Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis 2020 (18. Oktober)

Der Predigttext Epheser 4,22-32 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
„Kleider machen Leute!“ Wer kennt dieses Sprichwort nicht. Und viele werden die Geschichte vom Schuster Vogt kennen: er stiehlt sich – frisch aus dem Gefängnis entlassen – eine Hauptmannsuniform, weil er mit seiner abgerissenen Kleidung weder Wohnung noch Arbeit bekommt: „Haste keine Wohnung, kriegste keine Arbeit; haste keine Arbeit kriegste keine Wohnung. – Erst recht nicht in solchen Klamotten. Heinz Rühmann hat der Figur des Hauptmann von Köpenick aus der Erzählung von Stefan Zweig ein cineastisches Denkmal gesetzt. Also einfache Lebensregel: raus aus den alten Klamotten und rein in die neuen – und ein neuer Mensch werden.

Aber bleiben wir noch einmal bei den alten Kleidern: Warum ziehen wir sie aus und tragen sie nicht mehr? Weil sie kaputt sind – eingerissene Jeans sind natürlich nicht kaputt, sondern sie sind Ausdruck eines besonderen Lebensstils und Lebensgefühls und müssen deshalb nicht ausgezogen werden. Weil sie uns von der Größe her nicht mehr passen: die Kleidung ist eingegangen oder wir sind gewachsen – oder wir haben im besten Fall abgenommen, dass alles an uns nur noch schlabbert. Oder weil die Kleidung vom Anlass her nicht oder nicht mehr passt: Bei der Hochzeit trägt man keine Badeshorts und am Strand keinen Smoking. Oder schließlich, weil die Kleidung uns krank macht: Sie kratzt und scheuert, im Extremfall sind gesundheitsschädliche Stoffe bei der Herstellung verwendet worden, auf die wir allergisch reagieren.

Also weg damit und Neues zum Anziehen her. Da müssen wir dann entscheiden: Was soll die neue Kleidung ausmachen? Klar – sie soll passen: in der Größe und in der Form und in der Farbe; sie soll passen auch vom Zweck her: Wozu brauche ich sie? – und vom Preis her: Kann ich mir das leisten? Und schließlich – und für viele ist das neben der Größe inzwischen das Wichtigste: Wie sind die inneren Werte? Aus welchem Material ist meine Kleidung hergestellt und unter welchen Bedingungen?

Und jetzt kommen die eingenähten Etiketten und Label zum Zug, denn die verraten uns, wo und aus welchem Material und unter welchen Bedingungen alles hergestellt wurde. Immer vorausgesetzt es wird – im wahrsten Sinn des Wortes – kein Etikettenschwindel betrieben. Der Stoff aus 100 % Naturfaser oder Polyester oder aus Mischgewebe. Hergestellt vielleicht zu 100% aus Wolle mit dem Wollsiegel oder aus Biobaumwolle mit Ökotext-Siegel und mit gesicherten sozialen Komponenten bei der Herstellung wie bei GOTS, bei Fairwear und bei dem stattlich kontrollierten Label „grüner Knopf“.

Wie und mit was wir uns kleiden – so sind wir als Menschen: in welchem Stil wir uns kleiden; vor allem aber mit welcher Einstellung unserer Kleidung gegenüber und mit welcher Einstellung den Ländern und Menschen gegenüber, wo unsere Kleidung hergestellt wird. Das lässt alles tief blicken.

Und was für die reale Kleidung gilt, die wir tragen, ist für unser Leben als Christen ebenso entscheidend. In welchem geistlichen Stil, vor allem aber mit welcher geistlichen und ethischen Einstellung unserem Gott gegenüber und damit den Menschen, die er zu unseren Nächsten macht, wollen wir leben, dass er uns als Christen passt und wir nicht in Glaubenshosen rumlaufen, die Hochwasser haben oder viel zu groß sind?

Der Apostel fordert die Gemeinde in Ephesus auf, den alten vorchristlichen Menschen endgültig auszuziehen wie ein altes Kleidungsstück und sich stattdessen mit dem neuen Menschen einkleiden zu lassen. In einer Zeit, als sich in erster Linie Erwachsene haben taufen lassen, war das ganz besonders eindrücklich. Denn diese Leute hatten vorher ja oft wirklich ganz anders gelebt, als es den damaligen christlichen Vorstellungen entsprach. Da war der Unterschied von „Vorher“ zu „Nachher“ viel deutlicher zu sehen, als wenn wir heute auf uns sehen, die wir meistens als kleine Kinder getauft worden sind. Für uns gab es kein nichtchristliches Leben vor unserer Taufe, das von Ausschweifungen und zügellosem Leben geprägt war.

Trotzdem ist es richtig und wichtig, dass auch wir bei unserer bisherigen Kleidung nach dem Etikett sehen. Denn wir können ja inzwischen dieses oder jenes angezogen haben, ohne darauf zu achten, woher es kommt, und vor allem, was diese Kleidungsstücke mit uns machen. Ich bin überzeugt: Wir werden ganz schnell feststellen, dass viele Kleidungsstücke unseres Lebens genau solche unchristlichen sind, wie sie der Apostel aufzählt. Und sie haben eben auch diese zweifelhaften Label: Eher selten wird auf dem Etikett wirklich „100% Teufel“ stehen, der alles in unserem Leben durcheinanderbringen will und uns so krank macht. Viel häufiger aber wird unser alter Mensch zumindest aus einem Mischgewebe mit mehr oder weniger großen Anteilen aus dem Material „Teufel“ bestehen.

Der alte Mensch – davon schreibt Paulus uns sehr deutlich – besteht aus Lüge, Zorn und Stehlen, aus faulem Geschwätz – also dem, was wir heute lästern nennen würden – aus Bitterkeit, Grimm und Zorn, aus Geschrei, Lästerung und Bosheit. Es kommt so ziemlich alles zusammen, was das Miteinander der Menschen schwierig bis unerträglich und unmöglich macht. Denn alles das führt zur Sünde und immer weiter weg von Gott. Wenn wir diese Kleidungsstücke tragen und sie deshalb unser Leben bestimmen, macht uns diese Kleidung krank.

Alles das, was Paulus aufzählt, passt als geistliche und damit auch als ethische Kleidung für einen Christenmenschen nicht mehr: Es ist keine angemessene Kleidung mehr für einen Menschen, der und die sich zu Jesus Christus bekennt. Was aber sollen wir dann tragen?

Paulus nennt die beiden Label, die unsere Kleidung unbedingt haben sollen: „Der neue Mensch, den wir anziehen sollen, ist geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Damit macht Paulus deutlich, dass es sich im christlichen Leben immer um diese zwei Dimensionen handelt, die unsere geistliche Kleidung und damit unser Wesen bestimmen: Heiligkeit und Gerechtigkeit.

Heiligkeit steht dabei für die senkrechte Dimension und damit für die Verbindung mit Gott und wir könnten ohne Schwierigkeiten die erste Tafel der 10 Gebote heranziehen, um zu sagen, was das heißt. In der Zusammenfassung Jesu: „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“

Gerechtigkeit steht für die waagrechte Dimension und nimmt die Menschen um uns herum in den Blick: die Nahen und die Fernen; die, mit denen wir gut können, und die, die wir lieben; aber immer auch die, mit denen wir uns oft so schwertun; und die, mit denen wir gar nicht gut auskommen. Die wichtigen Stichworte neben der zweiten Tafel der 10 Gebote und dem so knappen wie richtigen Satz von Jesus, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, das sind: Wahrheit, Aussöhnung bevor sich schier unüberwindbare Mauern aufbauen – denn das ist gemeint mit: „die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen lassen“ – Arbeit und vom Ertrag dieser Arbeit mit anderen teilen; das Gute und Aufbauende reden; Freundlichkeit und Herzlichkeit.

Heiligkeit und Gerechtigkeit – die zwei Label der christlichen Kleidung, die mit der senkrechten und der waagrechten Dimensionen des christlichen Lebens zusammengenommen das Kreuz bilden – sind beide den Christen in der Taufe durch den Heiligen Geist geschenkt. Damit steht der Name Jesu schon über unserem Leben. Und deshalb soll auf dem Etikett unseres neuen christlichen Menschen als Material stehen: „100% Jesus Christus“. Ihn sollen wir anziehen und so sein Wesen annehmen. Damit ist auch gewährleistet, dass uns dieses Kleidungsstück in Größe, Farbe und Form wie angegossen passen wird. Denn Gott weiß, was wir brauchen.

Jesus selbst hat immer wieder Menschen zu neuer, passgenauer Kleidung verholfen, indem er ihnen die Sünde ausgezogen und das Kleid des Glaubens angezogen hat. Das Evangelium des heutigen Sonntags erzählt von dem Gelähmten, den seine vier Freunde zu Jesus bringen; durch das geöffnete Dach wird er Jesus vor die Füße gelegt und der vergibt ihm seine Schuld. Das ist der entscheidende Moment; dass Jesus ihn auch noch gesund macht, ist nur noch Machterweis Jesu den Zweiflern gegenüber. In der zweiten Evangelien-Lesung heilt Jesus den Kranken am Teich Betesda, und gibt ihm als entscheidende Weisung für seinen weiteren Weg ein „Sündige hinfort nicht mehr.“ mit. So heilt Jesus in unserem heutigen Sinn ganzheitlich an Leib und Seele.

Für Jesus wie auch für Paulus war immer wichtig, dass nicht jede Krankheit durch Sünde hervorgerufen wird. Ein Rückschluss: „Jetzt bist du krank, deshalb musst du früher einmal gesündigt haben.“ ist falsch. Es ist nur in die andere Richtung richtig: Alles, was Paulus aufgezählt hat, alle Sünde und Schuld macht die Seele und damit auch unweigerlich den Körper krank. Deshalb muss die krank machende Kleidung, der alte, also vorchristliche Mensch ausgezogen werden. So schwer es uns manchmal auch fällt, denn oft genug merken wir gar nicht, wie schädlich die Kleidung ist, die wir tragen. Aber nachdem wir sie abgelegt haben, können wir neu eingekleidet werden: mit Kleidern, die die beiden Label „Heiligkeit“ und „Gerechtigkeit“ tragen, die zu 100% aus Jesus Christus bestehen und die uns so leben lassen. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Musikalisches Vorspiel: „Herz und Mund“ (M.Buchholz/T.Böcking)
  • Begrüßung
  • Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (#lautstärke 27)
  • Votum
  • Psalm 32 (EG.E 47)
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung und Halleluja: Epheser 4,22-32 Psalm 138,8b
  • Predigt über Epheser 4,22-32
  • Lied „Vergiss nicht, zu danken“ (EG 644)
  • Glaubensbekenntnis
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324 i.A.)

Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis 2020 (11. Oktober)

Der Predigttext 5. Mose 30,11-14 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden. Einen besonderen Akzent bekam der Gottesdienst durch die beiden Lieder aus dem Musical „Hoffnungsland“: „Gebote“ vor der Predigt und „Zeichen“ nach Predigt und Glaubensbekenntnis. Die beiden Lieder waren die Idee von unserem Kantor und Organisten Jonathan Dräger, der sie wie alle anderen Stücke auch vorgetragen hat.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Es war für die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes wohl das Wichtigste: Sie wollten das, was während des Krieges und während der Naziherrschaft insgesamt unter die Räder gekommen und verloren gegangen war, ganz besonders schützen. Deshalb stellten sie dieses wichtigste Gut ganz an den Anfang des Grundgesetzes, unserer Verfassung. Alles, was danach kommt, soll sich diesem höchsten Gut unterordnen und es durch entsprechende Gesetze schützen.

An den Anfang des Grundgesetzes stellten die Väter und Mütter im Artikel 1 diesen einen Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Danach folgt ein weiterer Satz, der die grundlegende Bedeutung dieses Satzes deutlich macht: „Sie, also die Würde des Menschen, zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Das Wissen um den Verlust der Würde des Menschen während der Naziherrschaft droht aber inzwischen immer mehr verloren zu gehen, weil so viel Zeit vergangen ist, dass die Erinnerung an den Verlust der Menschenwürde mehr und mehr verblasst. Was das heißt, erleben wir in diesen Tagen, Wochen und Monaten: Antisemitisches, rassistisches und nationalistisches Gedankengut breitet sich in der Öffentlichkeit wieder und immer stärker aus. Und auch im Allgemeinen scheint es für viele Menschen heute bei weitem nicht mehr selbstverständlich zu sein, dass Gesetze auch für diese Menschen selbst gelten.

Das Grundgesetz mit seinem ersten so unendlich wichtigen Satz gibt uns die Möglichkeit, so etwas wie einen nationalsozialistischen Unrechtsstaat unmöglich zu machen. Wir müssen die Erfahrungen des 2. Weltkrieges nicht wiederholen. Es reicht völlig und ganz, sich an den ersten Satz des Grundgesetzes zu halten und an das, was aus ihm folgt. Aber in immer größeren Bereichen unserer Gesellschaft scheint die Einsicht mehr und mehr zu schwinden.

Muss also fühlen, wer nicht hören will? Es lohnt sich, dazu einen Blick in die Bibel zu werfen. Mit dem heutigen Predigttext haben wir es getan und Entscheidendes mitbekommen: Kurz bevor das Volk Israel endlich nach 40 Jahren Wüstenwanderung in das gelobte Land einziehen darf, hören sie auf das Vermächtnis des Mose, das der ihnen in einer langen Rede anbietet. Die Israeliten lassen sich daran erinnern, dass auch sie aus einer Katastrophe kommend einen neuen Anfang brauchten und das sogar zweifach: Für die Israeliten stand aber nicht so sehr die Würde des Menschen im Mittelpunkt, sondern die Freiheit.

In der Frühzeit des Volkes Israel ist es natürlich der Auszug aus Ägypten: Gott befreit sein Volk aus dem Sklavenhaus und führt es dann auf einem langen Weg durch die Wüste in das Land, das er schon den Vorvätern versprochen hatte – nach Palästina in das Land, wo Milch und Honig fließen, in das Land der Freiheit.

Und einige hundert Jahre später geschieht diese Befreiung noch einmal: Dieses Mal darf das Volk aus dem babylonischen Exil in die Heimat, in die Freiheit zurückkehren. Vielleicht hätte diese erste Gefangenschaft in Ägypten nie eine solche Bedeutung für Israel bekommen, wenn es die zweite nicht gegeben hätte. Denn in Babylon bestand die ganze und einzige Hoffnung Israels darin, dass Gott noch einmal – wie damals in Ägypten – das Volk befreien und nach Hause bringen würde.

Beide Male geht es um die Freiheit, beide Male steht also das im Mittelpunkt, was Israel aus dem Leben in der Gefangenschaft gelernt hat: Die Freiheit ist das höchste Gut, das es in Zukunft zu bewahren gilt. Und der Gott, der sich dem Volk am Sinai offenbart hat, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen hatte, der David zum König gemacht und durch Samuel den Tempel erbaut bekommen hat – dieser Gott ist der Garant für diese Freiheit.

Und so steht über den zehn Geboten, die in gewisser Weise das Grundgesetz des Volkes Israel bilden, als 1. Artikel genau das, was dies unverrückbar feststellt und buchstäblich in den Stein der Gebotetafeln gemeißelt sein lässt: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ Das ist der Satz, der über allen 10 Geboten und überhaupt über dem ganzen Gesetz Israels steht. Er müsste beim Zitieren der 10 Gebote grundsätzlich bei jedem Gebot mit gesprochen werden.

Diesen Artikel 1 des israelitischen Grundgesetzes hat das Volk im Lauf der Geschichte sicherlich mal mehr und mal weniger beherzigt. Aber es ist doch immer wieder zu ihm zurückgekehrt. Jede Generation hatte neu die Möglichkeit dazu: Sie konnten diesen Artikel 1 und alles, was aus ihm folgt, immer wieder neu lesen, bedenken und dann auch tun. Mose stellt es dem Volk vor Augen: Das Gebot Gottes, sein Grundgesetz für ein Leben in Freiheit, ist das buchstäblich Naheliegendste überhaupt. Es ist nicht unerreichbar im Himmel oder weit weg hinter dem Meer. Mose, der Vermittler der 10 Gebote, der die steinernen Tafeln ja fast aus dem Himmel vom Berg Sinai geholt hatte – er hat ausgedient.

Denn: „Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen.“ Immer dann, wenn das aufgeschriebene Wort gelesen, mit dem Mund vorgelesen wird, ist es gegenwärtig und hat die Möglichkeit, das Herz zu bewegen. Und weil für Israel das Herz der Ort sowohl für das Gefühl als auch für den Verstand ist, hat dieses Wort nichts mit einer nur seichten Gefühligkeit zu tun; sondern es umfasst den ganzen Menschen mit Leib, Seele und Geist.

Und so ist es eben kein plumpes „Müssen“, das sich für das Volk Israel mit den Geboten verbindet. Es geht bei den sogenannten 10 Geboten nicht um Befehle und Verbote. Schon in der Sprache wird das deutlich. Denn im Hebräischen ist es nicht eindeutig, ob es eine Befehlsform ist oder nicht. Es muss nicht „Du sollst“ oder „Du sollst nicht“ heißen. Es kann auch einfach „Du wirst“ oder „Du wirst nicht“ heißen. Also: „Du wirst nicht andere Götter haben, nicht töten, ehebrechen oder stehlen.“ Und: „Du wirst den Feiertag heiligen.“ Alles das passiert, solange dieser Artikel 1 des israelitischen Grundgesetzes richtig ist: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ Solange das für Israel gilt, passiert das andere ganz automatisch, solange sich Israel daran hält, ist das andere – so schwer es manchmal auch erscheinen mag – selbstverständlich. Niemand muss die Gebote halten, um einen lieben Gott zu haben. Gott geht in Vorleistung und befreit sein Volk aus der Sklaverei und dem Exil, aus der Ferne von Gott – immer wieder neu bis heute tut er das. Und Gefangenschaften gibt es genug.

„Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Als Christen glauben wir: Gott hat in Jesus Christus sein Wort noch einmal ganz neu gesprochen, um auch diejenigen, die nicht zu Israel als dem Volk Gottes gehören, hinzu zu holen. Mit dem Johannesevangelium bekennen wir, dass Jesus Christus das Wort Gottes mit dem menschlichen Angesicht ist, der uns das Gebot Gottes nahe bringt.

Auch wir müssen, um zu Christus zu gelangen, nicht in irgendeinen unerreichbaren Himmel hinauf, den wir nicht kennen; wir müssen auch nicht über irgendein unüberbrückbares Meer, dessen Ende wir nicht abschätzen können. Jesus Christus ist uns als Wort Gottes ganz nah. Denn in ihm kommen die ganzen Weisungen Gottes auf den Punkt und an ihr Ziel. So wie Jesus sie mit dem höchsten Gebot auf den Punkt gebracht hat: „Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Und da treffen sich Artikel 1 unseres Grundgesetzes und Artikel 1 der Gebote Gottes: Denn die unantastbare Würde des Menschen ist kein theoretischer Wert, sondern ein ganz praktischer und konkreter. Ebenso wie der Nächste, in dem uns Jesus begegnet, kein theoretischer Mensch ist, sondern ein ganz realer. Und beide – die Würde des Menschen und Christus im Nächsten – kennen keine Grenzen bei Hautfarben oder Herkommen, bei Gehalt oder Geschlecht.

Lassen wir Gott über allem stehen und haben wir Gottes Wort immer in unseren Herzen. Dann wird das andere, das darauf folgt, einfach geschehen. Dazu helfe uns Gott. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes:

  • Musikalisches Vorspiel: „Wohl denen, die da wandeln“ (EG 295)
  • Begrüßung
  • Lied „Lass mich, o Herr, in allen Dingen“ (EG 414)
  • Votum
  • Psalm 1
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung und Halleluja: Mose 30,11-14; Psalm 25,14
  • Lied „Gebote“ (aus „Hoffnungsland“)
  • Predigt über 5. Mose 30,11-14
  • Glaubensbekenntnis
  • Lied „Zeichen“ (aus „Hoffnungsland“)
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser und Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Ich will dich lieben, meine Stärke“ (EG 400 mit der Melodie von Harald Sieger)

Den schönen Hinweis auf unser Grundgesetz verdanke ich Dr. Johannes Taschner in der Meditation in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 74, S. 478-483).

Predigt an Erntedank 2020 über Markus 8,1-9

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde am Erntedanktag!

Es ist einer der freudigsten Tage im Kirchenjahr: Wir sollen und wir wollen ja auch gerne „DANKE!“ sagen für das, was wir in einem Jahr als Ergebnis unserer Arbeit vor uns sehen. Und ich bin davon überzeugt, dass es bei vielen auch in diesem Jahr ganz viel ist, was wir vorzuweisen haben – ja auch trotz, bei manchen wegen Corona.

Dass wir im Herbst auf die Arbeit des Jahres zurücksehen – am Sonntag nach dem Michaelistag – und nicht an einem anderen Tag, liegt in unserer Geschichte als agrarischer Gesellschaft begründet. Sonst hätte es ja auch der 1. April sein können (da endete früher das Schuljahr) oder der 31. Juli (wenn heute das Kindergartenjahr endet). Es könnte auch der 31. Dezember sein (wenn das Kalenderjahr endet) oder der 1. Advent, wenn ein neues Kirchenjahr beginnt.

Aber: Wir bedenken die Arbeit eines Jahres und wir danken für den Ertrag eines Jahres im Herbst, am ersten Sonntag im Oktober – weil Michaelis seit Alters her der Tag der Abrechnung von Steuern und Abgaben auf den Höfen war; denn dann war da ja etwas zu holen – nach der Ernte. Das Pachtjahr orientiert sich bis heute daran.

Unsere Arbeit bedenken und ihr Ergebnis – sichtbar ist das hier in der Kirche mit den Erntegaben – den Früchten vom Feld und aus dem Garten mit seinen Bäumen und Büschen. Und das ist wichtig, denn das alles erinnert uns daran, dass es diese grundlegenden Dinge sind, die unser Leben sichern. Ohne Essen und ohne Trinken – das ist bestimmt genau so wichtig – wäre alles andere in unserem Leben nicht möglich.

Und trotzdem sind diese Früchte und das, was wir aus ihnen gemacht haben – Kartoffeln und Marmelade, eingemachte Gurken und frische Birnen – auch ein Zeichen für das, was wir in ganz anderer Form gearbeitet haben und dessen Ertrag wir hoffentlich betrachten können: in der Firma, in der wir arbeiten, und in der Schule; in dem Verein, in dem wir uns engagieren und in unserer Familie (im Haushalt, bei der Erziehung der Kinder und bei der Betreuung und Begleitung der altgewordenen Generation).

Mit all dem sind wir heute Morgen da; wir haben es bestimmt ganz deutlich vor Augen und können mit dem tiefen Gefühl von Dankbarkeit diese fünf Buchstaben als Wort formen: „DANKE!“ Denn wir wissen, dass es nicht nur unsere Leistung ist, dass es so gekommen ist. Wir glauben, dass Gott die Grundlage dafür ist, dass uns dieses oder jenes gelungen ist. Wir glauben, dass Gott die Grundlage dafür ist, dass wir auch nach Lebens-Trockenheit und Lebens-Sturm, dass wir trotz mancher Niederlagen immer noch etwas haben, wofür wir danken können – manchmal vielleicht wirklich nur unter bitteren Tränen, aber eben doch. Ja – das glauben wir; und angesichts der Unwägbarkeiten der Zukunft wollen wir auf Gott vertrauen, dass wir im neuen Jahr mit seiner Hilfe mit unserer Arbeit Erfolg haben werden und eine Ernte einbringen können.

Deshalb ist Erntedank einer der freudigsten Tage im Kirchenjahr. Die dankbare Freude über die so vielfältige Ernte dieses Jahres entsteht nämlich nicht vor der Negativfolie dessen, was in unserer Welt und in unserem Leben schief läuft. Wir müssen nicht erst über intensive Landwirtschaft einerseits und die unzureichenden Erträge der Landwirte aus ihrer Arbeit andererseits schimpfen; wir müssen nicht über die weltweite Gefährdung der Natur und das Artensterben durch die Klimakatastrophe lamentieren oder die Überflussgesellschaft mit ihrer Wegwerfmentalität anprangern – bloß um uns dann mit schlechtem Gewissen doch noch ein wenig und über die eigene Ernte unserer Arbeit zu freuen.

Das ist jedoch in vielen Predigten, die ich zum heutigen Tag gelesen habe, die Struktur. So kommen wir aber nicht weiter; ein Erntedank mit schlechtem Gewissen über das eigene Ungenügen ist bestimmt nicht im Sinn Gottes und es setzt doch keine Energie frei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Aus der freudigen und glaubenden Dankbarkeit über Gottes Güte, die uns das Gelingen und die Frucht unserer Arbeit schenkt, erwächst die Kraft, auch das zuversichtlich anzugehen, was in diesem Arbeits- und Erntejahr nicht gut gewesen ist. Denn wir wollen und wir dürfen uns bestimmt nicht davor verschließen, dass in vielen Bereichen unseres Lebens und unserer Erde die Not groß ist, oft genug viel größer, als wir es uns vorstellen können.

An dieser Stelle kommt für mich der Predigttext ins Spiel, den wir eben gehört haben. Ich lese ihn als eine Anweisung Jesu, wie wir aus der Freude über Erntedank ganz grundsätzlich leben sollen:

Jesus sieht die Menschen, die ihm zugehört haben: wieder einmal eine große Menge. Die Menschen haben Hunger nach dem, was er ihnen von Gott sagen kann; sie kommen, weil sie von ihm geistliche Speise erhoffen. Markus berichtet nicht, dass Jesus dafür dankt, aber es ist ein großer Grund für Dankbarkeit. Jesus sieht aber auch die Not der Menschen, die nicht nur hungrig nach dem Wort Gottes sind, sondern auch einen knurrenden Magen haben. Jesus sieht sie und es geht ihm richtig an die Nieren.

Und so macht er Bestandsaufnahme: Was haben wir? Und auch wenn es angesichts der großen Zahl von Menschen nicht der Rede wert zu sein scheint, sagt er zu allererst für die sieben Brote „DANKE!“ Dann teilt er sie und lässt sie von den Jüngern verteilen. Ebenso sagt er Gott für die paar Fische „DANKE!“ Und er lässt auch die verteilten.

Sieben Brote – und es reicht. Die Leute werden satt und es bleibt sogar etwas übrig! – Ein Wunder? Ich weiß es nicht. Es macht aus meiner Sicht jedenfalls keinen Sinn, mit einer plumpen psychologischen Erklärung zu kommen, die einfach sagt: Die Menschen haben doch noch etwas in den Taschen gehabt und es dann einfach mit den anderen geteilt. Vielleicht ist es das auch gewesen. Aber es ist darüber hinaus noch etwas Anderes geschehen, das über solche einfachen Erklärungen hinaus geht, und was für die Beteiligten so beeindruckend war, dass sie es glaubwürdig weiter erzählt haben.

Ich möchte auf die Fülle sehen, die sich in den sieben Broten verbirgt. Denn „Sieben“ – das ist die Zahl der Vollkommenheit. Diese sieben Brote waren einfach genug – genug sogar, um das Übriggebliebene aufzusammeln und wiederum in sieben Körbe zu füllen.

Schließlich lässt Jesus die Menschen gehen – wieder hinaus in ihr je eigenes Leben: Nach drei Tagen mit ihm, mit Jesus, in der tödlichen Wüste lässt Jesus die Menschen aufstehen und zurück in ihr Leben gehen. Das hat für mich einen ganz besonderen Klang: Nach drei Tagen aufstehen und ins Leben gehen – das heißt für mich: Auferstehung zum Leben nach dem Dank für die Fülle Gottes in den sieben Broten.

Mögen auch wir aufstehen und auferstehen und so gestärkt in unser Leben zurückgehen: Mit dem fröhlichen Dank für die Ernte dieses Jahres und mit der Kraft, die uns auch die Not unseres Lebens angehen und wenden lässt, dass wir das tun was not-wendig ist. Amen.

Konfiormationspredigt 2020

Gehalten bei den Konfirmationsgottesdiensten am 6. September 2020 in Holtrup und am 13. September 2020 in Möllbergen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Festgemeinde! Vor allem aber:
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

„We shall overcome“ – wir haben das Lied vorhin bei eurem Einzug gehört: „We shall overcome, truth will make us free, Black and White together, we‘ll walk hand in hand, we shall live in peace.“ Wir werden überwinden; die Wahrheit macht uns frei, Schwarz und weiß zusammen, wir gehen Hand in Hand, wir werden in Frieden leben.“

„We shall overcome“ – ein Lied, das für eine ganze Generation zu einer Art Glaubensbekenntnis wurde. Es ist kein Glaubensbekenntnis, wie Ihr es auswendiggelernt habt und wie wir es gleich sprechen werden; auch kein Bekenntnis, wie die von Euch selbst geschriebenen, die mich sehr beeindruckt haben. Der entscheidende Unterschied ist, dass dieses Lied nicht etwas in der Vergangenheit beschreibt. Es ist ein Bekenntnis zu einer Vision von einem Leben in Frieden und Freiheit für alle Menschen; es ist ein Bekenntnis zur Zukunft.

Auch Martin Luther King, mit dem wir uns bei unserer Konfifreizeit intensiv beschäftigt haben, hatte so eine Vision für die Zukunft. Am 28. August 1963 – also fast auf den Tag genau vor 57 Jahren – hat er in Washington vor mehreren 100.000 Menschen seine so berühmte Rede „I have a Dream“ gehalten: über den Traum von einer gerechten und friedlichen Welt für das Leben seiner Kinder und Kindeskinder. Auch seine Rede ist ein Bekenntnis zur Zukunft.

Der Garant für diese Zukunft ist in dem Lied und für Martin Luther King jeweils Gott, auch wenn das Wort Gott im Lied und in den bekanntesten Passagen der Rede gar nicht vorkommt. Aber das Lied ist ein Gospel: die Haltung der Menschen, die das Lieb geschrieben und gesungen haben, ist untrennbar mit dem christlichen Glauben verbunden. Und das Fundament auf dem Martin Luther King seinen Weg gegangen ist, das ist das Wissen, dass in Jesus Christus alle Menschen gleich sind, und dass er in seinem ganzen Leben von Gott getragen ist – von diesem Gott, den auch wir in unserem Glaubensbekenntnis bekennen. Diese Glaubensgewissheit hat Martin Luther King den Weg gehen lassen, den er gegangen ist: den Weg der Gewaltlosigkeit bis zu seiner Ermordung 1968.

„We shall overcome – Wir werden überwinden“. Damals – vor gut 40 Jahren – ging es in Amerika um das gleichberechtigte Zusammenleben von Menschen schwarzer und weißer Hautfarbe. Der so unendlich große Riss in der damaligen Gesellschaft sollte überwunden werden. – Wenn ich mich heute umsehe, gibt es noch oder wieder so unendlich viele Situationen auf unserer Welt, wo es so dringend notwendig ist, dass Spaltungen und Hass, dass Ungerechtigkeit und Gewalt überwunden werden. Wenn ich an Martin Luther Kind denke, steht mir die heutige Situation in Amerika vor Augen, wo ein Land so zerrissen ist, wie wir uns das kaum vorstellen können. Ich denke aber auch an die Situation in Israel und Palästina oder an Länder wie Syrien, den Irak oder Afghanistan, wo sich unterschiedliche Volksgruppen oder Anhänger von verschiedenen Religionsgemeinschaften so unversöhnlich gegenüberstehen. Ich denke auch an unser Land, in dem so vieles unversöhnt erscheint: auf der großen politischen Bühne, in den ganz kleinen Gemeinschaften und in dem, was dazwischen liegt; ich denke aber auch an christliche Gruppen, die sich gegenseitig das Christsein absprechen.

Menschen müssen bestimmt nicht immer einer Meinung sein – das meine ich nicht. Aber Menschen müssen einander gelten lassen; sie müssen die Würde der jeweils anderen achten. Sie müssen in ihrem Gegenüber immer auch den Menschen sehen, der von Gott ebenso geliebt wird, wie man selbst.

An dieser Stelle kommt der Evangelist Johannes ins Spiel, aus dessen Brief Fynn uns einen Abschnitt gelesen hat. Auch seine Zeilen sind zuerst ein Bekenntnis: „Das Einzigartige an der Liebe Gottes ist: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns seine Liebe geschenkt.“ Gott fordert nicht zuallererst, um dann zu entscheiden, ob ihm das reicht, was wir ihm zu bieten haben. So ist Gott nicht. Er geht in Vorleistung und er schenkt uns seine Liebe – sichtbar in Jesus Christus geworden. In ihm hat sich Gott ein menschliches Gesicht gegeben.

Für Johannes ist aber auch klar: Dieses Bekenntnis hat auch Auswirkungen auf das Leben. Es ist wie der Traum von Martin Luther King vom Leben in Gerechtigkeit und wie das Lied „We shall overcome“ ein Bekenntnis zur Zukunft: „Meine Freunde, wenn uns Gott so sehr liebt, dann müssen auch wir einander lieben.“

Einander lieb haben, weil Gott uns zuerst seine Liebe geschenkt hat. Ich glaube, dies ist der Schlüssel zu dem, was Martin Luther King angetrieben hat, dass er seinen Weg der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung gehen konnte, dass er Gewalt und Hass überwinden konnte.

„We shall overcome“ – das Bekenntnis zur Zukunft bleibt eine lebenslange Aufgabe – so wie christlicher Glaube auf seine Weise eine lebenslange Aufgabe ist. „Meine Freunde, wenn uns Gott so sehr liebt, dann müssen auch wir einander lieben.“ So schreibt Johannes.

Es wäre ja sehr schön, wenn man sagen könnte: „Jetzt bin ich konfirmiert, jetzt habe ich für den Rest meines Lebens den direkten Draht zu Gott.“ Ich kann da erst einmal nur für mich sagen: Im Lauf meines Lebens ist mir immer wieder klar geworden, wie wichtig es ist, auch selber etwas in die Beziehung zu Gott zu investieren.

Und in die Beziehung zu Gott investieren, das heißt für Johannes wie schon für Jesus: in die Beziehung zu den Menschen neben mir zu investieren: „Indem wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe erfüllt uns ganz.“ So schreibt es Johannes – Jesus sagt: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst – das ist das höchste Gebot, das ist der Weg zum Leben. Das Evangelium des Tages vom „Barmherzigen Samariter“ grüßt zur Konfirmation.

„We shall overcome“ – Es ist die große Vision für die Zukunft mit einem Leben in Würde und Frieden, in Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen. Welche Visionen habt Ihr für Eure Zukunft? Heute, am Tag der Konfirmation ist das für die meisten von Euch wahrscheinlich noch gar nicht so klar. Manche Ideen habt Ihr auf der Konfirmandenfreizeit ja formuliert, sie sind in diesen Gottesdienst eingeflossen: als Psalm am Anfang, als Fürbittengebet nachher zum Ende hin.

Ich wünsche und hoffe, dass wir alle – und ganz besonders Ihr, die Konfirmandinnen und Konfirmanden, Euren Weg des Lebens auf dem Fundament gehen könnt, das auch Martin Luther King getragen hat: auf dem Fundament der Liebe Gottes, die in Jesus Christus sichtbar geworden ist. Amen.

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis (30. August)

Der Predigttext 1. Korinther 3,9-17 wurde zuvor als Evangelium gelesen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Das Bild gehört für mich mit zu den eindrücklichsten Momenten, die ich auf der Ostpreußenreise vor 13 Jahren mit meiner Frau und meiner Tante erlebt habe: Mitten in Kaliningrad, dem alten Königsberg, erhob sich ein massives Gebäude, über 15 Stockwerke hoch, ein riesiger Klotz aus Beton. Es handelte sich um das Haus der Sowjets, das Parteigebäude, wenn man so will: der Tempel des Sozialismus – ganz beherrschend erhob es sich über den Dächern der Innenstadt auf einem Hügel mit den Ruinen des Stadtschlosses, nur ein paar hundert Meter vom Dom entfernt. Was man aber auch schon auf den ersten Blick sah: Dieses Gebäude war eine Bauruine, es war tot – ein Haus ohne Leben, das da nun einfach dastand. Irgendwer hatte dieses Gebäude einmal geplant, es war in Auftrag gegeben worden und dann hatte man es eben gebaut. Was dann aber auch immer der Grund gewesen war: Seinen Zweck, sein Ziel hat es nicht erreicht, weil die tragende Idee nicht mehr vorhanden war.

Vielleicht hatte Paulus so eine Schreckensvision von der Gemeinde in Korinth vor Augen, als er seinen 1. Brief an die Gemeinde geschrieben hat: Trotz aller guten Planungen und trotz allen guten Willens und aller Energie, die er in die Gründung seiner Gemeinde gesteckt hatte, befürchtete er, dass am Ende die christliche Gemeinde in Korinth so eine Bauruine sein könnte. Und deshalb war es ihm ein so großes Anliegen, den Korinthern die Wichtigkeit und den Wert ihrer Gemeinde deutlich zu machen.

Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen dem ‚Haus der Sowjets‘ in Kaliningrad und der Gemeinde in Korinth: Bei dem Parteitempel handelt es sich um ein reales Gebäude; bei der korinthischen Gemeinde handelt es sich um die Gemeinschaft von Menschen einer christliche Gemeinde, also um einen Tempel aus lebendigen Steinen. Denn Paulus schreibt: Ihr seid dieser heilige Tempel Gottes!

Trotzdem sah Paulus die Gefahr, vor der die christliche Kirche mit ihren vielen einzelnen Gemeinden auch heute noch steht: dass da etwas mit viel Freude, ja Enthusiasmus und noch mehr Engagement begonnen wird, was dann aber als tote Bauruine endet. Und deshalb schreibt er seinen leidenschaftlichen Appell an die Korinther.

Die Gemeinde, die Gemeinschaft der Menschen, die im 1. Petrusbrief ‚lebendige Steine‘ genannt werden, bilden das Haus Gottes, sein Bauwerk. Und Paulus ist derjenige, der – von Gott beauftragt – das Wichtigste tun darf: Er soll das Fundament legen. Dabei ist ihm bewusst, alles weitere kann nur gelingen und vor allem auch Bestand haben, wenn dieser Moment des Hausbaus verantwortungsvoll und präzise gemacht ist. Je größer das Haus werden soll, desto tiefer und breiter muss das Fundament gegründet sein. Wir können das heute in jeder Stadt sehen, wo große Häuser, gar Wolkenkratzer gebaut werden.

Das Fundament der christlichen Gemeinde in Korinth und auch der weltweiten Kirche insgesamt, so schildert es Paulus, ist das Beste, das man für den Tempel Gottes nehmen kann, denn es ist keine Spekulation über Ungewisses, es ist kein Versprechen, das man abgibt, ohne zu wissen, ob man es einhalten kann. Das Fundament der christlichen Gemeinde ist Jesus Christus, der Gottessohn, der den Menschen die Liebe Gottes gebracht hat, der sich sogar stärker als der Tod erwiesen hat, und der sich so als eben der tragfähige Grund erwiesen hat auf den Menschen getrost ihren Glauben und ihre Gemeinde bauen können. Das ist es, was Paulus in Korinth und damit für die ganze Kirche getan hat.

Natürlich ist ihm auch wichtig, wie das Gebäude nun aussehen soll, das auf seinem Fundament entstehen soll; aber da ist er nicht mehr einzige Architekt. Viele bauen daran mit, viele bringen ihre Ideen ein, um aus dem Haus der Gemeinde wirklich auch einen Tempel werden zu lassen – also einen Ort, der der Verehrung Gottes dient, und der nicht nur ein tolles Haus für eine potente Gruppe von irgendwelchen Leuten ist.

So geht es dann um die Fragen, wie denn die Architektur des Gebäudes im Großen sein soll modern-funktional oder barock-üppig? Himmelsstrebend-lichtdurchflutet gotisch oder erdverbunden-burgartig romanisch? Und wie soll dann die Ausstattung im Kleinen aussehen? Auch da gibt es ja so unendlich viele Möglichkeiten: Soll die Ausstattung in allen Zimmern einheitlich sein: gleiche Musik, gleiche Sprache, gleiches Dies und gleiches Das? Oder sollen die einzelnen Zimmer doch besser unterschiedlich ausgestattet sein?

Viele Themen, die Paulus in seinen Briefen behandelt, spiegeln die Fragen seiner Zeit – im Großen, was die ganze Kirche betrifft, und im Kleinen, was jeweils die einzelnen paulinischen Gemeinden in Korinth, Ephesus oder Rom betrifft: Wie sich Gemeinde gestalten soll; was wichtig ist und auf das Fundament Jesus Christus passt: Wer leitet wie die Gemeinde, wie werden Gottesdienst und Abendmahl gefeiert, wie geht die Gemeinde mit Menschen um, die Fehler machen und schuldig werden.

Wir können uns dann gerne fragen, welches unsere Fragen heute sind – wie wir uns Kirche vorstellen: in der weltweiten Gemeinschaft der Ökumene von evangelisch bis orthodox, von katholisch bis pfingstlerisch; in der bunten Vielfalt der Ortsgemeinden. Für uns in diesem Teil der Welt – in Europa und vor allem auch in Deutschland – ist es wohl besonders wichtig, zu sehen, wie wir angesichts von schwindender Kirchlichkeit mit hohen Austrittszahlen und einem bei vielen angestaubten Image vor Kirche die Freude des Evangeliums und seine tragende Kraft neu erfahrbar machen können.

Und das ist keine Sache von einigen wenigen. Alle bauen an der Kirche, dem Tempel Gottes weiter. Und für Paulus ist es dabei ganz wichtig, dass alle, die an der Gemeinde mit bauen, das auch in großer Verantwortung tun. Sie sollen, schreibt er, ‚sorgfältig‘ mitarbeiten. Und es kommt auf alle an; alle sind verantwortlich.

Dabei macht es für ihn keinen Unterschied, aus welchem Material die Gemeinde gebaut wird: Er nennt wie in einem Gleichnis Gold und Silber, kostbare Steine auf der einen Seite, Holz, Schilf oder Stroh auf der anderen Seite. Wer will, kann bis heute darin den Gegensatz von einer prunkvoll strahlenden Kirche hier und einer Kirche der Armen dort sehen. Aber damit werden wir Paulus wohl nicht gerecht.

Ein – vielleicht das einzige Kriterium bei der Suche nach richtigen Wegen wird sein: Dient das, was geschieht, nur einem Ego, das sich selbst in den Mittelpunkt stellen will, oder dient es wirklich dem Aufbau der Gemeinde, dem Miteinander unter dem Wort, der Gemeinschaft im Heiligen Geist.

Entscheidend ist für Paulus eben nicht, welche vordergründige Qualität die Baustoffe haben – also die Menschen, die zur Gemeinde gehören. Wenn Paulus in unserem Abschnitt von der Bewährung des Baues der Gemeinde im Feuer spricht, setzt er voraus, dass Schilf und Stroh bei einer guten Bauweise ebenso gut im Feuer bestehen können wie Edelsteine und Gold. Für ihn zählt alleine die Verbindung zum Fundament.

Denn – würde Paulus heute vielleicht sagen – nicht wir tragen das Fundament, sondern das Fundament – Jesus Christus – trägt uns: Jesus hat mit seinen Heilungen das Leben von Menschen zum Guten verwandelt: Er hat dem Tauben das Gehör und die Sprache gegeben und dem Blinden das Augenlicht, er hat die verkrümmte Frau aufgerichtet. – Texte und Geschichten, die ebenfalls dem heutigen Sonntag zugeordnet sind.

Von Jesus Christus her, diesem verwandelnden Fundament, ist die Gemeinde als Tempel Gottes aufgebaut, und sie wird von seinem Heiligen Geist durchweht – also von der Kraft Gottes, die uns mit Freude und Zuversicht Kirche sein lässt. Und wir – wir alle – sind Mitarbeiter, sind gerufen, an diesem Tempel Gottes, dem Haus zur Verehrung Gottes mitzubauen. Lasst es uns tun! Amen.