• Gott behütet dich

    Predigt im Rahmen der Sommerkirche 2026 über Psalm 121,5.7.8

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Ein Bild – ein Bild, in dem einige eine alte Frau mit zerknautschtem Gesicht erkennen und andere eine junge Frau mit zarten Proportionen und eleganter Kleidung. Der Titel lautet: „Meine Frau und meine Schwiegermutter“; es wurde von dem amerikanischen Illustrator William Ely Hill geschaffen und erschienen zuerst in dem Magazin Puck im Jahr 1915.

    Es kommt darauf an, was jemand zuerst gesehen hat. Manchmal dauert es eine richtig lange, bis Menschen die jeweils andere Sicht gefunden haben. Manchmal gelingt es sogar gar nicht! Das Schöne an diesen Bildern ist: Es gibt kein richtig oder falsch! Beide Sichtweisen sind ja von dem Künstler gewollt; es liegt in der Natur der Sache!

    Auf eine sehr ähnliche Art funktionieren solche Spielereien auch mit Texten. Ganz oft sorgt die Betonung der einzelnen Worte oder Satzteile, wie jemand einen Satz versteht. Oder es ergibt sich jeweils ein anderer Sinn, je nachdem, wo ein Komma gesetzt wird oder nicht. Eine der sehr bekannten, etwas sarkastischen Varianten ist unter der Überschrift „Satzzeichen retten Leben“ der Satz: „Komm, wir essen, Opa!“ Wer vor dem Opa das Komma weglässt – o je!

    Das ging mir durch den Kopf, als ich mich mit dem Psalm beschäftigt habe, der heute im Mittelpunkt steht. Der Anfang von Psalm 121 lautet: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Schon in der 1984er Lutherbibel, mit der ich in gewisser Weise groß geworden bin, steht diese Übersetzung, und in der 1975er Revision ebenfalls. Allerdings immer mit dem Hinweis, dass Martin Luther – weil er die lateinische Übersetzung der Bibel als Übersetzungshilfe neben sich liegen hatte – ursprünglich formulierte: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

    Es ist ein Aussagesatz, wie er in der über eine lange Zeit gültigen Lutherübersetzung aus dem Jahr 1912 gestanden und so oft als Konfirmationsspruch oder als Trauspruch vergeben wurde: Der Ort, von dem her mir Hilfe kommt, wo Gott also gewissermaßen wohnt, das ist hoch oben in den unzugänglichen Bergen; da, wo ein lokaler Berg- und Wettergott eben wohnt; vor allem da, wo Menschen normalerweise nicht hingehen, weil das Gelände und die Nähe zu Gott zu gefährlich wären. Aber: Von dort her ist Hilfe zu erwarten!

    Und die Hilfe kommt nicht nur von einem eher unbedeutenden lokalen Berg- und Wettergott, sondern – und das macht der Beter des Psalms dann im 2. Vers deutlich – von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Drunter geht nicht. Es ist eben der alles umfassende Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde; der Gott, der Israel zu seinem Erbteil erwählt hat und mit dem dieser Gott einen ungekündigten Bund geschlossen hat. Und so habe ich diese Stelle durch die eingefügte Erklärung auch immer verstanden. Ich habe diese Stelle gewissermaßen mit einer Lutherbrille betrachtet.

    Aber was machen Menschen, die da wohnen, wo es keine Berge gibt und die deshalb ihre Augen nicht zu den Bergen, dem Sinnbild für Gottes Gegenwart und Stärke erheben können? – So könnte man scherzeshalber fragen! Nun: Nicht nur für diejenigen, die keine solchen realen Berge zum Aufsehen habe, gibt es dann noch die zweite Deutungsmöglichkeit, die ich eben erst jetzt bei der Vorbereitung dieser Predigt für mich entdeckt habe.

    In dieser zweiten Deutungsmöglichkeit des ersten Verses handelt es sich bei den angesprochenen Bergen nicht um den Wohnort Gottes, sondern um die Berge, die sich vor mir auftürmen und von denen ich meine, dass ich sie gar nicht überwinden kann. Es sind die Berge von Problemen, die ich habe und für die ich dringend Hilfe brauche, weil ich sonst mein Leben nicht schaffe und auf die Reihe bekomme.

    Je länger ich diese zweite Sicht wahrnehme, desto wichtiger finde ich, dass sie in der Bibel vertreten ist. Denn es gibt so viele Menschen, die vor schier unüberwindlichen Bergen stehen und nicht wissen, wie alles funktionieren soll. Es sind die Menschen, die in ihrer Existenz bedroht sind, die verzweifelt fragen, rufen, schreien oder vor Kraftlosigkeit nur noch flüstern, woher denn die Hilfe kommen soll! Und genau denen wird geantwortet, woher sie Hilfe zu erwarten haben.

    Es steht nichts davon da, wer genau die Menschen sind, die auf Hilfe hoffen. Der einzige Hinweis ist in der liturgischen Fassung, die wir heute Morgen gesprochen haben, nicht wiedergegeben: Es ist eine Art Regieanweisung, ein Hinweis auf den Sitz im Leben dieses Psalmes: Es handelt sich bei Psalm 121 um ein Wallfahrtslied, um ein Lied für die Pilgerreise.

    Wallfahrten und damit Pilgern ist ja nicht nur eine heutige oder mittelalterliche Form von Spiritualität. Schon immer sind Menschen zu heiligen Orten gewandert, weil sie sich davon Nähe zu ihrem Gott und damit Heil und ganz oft auch Heilung versprochen haben. Auch im Volk Israel hat es solche Pilgerreisen gegeben – ganz besonders zum Tempel in Jerusalem. Manche Ausleger sehen die Eingangsfrage des Psalms und die Antwort im 2. Vers mit all den Segensworten, die sich anschließen, ganz besonders am Jerusalemer Tempel verortet, wenn die Pilger endlich dort angekommen sind.

    Aber es hat bestimmt auch andere Gelegenheiten gegeben, bei denen dieser Psalm erklungen ist. Und in der christlichen Tradition ist dann der ganze Lebensweg als eine Pilgerreise zu Gottes himmlischem Heiligtum verstanden worden. Die heiligen Orte – allen voran Jerusalem aber dann auch Rom, Santiago de Compostella und viele andere – waren somit immer nur „vorletzte Ziele“.

    „Woher kommt mir Hilfe?“ Die existenzielle Not hat Menschen immer wieder so fragen lassen – bis heute. Und sie bekommen bis heute eine Antwort: Hilfe kommt von Gott – dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der deshalb größer ist als alle anderen Götter damals und heute und zu allen anderen Zeiten.

    Gott bewahrt davor, zu stolpern, zu straucheln und dann liegen zu bleiben, – damit wir am Ziel unseres Lebens ankommen.
    Gott schläft nicht, er schlummert noch nicht einmal. So ist er immer aufmerksam und bekommt er alles mit, was den Menschen geschieht – ein kleiner Seitenhieb auf den kanaanitischen Gott Baal, der anscheinend geschlafen hat, als Elia die Baalspriester zum Wettkampf aufgefordert hatte und der nicht geantwortet hat.

    Der Herr behütet dich – ja, wir sind beschirmt unter einem Hut, unter einem Schirm, wie auch immer! Denn wie wichtig ist der Schatten in einem Land, wo die Sonne oft noch so viel unbarmherziger scheint, als bei uns in den letzten Tagen! Und Gott beschattet auch in der Nacht, sodass die schädlichen Einflüsse des Mondes nicht wirksam werden können.

    Schließlich richtet sich der Blick in die Zukunft – der Zuspruch für die Gegenwart wandelt sich in Segen für den weiteren Weg. Der deutsche Konjunktiv mit „behüte dich“ hat dabei nicht weniger Gewissheit als der bestimmte Indikativ „behütet dich“. Es ist der Hinweis, dass es bei allem nicht auf die Menschen ankommt, sondern dass alles in der Macht Gottes liegt.

    Aus Sicht des Psalmbeters ist es natürlich immer der Tempel, das Heiligtum in Jerusalem, von dem aus es ganz behütet und beschirmt nach der Pilgertour wieder hinaus in die Welt geht, damit sie dann mit der nächsten Pilgerreise wieder zum Heiligtum, gewissermaßen nach Hause zurückzukommen.

    Es ist vielleicht aufgefallen: In diesen Psalm beschirmt und behütet Gott, aber er schiebt die Berge, die ich meine nicht bezwingen zu können – nicht einfach weg; sie sind – vielleicht zur Enttäuschung von manchen – immer noch da. Da ist die Bibel sicherlich sehr realistisch und macht Gott nicht zu einem Zauberer, der alle Schwierigkeiten auflöst. Denn das würde ja auch der Erfahrung der Menschen total widersprechen. Aber mit Gottes Hilfe sind die Problem-Berge zu ersteigen und vor allem zu überwinden. Das ist die Blickrichtung, das ist die Perspektive, die uns die Betenden von Psalm 121 seit Jahrhunderten immer wieder neu ermöglichen. Wir sind behütet und beschirmt! Amen.

    Zum Gottesdienst:
    Vorspiel: Meditation zu „Ich seh empor zu den Bergen“
    1. Lied: „Ich seh empor zu den Bergen“ (Text: Ute Passarge, Musik: Andreas Lettau; #lautstärke 39)
    Psalm 121 (Luther 2017)
    3-faches Kyrie mit Gedanken von Hartmut Handt aus „Lass mich fallen in dein Wort. Texte zu den Wochenpsalmen“ (Wuppertal 1995)
    Gnadenzuspruch: Römer 8,38-39
    Tagesgebet (nach einem Gebet von Christine Tergau-Harms aus: Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
    Judas 20-25
    „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (EG 591)
    Johannes 6,35-40
    Befiehl du deine Wege (EG 361,1+2+7; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
    Predigt
    Befiehl du deine Wege (EG 361,8+11+12; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
    Credo nach einer Psalmübertragung von Psalm 121 von Peter Spangenberg (in „Höre meine Stimme. Die Psalmen“, Hamburg 2023)
    „Ich heb mein Augen sehnlich auf“ (EG 296; Text Cornelius Becker; Musik: Johann Baptista Serranus)
    Fürbitten (nach einem Gebet von Katharina Wiefel-Jenner: Wochengebet der VELKD zum 8. So. n. Trin. 2026)
    „Ausgang und Eingang“ (EG 175; Text und Musik: Joachim Schwarz)
    Segen (Christine Tergau-Harms aus Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
    Nachspiel „Anker in der Zeit“ (Text und Musik: Albert Frey)

  • Osternacht 2026

    In diesem Jahr in Holtrup. Ich freue mich schon sehr!

  • Ein gesegnetes neues Jahr 2026!

    Die Jahreslosung für das Jahr 2026 trägt uns hindurch:

    „Gott spricht: Siehe ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)

    Jahreslosung 2026
    Foto: Westfenster im Dom zu Lübeck gestaltet von Lothar Quinte
    © PaToWi 2025

  • Entwidmung der Möllberger Kirche

    Ich danke allen, die dabei waren, für ihr Geleit. Es war so gut, mit diesem Moment nicht alleine gewesen zu sein!

    „Du bist ein Gott, der mich sieht!“ – Diese Worte (1. Mose 16,13) mögen auch Euch tragen: in der Gewissheit, dass Gott in dieser wie in aller Trauer und allem Abschiednehmen gegenwärtig ist und uns nicht alleine lässt. Dazu ist er Mensch geworden. Und er führt uns über alle Trauer hinaus und wird sie in uns verwandeln, denn er verheißt: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Jahreslosung 2026 aus Offenbarung 21,5)

    (Der Bericht auf der Kirchenkreisseite ist jetzt auch online: Ein Schlusspunkt zum Jahresende)

    Gottesdienst anlässlich der Entwidmung der Möllberger Kirche am 28. Dezember 2025

    (Die Predigt gibt es weiter unten.)

    Glockengeläut und Musik zum Eingang
    Votum und Begrüßung
    „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“ (EG 56)
    Prediger 3 als Psalm
    Kyrie (mit EG 178.9)
    Du, Jesus, bist damals als Kind in der Krippe in eine kaputte Welt gekommen. Zu dir rufen wir: G Kyrie eleison …
    Du, Christus, kommst auch in unserer Zeit in eine oft so heillose Welt. Zu dir rufen wir: G Kyrie eleison …
    Du, Jesus Christus, kommst heute zu uns und siehst und findest unsere zerbrochenen Herzen, mit denen wir von dieser Kirche Abschied nehmen. Zu dir rufen wir: G Kyrie eleison …
    Gnadenzusage Jesaja 60,1-2
    Gloria „Gott in der Höh“ (EG 180.2)
    Tagesgebet
    Chor: „Herr, deine Güte“
    Schriftlesung:
    „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“ (EG 591)
    1. Mose 16 i.A.
    G Halleluja. Halleluja. Halleluja. Halleluja.
    „Du bist ein Gott, der mich anschaut“ (#lst 81)
    Predigt
    „Von guten Mächten“ (EG 65,1-2)
    Glaubensbekenntnis

    „Und reichst du uns den Kelch“ (EG 65,3-7)
    mit Einsammeln der Kollekte
    Bedeutung der Entwidmung (Superintendentin Goudefroy)
    Fürbitten (nach einer Vorlage aus dem Kirchenkreis)
    Gott, du schenkst Raum zum Leben, in dir und bei dir haben wir immer Platz. Dafür danken wir dir. Wir danken dir für die vielen Menschen, die mit dieser Kirche verbunden waren – und die für diesen Raum da waren.
    So bitten wir dich für alle, die mit der Möllberger Kirche verbunden sind, und für alle, denen das Herz beim Abschied so wehtut.
    L1 (mit der TAUFKANNE für die Getauften)
    Gott, Kraft des Lebens, wir danken dir für die vielen Menschen, die wir in dieser Kirche taufen durften. Du hast sie in ihrem Leben begleitet, und hast die Verbindung mit ihnen gehalten, die durch die Taufe sichtbar geworden ist.
    Wir bitten dich für alle Menschen, die hier getauft wurden. Erhalte ihren Glauben – begleite sie auf ihrem Lebensweg.
    L2 (mit der BIBEL für die Konfirmierten und die Getrauten)
    Gott, in den Worten der Bibel haben wir in dieser Kirche gehört, wie du uns begleitest, stärkst und tröstest. Jugendliche haben gelernt, was es bedeutet, als Christin und Christ nach deinem Wort zu leben. Sie sind hier konfirmiert worden und haben sich auf ihren Lebensweg gemacht. Paare haben sich hier unter deinem Wort einander anvertraut, sie haben deinen Segen für ihr gemeinsames Leben bekommen.
    Wir bitten dich: Achte weiter auf die Konfirmierten, damit ihr Glaube sie weiter leitet und stärkt, dass dein Geist der Liebe die Paare in Freude und Leid verbunden hält.
    L3 (mit dem violetten PARAMENT für das, was nicht gut war)
    Gott, heilige Geistkraft, wir denken an die Gottesdienste mit Schmuck und bunten Farben, in denen diese Kirche von Liebe und Heiterkeit erfüllt war. Wir denken aber auch an Momente, in denen wir deiner Liebe nicht gerecht geworden sind. Du Kraft der Versöhnung, richte gerade, was in diesen Jahren misslungen und bei uns krumm und schief geworden ist.
    L4 (mit der OSTERKERZE für die Verstorbenen)
    Jesus Christus, die Osterkerze zeigt uns immer wieder: Du bist das Licht des Lebens. Du hast dem Tod und der Verzweiflung eine Grenze gesetzt. Wir danken Dir, dass wir mit diesem Trost leben dürfen.
    Wir denken an die Menschen, die wir in diesen Jahren beerdigt haben. Wir bitten dich für alle Verstorbenen und für alle Angehörigen, dass Du auch jetzt für sie da bist und sie nicht im Dunkeln bleiben. Schenk uns allen deine Lebenskraft.
    L5 (mit dem KAFFEEGESCHIRR für die Geselligkeit)
    Jesus Christus, du gehst unsere Wege mit: Und wenn nach dem Gottesdienst die Kaffeetassen geklappert haben, war das für viele der erste Schritt wieder hinaus in den Alltag der Welt, den wir als Gemeinschaft der Feiernden gemeinsam getan haben.
    Wir bitten dich, dass diese zwanglose Geselligkeit und die Freiheit, einander ganz ungezwungen zu begegnen, erhalten bleibt.
    L (mit einem Teil des ABENDMAHLSGESCHIRRs für die Gemeinschaft)
    Jesus Christus, wir danken dir, dass Du uns zu dir und an deinen Tisch eingeladen hast. Wir denken an die Abendmahlsfeiern hier in der Kirche: An Momente voller Traurigkeit und voller Glück.
    Wir bitten dich – schenke und erhalte Gemeinschaft und Zusammenhalt in unserer ganzen Gemeinde. Führe uns immer wieder neu zusammen und verbindet uns untereinander und mit dir.
    Dir, Jesus Christus – in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Geist – sei alle Ehre: jetzt und in Ewigkeit. G Amen.
    Alles das legen wir auf den Altar, um in der Gemeinschaft, die Jesus Christus stiftet, Abendmahl zu feiern.
    „Ich bin das Brot“ (EG.E 11)
    Abendmahlsliturgie
    Ankündigung und Auszug mit „Meine Hoffnung und meine Freude“ (#lst 41)
    Schlussgebet
    „Komm, Herr, segne uns“ (EG 170)
    Segen
    Musikalisches Nachspiel

    Predigt anlässlich der Entwidmung der Möllberger Kirche am 28. Dezember 2025

    Predigt:
    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Wie hält man eine Predigt zur Entwidmung einer Kirche? Wie predige ich zur Entwidmung „meiner“ Kirche? Am liebsten gar nicht. So ähnlich stand es auch im Gemeindebrief. Aber wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was“, sondern am Endpunkt einer Entwicklung, die sich seit längerer Zeit schon abgezeichnet hat. Im Lauf der letzten Jahre ist deutlich geworden, dass wir schon lange viel zu viele Quadratmeter für viel zu wenig Menschen haben: in den letzten 50 Jahren haben sich die Gemeindegliederzahlen mehr als halbiert. Es ist deutlich geworden, dass dadurch auch nicht mehr genügend Geld da ist, um die vielen Gebäude zu finanzieren. Alle Versuche, den Kirchraum zu erhalten, für das Ensemble aus Kirche und Gemeindehaus oder wenigstens für die Kirche neue Nutzer zu finden, sind vergeblich gewesen.

    Und so sind wir heute hier, um Abschied zu nehmen von diesem Kirchraum und auch vom Gemeindehaus, denn nach diesem Gottesdienst wird hier nichts mehr stattfinden. Wir nehmen Abschied mit aller Traurigkeit und Hilflosigkeit, mit aller Enttäuschung, wenn uns bewusst wird, wie endgültig dieser Schritt ist; wir nehmen aber auch Abschied mit den Erinnerungen an so viele gute, berührende Momente.

    Was ist das Wichtigste in einem solchen Moment? Was gibt Kraft, um nicht nur diesen Moment durchzustehen, sondern auch nach diesem Moment der Entwidmung weiterzugehen und das zu tun, was unser Auftrag als Christinnen und Christen ist? Ich finde dieses Wichtigste für diesen Moment und für darüber hinaus in dieser Geschichte von Hagar an der Quelle in der Wüste, die wir eben als Schriftlesung gehört haben: Da ist diese Frau, die bestimmt nicht alles richtig gemacht hat, die aber auch unter vielem gelitten hat, was ihr widerfahren ist; die nicht mehr weiter weiß und versucht hat, vor allem davonzulaufen. Wer könnte das nicht verstehen? Ist es nicht die Möglichkeit, der ganzen Misere zu entrinnen?

    So findet sich Hagar wieder an einer Quelle in der Wüste – mitten im Nirgendwo und weiß trotzdem nicht weiter. Weglaufen löst eben doch keine Probleme. Aber ihre Situation in der Wüste spiegelt das, was wahrscheinlich viele von uns heute empfinden: innere und äußere Leere; was einem lieb geworden war, geht verloren und das Neue, das einem eine neue Perspektive geben kann, ist noch nicht wirklich in Sicht. Natürlich nicht, weil das Alte ja noch so präsent ist.
    Was ist das Wichtigste in einem solchen Moment? Ich finde dieses Wichtigste für diesen Moment und für darüber hinaus in dieser Geschichte von Hagar und ihrem Bekenntnis: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ In diesen Momenten der Verlassenheit, die Hagar in der Wüste erlebt, hört sie für sich eine Verheißung für sich und ihr Kind, das sie trägt, und aus dieser Verheißung wächst in ihr eine Gewissheit: „Gott hat mich angesehen.“ Und das bedeutet: „Ich habe Ansehen bei Gott. – Auch jetzt, wenn ich verzweifelt bin und nicht weiter weiß! Ich habe Ansehen bei Gott, ich bin ihm wichtig.“

    „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ – Diese Worte haben uns im Jahr 2023 als Jahreslosung begleitet. Und wie bei Hagar ist auch für mich und für so viele andere damit nicht eine Angst verbunden, dass Gott mit Argusaugen hinter den Menschen her ist und nur auf Fehler wartet, um die dann zu sanktionieren. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das heißt immer: Gott sieht den Menschen an mit seinem so liebevollen Blick, der auch in den dunklen Stunden Licht und Wärme ausstrahlt.

    „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ – Dieses „Mich“ von Hagar möchte ich heute als einen kollektiven Singular verstehen, der die Kirchengemeinde als Ganze ebenso umfasst wie alle, die in dieser Kirche und im Gemeindehaus ein- und ausgegangen sind. Und so hat Gott auch auf die Vorgeschichte dessen gesehen, was 1962 in den Umbau des Bauernhauses und des Fabrikgebäudes in eine Kirche mündete: auf der einen Seite die so abenteuerliche Geschichte mit den vielen Ungerechtigkeiten, die dem alten Ehepaar Meier widerfahren sind; auf der anderen Seite die Anfänge des 2. Gemeindebezirkes der damaligen Gemeinde, der aus einer Frauenhilfegruppe unter der engagierten Leitung von Anna Steffen entstanden ist. In Gerhard Arning als dem dann zuständigem Pastor fand Anna Steffen einen kongenialen Mitstreiter, um die Idee einer Kirche in und für Möllbergen zu verwirklichen. Was konnte wohl Besseres aus diesem Anwesen, das mit so viel Unglück bedacht war, werden, als eine Kirche, in der das Wort von der Versöhnung und die Botschaft von Trost und Erquickung für die Mühseligen den Grundton angeben würde?!

    „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Gott hat seit dem 26. August 1962, als die Kirche in einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht wurde, auf sie gesehen: auf diesen hellen und so hohen Raum mit dem großen Holzkreuz. In etwas mehr als 63 Jahren hat Gott so vieles gesehen: hoffnungsvolle Zeiten mit CVJM und Jugendtreff, Taufen und Konfirmationen, Trauungen und Ehejubiläen – immer Menschen, Menschen jeden Alters, die etwas von Gottes Liebe, von seinem wärmenden Blick mitnehmen konnten.

    Äußere Veränderungen haben dann immer auch deutlich gemacht, dass Gott eine lebendige Gemeinde sehen konnte: Der Anbau am Gemeindehaus entstand, als Pastor Eberhard Peithmann auf Pastor Arning folgte. Wie sein Vorgänger prägte er das Leben der Gemeinde und mit dem Umbau 1989 bekam die Kirche ein ganz neues Gesicht: warme Farben mit den Terrakottafliesen, das ganz fein gestaltete goldene Kreuz im Altarraum, das Taufbecken, mit der Krone des Lebens und die Fenster von Heinz Lilienthal – besonders der Dornbusch und die Taufe. Gott sah auch, wie gefährdet das alles war, als die Kirche kurz nach der Renovierung brannte. Mit dem hellen Gewand des Pastors wurde seit 1994 das Bild von Pfarrer und Kirche noch einmal verändert.

    Seit 1999 durfte ich hier meinen Dienst tun und dem Psalm „Singet dem Herrn ein neues Lied“ wohl ziemlich oft wörtliche Geltung verschaffen: die „neuen“ Lieder im Gesangbuch, Kirchentagslieder und holländische Lieder vom Kirchenliedseminar und immer wieder einmal ein Lobpreislied – Taizé-Gottesdienste und die Uchte.
    Aber ohne das Engagement von so vielen, vielen Menschen wäre das alles nicht möglich gewesen: Posaunenchor und Kirchenchor, Gruppenverantwortliche und Küsterinnen, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker und ganz viele, die einfach nur so da waren und immer wieder auch geholfen haben, haben dieses Haus zu einem lebendigen Ort von Gottesdienst, Kirchenkaffee und Gemeindeleben gemacht. Alles zusammengehalten besonders auch von Generationen von Presbyterinnen und Presbytern. Das alles endet heute hier.

    „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ – Was ist das Wichtigste in einem solchen Moment? Was gibt Kraft, um nicht nur diesen Moment durchzustehen, sondern auch nach diesem Moment der Entwidmung weiterzugehen und das zu tun, was unser Auftrag als Christinnen und Christen ist? Hagar soll nicht weiter in die Einsamkeit fliehen; es bringt nichts, vor dem Unvermeidlichen wegzulaufen. Sie wird von Gott auch nicht in ein wie auch immer geartetes Paradies geführt. Hagar wird von Gott sogar zugemutet, in die alten Abhängigkeiten zurückzukehren und sich ihrer Herrin Sarai wieder zu unterwerfen. Was sie aber von der Quelle in der Wüste mit nimmt, ist die Gewissheit, dass ihr und ihrem Kind eine Zukunft verheißen ist.
    Auch uns ist das mit dem heutigen Tag auferlegt: Auch für uns gibt es kein „Immerweiterweglaufen“, als ob wir dem heutigen Tag und damit den heutigen Tatsachen entkommen könnten. Auch wir kehren in unsere kirchliche Realität zurück. Aber auch wir haben eine Verheißung empfangen, die uns in die Zukunft tragen soll.

    Und auch uns mutet Gott zu, nicht davon zu laufen, sondern uns unter seiner Verheißung auf den Weg in die Zukunft zu machen. Und es ist nicht nur die Weihnachtsbotschaft, die uns die Verheißung von damals vergegenwärtigt, wie wir es zu Beginn gesungen haben: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht traurig sein! Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre Nacht nicht endlos sein!“ Es ist für mich kein „dummer Zufall“, es ist keine Ironie des Schicksals, dass das Wort, das uns ab dem 1. Januar 2026 als Jahreslosung begleiten wird, wie eine Antwort Gottes auf Hagars Bekenntnis erscheint, das wir uns heute zu eigen gemacht haben. Es ist Gott, der in der Offenbarung des Johannes Worte spricht, die unbedingt Zukunft eröffnen: „Siehe, ich mache alles neu!“

    Es wäre zu einfach, wollten wir diese Worte mit einem „Kopf hoch, das Leben geht weiter!“ oder einem „Schwamm drüber, alles halb so wild!“ gleichsetzen. Gott sagt uns mit dieser neuen Jahreslosung zu: „Deine Trauer in diesem zu Ende gehenden Jahr mit diesem so schmerzhaften Abschied von diesem Kirchengebäude, das dir Heimat geworden ist und dir Geborgenheit geschenkt hat, das in seiner Gestalt die Weite und Größe meiner Güte spiegelt, das meinen Geist geatmet hat und von wo aus Menschen unter meinem Segen immer wieder zurück in die Welt hinaus gegangen sind, um ihren Alltag immer wieder neu zu bestehen – diese Trauer ist bei mir gut aufgehoben und ich werde sie in dir verwandeln und dich neu die Wege des Lebens gehen lassen!“

    Ihr Lieben! Die Erinnerungen an die Möllberger Kirche werden auch in Zukunft immer noch schmerzen, aber der Segen, der hier gesprochen wurde, die Taufen und Konfirmationen, die hier gefeiert wurden, werden nicht ungeschehen. Weihnachten und Ostern bleiben gültig – unabhängig von sich wandelnden Strukturen der Kirche und unabhängig von den Gebäuden einer Gemeinde. Und der liebende Blick Gottes auf seine Kirche, seine Gemeinde und alle ihre Glieder wärmt unsere Seele. Wir gehen unter Gottes Segen weiter durch die Zeit, um seine Verheißung und die Botschaft seines Evangeliums weiter zu tragen. Das ist das Wichtigste, darauf kommt es an! Amen.

    Die Kerzen sind aus! Das sagt ALLES!

  • 25 Jahre Pfarrer in Möllbergen

    Am 3. Advent vor 25 Jahren wurde ich in die 2. Pfarrstelle der damaligen Kirchengemeinde Holzhausen an der Porta eingeführt: „meine Möllberger Pfarrstelle“. Und was ist seitdem alles gewesen!

    Heute haben mich viele daran erinnert und mir zu diesem Jubiläum gratuliert. Herzlichen Dank!

    Was aber wäre ich ohne Euch: ohne die Kolleg*innen und vor allem ohne die vielen, vielen Ehrenamtlichen, die mich seit so vielen Jahren unterstützend begleiten, und ohne meine Familie! Habt vielen, vielen Dank! Ich weiß mich von Euch mit getragen.

    Auf dem Bild ein Teil des Bezirksausschusses HuHaP: Ihr alle seid großartig!

    Bei INSTA ist das Taizé-Lied „Voici Dieu, qui vient à mon secours“ hinterlegt (siehe unten). Es ist inzwischen so etwas wie mein Motto geworden. Ich liebe es sehr:
    „Voici Dieu, qui vient à mon secours, le seigneur avec ceux qui me soutiennent. Je te chante, toi qui me relèves. Je te chante, toi qui me relèves. – Gott ist mein Helfer, der Herr beschützt mich. Ich will dir singen, denn du hast mich wieder aufgerichtet.“ (Psalm 54,6 und Psalm 30,2)