• Gott hat berufen, dazuzugehören … Glaube, der sogar weiter reicht als der Tod

    Predigt über 2. Timotheus 1,7-10 am 16. Sonntag nach Trinitatis 2026 (20. September) in Holtrup und Eisbergen

    Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
    Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Brief des Paulus an Timotheus, im 1. Kapitel:

    7 Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Schäme dich also nicht, als Zeuge für unseren Herrn aufzutreten. Und schäme dich auch nicht für mich, weil ich seinetwegen in Haft bin. Sei vielmehr bereit, mit mir für die Gute Nachricht zu leiden. Gott gibt dir die Kraft dazu.
    9 Er hat uns gerettet und dazu berufen, zu seinen Heiligen zu gehören.
    Das geschah nicht etwa aufgrund unserer Taten, sondern aus seinem eigenen Entschluss – und aus der Gnade, die er uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt hat. 10 Aber jetzt wurde diese Gnade offenbar durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus. Er hat den Tod besiegt und durch die Gute Nachricht unvergängliches Leben ans Licht gebracht.

    (Vers 7: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart; Verse 8-10: BasisBibel, © 2021, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

    Großer Gott, dein Heiliger Geist ist Herr über Reden und Hören. Segne unser Bemühen durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Gott hat berufen, dazuzugehören. Dazugehören – das ist in unserer heutigen Zeit ein ganz besonderes Wort, denn die Frage, wer zu einer Gruppe, zu einem Land oder auch einer Religionsgemeinschaft dazugehört, hat in den letzten Jahren immer wieder zu zum Teil heftigen Diskussionen geführt: Wie schnell sind Menschen dabei, zu fragen, ob jemand genug oder das Richtige glaubt, um zu einer religiösen Gemeinschaft zu gehören; wie schnell fragen Menschen, ob jemand die richtige Kleidung trägt oder das richtige Outfit hat, um zu einer besonderen Gruppe dazuzugehören; wie erschreckend intensiv wird in den letzten Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft bei Menschen infrage gestellt, die etwas anders aussehen, als man es in einer etwas unbestimmten Vergangenheit erwarten konnte!

    Dazugehören: Es ist ein urmenschliches Bedürfnis, dass Menschen wissen wollen, wo sie hingehören und wer zu der eigenen Gruppe gehört. Bei Fans von Fußballvereinen ist das sehr schnell klar, denn da sind die Vereinsfarben das Erkennungsmerkmal. Bei vielen Gruppen gibt es ein Wappen oder ein anderes Zeichen, das getragen wird, an dem jemand erkennen kann: Er oder sie gehört dazu. Und bei der deutschen Staatsangehörigkeit ist es bestimmt nicht eine wie auch immer biologische Abgrenzung, die dass klärt, sondern einzig und allein, wer sie in seinem Pass oder Ausweis stehen hat: weil er oder sie in das Deutschsein hineingeboren wurde oder weil er oder sie diese Staatsbürgerschaft verliehen bekommen hat.

    Dazugehören – für Christinnen und Christen ist die Frage, ob sie zur christlichen Gemeinschaft dazugehören, allerdings etwas, das nicht einfach in ihrer Macht liegt. Denn auch wenn Menschen sich entscheiden, sich taufen zu lassen, wenn Eltern das auch für ihre Kinder entscheiden, so geht dieser Entscheidung immer schon das JA Gottes zu diesem Menschen voraus. Er – also Gott – beruft in diese Gemeinschaft.

    Das ist ein wenig so, wie wenn bestimmte Stellen besetzt werden: wenn Richter an ein Verfassungsgericht berufen werden; wenn Professoren auf einen Lehrstuhl berufen werden; auch wenn Pastorinnen und Pastoren auf eine Pfarrstelle berufen werden. Die Personen bewerben sich zwar auch, aber die Berufung geschieht dann durch eine übergeordnete Stelle. Und für die christliche Gemeinschaft ist es eben nicht der Pastor oder die Kirchengemeinde, die entscheiden, ob jemand getauft und damit in die weltweite Gemeinschaft aufgenommen wird; die Berufung geschieht in diesem Fall von wirklich ganz, ganz oben!

    Gott ist absolut frei, jeden Menschen zu berufen: völlig unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, von Geschlecht und Orientierung, von theologischer Bildung und Frömmigkeitsstil. So schafft sich Gott eine unendlich vielfältige Kirche, die in Jesus Christus gegründet ist. Christus ist das alles und allein entscheidende Kriterium.

    Er – also Gott – beruft in diese Gemeinschaft, und zwar schon lange, bevor diese Menschen überhaupt den Gedanken gehabt haben und bevor sie sich diese Gemeinschaft durch irgendwelche Taten hätten verdienen können. So wie ein kleines Kind, das getauft wird, noch nicht fragt: Bin ich würdig genug, habe ich genug gebetet oder bin ich oft genug im Gottesdienst gewesen – so beruft Gott aus eigener Macht Menschen nicht aufgrund der bisherigen Taten, sondern aus seinem eigenen Entschluss und seiner unendlichen Gnade. So dürfen wir wissen: Bei Gott werden wir nicht nach unseren Leistungen bewertet, bei Gott haben wir jeweils unsere ganz eigene Würde, die über jeden messbaren Wert hinaus geht. Wir sind in Gottes Augen kostbar – nicht nur messbar mit einem Wert belegt und deshalb wertvoll; nein: Wir sind kostbar – und das heißt, nicht bezahlbar und nicht mit Gold aufzuwiegen.

    Gott beruft, zu den Heiligen zu gehören! Das wiederum ist für uns etwas ganz Wertvolles und Kostbares. Auch wenn wir feststellen müssen, dass es für viele Menschen nicht mehr so erstrebenswert scheint, zu dieser Gemeinschaft dazuzugehören. Ich vermute, es liegt daran, dass diese Menschen kein Gespür mehr haben, was es bedeutet, zu den Heiligen Gottes zu gehören; dass die Zugehörigkeit zur Kirche eine Hülle geworden ist, die aber innen hohl ist. Wie wäre aber die Gemeinschaft der Heiligen, in die Gott uns beruft, zu füllen? Das schreibt der Apostel im ersten Satz unseres heutigen Predigttextes: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

    Ich finde es unendlich wichtig, dass in diesem Satz der Plural steht: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht.“ Es ist die Gemeinschaft der Getauften, der eine Verheißung gegeben wird, die durch Furcht und – wie es in der Basisbibel heißt – durch Verzagtheit trägt. Manchen wir uns doch nichts vor: Es gibt ja so vieles, was uns ängstlich und verzagt werden lassen kann: der Umgangston im politischen und gesellschaftlichen Leben; der Ausgang von Wahlen, wenn Strömungen an der Macht beteiligt werden, denen die Würde mancher Menschen völlig gleichgültig ist; die Gewalt in Kriegen rund um den Erdball; die wirtschaftlichen Sorgen, weil Menschen nicht genau wissen, wie sie sich und ihre Familie versorgen sollen; die Auswirkungen des Klimawandels mit Hitzetoten und mit zu wenig oder zu viel Regen. Die Liste lässt sich leider noch verlängern und ausdifferenzieren.

    Und all diesen Verzagtheiten, all diesen Furchtsamkeiten setzt der Apostel seine Überzeugung entgegen, indem er an das erinnert, was unsere Taufe und damit unsere Gottesbeziehung als Gemeinschaft ausmacht: Der Gemeinde Gottes ist der Heilige Geist nicht nur verheißen, sondern schon gegeben. Wir haben den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit schon erhalten.

    Den Geist der Kraft, um standhaft zu bleiben: Bei allen Anfeindungen, die wir erleben mögen, bei allen Anfechtungen, die uns durch Krankheit, Unfälle oder andere Schicksalsschläge treffen können.

    Den Geist der Liebe, um erst einmal – so viel an uns liegt, wie Paulus im Römerbrief schreibt – mit allen Menschen in Frieden zu leben, liebevoll und behutsam umgehen zu können, so schwer es uns vielleicht auch fallen mag.

    Den Geist der Besonnenheit, um nicht einfach den ersten Regungen unserer Emotionen – dem berühmten Bauchgefühl – nachzugeben, sondern innerlich einen Schritt zurückzutreten, um die Sache mit den Augen des Glaubens anzusehen und im Licht des Evangeliums zu bedenken.

    Das ist uns als christlicher Kirche gegeben. Das ist es, was wir als unser Vertrauen, als unseren Glauben bekennen – einen Glauben, der sogar weiter reicht als der Tod, den Jesus Christus überwunden hat. Amen.

  • … unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht

    © PaToWi –Geschmücktes Festzelt auf Schröders Hof

    Predigt zum Erntefest auf Schröders Hof „Am Anger“ in Holtrup über Psalm 36,8

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Erntefest in Holtrup: Das heißt Freude über alles, was nach der Ruhe des Winters und der Saat in den letzten Monaten gewachsen ist, was Frucht gebracht hat und gereift ist, was jetzt und in der nächsten Zeit geerntet werden kann. Denn die Ernte ist ja noch nicht ganz vorbei: Zuckerrüben und Mais sind die beiden noch ganz offensichtlich ausstehenden Feldfrüchte, die noch auf den Feldern stehen.

    Und dann heute Morgen Gottesdienst beim Erntefest: Dass wir im Rahmen dieses Festes Gottesdienst feiern, heißt, wir wissen, wem wir das, was wir ernten, zu verdanken haben. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ So werden wir es mit „Wir pflügen und wir streuen“ singen, dem Lied, das wie kein anderes im Gesangbuch und in unserer Tradition mit der Ernte verbunden ist, auch wenn es – wenn man den Text einmal genau betrachtet – ein Frühlingslied zur Aussaat ist, das den Blick zu dem lenkt, was dann noch nötig ist: Tau und Regen, Sonn- und Mondenschein: Segen auf dem Feld in Wachsen und Gedeihen; Segen, der schließlich im Brot für uns Menschen sein Ziel findet. Alles ist Gottes Schöpfung bis hin zum schönen Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm – Aprilwetter eben.

    So vollzieht sich immer wieder neu der Wechsel von Saat und Ernte – zusammen mit Wachsen im Frühsommer und Ruhen im Winter. So scheint es. Aber schon immer ist die Schöpfung bedroht – das zeigt exemplarisch die Urgeschichte im 1. Buch Mose – diese so tiefgründige biblische Aufarbeitung der menschlichen Existenz. Die Sintflutgeschichte mit Noah und der Arche zeigt uns nicht nur ein fernes, vergangenes, sagenhaftes Geschehen. Diese Geschichte zeigt als Urtyp, dass Gottes Schöpfung schon immer durch die Bosheit der Menschen bedroht ist. Und es zählt zu den wunderbaren, zukunftsweisenden Tatsachen unseres Glaubens, dass die Urgeschichte und mit ihr die ganze Bibel angesichts dieser Tatsache nicht in depressiver Verzweiflung versinkt.

    Denn Gott gibt ein Versprechen: Gott verspricht, er werde keine weitere Sintflut schicken, so sehr die Bosheit der Menschen auch zum Himmel stinkt. Vielmehr garantiert Gott für seine Seite den Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels, wie wir in der Gnadenzusage gehört haben: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

    Trotzdem machten und machen sich die Menschen Sorgen: Denn es ist doch sehr fraglich, ob die Menschen sich bewusst sind, dass es nun ihre Sache ist, darauf zu achten, dass die Bosheit im Zaum gehalten und so der Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels gewährleistet bleibt. Das ist – gewissermaßen – die Kehrseite von Gottes Versprechen. Gott sagt den Menschen: „Jetzt seid Ihr dran! Seht zu, dass ihr es nicht vermasselt!“

    Manche denken vielleicht: „Es ist ja noch immer gut gegangen.“ Ich mache an diesen Satz so meine Fragezeichen. Und viele Menschen machen sich heute Sorgen: Der Ton in unserer Gesellschaft ist viel rauer geworden; einander zuzuhören und zu sehen, was hinter den Aussagen der Menschen an Sorgen und Ängsten steht, ist irgendwie viel schwieriger geworden; ganz schnell sind wir – oft ohne es zu merken – bei einem „wir“ auf der einen Seite und einem „die anderen“ auf der anderen Seite – mit einem garstigen Graben dazwischen; wir sind oft nicht mehr bei einem „Ich“ und einem „Du“, um gemeinsam „Wir“ zu sagen. Und das gilt im Großen der Weltpolitik ebenso, wie auf den unterschiedlichen Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Miteinanders und den ganz kleinen Formen des Miteinanders von Dorfgemeinschaft und Verein, Arbeitsplatz, Schule und Familie. Aufmerksamkeit bekommt nicht unbedingt, wer recht hat; sondern, wer provoziert. Und wenn eine Behauptung erst einmal in der Welt ist, setzt sie sich fest, so falsch sie auch sein mag.

    Aber nicht nur im menschlichen Miteinander verändert sich vieles: Auch in der Natur gibt es vieles, was sich verändert: Der trockene Sommer mit seinen Begleiterscheinungen wie Wassermangel und Waldbränden in noch nicht gekanntem Ausmaß macht ebenso nachdenklich wie die Tatsache, dass – wenn es denn einmal regnet – gleich so viel Wasser vom Himmel kommt, dass es des Guten zu viel ist. Vieles wird inzwischen früher reif als noch vor zehn, zwanzig Jahren: Äpfel und Birnen so ungefähr zwei Wochen früher, Sonnenblumen sind jetzt schon fast verblüht, kaum ein Gedanke, zum „offiziellen“ Erntedankfest Anfang Oktober noch welche zu finden.

    Und schließlich ist die „güldne Sonne voll Freud und Wonne“, von der wir so gerne singen, – also die Garantin für all das Wachsen und Gedeihen – zumindest für uns Menschen immer gefährlicher geworden: Gab es vor 40 bis 50 Jahren Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 1 bis 6, ist heute Lichtschutzfaktor 50 an der Tagesordnung, viele Menschen tragen uv-abschirmende Kleidung und Braunwerden ist – das wissen wir inzwischen – nicht wirklich empfehlenswert, denn die schädliche UV-Strahlung kommt immer besser durch die Atmosphäre auf unsere Haut und kann richtig Schäden anrichten.

    Ich singe hier und heute kein Lied des Jammers, dass alles schlechter wird, was einmal in der sogenannten „guten alten Zeit“ gegolten und funktioniert hat. Ich trage vielmehr beides in mir: Die Freude über die Ernte, die Freude über das Wunder von Wachsen und Gedeihen auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Erkenntnis, dass das, was einmal unverrückbar fest gefügt erschien, eine sehr kippelige Angelegenheit ist, die viel schneller aus dem Gleichgewicht geraten kann, als das bisher vorstellbar war.

    Der Psalmabschnitt aus Psalm 36, der den Schlusspunkt zu unserer Gottesdienstreihe „beschirmt und behütet“ setzt, entbindet uns Menschen nicht von unserer Verantwortung für unser Tun und Lassen. Dieses Loblied auf Gottes Güte zeigt uns aber, wo wir in unserer Unsicherheit Zuflucht nehmen können: Diese Güte Gottes, die so weit reicht, wie der Himmel, das unendliche Weltall ist, und die so köstlich ist, die also so unendlich gut schmeckt – so viel besser als jedes Eis oder jedes Stück Fleisch oder alles Gute dazwischen – diese Güte Gottes steht eben doch über allem, was Menschen tun. Wir dürfen, ja: Wir sollen Zuflucht bei Gott suchen.

    „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“ Wir alle – der Psalmbeter und die Psalmbeterin spannen einen ganz weiten Bogen, denn außer dem Wort „Menschenkinder“ steht da nichts, was diese Menschen sein müssen, um zu Gott kommen zu dürfen. Und dieser Gott hilft: Menschen und Tieren; Gott teilt seinen Reichtum einfach so aus.

    Und wie sieht er aus, dieser Hoffnungsort, dieser Gott? Wo ist er? Ohne Bilder ist dieser alles umfassende Gott nicht zu beschreiben. Und die Beterin des Psalms benutzt ein Bild aus dem Tierreich: So wie die Schwinge eines Vogels alles abdeckt, was für Jungvögel lebenswichtig ist – so ist Gott: Wir Menschenkinder sind unter dem Schatten des – im wörtlichen Sinn – alles umfassenden Flügel Gottes geborgen: behütet und beschirmt vor grellen, geradezu tödlichen Strahlen.

    Alles gut? Jein. Der Schutz unter Gottes Flügel bedeutet nicht einfach, dass wir in einer Wohlfühloase gelandet sind, in der wir es uns gut gehen lassen könnten. Dieser Schatten unter Gottes Flügel ist einerseits natürlich Hoffnungsort und andererseits ist dieser Schatten aber auch Handlungsort für das, was getan werden muss, damit wir unseren Teil der Aufgabe aus der Urgeschichte erfüllen und unsere Verantwortung wahrnehmen: die Bosheit der Menschen im Zaum zu halten und so den Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels gewährleisten.

    So und nur so werden wir satt – wie die viertausend auf dem Feld bei Jesus, der die Hungrigen mit dem Wort Gottes und anschließend auch mit Brot und Fisch speist; wie die Menschenkinder unter dem Schatten der Flügel Gottes, die die reichen Güter des Hauses Gottes genießen dürfen. Daran erinnern wir uns jedes Jahr neu, wenn wir Erntefest feiern. Mögen wir unter dem Schatten von Gottes Flügel die Kraft finden, auch als Menschenkinder und Kinder Gottes zu leben! Amen.

  • Gott behütet dich

    Predigt im Rahmen der Sommerkirche 2026 über Psalm 121,5.7.8

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister in Christus!
    Ein Bild – ein Bild, in dem einige eine alte Frau mit zerknautschtem Gesicht erkennen und andere eine junge Frau mit zarten Proportionen und eleganter Kleidung. Der Titel lautet: „Meine Frau und meine Schwiegermutter“; es wurde von dem amerikanischen Illustrator William Ely Hill geschaffen und erschienen zuerst in dem Magazin Puck im Jahr 1915.

    Es kommt darauf an, was jemand zuerst gesehen hat. Manchmal dauert es eine richtig lange, bis Menschen die jeweils andere Sicht gefunden haben. Manchmal gelingt es sogar gar nicht! Das Schöne an diesen Bildern ist: Es gibt kein richtig oder falsch! Beide Sichtweisen sind ja von dem Künstler gewollt; es liegt in der Natur der Sache!

    Auf eine sehr ähnliche Art funktionieren solche Spielereien auch mit Texten. Ganz oft sorgt die Betonung der einzelnen Worte oder Satzteile, wie jemand einen Satz versteht. Oder es ergibt sich jeweils ein anderer Sinn, je nachdem, wo ein Komma gesetzt wird oder nicht. Eine der sehr bekannten, etwas sarkastischen Varianten ist unter der Überschrift „Satzzeichen retten Leben“ der Satz: „Komm, wir essen, Opa!“ Wer vor dem Opa das Komma weglässt – o je!

    Das ging mir durch den Kopf, als ich mich mit dem Psalm beschäftigt habe, der heute im Mittelpunkt steht. Der Anfang von Psalm 121 lautet: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Schon in der 1984er Lutherbibel, mit der ich in gewisser Weise groß geworden bin, steht diese Übersetzung, und in der 1975er Revision ebenfalls. Allerdings immer mit dem Hinweis, dass Martin Luther – weil er die lateinische Übersetzung der Bibel als Übersetzungshilfe neben sich liegen hatte – ursprünglich formulierte: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.“

    Es ist ein Aussagesatz, wie er in der über eine lange Zeit gültigen Lutherübersetzung aus dem Jahr 1912 gestanden und so oft als Konfirmationsspruch oder als Trauspruch vergeben wurde: Der Ort, von dem her mir Hilfe kommt, wo Gott also gewissermaßen wohnt, das ist hoch oben in den unzugänglichen Bergen; da, wo ein lokaler Berg- und Wettergott eben wohnt; vor allem da, wo Menschen normalerweise nicht hingehen, weil das Gelände und die Nähe zu Gott zu gefährlich wären. Aber: Von dort her ist Hilfe zu erwarten!

    Und die Hilfe kommt nicht nur von einem eher unbedeutenden lokalen Berg- und Wettergott, sondern – und das macht der Beter des Psalms dann im 2. Vers deutlich – von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Drunter geht nicht. Es ist eben der alles umfassende Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde; der Gott, der Israel zu seinem Erbteil erwählt hat und mit dem dieser Gott einen ungekündigten Bund geschlossen hat. Und so habe ich diese Stelle durch die eingefügte Erklärung auch immer verstanden. Ich habe diese Stelle gewissermaßen mit einer Lutherbrille betrachtet.

    Aber was machen Menschen, die da wohnen, wo es keine Berge gibt und die deshalb ihre Augen nicht zu den Bergen, dem Sinnbild für Gottes Gegenwart und Stärke erheben können? – So könnte man scherzeshalber fragen! Nun: Nicht nur für diejenigen, die keine solchen realen Berge zum Aufsehen habe, gibt es dann noch die zweite Deutungsmöglichkeit, die ich eben erst jetzt bei der Vorbereitung dieser Predigt für mich entdeckt habe.

    In dieser zweiten Deutungsmöglichkeit des ersten Verses handelt es sich bei den angesprochenen Bergen nicht um den Wohnort Gottes, sondern um die Berge, die sich vor mir auftürmen und von denen ich meine, dass ich sie gar nicht überwinden kann. Es sind die Berge von Problemen, die ich habe und für die ich dringend Hilfe brauche, weil ich sonst mein Leben nicht schaffe und auf die Reihe bekomme.

    Je länger ich diese zweite Sicht wahrnehme, desto wichtiger finde ich, dass sie in der Bibel vertreten ist. Denn es gibt so viele Menschen, die vor schier unüberwindlichen Bergen stehen und nicht wissen, wie alles funktionieren soll. Es sind die Menschen, die in ihrer Existenz bedroht sind, die verzweifelt fragen, rufen, schreien oder vor Kraftlosigkeit nur noch flüstern, woher denn die Hilfe kommen soll! Und genau denen wird geantwortet, woher sie Hilfe zu erwarten haben.

    Es steht nichts davon da, wer genau die Menschen sind, die auf Hilfe hoffen. Der einzige Hinweis ist in der liturgischen Fassung, die wir heute Morgen gesprochen haben, nicht wiedergegeben: Es ist eine Art Regieanweisung, ein Hinweis auf den Sitz im Leben dieses Psalmes: Es handelt sich bei Psalm 121 um ein Wallfahrtslied, um ein Lied für die Pilgerreise.

    Wallfahrten und damit Pilgern ist ja nicht nur eine heutige oder mittelalterliche Form von Spiritualität. Schon immer sind Menschen zu heiligen Orten gewandert, weil sie sich davon Nähe zu ihrem Gott und damit Heil und ganz oft auch Heilung versprochen haben. Auch im Volk Israel hat es solche Pilgerreisen gegeben – ganz besonders zum Tempel in Jerusalem. Manche Ausleger sehen die Eingangsfrage des Psalms und die Antwort im 2. Vers mit all den Segensworten, die sich anschließen, ganz besonders am Jerusalemer Tempel verortet, wenn die Pilger endlich dort angekommen sind.

    Aber es hat bestimmt auch andere Gelegenheiten gegeben, bei denen dieser Psalm erklungen ist. Und in der christlichen Tradition ist dann der ganze Lebensweg als eine Pilgerreise zu Gottes himmlischem Heiligtum verstanden worden. Die heiligen Orte – allen voran Jerusalem aber dann auch Rom, Santiago de Compostella und viele andere – waren somit immer nur „vorletzte Ziele“.

    „Woher kommt mir Hilfe?“ Die existenzielle Not hat Menschen immer wieder so fragen lassen – bis heute. Und sie bekommen bis heute eine Antwort: Hilfe kommt von Gott – dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der deshalb größer ist als alle anderen Götter damals und heute und zu allen anderen Zeiten.

    Gott bewahrt davor, zu stolpern, zu straucheln und dann liegen zu bleiben, – damit wir am Ziel unseres Lebens ankommen.
    Gott schläft nicht, er schlummert noch nicht einmal. So ist er immer aufmerksam und bekommt er alles mit, was den Menschen geschieht – ein kleiner Seitenhieb auf den kanaanitischen Gott Baal, der anscheinend geschlafen hat, als Elia die Baalspriester zum Wettkampf aufgefordert hatte und der nicht geantwortet hat.

    Der Herr behütet dich – ja, wir sind beschirmt unter einem Hut, unter einem Schirm, wie auch immer! Denn wie wichtig ist der Schatten in einem Land, wo die Sonne oft noch so viel unbarmherziger scheint, als bei uns in den letzten Tagen! Und Gott beschattet auch in der Nacht, sodass die schädlichen Einflüsse des Mondes nicht wirksam werden können.

    Schließlich richtet sich der Blick in die Zukunft – der Zuspruch für die Gegenwart wandelt sich in Segen für den weiteren Weg. Der deutsche Konjunktiv mit „behüte dich“ hat dabei nicht weniger Gewissheit als der bestimmte Indikativ „behütet dich“. Es ist der Hinweis, dass es bei allem nicht auf die Menschen ankommt, sondern dass alles in der Macht Gottes liegt.

    Aus Sicht des Psalmbeters ist es natürlich immer der Tempel, das Heiligtum in Jerusalem, von dem aus es ganz behütet und beschirmt nach der Pilgertour wieder hinaus in die Welt geht, damit sie dann mit der nächsten Pilgerreise wieder zum Heiligtum, gewissermaßen nach Hause zurückzukommen.

    Es ist vielleicht aufgefallen: In diesen Psalm beschirmt und behütet Gott, aber er schiebt die Berge, die ich meine nicht bezwingen zu können – nicht einfach weg; sie sind – vielleicht zur Enttäuschung von manchen – immer noch da. Da ist die Bibel sicherlich sehr realistisch und macht Gott nicht zu einem Zauberer, der alle Schwierigkeiten auflöst. Denn das würde ja auch der Erfahrung der Menschen total widersprechen. Aber mit Gottes Hilfe sind die Problem-Berge zu ersteigen und vor allem zu überwinden. Das ist die Blickrichtung, das ist die Perspektive, die uns die Betenden von Psalm 121 seit Jahrhunderten immer wieder neu ermöglichen. Wir sind behütet und beschirmt! Amen.

    Zum Gottesdienst:
    Vorspiel: Meditation zu „Ich seh empor zu den Bergen“
    1. Lied: „Ich seh empor zu den Bergen“ (Text: Ute Passarge, Musik: Andreas Lettau; #lautstärke 39)
    Psalm 121 (Luther 2017)
    3-faches Kyrie mit Gedanken von Hartmut Handt aus „Lass mich fallen in dein Wort. Texte zu den Wochenpsalmen“ (Wuppertal 1995)
    Gnadenzuspruch: Römer 8,38-39
    Tagesgebet (nach einem Gebet von Christine Tergau-Harms aus: Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
    Judas 20-25
    „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (EG 591)
    Johannes 6,35-40
    Befiehl du deine Wege (EG 361,1+2+7; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
    Predigt
    Befiehl du deine Wege (EG 361,8+11+12; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
    Credo nach einer Psalmübertragung von Psalm 121 von Peter Spangenberg (in „Höre meine Stimme. Die Psalmen“, Hamburg 2023)
    „Ich heb mein Augen sehnlich auf“ (EG 296; Text Cornelius Becker; Musik: Johann Baptista Serranus)
    Fürbitten (nach einem Gebet von Katharina Wiefel-Jenner: Wochengebet der VELKD zum 8. So. n. Trin. 2026)
    „Ausgang und Eingang“ (EG 175; Text und Musik: Joachim Schwarz)
    Segen (Christine Tergau-Harms aus Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
    Nachspiel „Anker in der Zeit“ (Text und Musik: Albert Frey)

  • Osternacht 2026

    In diesem Jahr in Holtrup. Ich freue mich schon sehr!

  • Ein gesegnetes neues Jahr 2026!

    Die Jahreslosung für das Jahr 2026 trägt uns hindurch:

    „Gott spricht: Siehe ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)

    Jahreslosung 2026
    Foto: Westfenster im Dom zu Lübeck gestaltet von Lothar Quinte
    © PaToWi 2025