Gedanken zum Sonntag Misericordias Domini

Gedanken zu den Texten vom Sonntag Misericordias Domini:

Johannes 10,11-16(27-30) „Jesus – der gute Hirte“
1. Petrus 2,21-25 „Christus, Hirte und Bischof unserer Seelen“

„Der gute Hirte“ – viele Menschen werden Bilder vor Augen haben, wie sie sich diesen Hirten vorstellen. Vor allem im vergangenen Jahrhundert gab es unzählige Variationen, wie Jesus als Hirte dargestellt wurde. Aber immer eben mit ihm, also Jesus, und einem Schaf: ob das bei Jesus über die Schultern gelegt ist oder ob es sich vertrauensvoll an seine Beine schmiegt.
Aber ist das nicht ein Bild, das gar nicht mehr in unsere Zeit passt? Wo gibt es noch Hirten, die mit ihren Tieren wirklich auf Wiesen unterwegs sind? Und wollen sich aufgeklärte Menschen im 21. Jahrhundert denn wirklich zu Schafen erklären, die hinter einem Hirten hertrotten, ohne zu denken?

Trotzdem ist das Bild von Jesus als dem Hirten das bekannteste und nach wie vor das populärste Bild, das die Menschen von Jesus und von Gott haben. Es hat in meinen Konfirmanden-Jahrgängen keinen einzigen gegeben, in dem nicht wenigsten eine/r der Jugendlichen den Anfangsvers von Psalm 23 als Konfirmationsspruch gewählt hat. Ich bin überzeugt: nicht nur, weil sich der eine Satz so einfach merken lässt: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Und auch bei den meisten Erwachsenen ist dieser Vers und damit das Bild von Jesus als dem guten Hirten absolut präsent.

Diese alle wollen sich bestimmt nicht einfach so zu Schafen machen, die angeblich keine eigene Meinung haben, die nicht denken können, die nur blöde durch die Gegend blöken – bloß weil das Bild in der Bibel so schön ist.

Der Schlüssel zu einem hilfreichen Verständnis ist die Klarheit darüber, um wen es in diesem Bild wirklich geht. Also: Was die Perspektive ist, mit der das Bild betrachtet wird. Da stellen wir fest: Es geht nicht um die Schafe und damit darum, die Menschen zu beschreiben. Es geht um Gott (im Psalm 23) und es geht um Jesus (zum Beispiel im Johannesevangelium und im 1. Petrusbrief). Es geht in diesem Bild nicht darum, die Menschen zu Schafen zu machen. Es geht darum, wer Jesus für mich ist und wie Jesus zu mir steht.

Im ersten Petrus-Brief stellt der Schreiber dem Hirten ein zweites Wort an die Seite. Die Gemeindeglieder haben sich zu Jesus hin umgewendet, der Hirte und Bischof ist. Gemeint ist in diesem Brief kein Leiter einer evangelischen Landeskirche oder eines katholischen Bistums. Bischöfe waren in der Anfangszeit des Christentums zusammen mit anderen Ältesten die örtlichen Gemeindeleiter. Ein Bischof war zuerst auch nicht der Chef der Gemeinde. Es war ein Amt neben anderen.

„Bischof“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes „Episkopos“. Es heißt einfach „Aufseher“. Gemeint ist natürlich kein Sklavenaufseher. Gemeint ist ein Mensch, der sich um mich sorgt und kümmert, der mich mit meinen Sorgen und Nöten und mit meiner Freude wahrnimmt. „Einen Bischof zu haben heißt, einen zu haben, der auf mich sieht.“ So heißt es in einer frühen urchristlichen Schrift. So wird in der wörtlichen Übersetzung des Wortes sichtbar, was die Aufgabe eines Bischofs war: Seelsorger sein; eine/r, der auf mich sieht – mit ganz liebevollem Blick. Das tut ein Bischof. Für finanzielle Dinge und für die Organisation gab es in der Gemeinde andere: Ämter und Menschen.

Seelsorge – das ist es, was aus meiner Sicht das Bild von Gott und Jesus als Hirten so populär und zeitlos macht, dass es auch für moderne Menschen annehmbar ist. Da sorgt sich jemand um meine Seele, also um mich. Das wollen wir alle: liebevoll angesehen und verstanden werden; einen haben, wo wir uns geborgen fühlen und deshalb anlehnen können.

Die Sehnsucht der Menschen nach „Herz“ – gerade in diesen Tagen und Wochen ist sie besonders groß. Denn es ist uns deutlich geworden: Für Essen und Trinken ist zwar gesorgt, aber die (körperliche) Nähe und die Zuwendung, die wir als Menschen ebenso brauchen wie Essen und Trinken, fehlen ganz vielen Menschen.

Misericordias Domini – Der Psalmvers, aus dem die beiden lateinischen Worte stammen, lautet: „Die Erde ist voll der Barmherzigkeit des HERRN.“ (Psalm 33,5b) Ja, darum geht es: die Barmherzigkeit Gottes ist in dieser Welt zu finden, auch wenn es hier oft genug ganz unbarmherzig zugeht. Aber gerade denen, die „arm“ (die arm dran) sind, wendet sich Gott in Jesus Christus mit seinem Herzen und damit mit seiner ganzen Liebe zu.

Deshalb trägt der Sonntag neben dem Namen „Sonntag vom guten Hirten“ auch immer noch den altkirchlichen Namen „Misericordias Domini“ – die „Barmherzigkeit des Herrn“.
Und wir als Nachfolger Jesu Christi sind aufgerufen, diesem Vorbild nachzufolgen und nachzueifern und Barmherzigkeit in dieser Welt erfahrbar werden zu lassen: den Armen unser Herz zu schenken.

Möge es uns gelingen: heute und jeden Tag – in der Gewissheit, dass Gottes Barmherzigkeit und Liebe für uns auch jeden Tag neu ist. Amen.

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