Predigt am Ewigkeitssonntag – 22. November 2020

Der Predigttext aus Offenbarung 21,1-7 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde am Ewigkeitssonntag!

Auf was hoffen wir als Christinnen und Christen? Was lässt uns angesichts von Naturkatastrophen, von menschengemachtem Klimawandel und von gesellschaftlichen Verwerfungen; was lässt uns aber auch angesichts persönlicher Schicksalsschläge und Bedrohungen durch ein weltweites Virus und eigene Abgründe, in die wir sehen, trotzdem weiterleben und in die Zukunft gehen – und das sogar hoffnungsvoll und zuversichtlich?
Der Seher Johannes stellt uns mit seiner Vision von neuem Himmel und neuer Erde und vom himmlischen Jerusalem ein ganz vielfältiges Bild vor Augen, das die Kraft hat, uns zu tragen. Was meint dieses Bild in seiner wunderbaren Vielfalt?

Gott renoviert seine Schöpfung – und zwar gründlich. Von der Schöpfung hatte es im 1. Buch Mose ja geheißen, dass sie gut, ja sehr gut gewesen war. Aber im Lauf der Zeit war das alles doch etwas schäbig geworden, denn vor allem einige der Mieter waren nicht besonders pfleglich mit der Schöpfung umgegangen. Also Grundrenovierung:

Ein wichtiger Teil der alten Schöpfung hat in der neuen nun keinen Platz mehr. „Das Meer ist nicht mehr“ – was wie eine zu vernachlässigende Nebensache erscheint, hat eine ungeheuerliche Dimension: Denn wir erleben Meer immer wieder als tödliche Gefahr. Es ist wie für Menschen auf den Halligen bei einer Sturmflut und „Land unter!“, und das passiert ja auch im übertragenen Sinn oft genug: dass die Stürme des Lebens über unsere kleine Lebens-Hallig von geordneter Welt hinwegbrausen und dann „Land unter“ ist – eben Chaos.

Wie für die Bewohner der heutigen Küstenregionen war das Meer auch schon für die Menschen der Antike die Gefahr schlechthin, auch wenn sie Hafenstädte bauten und sich zumindest küstennah mit ihren Schiffen auf das Meer hinaus trauten. „Das Meer ist nicht mehr.“ Wenn das Meer nicht mehr ist, sind die Urflut und damit das Chaos beseitigt, die Stürme, die über das Leben hinwegfegen.

Die Krönung der ganzen Renovierungsaktion Gottes ist das neue Jerusalem. Wie mit einer Krone wird die neue Erde durch die himmlische Stadt gekrönt. Denn wie eine Krone sieht diese Stadt aus – Johannes beschreibt direkt nach unserem Predigtabschnitt ihre wunderbare Beschaffenheit aus edelsten Materialien.

Bei aller vordergründiger Pracht ist dieses Jerusalem aber kein Palast und keine Burg. Es hat eher die Gestalt eines Zeltes oder einer Hütte und erinnert damit an die Stiftshütte während der Wüstenwanderung des Volkes Israel. In der Hütte damals war Gott in besonderer Weise durch die Tafeln mit den 10 Geboten gegenwärtig. In seiner neuen Hütte Jerusalem nun wohnt Gott selbst. Er inmitten seiner ganzen Völker. Ja, es ist ein ganz bunter Haufen, der sich um ihn versammelt. Nicht ein Volk ist, wie es in den früheren Übersetzungen hieß, sondern eine wunderbare Vielzahl – alle mit ihren so unterschiedlichen Geschichten und Traditionen, ihren Frömmigkeitsstilen, Liedern und Bekenntnissen.

„Und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ Wie ein Name, so wirkt der Einschub „Gott mit ihnen“. Wie Mose am Dornbusch etwas über das Wesen Gottes erfährt: Ich bin der „Ich bin da!“, so lernt Johannes hier einen weiteren Wesenszug Gottes kennen: „Ich bin mit ihnen.“ – so heißt unser neuer Nachbar, unser Mitbewohner. Alle, die schon einmal in einer WG oder einem Haus mit vielen Mietparteien gewohnt haben, wissen, wie wichtig es ist, wer da neben einem einzieht. Und dieser Nachbar ist sehr vielversprechend: „Ich bin mit ihnen.“ als Nachname, „Ich bin der Ich bin da!“ als Vorname. Den lassen die Menschen gerne bei sich wohnen.

Und ich frage mich, ob es nicht auch meine Frage sein muss – hier und heute: „Wen lasse ich neben und bei und vor allem in mir wohnen – in meinem Herzen?“ Wem gebe ich Raum in meinen Gedanken und Gefühlen? Diesem Gott oder anderen, den Mächte der Finsternis, die so gerne Macht über mich erlangen wollen? „So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein dich und all deine Freuden.“, dichtet Paul Gerhardt in seinem Lied „Ich steh an deiner Krippen hier.“ Hoffentlich können wir es an Weihnachten gemeinsam singen.

Gott tilgt bei seiner Renovierungsaktion dann auch noch ein paar weitere Kleinigkeiten, die wie eine große Hypothek auf der alten Schöpfung gelegen haben: Tränen und Tod, Geschrei und Schmerz wird es in der erneuerten Schöpfung nicht mehr geben. Wenn Gott seine Schöpfung renoviert, dann tut er das gründlich: „Siehe, ich mache alles neu!“ Was für eine Erlösung angesichts von so viel Not und Elend in unserer Zeit und den Zeiten zuvor!

Wie Gott den Anfangspunkt seiner Schöpfung gesetzt hat, so lässt er sich auch das Ende nicht aus der Hand nehmen: „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.“ Es ist aber kein Ende, das einen mit Traurigkeit erfüllt. Es gibt kein: „Schade, es ist vorbei!“ Das Ende von Gottes erster Schöpfung ist das ersehnte Ziel, das diese Welt und jede und jeder einzelne ersehnt, nachdem man an der Startlinie aufgebrochen ist.

Der Weg zur Ziellinie ist – so schöne Momente es zwischendurch auch gibt – aber doch kräftezehrend. Er macht durstig – unendlich durstig nach Leben. Und Gott hat dafür den passenden Durstlöscher: Wasser des Lebens. Die Quelle für dieses Wasser ist Jesus Christus.

Liebe Gemeinde!
Was aber ist die besondere Bedeutung dieser Vision für uns? Was nützt uns die noch ausstehende Renovierung seiner Schöpfung durch Gott, wenn wir noch in der alten leben müssen, die eben nicht mehr sehr ansehnlich ist? Die Vision des Johannes von der neuen Schöpfung hat nicht nur als Hoffnungsbild in schwierigen Zeiten ihre tröstliche Wirkung. Nichts läge Johannes ferner, als dass wir uns in eine Zukunft wegträumen, nur um einer mehr oder weniger grausigen Gegenwart zu entfliehen. Der Seher Johannes ist zutiefst davon überzeugt, dass der auferstandene Herr Jesus Christus auch in dieser Zeit des „Vorletzten“ gegenwärtig ist – trotz aller Finsternis, die es auch gibt. Diese Überzeugung zieht sich durch die ganze Offenbarung.

Und wie der irdische Jesus seinen Jüngern gesagt hat, dass das Reich Gottes nicht etwas Unbegreifliches und Unwirkliches ist, sondern sich mitten unter den Jüngern Jesu ereignet, so ist auch Johannes davon überzeugt, dass die Wirklichkeit von Gottes Ewigkeit auch in diese Welt hinein reicht und an dieser und jener Stelle sichtbar und erfahrbar wird.

So wird die Bedeutung sichtbar, die die Vision von Johannes für uns heute haben kann: Denn eine Zukunft, die mein Leben hier und jetzt ergreift, gibt Kraft und Zuversicht. Ja, immer wieder erleben Menschen, dass sie mit den Worten von Johannes etwas von dem lebendigen Wasser bekommen, das Gott für uns bereit hält: Ihr Durst nach Leben wird gestillt und sie können nicht nur ihre Bedrängnisse und Katastrophen bestehen, sondern darüber hinaus helfen, für andere das Reich Gottes an diesem oder jenem Punkt Wirklichkeit werden zu lassen.

Gott verheißt nicht, dass das Leben im Vorletzten einfach, dass es nur ein netter Spaziergang wäre. Johannes schreibt seine Vision in einer Zeit nieder, die von Gefahr und Verfolgung für die jungen christlichen Gemeinden geprägt ist. Es geht in diesem Leben um Überwinden oder Unterliegen, es geht um Sieg oder Niederlage. Aber für alle, die diesen Kampf aufnehmen und durchhalten, gilt eben der Name, den Gott sich direkt vorher gegeben hat: Er ist „Gott mit ihnen!“ und deshalb ist er auch „unser Gott mit uns“ – auf unserem Lebensweg, bis wir bei ihm an Ziel sind.

Denn Johannes weiß um die Liebe, die Gott für uns hat, wie er in seinem 1. Brief schreibt: „Seht doch, wie groß die Liebe ist, die uns der Vater erwiesen hat: Kinder Gottes dürfen wir uns nennen, und wir sind es tatsächlich! Ja, liebe Freunde, wir sind Gottes Kinder, wir sind es hier und heute. Und das ist erst der Anfang! Was darin alles eingeschlossen ist, ist uns vorläufig noch nicht enthüllt. Doch eines wissen wir: Wenn Jesus in seiner Herrlichkeit erscheint, werden wir ihm gleich sein; denn dann werden wir ihn so sehen, wie er wirklich ist.“ Amen.

Ablauf des Gottesdienstes:

  • Musikalisches Vorspiel: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (EG 147)
  • Begrüßung
  • Lied „Behutsam leise nimmst du fort“ (GL 82)
  • Votum
  • Psalm 126 (EG 754, S. 1183)
  • Gnadenzusage: Jesaja 65,17
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung: Offenbarung 21,1-7 und Halleluja: Psalm 16,11
  • Lied „Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel“ (EG 153)
  • Predigt über Offenbarung 21,1-7
  • Glaubensbekenntnis
  • Lied „Solang wir Atem holen“ (Text: Sytze de Vries)
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Lied „Valet will ich dir geben“ (aus der Kantate „Christus, der ist mein Leben“ von Joh. Seb. Bach, BWV 95)
  • Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“ (EG 150)

Predigt am Buß- und Bettag – 18. November 2020

Der Predigttext Jesaja 1,10-18 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde am Buß- und Bettag!
„Also einzeln sind sie ja alle irgendwie nett und lieb, die meisten jedenfalls; aber als Gruppe sind sie unausstehlich!“ Ich weiß nicht genau, wen Sie vor Augen haben, die so etwas über Gruppen sagen könnten. Vielleicht sind es Lehrerinnen und Lehrer, die so etwas angesichts einer schwierigen Klasse sagen. Vielleicht sind es Bahnreisende, wenn sie in einem Großraumwagen sitzen, in dem ein Kegelklub seinen Jahresausflug macht und die Damen oder Herren schon etwas angeschickert in den Zug einsteigen und es nicht nur bei einem Piccolo oder einer Runde Klopfer bleibt. Vielleicht sind es Spaziergänger, wenn in einer Stadt ein entscheidendes Fußballspiel stattfindet und die Fans von beiden Vereinen sich schon einmal so richtig in Stimmung gebracht haben. Und ich gebe zu, es hat in den über 20 Jahren Pfarrdienst bei mir auch ein ganz paar wenige Konfigruppen gegeben, bei denen ich so gedacht habe.

„Also einzeln sind sie ja alle irgendwie nett und lieb, die meisten jedenfalls; aber als Gruppe sind sie unausstehlich!“ – So oder ähnlich wird vielleicht auch Gott gedacht haben, als er Jesaja den Auftrag gab, seinem auserwählten Volk einmal die Leviten zu lesen und zu sagen: „Also das, was ihr als Volk da veranstaltet in eurem Leben, das geht gar nicht. Ihr seid völlig auf dem Holzweg, wenn ihr meint, dass ich das gut finde, wie ihr lebt und wie ihr dann meint, euch eurer Schuld entledigen zu können!“

Schon in der Anrede wird das deutlich: Herren von Sodom und Volk von Gomorra – das ist nun nach biblischer Überlieferung wirklich unterste Schublade von menschlicher Moral, denn die beiden Städte mussten untergehen, weil sie nicht bereit waren, von ihrem sündigen und frevlerischen Leben abzulassen. Und so gibt es durch Jesaja ein himmlisches Donnerwetter:

Der Opferkult bekommt sein Fett weg: Die Israeliten vollziehen zwar die Rituale, aber sie sind nicht mit dem Herzen wirklich an der richtigen Stelle. Sie sind bei den Ritualen, sie genießen die feierlichen Augenblicke, sie empfinden sogar einen heiligen Schauer, wenn sie die Priester bei ihrem Dienst beobachten. Aber sie sind mit ihrem Herzen nicht an der richtigen Stelle, denn dann wären sie durch die heiligen Handlungen bei sich und bei Gott und nicht mit dem Herzen alleine im Tempel oder bei ihren nächsten Geschäften. Die Leute zerstören nur den Rasen im Tempelbezirk.

Und auch die Versammlungen zu den heiligen Zeiten, die es in den regelmäßigen Abständen von Woche, Monat und Jahr einzuhalten gilt und die bei den Menschen zuhause in ihren Städten und Dörfern abgehalten werden – sie sind für Gott nur heuchlerisch und unehrlich.

Und so geschieht das Gegenteil von dem, was die Opfer und religiösen Feiern eigentlich sollen: Statt Gott herbei zu holen, dass er gnädig auf sein Volk sieht, verschließt sich Gott vor alle dem, weil er die Unehrlichkeit und die Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen kann. Aber Gott meckert und schimpft nicht nur. Er sagt auch klar und deutlich, was anders und besser zu machen ist. Und das ist nicht neu; es geht Gott um die uralte und immer wieder neue Frage nach der Gerechtigkeit den Armen und Schwachen gegenüber – Gerechtigkeit für die Unterdrückten, die Waisen und Witwen.

„Also einzeln sind sie ja alle irgendwie nett und lieb, die meisten jedenfalls; aber als Gruppe sind sie unausstehlich!“ Es gab in Israel zur Zeit, als Jesaja seine Brandrede gehalten hat, sicher auch ganz viele Menschen, die sich um einen Gott wohlgefälligen Lebensstil bemüht haben; aber in der Summe war es für Gott einfach nicht mehr zum Aushalten.

Aber: Gott hat Hoffnung. Er hat Hoffnung, dass aus diesem Haufen von Sündern, von Egoisten und verantwortungslosen Ellbogenmenschen doch etwas werden kann. Ja, er will sich sogar ganz aktiv daran beteiligen, wenn sie ihm wenigstens einen kleinen Anlass geben, dass es einen Neuanfang gibt. Aus dem Purpur-Rot und dem Blut-Rot der Sünde soll wieder ein Weiß werden: wollweiß, ja geradezu reines Schneeweiß. Dazu ist er bereit, wenn das Volk ihm nur die Möglichkeit dazu gibt und seinen Lebenswandel ändert.

„Also einzeln sind sie ja alle irgendwie nett und lieb, die meisten jedenfalls; aber als Gruppe sind sie unausstehlich!“ Dieser Satz steht für mich auch symptomatisch über dem Buß- und Bettag – heute und grundsätzlich. Denn heute geht es vor allem um die Situation, wie wir als Gesellschaft, vielleicht sogar als Menschheit überhaupt vor Gott stehen.

Gelegenheiten, über den eigenen Lebenswandel vor nachzudenken, ihn zu überdenken und zu ändern – solche Gelegenheiten gibt es viele: jeden Sonntag, wenn wir vor Gott stehen; an vielen anderen Momenten unseres Lebens, eigentlich jeden Abend, wenn wir Gott den uns von ihm geschenkten Tag in seine Hand zurücklegen.

Aber wenigsten einmal im Jahr – heute am Buß- und Bettag – gilt es, nicht nur unser persönliches Verhältnis vor Gott zu bedenken, sondern auch, wie wir als Gemeinschaft, als Gesellschaft vor ihm dastehen. Dazu ist dieser Tag da, der ursprünglich einmal Landesbußtag hieß und vom jeweils regierenden Fürsten ausgerufen wurde. Er, der Fürst, wollte zusammen mit seinem ganzen Volk Rechenschaft über das Tun und Lassen als Gesellschaft ablegen.

Und so spiegelt der Text aus dem 1. Kapitel des Jesajabuches mit seinem pauschalen göttlichen Donnerwetter genau diese Situation, in der auch wir uns heute befinden: Wir stehen an diesem Buß- und Bettag vor allem als Gesellschaft vor Gott und bedenken unser Tun und Lassen. Die Kernfrage eines solchen allgemeinen gesellschaftlichen Innehaltens ist dieselbe wie die, die Gott den Israeliten stellt: Wie haltet ihr es mit den Unterdrückten; wie – beispielhaft – mit den Witwen und Waisen als den vom Schicksal und der Gesellschaft Benachteiligten?

In einem solchen Gedenken muss es dann sicherlich um die große Politik und die große Wirtschaft gehen: die Gesetze, die gemacht werden; die Staats- und Handelsverträge, die geschlossen werden – und zwar auf nationaler Ebene und den untergeordneten Ebenen; aber auch auf der internationalen Ebene: damit Wirtschaftssysteme, die andere Völker und ganze Kontinente künstlich arm halten, hinterfragt und zerschlagen werden können, damit Produktionsweisen und Verhaltensweisen, die die Zukunft des Lebens auf unserem Planeten bedrohen, geändert werden können.

In einem solchen Gedenken darf es dann aber nicht nur um die große Politik gehen: Denn der Spiegel einer Gesellschaft erfasst die großen Linien ebenso wie die kleinen Striche und deshalb ist an einem Tag wie heute eben auch das Tun und Lassen jedes und jeder einzelnen zu bedenken. Denn wir, die Einzelnen, prägen diese Gesellschaft ebenso wie Politik und Parteien, wie Wirtschaft und Wissenschaft.

Ich würde mir sehr wünschen, wenn diese Sicht auf den Buß- und Bettag ein fester Grundbestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens würde. Natürlich ist der Staat heute ein religiös neutraler Staat. Aber wenn wir in unserem Staat, in unserem Bundesland und in unserer Stadt einmal im Jahr innehalten, um das Handeln der Gesellschaft selbstkritisch zu betrachten, dann wäre viel geholfen. Der Maßstab dafür sind das Grundgesetz als rechtliche Grundlage unseres Staates und die von den Vereinten Nationen formulierte Charta der Menschenrechte als Grundlage für das Zusammenleben der Staaten untereinander.

„Trachtet nach Recht und helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht und führt der Witwen Sache!“ – Das gilt es zu beherzigen – ohne Ansehen der Person und ihrer Herkunft, ohne Ansehen ihrer Hautfarbe, ihrer Bildung und ihres Geschlechtes. Dann wird die blutrote Spur der Sünde und das Purpurrot der unumschränkten und hartherzigen Herrschaft des Menschen sich durch Gottes Liebe wandeln zu einem neuen Weiß der Güte, Milde und Barmherzigkeit. Das hat Gott versprochen, dabei will er uns helfen: durch seinen Sohn Jesus Christus und mit der Kraft des Heiligen Geistes. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Orgelvorspiel: „Kyrie“ aus der Orgelmesse von Johann Sebastian Bach
  • Eröffnung (Meditation aus „Denn du bist unser Gott“ von Stephan Goldschmidt, Neukirchen-Vluyn 2018, S. 339.)
  • Begrüßung
  • Lied „Erneure mich, o ewigs Licht“ (EG 390)
  • Votum
  • Psalm 130 (Übertragung aus „Denn du bist unser Gott“ von Stephan Goldschmidt, Neukirchen-Vluyn 2018, S. 338f.)
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung: Jesaja 1,10-18
  • Predigt
  • Lied „Komm in unsere stolze Welt“ (EG 428)
  • Aufruf und Besinnung (nach Evangelisch-Liturgie.de zum Tag)
  • Beichtgebet (nach Evangelische-Liturgie.de zum Tag)
  • Vaterunser
  • Zuspruch (nach Evangelische-Liturgie.de zum Tag)
  • Lied „Nun lob, mein Seel, den Herren“ (EG 289,1+4)
  • Dankgebet
  • Abkündigungen
  • Segen
  • Orgelnachspiel: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ Choralbearbeitung von Manfred Kluge

Predigt am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr – 8. Nov. 2020

Der Predigttext 1. Thessalonicher 5,1-6 wurde zuvor in der Übersetzung der Basisbibel als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist das Thema dieses Sonntags; aber es ist auch viel mehr: Denn diese Überschrift ist ja nicht einfach nur ein Mal im Jahr dran, um dann bis zum nächsten drittletzten Sonntag im Kirchenjahr wieder in der Schublade der wohl geordneten Predigttexte wieder zu verschwinden. Bis es dann eben nächstes Jahr wieder so weit ist.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist doch das, was unser ganzes Leben ausmachen soll, jeden Tag und immer wieder neu. So wie wir ja nicht nur einmal im Jahr Ostern und Weihnachten feiern, um dann mit der Dekoration auch unser Leben als österliche oder weihnachtliche Christenmenschen wieder einzupacken, als ob diese Feste mit dem Rest des Jahres und unserem Leben nichts zu tun hätten. Ostern und Weihnachten sind nicht das Sahnehäubchen auf unserem Leben als Christen.

Wenn wir unseren Glauben leben, dann tun wir das immer und überall als österliche und weihnachtliche Menschen, weil das, was diese Feste für unseren Glauben bedeuten, wie Hefe oder Sauerteig einen Brotteig durchziehen und ihn dann zu einem Brot werden lassen. Und so ist auch „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ nicht eine nette Zugabe für unseren christlichen Glauben wie eben das Sahnehäubchen auf der heißen Schokolade.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das ist das, was uns bei all dem, was uns in unserer Welt und in unserer Zeit bedrückt und bedrängt, nicht verzagen lässt. Denn wie könnten wir sonst angesichts all der großen Schwierigkeiten und Probleme, die wir tagtäglich erleben, zuversichtlich sein? Gerade in diesen Zeiten, wenn uns das Corona-Virus mit seinen schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit, die Wirtschaft und unsere Gesellschaft in Atem hält; wenn das Miteinander in unserer Gesellschaft – zumindest an manchen Punkten – immer mehr in ein Gegeneinander zu kippen droht; wenn der Ruf nach einer gewaltsamen Lösung von Problemen plötzlich im Raum steht und unsere demokratische Kultur den Bach runter zu gehen droht?

„Bleiben Sie zuversichtlich!“ als Gutenachtgruß von Ingo Zamperoni zum Abschluss der Tagesthemen reicht da nämlich bestimmt nicht aus, so nett und gewinnend der smarte Nachrichtenmensch das auch rüber bringen mag.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ – das meint aber auch nicht ein Vertrösten auf den so berühmten St. Nimmerleinstag: „Ja – irgendwann kommt das Ende der Welt und dann …“ Auch das hilft uns nicht weiter, ist kein Trost und ist keine Hilfe. Denn das, was den Menschen in der ersten Christenheit herbei gesehnt hatten: dass dieses Ende der Welt bald kommen würde, um aus der Bedrängnis allen Irdischen zu befreien – das hat für uns schon längst seine Attraktion, aber auch seine Schrecken verloren. Seine Attraktion, weil dieses Ende eben seit fast 2000 Jahren auf sich warten lässt; und seine Schrecken, weil es trotz aller bisherigen Katastrophen doch immer noch mit uns Menschen weiter gegangen ist.

Da lässt uns der eine Satz aus dem Evangelium dieses Sonntags aufhorchen, auch wenn wir es heute leider nicht in Gänze hören konnten. Aber diesen einen Satz Jesu sage ich hier und jetzt sehr gerne: „Sehet, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ So berichtet es Lukas im 17. Kapitel seines Evangeliums. Da merken wir: „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ hat zwar etwas damit zu tun, was für uns noch in der Zukunft liegt. Aber diese Zukunft, die Gott für uns bereit hält, und damit auch unsere Hoffnung sind ganz fest in unserer Gegenwart verankert; in unserem Hier und Jetzt.

Und da bekommen die Worte des Paulus einen ganz anderen Charakter, da erscheinen sie in einem ganz anderen Licht: Wenn der Tag des Herrn – wie Paulus es nennt – und damit der Anbruch des Reiches Gottes so unerwartet wie ein Dieb in der Nacht kommt, dann kann mich das ja wirklich ganz plötzlich betreffen und treffen. Wenn ich mich ganz plötzlich in einer Situation wiederfinde, in der mir für Gottes Reich die Augen geöffnet werden, dann ist der jüngste Tag wirklich nicht mehr fern.

Nun ist die Erwartung, dass bei mir jemand einbricht, keine besonders schöne und verheißungsvolle Vorstellung. Alle, bei denen das schon einmal geschehen ist, berichten von der unglaublichen Unordnung, die so ein Einbruch hinterlässt: äußerlich natürlich, wenn alle Schubladen aufgerissen und alle Schränke durchwühlt sind; aber mehr noch innerlich, weil alle Sicherheit, mit der man vorher gelebt hat, plötzlich verschwunden ist und die früher so selbstverständliche Ruhe erst einmal weg ist. Es braucht wohl lange, bis sich Menschen, die Opfer eines Einbruchs geworden sind, wieder gefangen haben.

Für den Beginn des Reiches Gottes ist eine solche grundlegende Verunsicherung des Lebens keine schöne Vorstellung. Aber auch ganz viele andere Berichte von den letzten Dingen – seit der damaligen Zeit bis heute zu den großen Katastrophenfilmen vom Weltuntergang – spielen mit diesem Element der Verunsicherung: dass alles, auf das sich Menschen verlassen haben, plötzlich in Frage gestellt wird und in Unsicherheit und Chaos versinkt.

Paulus nimmt dieses Bild von der plötzlichen Verunsicherung durch einen Einbruch zwar auf und malt die verschlafene Selbstzufriedenheit der Menschen auch noch schön aus: „Wir leben in Frieden und Sicherheit!“ Und schon ist es damit vorbei.

Aber Paulus bleibt nicht dabei stehen. Denn er ersetzt das bekannte Einbruchsbild von der plötzlichen Verunsicherung, die nur das Zerstörerische als Ergebnis haben kann, durch ein ganz anderes Bild. Und dieses Bild ist das Bild für neu entstehendes Leben schlechthin: Paulus schreibt von der Plötzlichkeit, mit der die Wehen über eine Frau kommen, wenn es so weit ist, dass ein Kind zu Welt kommen soll. Anstrengung und Schmerzen gilt es auch hier zu durchzustehen und zu überwinden. Ein Kind zu gebären, das ist kein gemütlicher Sonntagsspaziergang. Aber die Perspektive heißt: Leben und damit eben Hoffnung und Zukunft.

Was lässt eine Frau die Geburt bestehen? Es ist – so weit ich das als Mann in ganz allgemeine Worte fassen kann – genau diese Gewissheit des Lebens und der Zukunft. Was lässt Christinnen und Christen die Gefahren und die Bedrängnisse, die Nöte und gar die Abgründe in ihrem alltäglichen Leben bestehen? Es ist genau diese Gewissheit des Lebens und der Zukunft, so schwer sie manchmal auch zu fassen sein mag.

Wie so oft erweist sich Paulus an dieser Stelle als Realist, der seiner Gemeinde keinen Sand in die Augen streut oder sie sonst in irgendeiner Weise einlullt. Aus den Problemen dieser Welt gibt es kein Entrinnen. Er stellt dieser Einsicht in das Leben aber sein ganz großes „ABER“ entgegen, auch wenn es als Wort hier nicht vorkommt.

Paulus erinnert die Menschen damals in Saloniki und damit alle Christinnen und Christen daran, dass die Welt, wie sie nun einmal mit ihrem oft so gruseligen Dunkel ist, uns nicht gefangen nehmen und in die Schwärze zeihen muss. Denn der „Tag des Herrn“ ist eben keine „Nacht der Schrecken“. Die biblische Botschaft lebt von dem Glauben und dem Vertrauen auf den Sieg des Lichtes über die Finsternis: Ihr seid alle Kinder des Lichtes, schreibt Paulus seiner Gemeinde, weil Jesus ihnen mit seinem Sterben und Auferstehen Anteil an seinem neuen Leben gibt.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ heißt auf den neuen Tag hin zu leben, so wie wir in jede Nacht in der Gewissheit hineingehen, dass aus der Tiefe der Nacht ein neuer Tag erwächst: um Mitternacht noch nicht sichtbar, aber unaufhaltsam mit dem Morgenstern als Vorzeichen. Dieses glaubende Wissen ist mehr als ein plattes „Alles wird gut.“ Denn diese Hoffnung speist sich nicht aus unserer Kraft, sondern sie kommt von Gott.

Diese Hoffnung macht aber kein Ruhekissen, auf dem wir gut schlafen könnten; diese Hoffnung macht wach, sie schärft Verstand und Sinne und stärkt das Herz. Und das brauchen wir im Kampf gegen die Anfechtung der Finsternis. Und Glaube, Hoffnung und Liebe, von denen Paulus direkt im Anschluss an unseren Abschnitt und nicht nur im 1. Korintherbrief schreibt, sind unsere Möglichkeiten, mit denen wir wie mit Waffen unser Leben retten und schützen können: mit dem Glauben gegen Zweifel und Verzweiflung, mit der Liebe gegen Selbstsucht und Bequemlichkeit und mit Hoffnung gegen Resignation und Müdigkeit. Paulus nennt Glaube, Hoffnung und Liebe die „Waffen des Lichtes“ im Kampf gegen die dunklen Mächte und Gewalten der Nacht.

„Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“ heißt also– wie Paulus es schreibt – wach und nüchtern zu sein, um für Frieden und Gerechtigkeit einzutreten, damit, wie wir es im Psalm 85 gesprochen haben, Gerechtigkeit und Friede sich küssen können. Denn ein Leben in Frieden und Sicherheit ohne Gerechtigkeit lullt nur ein und betoniert mit dem Ende von Visionen die Finsternis. Sicherheit und Gerechtigkeit machen Frieden. Sicherheit als Voraussetzung für das Eintreten und den Kampf für Gerechtigkeit: soziale und Generationengerechtigkeit; Gender- und Klima- und Wirtschaftsgerechtigkeit. Die Liste der Gerechtigkeiten lässt sich gut und gerne fortsetzen.

Denn das heißt „Leben in der Hoffnung auf Gottes Reich“: Wir gehören nicht zum Bereich der Nacht oder der Dunkelheit; wir sind Kinder des Tages und des Lichtes. Und deshalb werden wir uns nicht einlullen lassen, uns nicht berauschen und schlafen, sondern nüchtern sein und wach. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Musikalisches Vorspiel: „Es wird sein in den letzten Tagen“ (EG 426)
  • Begrüßung
  • Lied „Wir warten dein, o Gottes Sohn“ (EG 152)
  • Psalm (Psalm 85,9-14)
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung: 1. Thessalonicher 5,1-6
  • Halleluja-Vers: Psalm 85,1
  • Lied „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 263)
  • Predigt über 1. Thessalonicher 5,1-6
  • Glaubensbekenntnis
  • Lied „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“ (EG 430)
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Jesus bleibet meine Freude“ von Johann Sebastian Bach aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“