Predigt am 1. Weihnachtstag 2021

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Kind in der Krippe, dem Heiland der Welt!

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Es ist der Tagesspruch für das Weihnachtsfest und der Wochenspruch für die ganze Weihnachtswoche. In nur einem Satz fasst der Evangelist das in Worte, was wir zum einen aus der Weihnachtserzählung des Lukas vor Augen haben: das Gebot von Augustus, die Herbergssuche und die Geburt des Kindes, die Verkündigung an die Hirten mit dem Engel und deren Weg zum Stall. Eben ist sie noch einmal erklungen. Und zum anderen sehen wir, auch wenn sie in der liturgischen Tradition erst an Epiphanias dran sind, die Weisen aus dem Morgenland kommen und ihre Geschenke bringen.

Johannes geht mit seinem einen Satz noch viel weiter, denn in seinem „er wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ schwingt mit, dass es im Folgenden ja dann um den erwachsenen Jesus geht. Seine Herrlichkeit wird bis zur Erhöhung am Kreuz und bis zur Auferstehung in geradezu paradoxer Weise immer mehr an Strahlkraft zunehmen – je nachdem, aus welchem Blickwinkel die Menschen diesen Jesus Christus betrachten.

„Das Wort ward Fleisch!“ – Die Worte haben als Höhepunkt des sogenannten Johannes-Prologes einen ganz besonderen, für viele einen geradezu heiligen Klang.

Vielleicht deshalb haben die Revisions-Kommissionen 1984 und 2017 den Modernisierungsversuch von 1975 wieder rückgängig gemacht. Die hatten übersetzt: „Das Wort wurde Mensch.“ Gott selbst, der schon in seinem Wort hörbar und erfahrbar ist, wird ein Mensch, ein Mensch von Fleisch und Blut!

Das feiern wir Weihnachten. Und das ist etwas, was uns froh und getrost machen kann. Das will Hoffnung und Zuversicht schenken. Wir feiern nämlich nicht nur, dass da vor 2000 Jahren in Bethlehem eine wundersame Geburt geschah, damit sich heute Menschen streiten können, ob die Mutter des Kindes biologisch gesehen noch Jungfrau war oder nicht. Der Theologe Martin Nicol schreibt dazu so wunderbar: „Dass man auch nur eine Sekunde lang meinen kann, es ließe sich von der ‚Jungfrauengeburt‘ normal reden, ist mir unerfindlich. Die ‚Jungfrauengeburt‘, wie sie in fachbegrifflicher Nominalität genannt wird, ist das Mindeste, was an Anormalität aufzubieten ist, wenn Gott zur Welt kommt. In dieser Perspektive ist die Jungfrauengeburt kein Problem von Weltbild, modernem Denken und zeitgemäßem Verstehen. Sie gehört vielmehr zur poetischen Hülle, die die Bibel um ein Geschehen legt, das sich dem Verstehen entzieht.“

Wir feiern kein 2000 Jahre zurückliegendes biologisches Wunder. Wir feiern vielmehr, dass immer wieder neu diese Menschwerdung Gottes geschieht. Johannes Scheffler, bekannt als Angelus Silesius, der ‚Schlesische Bote‘ bekennt: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“ Immer wieder neu will Gott selbst in uns geboren werden. Gott wird Mensch – in, mit und durch uns hindurch.

Weihnachten ist deshalb ein Fest der Leibhaftigkeit. Die Hirten liefen, kamen und sahen sich an, was da in Bethlehem geschehen war. Und später die Könige: Sie brachten ihre Geschenke und beteten an. Das alles ist leibhaftiges Geschehen. Weihnachten geschieht, was jeder Mensch durchlebt hat: Geboren werden. Jedes Kind erinnert uns daran: Am Christfest kam Gott selbst zur Welt und wurde uns Menschen gleich.

Warum? Wir sollen ihm immer ähnlicher werden. Wir sollen immer tiefer in diese Erfahrung hineinsinken: Wir kommen aus Gott, wir leben als Menschen in dieser Welt und wir kehren zu Gott zurück. Leibhaftigkeit – der Berneuchener Tradition, aus der ich komme, ist das ein zentrales Anliegen: Leibhaftige Begegnung von Menschen: im Gottesdienst und bei Gruppen und Kreisen, beim KonfiCamp für die Konfirmandinnen und Konfirmanden; leibhaftige Einwohnung Gottes in den Menschen bei der Feier seines Mahles: Wir tun nicht nur so, wir essen und trinken; leibhaftige Vollzüge des Glaubens: Taufe mit echtem Wasser, das Stehen beim Gebet oder das Knien, für manche das selbst vollzogene Kreuzzeichen – so schwer das alles in dieser schwierigen Zeit durchzuhalten ist. Leibhaftigkeit als zentrale und wichtige Erfahrung: Es geht um so viel mehr, als theoretisch über Glaubenssätze oder Bibeltexte nachzudenken. Das ist alles auch wichtig, aber es ist die leibhafte Gemeinschaft, die uns in unserem Glauben durch das Leben trägt.

Am Christfest kam Gott selbst zur Welt und wurde uns Menschen gleich, wurde leibhaftiger Mensch. Warum? Wir sollen ihm immer ähnlicher werden. Und indem und weil Weihnachten in uns geschieht, vollzieht sich ein wunderbarer Wandel, die Rollen vertauschen sich erneut: Aus dem Kind, das an Weihnachten als kleiner Mensch zur Welt kommt und Gott leibhaft werden lässt, wird im Lauf seines Lebens Jesus von Nazareth, den wir als Christus und Messias, als Herrn und Heiland bekennen. Auch in uns klingt der Vers aus dem Johannes-Prolog nach: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Und durch Christus vollzieht sich der zweite Teil dieses neuerlichen Rollentausches: Wir werden durch Christus zu Gottes Kindern berufen – nicht irgendwann, sondern schon hier und jetzt.

Denn so schreibt der Apostel und Evangelist Johannes in seinem ersten Brief: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Mit diesen Worten des Johannes öffnet sich uns der Blick in die Zukunft – also auf das, was von Gott her auf uns zu kommt: Gott gleich zu werden, wie er zuvor uns gleich geworden ist. Das ist das Ziel, dem wir entgegengehen: die Einheit mit Gott, die uns dadurch eröffnet wird, dass Gott mit uns eins wurde und wird: als Kind, als leibhafter Mensch.

Gott geht nicht auf in unserer Leibhaftigkeit und unserem Menschsein, aber wir als Gottes Geschöpfe können uns nicht außerhalb Gottes stellen. So bleibt es immer die „weihnachtliche Aufgabe“ von uns allen, uns gemeinsam immer neu auszurichten auf den, der unter uns geboren wurde, der in uns neu geboren werden will und der uns als seine Kinder liebt, damit wir für andere leuchten und zum Licht in dunklen Zeiten werden. Amen.

Vielen Dank an Matthias Gössling, den Leiter der Gemeinschaft Sankt Michael für die Inspiration durch seinen Weihnachtsbrief.
Ebenso Dank an Martina Schwarz, in deren Predigtmediation zum Lukas 1,26-38 ich das Zitat von Martin Nicol gefunden habe (Timebreak und englisches Empowerment, in: Gött. Predigtmed. 76, S. 39); Originalzitat in: Martin Nicol, Fanfaren der Freude und Ankunft im Pianissimo (Lk 1.,26-33[34-37]38, in: Gött. Predigtmed. 71 (2016/2017). S. 36-38)

Predigt am Heiligen Abend 2021

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!
Nun ist es Weihnachten geworden – ich denke, bei vielen war es in diesem Jahr nicht so überraschend wie sonst. Denn die Frage, wie wir angesichts steigender Coronazahlen in diesem Jahr Weihnachten würden feiern können, hat ganz viele in den letzten Wochen beschäftigt.

Wie gut: Dass es Weihnachten wird, das hängt nicht von uns ab. Mit der Geburt des Kindes im Stall vor gut 2000 Jahren ist es Weihnachten geworden. Und wir dürfen uns in jedem Jahr neu daran erinnern, dürfen uns jedes Jahr neu in dieses Geschehen hinein nehmen lassen, mit dem sich Himmel und Erde verbinden.

Aber wie geschieht das? Reichen auf dem Weg dahin die Gefühle, die der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Weihnachtshits wie „Last Christmas“ oder „Coming home for Christmas“ oder ein Haus voller Lichterketten hervorrufen? Schon das Weihnachten im letzten Jahr mit all seinen Einschränkungen hat uns deutlich gemacht, dass es nicht nur um liebgewordene Rituale gehen kann, die den Zauber von Weihnachten aus der Kindheit jedes Jahr neu heraufbeschwören; dann wäre das Weihnachtsgeschehen und damit Gott in unserer kleinen Welt gefangen, dann hätten wir Gott sehr klein gemacht.

Wie aber werden wir hineingenommen in das Weihnachtsgeschehen? Es ist sicherlich etwas sehr Persönliches, um das es an Weihnachten geht. Angelus Silesius, der schlesische Bote Johannes Scheffler hat es in seinem kurzen Gedicht so wunderbar auf den Punkt gebracht. Er schreibt: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du gingest ewiglich verloren!“ Weihnachten geschieht: in mir und in dir – in jeder und jedem von uns – unabhängig von allen äußeren Vorbereitungen und Bemühungen, die wir selber machen können. Weil es schon einmal geschehen ist, kann Weihnachten auch heute wieder neu erfahren werden.

Aber es wäre viel zu kurz gegriffen, wollten wir Weihnachten auf einen kurzen, wenn auch heiligen Moment am Heiligen Abend 2021 beschränken, weil irgendwann irgendwo ein Kind geboren wurde. Die Nachricht von der Geburt des Heilandes, also dessen, von dem das Heil und Leben her kommt, hat Menschen schon immer verwandelt: angefangen von den Hirten auf dem Feld über die Weisen aus dem Morgenland bis hin zu denjenigen, die heute voller Sehnsucht auf Kraft und Zuversicht hoffen, um ihr eigenes Leben zu bestehen oder um anderen beizustehen, damit die ihr Leben bestehen können.

Weihnachten bedeutet beides: diese Botschaft für sich zu empfangen und sie dann an andere weiter zu geben. Und wie Jesus später nicht einfach nur Worte gemacht hat, sondern Menschen in ihrer Not ganz konkret geholfen hat, so wird auch unsere je eigene Weihnachtserfahrung nicht in erbaulicher Innerlichkeit stecken bleiben. Angesichts der großen Schwierigkeiten, vor die wir uns in dieser Welt gestellt sehen, wäre es fatal, wenn wir einfach nur „heile Weihnachtswelt“ fabrizieren würden. Der Klimawandel und seine Folgen und die immer noch großen Unterschiede zwischen Nord- und Südhalbkugel, das Auseinanderfallen unserer Gesellschaft und die Probleme, vor die die Pandemie uns nach wie vor stellt, erfordern Handeln aus der weihnachtlichen Gewissheit heraus.

Mut und Ermutigung dafür kommen aus längst vergangenen Zeiten, wenn der Prophet Micha für uns weihnachtliche Worte Gottes verkündet: 5,1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei. Er wird herrlich werden bis an die Enden der Erde. 4 Und er wird der Friede sein.

Diese Worte von Micha spielen vor allem bei dem Evangelisten Matthäus eine große Rolle, denn Matthäus stellt das Kind in der Krippe, sein ganzes irdisches Wirken als Jesus von Nazareth und seine Bedeutung für die ganze Welt und ihre Zukunft in einen Rahmen aus dieser Verheißung: Die Weisen aus dem Morgenland finden das Kind in der Krippe durch die Weissagung aus Micha; und Jesus nimmt in seiner großen Zusage, die das Matthäus-Evangelium beschließt, wiederum die Worte dieses Propheten auf und weitet sie noch aus: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“

So verbinden sich zwei Welten: die Verheißung aus uralter Zeit, die Menschen so vieler Generationen Hoffnung gegeben hat und bis heute Hoffnung gibt, auf der einen Seite mit einer Zusage auf der anderen Seite, die unsere Zukunft in den Blick nimmt: „bis an das Ende der Welt“. Weihnachten ist eben nicht „es war einmal“, es ist auch nicht die Wiederkehr des Ewiggleichen mit „the same procedure as every year“. Weihnachten ist heute, denn die Engel singen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Und Weihnachten ist eine in die Zukunft hin offene Geschichte. Nachdem wir uns das Jahr über in so vielem festgefahren haben und in so vielem stecken geblieben sind, geht es deshalb an diesem Weihnachten „Zurück in die Zukunft“!

Das Ziel dieser Zukunft ist Friede: Der Friede auf Erden, von dem die Engel in der Heiligen Nacht singen; der Friede, den Jesus den Jüngern verheißt und der so viel mehr ist, als ein Zustand, bei dem gerade kein Krieg ist! In Jesus Christus wird dieser Frieden konkret, er verkörpert ihn, er ist der Friede: das Kind in der Krippe, das allen Menschen zum Heil geboren ist, das für alle Menschen am Kreuz stirbt und aufersteht und Herr ist! Amen.

Unsere Gottesdienste Weihnachten und Jahreswechsel 2021-2022

Es gelten die jeweiligen Coronabestimmungen! Zur Zeit: 3-G-Regel.

Gottesdienste an Heilig Abend 2021

in Holzhausen (openair neben der Kirche)

16.00 Uhr Familiengottesdienst (Pfr. Schierbaum)
17.30 Uhr Christvesper mit Krippenspiel (Pfr. Schierbaum)

in Holtrup (openair auf Hof Kohlstädt)

15.00 Uhr Christvesper für Familien mit Kindern (Pfr. Willimczik)
16.30 Uhr Christvesper (Pfr. Willimczik) (Achtung: geänderte Uhrzeit!)

in Möllbergen (openair hinter der Kirche)

16.00 Uhr Christvesper für Familien mit Kindern (Gemref’in Starke) 
17.30 Uhr Christvesper (Pfr. Willimczik)

Heiliger Abend digital:

Am Heiligen Abend ist hier ein Video-Gottesdienst mit viel Musik und allen Pfarrern / der Pfarrerin aus unserer Region zu finden.

Gottesdienste 1. Weihnachtstag bis 2. Januar 2022 in der Region Porta Süd

25. Dezember 2021 – 1. Weihnachtstag 

7.00 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl in Möllbergen; Pfr. Willimczik 
10.00 Uhr Gottesdienst in Holzhausen; Pfr. Schierbaum 
10.00 Uhr Gottesdienst in Hausberge; Pfr‘in Kenter-Töns  
17.00 Uhr Gottesdienst in Veltheim; Pfr. Schulz 

26. Dezember 2021 – 2. Weihnachtstag 

10.00 Uhr Gottesdienst in Eisbergen; Pfr’in Kenter-Töns   
10.00 Uhr Gottesdienst in Holtrup; Pfr. Willimczik  
10.00 Uhr Gottesdienst in Lohfeld; Pfr. Schulz 

31. Dezember 2021 – Silvester 

17.00 Uhr Gottesdienst in Holzhausen; Pfr. Schierbaum 
17.00 Uhr Gottesdienst in Möllbergen; Pfr. Willimczik 
17.00 Uhr Gottesdienst in Eisbergen; Pfr. Schulz  
17.00 Uhr Gottesdienst in Veltheim; Pfr’in Kenter-Töns 

1. Januar 2022 – Neujahr 

17.00 Uhr Gottesdienst zum Neuen Jahr in Veltheim; Pfr. Schulz 
17.00 Uhr Gottesdienst zum Neuen Jahr in Holtrup; Superintendentin Goudefroy 

2. Januar 2022 – 2. Sonntag nach Weihnachten 

10.00 Uhr Gottesdienst in Lohfeld mit Chorprojekt; Pfr’in Kenter-Töns 

Predigt am 4. Advent 2021 über Lukas 1,26-38

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde am 4. Advent!

Es könnte vielleicht eine nette, aber knifflige Frage in einem Kreuzworträtsel sein: „Zusammenfassung des christlichen Weihnachtsfestkreises mit 2 Buchstaben“. Es ist noch keiner der beiden Buchstaben bekannt. Was könnte da wohl hinkommen? „Zusammenfassung des christlichen Weihnachtsfestkreises mit 2 Buchstaben“? Es gibt ja nur wenige Worte mit 2 Buchstaben und und alle, die auf JA getippt haben, hatten den richtigen Riecher. Ja, mit dem so kleinen Wörtchen JA wird alles auf den Punkt gebracht, was den Weihnachtsfestkreis mit Advent und den Weihnachtstagen, mit Epiphanias und den Sonntagen danach ausmacht.

Zuallererst zeigt dieses JA, dass Gott zu seinen Verheißungen steht, die er durch seine Propheten hat verkündigen lassen und die wir als Christinnen und Christen auf Jesus als den Christus, den Messias Gottes beziehen: Vom Reis, das aus Isais Stamm aufwächst über die junge Frau, die schwanger wird, und dem Licht, das in der Finsternis scheint bis hin zu dem kleinen Bethlehem, das Maleachi als den kleinen und doch so großen Ort der Geburt des Erlösers preist; vom König, der auf einem Esel einzieht, über die Füße der Freudenboten, die den Frieden verkünden, bis zum Vorläufer Johannes, der dem Messias den Weg bereitet. Gott steht zu seinem Wort und sagt JA!

Mit diesem JA zu seinen Verheißungen sagt Gott auch JA zu denen, die seine Verheißung bekommen und von ihm Hilfe und Trost, Zukunft und Hoffnung erwarten: die Menschen, die bis heute in vielen Finsternissen im Persönlichen und in dieser Welt unterwegs sind, die von Gott eine hoffnungsvolle Zukunft, Hilfe und Rettung erwarten. Zu diesen Menschen sagt Gott sein JA.

Als die Hirten auf dem Feld von Bethlehem aufbrechen, um die Geschichte anzusehen, die ihnen der Engel kundgetan hat, sagen sie durch ihre Tat ebenfalls JA und bekennen sich so zu der frohen Botschaft, die sie erfahren haben: Euch ist heute der Heiland geboren.

Ebenfalls in einem JA lässt sich die Erleichterung des greisen Simeon zusammenfassen, der sich am Ende seines Lebens am Ziel seines Wartens wissen darf, als die Eltern mit dem Jesuskind in den Tempel von Jerusalem kommen: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Und ebenso wird es mit der Witwe Hannah gewesen sein.

Nicht vergessen werden dürfen die Weisen aus dem Osten, dem Morgenland, die sich auf das Erscheinen des großen Sternes hin aufmachen, um den neugeborenen König der Juden zu suchen und ihn anzubeten.

Ausgehend von den Menschen, die direkt mit der Geburt des Jesus-Kindes zu tun hatten, haben seitdem unendlich viele Menschen zu Weihnachten und dem, was daraus mit Jesu Wirken und mit seinem Kreuz und seiner Auferstehung erwuchs, JA gesagt. Sie haben sich zu diesem Jesus von Nazareth als dem Messias und Gottessohn bekannt. Bis zu uns heute, denn sonst wären wir am 4. Advent 2021 nicht hier versammelt, sonst würden wir uns nicht darauf vorzubereiten, dass auch in diesem Jahr mit der Feier der Geburt Jesu das Geschehen von damals neu Gestalt annimmt und uns zu Leuten macht, in denen Gottes großes JA zu den Menschen Wirklichkeit wird.

Aber was wären all diese JAs, wenn nicht die eine JA gesagt hätte, deren Geschichte wir eben gehört haben und ohne deren JA das Kind Jesus nicht geboren worden wäre? Was wären die JAs wert gewesen ohne das JA der Maria, das in diese berührenden Worte: „Mir geschehe, wie du gesagt hast!“, gefasst ist? Ohne Maria und ihre Zustimmung zu der Zumutung, die Gott ihr durch seinen Engel abverlangt hat, wäre es mit allem, was folgen sollte, wohl schwierig geworden.

Versetzen wir uns in den Moment hinein, als der Engel zu Maria kommt und ihr diese ungeheuerliche Botschaft eröffnet: eine junge Frau: das hebräische Wort in der Jesajaverheißung bedeutet, dass sie gerade im damals heiratsfähigen Alter war, also etwa 13 oder 14; als junge Frau schwanger – ohne Mann, verlobt oder nicht, womit alle Tradition und Konvention über den Haufen geworfen werden, was ihr Leben komplett verändern würde. Und nicht irgendein Kind! Die Botschaft des Engels stellt alles Vorstellbare in den Schatten: Den König von Israel auf dem Thron Davids, den Sohn des Höchsten, den Sohn Gottes soll sie zur Welt bringen!

Dies ist die Maria, die ihr JA sagt. Aber wie lange hat es wohl gedauert: zwischen dem Ende der Engelrede: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“, und ihrem: „Siehe, ich bin des Herren Magd, mir geschehe, wie du gesagt hat.“? Minutenlanges schweigendes Überlegen? Spontane Zustimmung? Wenn ich an mich denke und meine allgemein bekannte Vorliebe, spontane Aktionen vorher gut zu durchdenken, könnte schon etwas Zeit vergangen sein. Aber vielleicht war Maria ja auch ganz anders. Und es war Lukas wohl auch gar nicht so wichtig, sonst hätte er es vielleicht wie in einem Bibliodrama ausgemalt.

Wir können Maria in diesem Moment vor uns sehen:
Maria, bei deren Namen wir uns wohl alle auch an Moses‘ Schwester Miriam erinnern, die mit ihrem Befreiungslied die Rettung des Gottesvolkes vor den Verfolgern am Schilfmeer besungen hat.
Maria, die vom Geist Gottes überschattet wird: also von jener Wolke, die nach dem Bericht aus dem 2. Buch Mose am Berg Sinai als Zeichen von Gottes Gegenwart das Zelt der Begegnung überschattete; von jener Wolke, die später bei der Verklärung Jesu auch die drei auserwählten Jünger überschatten sollte.
Maria, die sich wie Hannah, die Mutter des Propheten Samuel als Magd, genauer als Sklavin Gottes bezeichnet, was nach biblischer Tradition nur freie Menschen getan haben.
Maria, die so schon an dieser Stelle vorwegnimmt, was sie in ihrem großen Lobgesang wie eine Prophetin singen wird: das Lob des Gottes, der um der Gerechtigkeit und seiner Verheißungen willen die ungerechten Ordnungen dieser Welt in ihr Gegenteil verkehren wird, um der Barmherzigkeit zu ihrem Recht zu verhelfen.
Maria – die beispielhaft Glaubende, die in einer Linie mit Königen und Prophetinnen, mit Evangelisten und Apostelinnen steht.

Deshalb ist Marias „Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ kein passives Erdulden dessen, was Gott ihr durch den Engel anträgt; es ist kein „Über sich ergehen lassen“. Maria geht los auf ihrem Weg, der ihr Leben verändern wird, so wie sie nach der Begegnung mit dem Engel wirklich losgegangen ist, um ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen.

„Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ – Dieser Satz ist das große JA der Maria und damit der Auftakt zu ihrem aktiven Weg des Glaubens, der der Gerechtigkeit Gottes dient, wie es Maria dann singt.
„Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ Mit diesem Satz könnten wir bei Taufe oder Konfirmation auf die Verheißung Gottes mit seinem Zuspruch und seinem Anspruch antworten. Es wäre unser JA, also unsere Antwort auf unsere Berufung: die Frohe Botschaft von der Liebe Gottes, die Botschaft von seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in Wort und Tat an denen zu bezeugen, die Gott zu unseren Nächsten macht.

„Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ Machen auch wir uns auf und gehen wir mit Maria los; machen wir uns die Worte der Dienerin Gottes Maria zu eigen und sagen auch wir immer wieder neu zu Gott und seinem Glaubensweg mit uns: JA.
JA. Amen.