Predigt am 3. Advent 2021 über 1. Korinther 4,1-5

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde am 3. Advent!

„Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.“ So beginnt in der Lutherübersetzung unser Predigttext, den Ute Baumann eben gelesen hat. Der erste Gedanke, der mir dabei durch den Kopf ging, war ein alter Schlager: Jemand eine Idee?

Genau: Johanna von Koczians Lied aus dem Jahr 1977: „Das bisschen Haushalt macht sich von allein, sagt mein Mann! Das bisschen Haushalt kann so schwer nicht sein.“ Nur durch Ironie stellt die Sängerin die alten Rollenzuschreibungen in Frage. Bis dahin entsprach die Aufgabenverteilung zwischen Ehepartnern auch im Bürgerlichen Gesetzbuch dem Stand des Jahres 1900, wonach die Frau nur dann berufstätig sein durfte, wenn dies nicht mit ihren häuslichen Pflichten in Ehe und Familie kollidierte. 1977, im Erscheinungsjahr des Liedes trat in Deutschland dann endlich das „Erste Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts“ in Kraft.

Einen Haushalt in Ordnung zu halten, ist aber mitnichten nur ein unbedeutendes Anhängsel im Leben von Menschen. Und dabei ist es ganz gleich, ob es sich um eine kleine Wohnung handelt, wo alles im Weg liegt, was man nicht sofort wegräumt; oder ob es sich um eine große Wohnung mit unendlich vielen Zimmern handelt, wo man in diesem oder jenem mal schnell etwas verstecken kann.

Noch deutlicher wird es, wenn wir aus dem Haushalt einer Wohnung in den Finanzbereich wechseln: Da hat ein Haushalt schnell einen Millionen- oder Milliarden-Umfang und alle, die dafür verantwortlich sind, müssen genau Rechenschaft darüber ablegen, wie sie mit dem Geld umgegangen sind. Bei staatliche Haushalten entscheidet dann auch die Frage, wie gut eine Regierung mit den Finanzen umgegangen ist, darüber, ob sie wiedergewählt wird oder nicht. Aber alle, die in einem Verein oder auch hier in unserer Kirchengemeinde schon einmal Verantwortung für Geld übernommen haben, wissen, wovon ich rede.

Paulus geht es bei seiner Haushalterschaft aber nicht um Geld, es geht ihm auch nicht darum, ob im Gemeindehaus alle Töpfe abgewaschen sind oder ob in der Kirche Staub gewischt ist und die liturgischen Gewänder gereinigt und ordentlich aufgehängt sind. Die Geheimnisse Gottes, die ihm und anderen anvertraut sind, das sind andere Dinge. Oder besser: Es sind keine Dinge, keine materiellen Güter, sondern geistliche Schätze, und sie haben für Paulus einen unschätzbaren Wert.

Ich weiß nicht genau, wie Paulus es in ganz wenigen Worten oder Sätzen gesagt oder aufgeschrieben hätte. Neben den Antworten auf die Probleme der von ihm gegründeten Gemeinden nehmen seine grundsätzlichen Aussagen über den christlichen Glauben in seinen Briefen ja einen ganz großen Raum ein. Darum will ich es mit meinen Worten zu sagen versuchen.

Die Geheimnisse Gottes sind das glaubende Wissen, das vertrauende Glauben, dass in Jesus Christus Gott für alle Menschen zum Heil in diese Welt gekommen ist: Niemand braucht abseits zu stehen, der sich diesem Jesus Christus anvertrauen möchte. Gottes Geist verbindet alle, die an Christus glauben, und führt sie in der Gemeinschaft der einen Kirche zusammen. Und hier werden die beiden konkreten Geheimnisse wichtig, die das Leben der Kirche ausmachen: die Taufe, mit der Menschen in diese Gemeinschaft aufgenommen werden; und das Abendmahl, in dem Christinnen und Christen immer wieder neu Anteil an Jesus Christus bekommen und so für ihren Weg als Glaubende gestärkt und ermutigt werden.

Zu diesen Geheimnissen gehört dann auch, dass diejenigen, die von diesem Weg abgekommen sind, immer wieder neu zu Gott zurückkommen können, dass Gott diejenigen mit offenen Armen empfängt, die wie der zuvor verlorene Sohn sich ihm von Neuem anvertrauen wollen.

In Gottes Gemeinschaft eingeladen zu sein – als seine geliebten Kinder; an seinem Tisch willkommen zu sein – nicht als Gäste und Fremdlinge, sondern als seine Hausgenossen; und zu ihm zurückkommen zu dürfen – weil Gottes Liebe und Güte jeden Morgen neu sind: Das sind die Geheimnisse dieses Gottes, für die es gilt, gute Haushalterinnen und Haushalter zu sein.

Wer ist ein Haushalter der Geheimnisse Gottes? Klar, Paulus sieht sich selbst als ein solcher und mit ihm viele andere, die in Korinth und an vielen anderen Orten wirken. Aber auch schon vorher gab es sie. Gehen wir von Paulus gesehen zunächst einmal in der Zeit rückwärts:
Über Jesus müssen wir an dieser Stelle nicht sprechen. Denn Jesus ist als Sohn Gottes zuallererst Teil dieses Geheimnisses. Während seiner irdischen Zeit hat er dann aber auch wie kein anderer die Zuwendung Gottes zu den Menschen gelebt.

Aber da ist Johannes der Täufer, dem dieser 3. Sonntag im Advent gewidmet ist. Er war so ein Haushalter – ganz sicher. Ihm lag – in seiner ja etwas ruppigen Art: „Ihr Schlangebrut, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet?“ – doch sehr daran, die Menschen durch seine Taufe der Umkehr wieder zu einer lebendigen Beziehung zu Gott zurückzuführen.

Vor ihm waren es die Propheten – wie Elia und Amos, Jesaja, Jeremia und so viele andere, die sich immer wieder eingesetzt haben, dass die Weisungen Gottes für ein Leben im gelobten Land und in Freiheit vom Volk Israel auch eingehalten wurden. Diese Weisungen, die Tora, war in gewisser Weise über Jahrhunderte das Geheimnis von Gottes Bund mit Israel. Und diese Weisungen hatte der erste und einer der größten Haushalter der Geheimnisse Gottes in großer Treue und mit einer unglaublichen Kraftanstrengung über 40 Jahre auf der Wüstenwanderung dem Volk Israel gebracht und für sie bewahrt: Das war Mose.

Und seit Paulus? Immer wieder hat es diese treuen Haushalterinnen und Haushalter gegeben. Denn ohne die würden wir heute nicht hier in der Kirche sitzen und an die Liebe Gottes glauben, die in Jesus Christus erschienen ist. Da gibt es welche mit großen Namen: Augustinus und Gregor der Große, dem wir den gregorianischen Choral und damit unsere Kirchenmusik verdanken, Hildegard von Bingen und Hildburg, die hier bei uns so viele Kirchen gegründet hat, Martin und Katharina Luther, Dietrich Bonhoeffer und Marie Schmalenbach. Mindestens genauso wichtig sind aber auch die ohne die großen Namen: die Lehrerinnen und Pastoren und die unzähligen Väter und Mütter, die ihren Kindern den Glauben in all den Jahrhunderten treu und zuverlässig weiter gegeben haben.

Da wird deutlich: Haushalterinnen und Haushalter der Geheimnisse Gottes – das sind nicht irgendwelche andere Leute, zu denen man aufblicken muss. Haushalterinnen und Haushalter der Geheimnisse Gottes – das sind wir alle! Wir, die wir durch unsere Taufe zu Kindern Gottes und damit zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern am Reich Gottes berufen sind.

Und wer ist nun das, was Paulus einen guten Haushalter nennt? Paulus wagt es nicht, sich selbst einzuschätzen. Er war nach seiner Bekehrung vor Damaskus ein großer Eiferer, der mit einer ungeheuren Energie für den Glauben an Jesus Christus und damit für die Geheimnisse Gottes gearbeitet hat. Aber er ist sich nicht sicher, wie Gott urteilt. Und den Korinthern rät Paulus dringend, niemanden zu beurteilen oder gar zu verurteilen, was dessen Glauben und damit auch die Qualität seiner Haushalterschaft betrifft. Er ist sich sicher: Gottes Maßstäbe sind oft ganz anders als unsere.

Paulus weiß nur ein Doppeltes: Am Ziel der Welt wird zuerst alles vom Licht Jesu Christi beschienen sein: von dem Licht, das alles aufdeckt und offensichtlich macht. Aber Gott wird das alles mit seinem liebenden Blick ansehen. Und deshalb wird als Zweites Gott alle Menschen nach ihrem Verdienst loben. Das macht mich für uns alle unendlich zuversichtlich: Gottes Lob wird auch am Ziel unseres Lebens stehen.

Das sollte uns mutig und getrost machen, unsere Aufgabe als Haushalterinnen und Haushalter von Gottes Geheimnissen aktiv zu gestalten: unseren Glauben als lebendige Glieder der Kirche Jesu Christi zu leben. Amen.

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis über 1. Mose 50,15-21

Lesung des Predigttextes 1. Mose 50,15-21 vor der Predigt

Liebe Gemeinde!
Wenn etwas zu Ende geht, fragen sich Menschen, wie es weiter geht. Ein absolutes Ende kann sich niemand so wirklich vorstellen und Redewendungen wie „Kopfhoch, das Leben geht weiter!“ sprechen eine deutliche Sprache. Selbst am Ende eines Menschenlebens geht das Leben zumindest für die anderen weiter. Unter welchen Vorzeichen das Leben weiter geht, ist allerdings nicht so sicher. Das müssen auch die Brüder von Joseph gespürt haben, als ihr Vater gestorben war und damit der Garant für ihr Wohlergehen, denn dass Joseph nichts gegen seinen Vater tun würde, war immer klar gewesen. Aber nun?

Ja, sie hatten ihren Bruder aus Neid in die Sklaverei verkauft, und Joseph war durch seine Traumdeutungen zum höchsten Beamten des Pharao aufgestiegen, er hatte dafür gesorgt, dass nicht nur die Ägypter, sondern auch viele andere Menschen vom Hungertod verschont geblieben waren, er hatte sie alle – den Vater und alle Brüder und ihre Familien nach Ägypten geholt und ihnen ein gutes Leben ermöglicht. Aber nun, nachdem der Vater tot war, fühlten sie sich nicht mehr sicher. Irgendwie nagte das Gewissen an ihnen: „Steht unsere Schuld doch noch zwischen uns und unserem Bruder?“ Die Angst ist groß; so groß, dass die Brüder sogar ihren verstorbenen Vater zu Hilfe nehmen, um bei Joseph um gutes Wetter zu bitten.

Und die Frage ist bis heute aktuell geblieben: Bleibt das Böse, das wir tun – ob gewollt oder nicht – bleibt die Schuld, die wir auf uns laden, bestehen? Bleibt sie am Ende unseres Lebens auch zwischen Gott und uns stehen?

Joseph scheint mit allem gerechnet zu haben, nur nicht mit dieser Angst seiner Brüder. Aus seiner Sicht ist die ganze Geschichte ja gut ausgegangen – bei allen Tiefen, bei allen Dunkelheiten, die er in der Zisterne und im Gefängnis erleben musste. Sind die Schrecken dieser Erlebnisse bei Joseph verblasst? Wohl kaum. Aber Joseph kann rückblickend hinter allem die Handschrift Gottes sehen, der alles zum Guten gewendet hat.

Es ist von ganz großer Bedeutung, wer dieses: „Es war böse gedacht, aber Gott hat es gut gemacht!“ sagt. „Ich doch halb so schlimm gewesen und gut ausgegangen!“ So etwas aus dem Mund der Brüder wäre die Verharmlosung der Schrecken, die Joseph erdulden musste, und es würde das Böse relativieren und damit das Opfer des Bösen um sein Recht und seine Würde bringen.

Aber wenn Joseph das sagt, hat es einen ehrlichen und wahrhaftigen Klang. Von ihm gesprochen bleibt das Böse böse, wird nicht relativiert. Sein „Es war böse gedacht, aber Gott hat es gut gemacht!“ hebt das Böse auf eine andere Ebene, die ihm als dem Opfer des Bösen seine Würde lässt. Er als das Opfer des Bösen hat das Recht, so auf das Böse zu sehen und es zu beurteilen, nicht seine Brüder, die das Bösen verursacht haben.

Manches aus unserer gegenwärtigen Welt kann ich mir vorstellen, was ähnlich zu betrachten ist: Ich denke an die Zeit der Coronapandemie, die für viele Probleme und ganz große Nöte gesorgt hat, die Existenzen vernichtet und die zu Krankheit und Tod geführt hat; aus der heraus sich aber auch trotz allem anderen manches Positive entwickelt hat: neue Wege in der medizinischen Forschung, eine neue gesellschaftliche und kirchliche Sicht auf die Möglichkeiten digitaler Medien. Aber niemand hat das Recht, solches in den Himmel zu heben, ohne zumindest der Opfer der Pandemie zu gedenken und Lösungen und Hilfen für diejenigen zu finden, die die Last der Pandemie getragen haben und die inzwischen schon fast wieder vergessen sind.

Ich denke an das Gute, an den Reichtum, an das, was in Deutschland nach dem Ende der Nazidiktatur gewachsen ist, das aber nur dann gut genannt werden kann, wenn das Böse ebenso benannt und erinnert wird. Wer die Nazidiktatur zum Fliegenschiss der Geschichte relativiert und damit die Opfer dieser Gewaltherrschaft missachtet und verhöhnt, hat kein Recht zu sagen, dass aus Bösem Gutes erwachsen ist.

Das Böse muss als Böses benannt werden, so wie Joseph das tut. Er lässt seine Brüder nicht aus der Verantwortung für ihr Tun und Lassen. Aber er sorgt im Vertrauen auf Gottes Handeln dafür, dass das Böse nicht mehr zwischen ihm und seinen Brüdern steht. Er – Joseph, das Opfer ihrer Bosheit – darf das.

„Gott wollte tun, was heute Wirklichkeit wird: ein großes Volk am Leben erhalten. Fürchtet euch nicht.“ Die Worte Josephs lesen sich dabei nicht nur wie eine Zusammenfassung seines Leidensweges, der zu einem Weg des Lebens wurde. Fast möchte man diese Worte als deutenden Blick auf den Weg Jesu sehen: Denn Jesus ist seinen Weg durch Kreuz und Tod hin zur Auferstehung gegangen, damit auch über ihn am Ende gesagt werden kann: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“

Jesus Christus, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt, wie es Johannes der Täufer sagt und wie wir es in der Abendmahlsliturgie bekennen; Jesus, das Opfer unserer Sünde, spricht uns frei von unserer Schuld, damit sie nicht mehr zwischen Gott und uns und damit auch nicht mehr zwischen uns stehen muss. Sein Trost für uns ist der Trost Jospehs für seine Brüder: „Fürchtet euch nicht!“ Amen.

Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis – 20. Juni 2021 über Jona 4

Lesungen: Jona 4

Lesung 1: Jona 3,10-4,4

P: Liebe Gemeinde!
Das gänzlich Unerwartete geschieht und die Niniviten bekehren sich: Sie kehren um und ändern ihr Leben; eben nicht nur oberflächlich, sondern von Herzen. Und das Von-Herzen, das geht zu Herzen, denn es berührt Gott in seinem tiefsten Innern und alles, was vorher an Strafe im Raum stand, ist nicht mehr nötig.
Es ist ein wunderbares Bild, das sich vor meinem inneren Auge auftut: Wie die Menschen lachen und einander in den Armen liegen – vielleicht gerade die Menschen, die sich noch 40 Tage vorher feind gewesen waren und nun in der Zeit des Bedenkens erkannt haben, dass der Grund ihres Streites so klein ist im Vergleich zum wunderbaren Geschenk des Lebens, das sie alle nun bekommen haben.
So ein wenig stelle ich mir vor, wie das Leben wieder beginnt, wenn die Gefahr des Corona-Virus gebannt wäre und die Lebensfreude wieder einzieht. Ich meine eine Lebensfreude, weil Menschen wieder zu neuer Gemeinschaft zusammengefunden haben, weil sie es geschafft haben, die alten Gräben zu überwinden.
Ninive nach den 40 Tagen Buße – eine Stadt im Freudentaumel mit Autokorso und Hupkonzert wie nach gleichzeitig gewonnener Welt- und Europameisterschaft und einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen noch dazu. – Und dazwischen Jona: Finster und verschlossen sein Blick, die Arme trotzig vor der Brust verschränkt; je länger der 40. Tag dauert, desto häufiger stampft er mit dem Fuß auf und grummelt vor sich hin: „Unverschämtheit, das darf doch nicht wahr sein! Ich hab es ja gleich gewusst, dieser Gott ist so inkonsequent, dass es weh tut! Wie kann der nur so weich sein; da gehört ein Exempel statuiert, sonst tanzen die und alle anderen ihm nur noch auf der Nase rum!“ – Und alle, denen er begegnet, halten kurz in ihrer Freude inne und fragen sich verwundert: „Das ist doch der Prophet, der uns aufgerüttelt hat, der uns den Weg Gottes gezeigt hat! Warum freut er sich denn nicht mit uns, dass seine Predigt Erfolg hatte?“ Und sie machen einen Bogen um ihn und freuen sich weiter.
Wir stehen da und fragen uns die gleiche Frage: Warum freut sich Jona nicht mit den Niniviten; warum freut er sich nicht, dass seine Predigt gewirkt hat? Es kann doch für einen Prediger nichts Schöneres geben! Doch, kann es anscheinend schon: nämlich dann, wenn die Predigt sich nicht dem Sinn nach erfüllen soll, sondern nach dem Buchstaben.
Jona hat seine Untergangsprophezeiung als Bußpredigt gehalten. Und eine solche zielt dem Sinn nach auf die Umkehr der Menschen. Wenn das gelingt, hat sie ihren Zweck erfüllt, obwohl oder gerade, weil sie sich nicht wörtlich erfüllt hat. Gott konnte das Wort von der Vergebung sprechen, das zum Leben befreit.
Jona hatte bei seiner Predigt etwas anderes im Sinn: Er wollte die wörtliche, die buchstäbliche Erfüllung seiner Prophezeiung sehen. Das Wohl der Menschen in Ninive und ihr Schicksal waren ihm anscheinend vollständig egal. Es ist das Gesicht eines Fanatikers, das ich hier sehe, der lieber sterben möchte, als dass seine Wörter sich als falsch erweisen. „Meinst du, dass du zurecht zürnst?“ fragt Gott seinen Propheten. Eine mögliche Antwort wollen wir singen:

Lied „Schenke mir, Gott, ein hörendes Herz“ (#lautstärke 115)

Lesung 2: Jona 4,5-4,9a

P: Liebe Gemeinde!
Die fröhlichen Menschen kann Jona nun nicht mehr ertragen. Er zieht sich zurück, aber er geht nicht nach Hause. Natürlich ist die wüstenähnliche Ebene im Osten von Ninive ein eher ungemütlicher Ort. Aber das ficht Jona nicht an und er hält eisern an seiner Überzeugung fest: „Vielleicht spielt Gott ja doch nur mit den Niniviten, um deren Untergang dann nur um so dramatischer zu machen. Und dieses Schauspiel will ich mir dann nicht entgehen lassen.“ Anders als mit solchen Gedanken kann ich mir nicht erklären, warum er nicht einfach aufgibt und abzieht.
In diesem und dann auch im dritten Abschnitt dieses letzten Jona-Kapitels geht es gar nicht mehr wirklich um Ninive. Es geht um das Bild, das Jona von sich selbst hat, und um das Gottesbild, das er hat. Es geht um das Selbstverständnis der Menschen, die im Auftrag Gottes etwas verkündigen. Und weil wir alle durch unsere Taufe dazu berufen sind, von der Frohen Botschaft, vom Evangelium etwas zu erzählen und weiter zu geben, geht auch uns dieser Abschnitt etwas an. Welches Bild haben wir von Gott, und wie sehr sind wir auf unser Bild von ihm festgelegt? Können wir damit umgehen, dass Gott andere Wege geht, als wir es erwarten oder gar verkündigen?
Jona jedenfalls bekommt von Gott eine ganz besondere Lehrstunde: Gott versucht, Jona aus der Fixierung auf sich selbst und seine eigene Meinung herauszuholen. Nachdem Jona sich seine Hütte gebaut hat, wächst der Rizinus und spendet Schatten. Dass das durch Gott geschieht, ist für Jona nicht ersichtlich. Jona nimmt einfach das für sich in Anspruch, was in seiner Nähe ist und ihn umgibt.
Und ich frage mich: Was nehme ich für mich ganz selbstverständlich in Anspruch, ohne auf den zu achten, dem ich das alles verdanke? Angefangen von den ganz grundsätzlichen Dingen wie der Luft, die ich atme, dem täglichen Essen und Trinken und dem Boden, auf dem ich stehe; bis hin zu den Menschen, die mein Leben teilen, die mich tragen und manchmal auch ertragen, die mich lieben?
Alles das ist nicht selbstverständlich. Das wird deutlich, wenn plötzlich fehlt, was mir das Leben eben noch angenehm gemacht hat. Das ist bei Jona der Rizinus, der abstirbt und Jona so plötzlich zum Schwitzen bringt. Und ich merke bei solchen Gedanken, wie ich aus meiner Ich-Bezogenheit herausgeholt werde und feststelle, wie dankbar ich sein kann für so vieles, das ich nicht aus meiner Kraft geschaffen habe, aber trotzdem nutzen und sogar genießen darf.
Jona scheint das nicht zu spüren. Im Gegenteil: Jona will schon wieder sterben! Jona kommt anscheinend nicht auf den Gedanken, sich über sich selbst Gedanken zu machen. Sein Bild von sich selbst erscheint irgendwie versteinert – fast wirkt er wie ein bockiges Kind, das seinen Willen nicht bekommt und es nicht einsehen kann und will, weil es die größeren Zusammenhänge noch nicht erfassen kann.
Dabei kann der Blick auf Gott klüger, weiser und leichter machen. Lasst uns singen:

Lied „Klüger, weiser, leichter“ (#lautstärke 86)

Lesung 1: Jona 4,9b-4,11

P: Jona sieht sich nicht nur nach der ausgebliebenen Katastrophe für Ninive, sondern auch nach dem Lehrstück der Verhältnismäßigkeit im Recht: „Ich zürne zurecht bis an den Tod!“ gibt er Gott trotzig zurück.
Gott will Jona die Augen und noch mehr das Herz öffnen für das, was wirklich wichtig ist: die Menschen und die Tiere – und damit das Leben als Ganzes. Jona hat die Chance, selber auf den Trichter zu kommen und Gottes Handeln zu verstehen und sein Herz von Zorn zu Freude zu wandeln.
Am Ende der Jonageschichte steht eine Frage: an Jona und damit auch an alle Menschen seitdem und auch an uns. Sie erinnert an die Frage des gütigen Vaters an seinen älteren Sohn, nachdem der jüngere Sohn aus dem Elend wieder bei seinem Vater mit einem Fest aufgenommen wurde: ob er – der Ältere – nicht auch zum fest hineinkommen wolle.
Diese Frage ist der große Schluss eines dramatischen Buches mit fantastischen Elementen und einem ganz furiosen Zwischenspurt und einem ganz überraschenden Ende: eine Frage, die ehrlich und konkret beantwortet sein will – nicht nur als rhetorische Frage; weil es eine Frage ist, die für unser Menschenbild und unser Gottesbild von ganz entscheidender Bedeutung ist: Wie verstehen wir Gottes Auftrag an Jona und damit auch sein Wort an uns heute? Wie denken wir Gott: klein, sodass unser Glaube und Tun lieblos und dann ganz schnell fanatisch wird? Oder groß, dass Gott über unsere oft kleinlichen Gedanken hinausreicht und durch sein Wort von der Versöhnung das Leben immer wieder neu aufblühen lässt?
Der weit über den Kirchentag hinaus bekannt Theologe Heinz Zahrnt hat über Gott und sein Wort etwas gesagt, das wie eine Antwort auf Gottes Frage am Ende des Jonabuches gesehen werden kann. Es ist mit Blick auf das, was Gottes Wort bedeutet mit dem vergleichbar, was Martin Luther sagt, wenn er meint, es komme darauf an, was Christus treibt, was Christus voranbringt. Heinz Zahrnt schreibt: „Gott sei Dank hat Gott nicht alles gesagt und getan, was in der Bibel über ihn geschrieben steht! Er hat den Menschen sein Wort gegeben, nicht seine Wörter – die Wörter stammen von Menschen. Darum sollen wir Gott zwar beim Wort, aber die Bibel – um Gottes willen! – nicht wörtlich nehmen.“ Amen.

Lied „Weil der Himmel bei uns wohnt“ (#laustärke 95)