, die es als Bildworte bis in die weltliche Sprache geschafft haben, wird deutlich: Es geht dem eved Adonai um das Recycling des eigentlich schon als unbrauchbar Abgeschriebenen. Sind wir nicht ganz schnell dabei, das auszusortieren, was geknickt ist, was nicht mehr genug Strahlkraft hat? Ist es nicht oft auch bei den Menschen so: Menschen, die geknickt sind: die enttäuscht, frustriert, gekränkt verletzt sind, werden aussortiert?

Dem widersetzt sich der eved Adonai: Er macht aus dem, was aussortiert wird, eine Wertstoffsammlung, aus der Neues entstehen kann: die alte, aussortierte Schöpfung, wird durch ihn verwandelt. Nichts und niemand wird ihm verloren gehen! Die Lampen mit den glimmenden Dochten bekommen neues Öl und damit neue Strahlkraft. Also nicht nur Recycling, sondern Upcycling im besten Sinn des Wortes!

Das alles geschieht durch ein neues Rechtssystem, das aus Gnade und Barmherzigkeit besteht: „Was braucht jedes Geschöpf zum Leben, was wird seinem Bedarf gerecht?“ – das ist die entscheidende Frage: Gnade ist das elementare Lebensrecht, das für alle Geschöpfe gilt, für das es keine Vorleistungen braucht. Und diesem Lebensrecht aller Geschöpfe haben sich auch die anderen Geschöpfe unterzuordnen. Menschen werden in diesem System nicht begnadigt, sondern sie werden als begnadet angesehen. Es geht nicht um „Gnade vor Recht“, sondern um ein „gnädiges Recht“. Dieses Recht ist die Tora, die Israel bekommen hat: die Wegweisungen zu einem Leben in Gerechtigkeit: in sozialer und Bildungsgerechtigkeit, in Gender-, Generationen- und Klimagerechtigkeit. Die Inseln, die darauf warten, können wir getrost mit den Inseln im Südpazifik gleichsetzen, denen heute schon das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. Dieses gnädige Recht der Tora ist auch der Ursprung für die allgemeinen Menschenrechte.

Liebe Gemeinde, wir feiern heute am 1. Sonntag nach dem Epiphaniasfest die Erinnerung an Jesu Taufe durch Johannes den Täufer. Höhepunkt dieser Geschichte ist aber nicht die Taufe selbst, sondern das, was im Anschluss geschieht: die Stimme, die zu hören ist und die Jesus zu seinem Dienst beruft: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus ist Sohn und damit das Kind Gottes. So wird die Jesaja-Stelle schon ganz früh aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt. Jesus ist mit diesen Worten nach der Taufe genau für seine Aufgaben im Dienst seines himmlischen Vaters berufen worden: zu diesem so besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst an den Menschen und an der beschädigten, zerbrochenen Schöpfung: Jesus wird in seinem irdischen Wirken punktuell und zeichenhaft Gottes Herrschaft sichtbar und erfahrbar machen.

Und wenn Jesus im Tauf- und Missionsbefehl am Ende des Matthäusevangeliums seine Jünger beauftragt, an alle Menschen mit der Taufe das weiterzugeben, was er ihnen gegeben hat, dann bedeutet das schlicht und ergreifend: Auch alle Getauften sind zu diesem besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst berufen. Wir werden uns nicht so vorstellen: „Mein Name ist Willimczik, Torsten Willimczik, ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Denn es ist nicht an uns, so etwas hinauszuposaunen – nicht in den Gassen zu schreien und zu rufen, wie es bei Jesaja heißt.

Aber es sollte unsere innere Haltung sein, mit der wir durchs Leben gehen: „Ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Dann wird es auch für uns selbstverständlich sein, geknicktes Selbstbewusstsein zu bewahren und neu aufzurichten, die glimmenden Dochte des Lebens von dem zu befreien, was sie zu ersticken droht, das Recht Gottes gegen alles menschliche Unrecht hinauszutragen. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit ist uns dazu durch in unserer Taufe nicht nur irgendwie zugesprochen worden: Es ist die Verheißung Jesu, dass diese Begabung real ist. Vertrauen wir darauf, dass sich das in unserem Dienst immer wieder neu bewahrheitet! Amen.

Die Predigt fußt auf der Predigtmeditation von Rainer Stuhlmann in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 105-112). Herzlichen Dank dafür!

Ansprache beim Gedenken für Familie Seelig in Costedt am 28.12.2021

Am 28. Dezember 2021 wurde in Porta Westfalica-Costedt eine Gedenkplakette der Öffentlichkeit übergeben, die an die Mitglieder der Familie Seelig erinnert, die im Dezember 1941, also vor 80 Jahren, aus Costedt in Richtung Riga deportiert wurden. Siehe dazu auch den Artikel im Mindener Tageblatt (MT+-Artikel). Als Vertreter der Kirchengemeinde war ich gebeten bei diesem Anlass zu sprechen. Hier meine Ansprache:

Sehr geehrte Damen und Herren!
„Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ – so heißt es im 5. Buch Mose, im Deuteronomium, im 6. Kapitel. Das Volk Israel hatte von Gott die Gebote bekommen, um nach der Befreiung aus einem Leben in Knechtschaft nun anhand dieser Gebote ein Leben in Freiheit und Gerechtigkeit führen zu können. Der Sinn dieser Gebote erschließt sich für die Gegenwart – und noch wichtiger: für die Zukunft – der Sinn dieser Gebote erschließt sich nur aus dem Wissen um die Vergangenheit. Und es gilt, sich dieses Zusammenhanges schon heute bewusst zu sein, um morgen auf die Frage danach eine Antwort geben zu können.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ Heute bedenken, was morgen eine Frage sein könnte – seit dieser Vers im Jahr 2005 die Losung des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Hannover gewesen ist, beschäftigt mich dieser Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und der Verantwortung, die den Menschen im Heute zukommt, in besonderer Weise: Die Frage nach den Entscheidungen heute für die Zukunft entscheidet sich am Wissen und am Umgang mit der Vergangenheit; zu wissen, warum ich bin, wie ich bin; woher meine Überzeugungen kommen und mein Engagement kommt.

„Wenn dein Kind dich morgen fragt …“ Wir sind heute hier, um daran zu erinnern, dass eine Familie aus unserer Stadt im Dezember 1941 abgeholt wurde, um deportiert zu werden – in Richtung Riga: Die Familie Seelig hat hier in dieser Stadt, die damals ja noch keine Stadt war, sondern aus einzelnen selbständigen Dörfern bestand, gewohnt. Und war dann nicht mehr da. Wohl von einem Tag auf den anderen; wie so viele andere Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft, die in den Dörfern unserer Stadt gelebt haben.

Warum erinnern wir uns? Warum verlegen wir Stolpersteine oder gestalten Gedenktafeln, die wir wie hier und heute aufstellen? Wir wollen damit eine Antwort auf die Frage geben, die junge Menschen – wie unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden – irgendwann stellen: Wie steht ihr als unsere Eltern und Großeltern zu dem, was das Leben Eurer Großeltern geprägt hat? Und vor allem: Habt Ihr daraus etwas gelernt, damit der Weg in die Zukunft gelingen kann?

Es geht heute ja nicht darum, einen emotionalen Augenblick zu erleben, angesichts des schrecklichen Schicksals, das diese Familie erleben musste. Wollten wir mit dieser Veranstaltung auf einer reinen Gefühlsebene bleiben, bleiben wir im Erschrecken über das, was Menschen anderen Menschen antun können, stecken.

Ich bin auch der festen Überzeugung, dass es sich bei solchen Aktionen wie heute nicht um einen Schuldkult handelt, wie das von manchen deutlich rechtsgerichteten Menschen unserer Tage gerne formuliert wird. Es geht hier und heute um die Würde von Menschen und um die Zukunft, die aus dem Wissen um das damals Geschehene erwachsen kann.

Es geht darum, den Mitgliedern der Familie Seelig mit unserem Gedenken die Achtung zu erweisen, die ihnen als Menschen gebührt und die ihnen und so vielen, vielen anderen in so grausamer Weise in der Zeit vor 80 Jahren vorenthalten wurde.

Es geht dann aber auch darum, dass dieses Erinnern nicht folgenlos und fruchtlos bleibt. In den letzten Jahren hat das Nachdenken über die sogenannten „Kriegsenkel“ einen weiten Raum in der öffentlichen Diskussion eingenommen: Menschen mussten als Enkelinnen und Enkel derer, die den Krieg ganz bewusst miterlebt haben, feststellen, dass sie auf eine ganz eigene Art und Weise mit dem Geschehen des 2. Weltkrieges und der Zeit des Nationalsozialismus verbunden waren: Miterlebt hatten sie den Krieg nicht, waren sie doch erst Jahre später geboren; aber trotzdem waren sie auf das Engste damit verbunden.

Die Bibel rechnet damit, dass die Folgen von negativen Ereignissen und schuldhaften Taten über drei bis vier Generationen zu spüren sind und Wirkungen haben. Die nachfolgenden Generationen werden nicht auf das Tun oder das Unterlassen der Vorangegangenen festgelegt, und damit auch nicht auf deren Schuld. Aber sie müssen mit den Folgen dieser Taten und der Schuld umgehen. Das hat die Generation der Kriegsenkel feststellen müssen.

Es ist so unendlich wichtig, das alles nicht unter einer Falltür des geschichtlichen Vergessens verschwinden zu lassen. Denn nur der bewusste und damit verantwortliche Umgang mit dem Geschehen von damals hilft, darüber hinaus zu kommen: aber nicht als Abschluss, nach dem das Geschehen von damals für heute oder für die Zukunft nicht mehr wichtig wäre; sondern als Impuls für einen erfolgreichen und guten, weil menschenfreundlichen Weg in die Zukunft.

Eine Vergleichsmöglichkeit bietet vielleicht das Weihnachtsfest, das wir in diesen Tagen feiern: Wir feiern ja nicht Weihnachten, nur weil vor 2000 Jahren ein – wenn auch besonderes – Kind geboren wurde: Weihnachten ist nicht „es war einmal“, es ist auch nicht die Wiederkehr des Ewiggleichen mit „the same procedure as every year“. Weihnachten ist eine in die Zukunft hin offene Geschichte. Nachdem wir uns das Jahr über in so vielem festgefahren haben und in so vielem stecken geblieben sind, ermöglicht das Weihnachtsfest, das wir in diesem Jahr feiern, einen Weg „Zurück in die Zukunft“, indem Jesus als Kind in der Krippe in uns geboren wird!

In diesem Sinn eröffnet auch das Erinnern an die Familie Seelig für uns den Weg in die Zukunft: Denn auch heute stehen wir als Gesellschaft und als Kirche, als Stadt Porta Westfalica und als Kirchengemeinde Holzhausen und Holtrup an der Porta vor der Herausforderung, die Würde von Menschen zu wahren und zu schützen.

Wir sind heute hier, um daran zu erinnern, dass eine Familie aus unserer Stadt im Dezember 1941 abgeholt wurde, um deportiert zu werden – in Richtung Riga: Die Familie Seelig hat hier gewohnt. Aber wir sind nicht nur heute hier, um dies ein Mal zu tun: Das Erinnern bleibt eine immerwährende Aufgabe, weil der Weg in die Zukunft eine immerwährende Aufgabe ist.
Vielen Dank!

Predigt am Altjahrsabend 2021 über Matthäus 13,24-30

Der Predigttext Matthäus 13,24-30 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde am Altjahrsabend!
Es ist auch in diesem Jahr ein besonderer Abend, den wir heute begehen: Rückblick auf das Jahr 2021 und ein mit vielen Fragen versehener Ausblick auf 2022 prägen das Bild, das sich uns heute bietet. Ganz gleich, wie der Rückblick ausfällt – für ganz viele Menschen wird es so sein, dass sich gute Erfahrungen und fröhliche Erlebnisse mit schwierigen Momenten und traurigen Ereignissen verbinden werden: Da sind für uns alle die allgegenwärtige Pandemie mit Einschränkungen und Belastungen und die immer bedrohlicher erscheinenden Veränderungen in unserer Gesellschaft; da sind aber auch persönliche Momente von Trauer und Abschied und die familiären und beruflichen Freudenmomente.

Zu trennen sind diese beiden Erfahrungsebenen nicht. Bei aller Freude blieb die Sorge um Corona immer gegenwärtig; bei aller Nachdenklichkeit über unsere Gesellschaft blieben erhebende Momente von Freude und Leichtigkeit. Vielleicht ist es diese Grundstimmung, die dazu geführt hat, dass bei der Neugestaltung der Predigttextordnung der Abschnitt über Unkraut und Weizen aus dem Matthäusevangelium an den heutigen Tag gerutscht ist. Geht es uns nicht so wie den Knechten, die plötzlich feststellen müssen: Trotz bester Vorsätze, trotz allen Bemühens gibt es auch in unserem Jahr 2021 manches Unkraut, das wir nicht wollten und nicht zu verantworten haben.

Nun kann es heute weder darum gehen, vor lauter Klage um das Unkraut die Freude über den guten Weizen aus dem Blick zu verlieren, noch in Verklärung des Guten, das wir erlebt haben, das Unkraut für unwichtig zu erklären. Beides würde unserer Wirklichkeit nicht gerecht.

Woher im Gleichnis Jesu allerdings der Feind kommt, bleibt ebenso unklar wie unsere Fragen unbeantwortet, woher die lebensfeindlichen Momente des zurückliegenden Jahres kommen. Jesus zeigt uns mit seinem Gleichnis aber, wie das Böse des Feindes funktioniert:

Alles beginnt im Dunkeln, wenn die Menschen schlafen und deshalb nicht wachen. Da werden von vielen unbemerkt Ansichten in die Gesellschaft getragen, die zuvor noch undenkbar und unsagbar waren. Mit Sätzen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ wird versucht, rechtes und extrem rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig zu machen.

Es muss auch nicht sofort sein, dass das Gute sichtbar angegriffen oder zerstört wird. Der Feind kann auf Zeit spielen: Was er aussät, wächst unscheinbar und ebenso langsam wie der eigentliche Weizen. Aber unter der Oberfläche hat sich das Böse schon entwickelt und verwurzelt.

Das Unkraut zwischen dem Weizen im Gleichnis Jesu ist Taumel-Lolch, auch Rauschgras oder Schwindelweizen genannt; es sieht dem Weizen ganz lange erst einmal sehr ähnlich. Erst wenn sich die Ähren ausbilden, wird der Unterschied sichtbar und dann ist es zu spät, dem Unkraut Herr zu werden. Es dann einfach mit zu ernten und eine schlechtere Weizenqualität in Kauf zu nehmen, kann tödlich enden: Denn Taumel-Lolch ist gefährlich, weil giftig.

Heruntergefahrene Aufmerksamkeit, langsames, zunächst unmerkliches Wachstum und über lange Strecken harmloses Erscheinungsbild: Ganz gleich ob bei einem Einzelnen, in zwischenmenschlichen Beziehungen oder auf gesellschaftlich-politischer Ebene: Plötzlich – so sieht es dann aus – scheint man ganz unverhofft in eine Katastrophe hineingerutscht. „Wir haben zuerst gar nichts gemerkt.“, „Es fing doch alles ganz harmlos an!“, „Das wird schon wieder.“ Solche Sätze sind später im politischen, aber auch im persönlichen Bereich oft zu hören: Wenn Menschen von Sucht betroffen sind oder bei schädlichen und von Gewalt geprägten Beziehungen, denn so etwas kommt nicht plötzlich, sondern schleichend und lässt sich lange verharmlosen oder ignorieren.

Der Rückblick am Ende eines Jahres lädt ein, dieses Jahr zu betrachten und ganz ehrlich nach den Strukturen des Bösen abzuklopfen. Nicht, weil man sich das Jahr schlecht reden möchte, sondern weil es ja um den Aufbruch in ein neues Jahr geht: Wann, wenn nicht heute, wäre der Moment für diesen ehrlichen Blick auf unser Leben? Und bei dem ehrlichen Blick soll es nicht bleiben.

Die Frage der Knechte im Gleichnis beweist ihre guten Absichten, dem Unkraut Herr zu werden und den Weizen zu retten, damit die Ernte gelingt. Und ich bin mir sicher, viele werden denken: „Klar, raus mit dem Unkraut!“ Und allgemein formuliert: „Das Übel buchstäblich mit der Wurzel ausrotten!“ Doch der Landbesitzer verweigert sich – auf den ersten Blick überraschend – einer solchen Radikalkur. Er will bis zur Ernte warten und dann fein säuberlich trennen. Denn vorher das Unkraut auszureißen, bedeutet gleichzeitig, den Weizen ebenfalls kaputt zu machen. Damit wäre die Ernte hin und der Feind hätte erreicht, was er wollte!

Blicken wir in die Geschichte und in die Gegenwart müssen wir dem Landbesitzer recht geben: Jeder Versuch, das Böse mit Gewalt auszumerzen, hat dazu geführt, dass trotz der besten Absichten die Mission „Reinigung“ sich in ihr Gegenteil verwandelt hat: Religionsterror, Staatsterror oder Tugendterror – ganz gleich, wie man die Versuche nennen möchte – sind das Ergebnis: über alle Grenzen von Staaten, Religionen und Gesellschaftsformen hinweg. Ein- für allemal ausreißen lässt sich das Böse nicht. Nicht von Menschen, nicht durch Gewalt. Denn wer garantiert, dass das Wurzelwerk der an der Oberfläche so wohlmeinenden und bemühten Knechte nicht schon längst mit dem Wurzelwerk des Bösen verflochten ist? Der Fanatismus derer, die das Böse ausrotten wollen, endet immer im Bösen.

Bis zur Ernte, also dem „Jüngsten Tag“ wird das Feld des Landbesitzers nicht perfekt und rein sein. Im Großen nicht und auch im Kleinen nicht, denn auch da – bei jeder und jedem von uns – haben wir es mit einem kaum durchschaubaren Geflecht von Gutem und Bösem zu tun.

„Und was mache ich dann jetzt mit meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr? Mit allem, was ich besser machen möchte, also mit dem ganzen Unkraut, das ich in meinem Leben ausreißen möchte?“

Die Erfahrung lehrt, dass ganz viele der Vorsätze nicht lange halten. Alles ändern zu wollen, verursacht Überforderung, Frust und Elend. Nichts zu tun, ist auf der anderen Seite auch keine Lösung, denn dann gewinnt das Unkraut im Leben die Oberhand. Wer sich von der Illusion des „Alles“ und von dem Fatalismus des „Nichts“ verabschiedet, lernt, dass es dazwischen ein Etwas gibt, in dem wir leben und das es zum Guten zu gestalten gilt, denn es ist und bleibt uns ja gesagt, was gut ist und was Gott von uns fordert: Sein Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor unserem Gott.

Es gibt ganz viel, was getan werden kann: zu unterscheiden zwischen Unkraut und Weizen; zwischen guter und böser Saat. Und im praktischen Leben wird es dann immer darum gehen, das Gute zu stärken. Um das Beispiel der Alkoholsucht noch einmal aufzunehmen: Die Anonymen Alkoholiker wissen um das Unausrottbare der Sucht; Alkoholiker bleiben das ihr Leben lang. Es gilt, das Gute zu fördern: trocken zu werden und es zu bleiben.

Wer sich von der Illusion verabschiedet, das Böse mit Stumpf und Stiel ausreißen zu können, ist beileibe nicht zur Untätigkeit verdammt. Er hat alle Hände voll zu tun, das erstrebenswerte Gute nach Kräften zu fördern.

Am Abend dieses Tages und des Jahres sehen wir auf den Acker unseres Lebens: auf ganz viel Weizen, der zur Ernte heranreift. Wir sehen aber auch das Unkraut dazwischen: das, wo wir selber mit dem Bösen verwoben sind. Und wir stellen uns für das neue Jahr unter den Schutz und den Segen Gottes, dass er uns die Kraft gibt, dem Bösen zu widerstehen, damit das Unkraut nicht überhandnimmt, und das Gute wachsen zu lassen wie den Weizen auf dem Feld.

Die Verheißung, die Jesus uns mit dem Schluss des Gleichnisses gibt, weist uns den Weg und gibt uns die nötige Kraft zu Demut und tätiger Geduld: Was wir nicht in letzter Konsequenz können, das wird er tun: Am Tag der Ernte wird er das Unkraut endgültig vernichten; es wird vergehen wie flüchtiger Schall und Rauch. Und das Gute wird sich als nachhaltig erweisen und zu unvergänglichem Leben erscheinen. Unter dieser Verheißung gehen wir in das neue Jahr 2022. Amen.

Die Predigt verdankt sich in besonderer weise der Predigtmeditation von Peter Bukowski in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 74-80). Herzlichen Dank dafür!

Gottesdienste zum Jahreswechsel 2021-2022

Es gelten die jeweiligen Coronabestimmungen! Zur Zeit: 3-G-Regel.

31. Dezember 2021 – Silvester 

17.00 Uhr Gottesdienst in Holzhausen; Pfr. Schierbaum 
17.00 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl in Möllbergen; Pfr. Willimczik 
17.00 Uhr Gottesdienst in Eisbergen; Pfr. Schulz  
17.00 Uhr Gottesdienst in Veltheim; Pfr’in Kenter-Töns 

1. Januar 2022 – Neujahr 

17.00 Uhr Gottesdienst zum Neuen Jahr in Veltheim; Pfr. Schulz 
17.00 Uhr Gottesdienst zum Neuen Jahr in Holtrup; Superintendentin Goudefroy 

2. Januar 2022 – 2. Sonntag nach Weihnachten 

10.00 Uhr Gottesdienst in Lohfeld mit Chorprojekt; Pfr’in Kenter-Töns