Predigt am Altjahrsabend 2016

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde am Altjahrsabend!
Altjahrsabend – so heißt dieser Tag liturgisch gesehen in der evangelischen Kirche, denn die Bezeichnung Silvester kennzeichnet diesen Tag nach dem römisch-katholischen Heiligenkalender für das Gedenken an den Papst Silvester I., der am 31. Dezember 335 gestorben ist. Die zugegebenermaßen etwas spröder klingende Bezeichnung Altjahrsabend sagt aber dafür genau, um was es heute in diesem Gottesdienst geht: Wir feiern am Abend des alten Jahres Gottesdienst.

Damit tun etwas, was bei Christen ganz oft geschieht: Wir stellen einen weltlichen Moment unseres Lebens in das Licht unseres Glaubens; wir fragen uns, was aus der Sicht Jesu, aus der Sicht des Glaubens zu diesem Tag zu sagen ist. Der Jahreswechsel mit diesem Gottesdienst ist damit eben so ein Moment wie die Taufe nach der Geburt, der Schulanfang mit dem entsprechenden Gottesdienst, die Konfirmation auch als Begleitgottesdienst bei dem Schritt ins Erwachsenenleben, die Trauung und schließlich auch die Beerdigung. Immer geht es bei diesen Gottesdiensten darum, die Situation des je eigenen Lebens vor Gott zu bedenken.

Wir stehen am Ende eines Jahres, blicken auf das zurück, was war, und blicken – so weit das möglich ist – auf das voraus, was kommt. Jede und jeder von uns wird neben den gesellschafts- und weltpolitischen Ereignissen ganz persönliche Erinnerungen an das Jahr 2016 haben, auf die wir je nachdem mit Schaudern oder großer Dankbarkeit zurückblicken; und so wird es auch mit den Erwartungen und Befürchtungen für die Zukunft sein: besorgt und skeptisch oder freudig und zuversichtlich.
Manches Erlebte im persönlichen Bereich wird zusammen mit dem Jahr 2016 abgeschlossen werden. Manches wird auch noch im neuen Jahr spürbar sein. Aber was uns im Jahr 2016 gesellschafts- und weltpolitisch bewegt hat, das wird uns bestimmt auch im Jahr 2017 weiter beschäftigen. Da bin ich mir angesichts von Landtags- und Bundestagswahl im nächsten Jahr sicher.

Betrachtet man die Jahresrückblicke, drehen die sich vor allem darum, dass so viele Prominente verstorben sind: aus dem Musik-, Film- und Showbusiness, aus der Politik – Menschen, die für das Leben von vielen von uns prägend waren. Daneben hat es die US-Wahl natürlich in die Rückblicke geschafft, ebenso die Krise der EU und die politische Situation in Polen und vor allem in der Türkei, die Terrorgefahr nicht erst seit dem Anschlag in Berlin. Und dann ist da noch die Beobachtung, dass sich im Jahr 2016 ganz viel im Miteinander unserer Gesellschaft verändert hat: der Ton ist spürbar rauer geworden, Hassbotschaften und Hasskommentare – nicht nur von islamistischen Hasspredigern, sondern vor allem von Deutschen – haben oft, allzu oft eine konstruktive Diskussionskultur in unserem Land verdrängt.

So feiern wir am Abend des alten Jahres Gottesdienst und bedenken unser Leben – unser persönliches, das der Kirche und das unserer Gesellschaft – vor Gott und im Licht seiner Botschaft. Die Texte aus der Bibel, die für diesen Anlass ausgewählt sind, geben die Antwort auf die eine entscheidende Frage, die schon der Beter des 121 Psalms gestellt hatte: „Ich hebe meine Augen auf. Woher kommt mir Hilfe?“

Das Evangelium aus Lukas 12 legt uns unter der Überschrift „Warten auf das Kommen des Herrn“ eine Mahnung zu Wachsamkeit ans Herz: „Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ So kann Jesus unvermutet vor unserer Tür stehen – auch in Gestalt seiner geringsten Brüder und Schwestern. Vielleicht kommt aber auch der Dieb, besonders dann, wenn man nicht mit ihm rechnet, und die uns anvertrauten Schätze des eigenen Hauses sind schneller weg, als man es sich vorstellen kann: Nächstenliebe und Achtung und Würde des anderen; Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit in einem einigen und geeinten Europa.

Dem entspricht eine Warnung vor zu großer Selbstsicherheit in einem Predigttext aus dem 8. Kapitel des Johannesevangeliums: Nicht, was einmal war, was einmal erreicht war, entscheidet darüber, ob wir in uns und unserer Sünde gefangen sind, oder, ob wir frei sind zum Leben, sondern immer wieder neu das Vertrauen zu Jesus Christus: „Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“ So sagt es der johanneische Jesus. Daran erinnern uns auch zwei Verse aus dem 13. Hebräerbrief-Kapitel: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Denn – so werden wir gewarnt – wie schnell lassen wir uns von Versprechungen ablenken, von denen dann doch nur andere den Nutzen haben – nämlich diejenigen, die uns das Blaue vom Himmel herunter versprochen haben? Standhaftes Vertrauen durch ein gestärktes und gefestigtes Herz gibt es nicht durch Mauern und Zäune, sondern nur durch Gottes Gnade.

Das wusste auch Martin Luther, dessen reformatorischen Durchbruch vor fünfhundert Jahren wir 2017 bedenken. Das wusste aber auch schon der Prophet Jesaja, der hilfreiche Worte Gottes weitergeben konnte: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.

Schnell mag da die Frage aufkommen nach dem „Wie geht das? Wie schaffen wir das?“ Die Texte des Altjahrsabend kommen nicht nur mit Warnungen und Mahnungen daher. Schon in den bisherigen Abschnitten schwingt immer wieder das Befreiende und Heilvolle mit, das uns in der Begegnung und im Vertrauen auf Gott und Christus mitgegeben ist, wenn wir auf das zurückliegende Jahr 2016 und auch auf das vor uns liegende Jahr 2017 sehen.

Ganz ausdrücklich und ausschließlich um das wegweisende Geleit und die bewahrende Nähe Gottes geht es in den beiden noch nicht genannten Texten. Den einen haben wir als Schriftlesung gehört: von Gottes sichtbarer Wegweisung am Tag und in der Nacht durch die Wolken- und Feuersäule, als das Volk Israel durch die Wüste des Sinai unterwegs war. Auch wir dürfen immer wieder Zeichen von Gottes Wegweisung durch die Wüste sehen, durch die Wüstenstrecken unseres Lebens, die es neben manchen wunderschönen Oasenplätzen und manchen blühenden Landschaften eben auch gibt.

Der zweite noch ausstehende Text vergewissert uns auf ganz andere Weise der unbedingten Nähe Gottes: Der Apostel Paulus bekennt der Gemeinde in Rom und heute auch uns seine tiefste Gewissheit von der unauflöslichen Verbindung, die Gott zu uns durch die Taufe geschaffen hat: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. Gottes Liebe ist absolut untrennbar mit den Seinen, mit uns verbunden – gegen das Heer des Schreckens, das Paulus vorher aufzählt, von dem die Gemeinde Gottes bedroht sein könnte: „Tod und Leben; Engel, Mächte und Gewalten; Gegenwärtiges und Zukünftiges; Hohes, Tiefes oder irgendeine andere Kreatur.“ Wir heute können den Platzhalter „andere Kreatur“ mit allem ausfüllen, was unser Leben und unseren Glauben heute versuchen könnte, ins Wanken zu bringen.

Es gibt sicher vieles, auf das sich Menschen im kommenden Jahr ebenso freuen, wie sie sich dankbar an das erinnern, was sie an Gutem im zuende gehenden Jahr erfahren haben. Das ist auch gut so; ich freue mich mit allen mit, die so positiv gestimmt auf das Kommende zugehen – zugehen können und wollen. Für mich bleiben an diesem Jahresübergang aber auch viele Fragen und Sorgen, besonders wenn ich über das Persönliche hinausblicke.

Die politische und die gesellschaftliche Situation in Deutschland, in Europa und in Amerika, die Situation in Russland und im Nahen und Mittleren Osten stellen die Regierungen und uns alle vor große Herausforderungen, dass der Frieden bewahrt oder wieder hergestellt werden kann. Da braucht es den Ruf zu Wachsamkeit und die Bereitschaft zum Miteinander ebenso wie die stärkende und ermunternde Zusage der Nähe Gottes.

Dies alles finde ich in dem Lied zusammengefasst, das ich schon länger kenne, das mir in den letzten Tagen neu in die Hände gefallen ist und das wir gleich singen werden (Text siehe unten): „Der uns schuf“ – geschrieben von Sytze de Vries, einem niederländischen Pfarrer, der viele Jahre an der Oude Kerk in Amsterdam seinen Dienst getan hat und der jetzt in der Nähe von Utrecht als freischaffender Dichter und Theologe arbeitet; ins Deutsche übertragen von dem genialen Übersetzer Jürgen Henkys, der Pfarrer in Ostdeutschland und später Professor für Praktische Theologie an der Humbold-Universität in Berlin war; mit der Musik von Willem Vogel, dem Kantor an der Oude Kerk, der mit seiner so einfachen Melodie den Ton der Worte trägt.

Es ist ein Lied, das in der Liedersammlung, aus der ich es entnommen habe, in der Rubrik „Gott begegnen“ steht, in der niederländischen Sammlung als Abendlied gekennzeichnet ist. Beides kommt heute, am Abend dieses Jahres zusammen, wenn wir am Ende des Tages den Abend des Jahres bedenken, um durch die Nacht in einen neuen Tag und ein neues Jahr zu gehen.

In der ersten Strophe eröffnet Sytze de Vries einen weiten Raum. Im Niederländischen ist schon in der ersten Strophe klar, dass – auch wenn vieles in der dritten Person gesagt wird – alles eine große Anrede ist, ein großes Gebet ist. Es spricht die Gemeinschaft der zu Gott Betenden, von dem her sie kommt und der ihr Leben noch immer erhält, weil er sie in der Höhlung seiner Hand hält: „Der uns schuf und noch immer hält in der Höhlung seiner Hand“. Und letzteres gerade dann, wenn das Dunkel der Nacht bedrohlich, geradezu übermächtig wird. Nacht – die Lebenswüste, durch die Israel zieht, die „andere Kreatur“, der Platzhalter für das, was zwar unsere Beziehung zu Gott gefährden, aber nicht Gottes Beziehung zu uns in Frage stellen kann. Er sucht uns vielmehr, wie es dann in der zweiten Strophe heißt, ist uns gewissermaßen immer schon den einen Schritt voraus und hat uns die Tür schon aufgemacht, durch die uns der helle Schein des neuen Tages anleuchtet.

Und wie Jesaja weiß auch Sytze de Vries, dass Gottes Wort und seine Wahrheit nicht im Geschrei oder gar Gebrüll der Straße zu finden sind, sondern im leichten, sanften Sausen, das aus der Stille kommt, wie es schon der Prophet Elia erfahren hat. So formt sich die erste Bitte des Liedes: „Komm, aus der Stille sprich uns an.“ Wir spüren es immer wieder: Ohne das Wort, das zuerst von Gott ausgeht, kommen wir nicht weit.

Mit der dritten Strophe wird die Gott beschreibende Anrede wieder aufgenommen. Mit dem Bild von den Flügeln, die Gott wie ein großer Vogel über die Seinen ausbreitet, wird seine beschützende Nähe herausgestellt – Sinnbild für die Liebe, die er für uns hat und von der uns nach Paulus nichts und niemand trennen kann.

Und im Vertrauen auf diese Liebe folgt in der vierten Strophe die zweite Bitte: In Anlehnung an die Worte des Kirchenvaters Augustinus – „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“ – zeichnet Sytze de Vries noch einmal die Verunsicherung und die Selbstbezogenheit nach, die die Menschen immer wieder erfasst: Was verpasse ich alles? Wem in den Spiegeln des Lebens will ich gefallen? Um dann doch zu der Erkenntnis des Hebräerbriefes zu kommen: „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz gefestigt werde, welches geschieht durch Gnade.“

Möge Gott – wie es schließlich in der 5. Strophe als dritte große Bitte formuliert wird – am Morgen über uns aufgehen: am ersten Morgen und an jedem weiteren Tag des neuen Jahres als das strahlende und segnende Licht und uns so Hoffnung und Zuversicht geben. Möge uns Gott im neuen Jahr immer wieder die Ruhe des Herzens und die Kraft zur Tat geben, damit wir der Finsterwelt und dem Dunkelland unserer Zeit standhalten und das tun, was notwendig ist, das tun, was die Not wendet.
Amen.

Hier noch einmal das Lied von Sytze de Vries:

Der uns schuf
  1. Der uns schuf und noch immer,
    wenn hier die Nacht uns übermannt,
    hält in der Höhlung seiner Hand,
  2. der uns sucht in dem Dunkel –
    der Du die Tür schon aufgetan:
    Komm, aus der Stille sprich uns an.
  3. Der uns birgt unter Flügeln,
    mit ihrem Schatten uns bedeckt,
    Liebe die uns zum Leben weckt:
  4. Sieh das Herz voller Unrast,
    blind zwischen Spiegeln schlägt es hier,
    bis dass es wieder ruht in dir.
  5. Komm zu uns, geh als Morgen
    über uns auf, sei du das Licht.
    Segnend erheb dein Angesicht.

T: Sytze de Vries „Die ons schiep“, deutsch von Jürgen Henkys
M: Willem Vogel
T+M: BV Liedboek, Zoetermeer ©deutsch: Strube, München

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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