Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis 2020 (11. Oktober)

Der Predigttext 5. Mose 30,11-14 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden. Einen besonderen Akzent bekam der Gottesdienst durch die beiden Lieder aus dem Musical „Hoffnungsland“: „Gebote“ vor der Predigt und „Zeichen“ nach Predigt und Glaubensbekenntnis. Die beiden Lieder waren die Idee von unserem Kantor und Organisten Jonathan Dräger, der sie wie alle anderen Stücke auch vorgetragen hat.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Es war für die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes wohl das Wichtigste: Sie wollten das, was während des Krieges und während der Naziherrschaft insgesamt unter die Räder gekommen und verloren gegangen war, ganz besonders schützen. Deshalb stellten sie dieses wichtigste Gut ganz an den Anfang des Grundgesetzes, unserer Verfassung. Alles, was danach kommt, soll sich diesem höchsten Gut unterordnen und es durch entsprechende Gesetze schützen.

An den Anfang des Grundgesetzes stellten die Väter und Mütter im Artikel 1 diesen einen Satz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Danach folgt ein weiterer Satz, der die grundlegende Bedeutung dieses Satzes deutlich macht: „Sie, also die Würde des Menschen, zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Das Wissen um den Verlust der Würde des Menschen während der Naziherrschaft droht aber inzwischen immer mehr verloren zu gehen, weil so viel Zeit vergangen ist, dass die Erinnerung an den Verlust der Menschenwürde mehr und mehr verblasst. Was das heißt, erleben wir in diesen Tagen, Wochen und Monaten: Antisemitisches, rassistisches und nationalistisches Gedankengut breitet sich in der Öffentlichkeit wieder und immer stärker aus. Und auch im Allgemeinen scheint es für viele Menschen heute bei weitem nicht mehr selbstverständlich zu sein, dass Gesetze auch für diese Menschen selbst gelten.

Das Grundgesetz mit seinem ersten so unendlich wichtigen Satz gibt uns die Möglichkeit, so etwas wie einen nationalsozialistischen Unrechtsstaat unmöglich zu machen. Wir müssen die Erfahrungen des 2. Weltkrieges nicht wiederholen. Es reicht völlig und ganz, sich an den ersten Satz des Grundgesetzes zu halten und an das, was aus ihm folgt. Aber in immer größeren Bereichen unserer Gesellschaft scheint die Einsicht mehr und mehr zu schwinden.

Muss also fühlen, wer nicht hören will? Es lohnt sich, dazu einen Blick in die Bibel zu werfen. Mit dem heutigen Predigttext haben wir es getan und Entscheidendes mitbekommen: Kurz bevor das Volk Israel endlich nach 40 Jahren Wüstenwanderung in das gelobte Land einziehen darf, hören sie auf das Vermächtnis des Mose, das der ihnen in einer langen Rede anbietet. Die Israeliten lassen sich daran erinnern, dass auch sie aus einer Katastrophe kommend einen neuen Anfang brauchten und das sogar zweifach: Für die Israeliten stand aber nicht so sehr die Würde des Menschen im Mittelpunkt, sondern die Freiheit.

In der Frühzeit des Volkes Israel ist es natürlich der Auszug aus Ägypten: Gott befreit sein Volk aus dem Sklavenhaus und führt es dann auf einem langen Weg durch die Wüste in das Land, das er schon den Vorvätern versprochen hatte – nach Palästina in das Land, wo Milch und Honig fließen, in das Land der Freiheit.

Und einige hundert Jahre später geschieht diese Befreiung noch einmal: Dieses Mal darf das Volk aus dem babylonischen Exil in die Heimat, in die Freiheit zurückkehren. Vielleicht hätte diese erste Gefangenschaft in Ägypten nie eine solche Bedeutung für Israel bekommen, wenn es die zweite nicht gegeben hätte. Denn in Babylon bestand die ganze und einzige Hoffnung Israels darin, dass Gott noch einmal – wie damals in Ägypten – das Volk befreien und nach Hause bringen würde.

Beide Male geht es um die Freiheit, beide Male steht also das im Mittelpunkt, was Israel aus dem Leben in der Gefangenschaft gelernt hat: Die Freiheit ist das höchste Gut, das es in Zukunft zu bewahren gilt. Und der Gott, der sich dem Volk am Sinai offenbart hat, der zu Abraham, Isaak und Jakob gesprochen hatte, der David zum König gemacht und durch Samuel den Tempel erbaut bekommen hat – dieser Gott ist der Garant für diese Freiheit.

Und so steht über den zehn Geboten, die in gewisser Weise das Grundgesetz des Volkes Israel bilden, als 1. Artikel genau das, was dies unverrückbar feststellt und buchstäblich in den Stein der Gebotetafeln gemeißelt sein lässt: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ Das ist der Satz, der über allen 10 Geboten und überhaupt über dem ganzen Gesetz Israels steht. Er müsste beim Zitieren der 10 Gebote grundsätzlich bei jedem Gebot mit gesprochen werden.

Diesen Artikel 1 des israelitischen Grundgesetzes hat das Volk im Lauf der Geschichte sicherlich mal mehr und mal weniger beherzigt. Aber es ist doch immer wieder zu ihm zurückgekehrt. Jede Generation hatte neu die Möglichkeit dazu: Sie konnten diesen Artikel 1 und alles, was aus ihm folgt, immer wieder neu lesen, bedenken und dann auch tun. Mose stellt es dem Volk vor Augen: Das Gebot Gottes, sein Grundgesetz für ein Leben in Freiheit, ist das buchstäblich Naheliegendste überhaupt. Es ist nicht unerreichbar im Himmel oder weit weg hinter dem Meer. Mose, der Vermittler der 10 Gebote, der die steinernen Tafeln ja fast aus dem Himmel vom Berg Sinai geholt hatte – er hat ausgedient.

Denn: „Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen.“ Immer dann, wenn das aufgeschriebene Wort gelesen, mit dem Mund vorgelesen wird, ist es gegenwärtig und hat die Möglichkeit, das Herz zu bewegen. Und weil für Israel das Herz der Ort sowohl für das Gefühl als auch für den Verstand ist, hat dieses Wort nichts mit einer nur seichten Gefühligkeit zu tun; sondern es umfasst den ganzen Menschen mit Leib, Seele und Geist.

Und so ist es eben kein plumpes „Müssen“, das sich für das Volk Israel mit den Geboten verbindet. Es geht bei den sogenannten 10 Geboten nicht um Befehle und Verbote. Schon in der Sprache wird das deutlich. Denn im Hebräischen ist es nicht eindeutig, ob es eine Befehlsform ist oder nicht. Es muss nicht „Du sollst“ oder „Du sollst nicht“ heißen. Es kann auch einfach „Du wirst“ oder „Du wirst nicht“ heißen. Also: „Du wirst nicht andere Götter haben, nicht töten, ehebrechen oder stehlen.“ Und: „Du wirst den Feiertag heiligen.“ Alles das passiert, solange dieser Artikel 1 des israelitischen Grundgesetzes richtig ist: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ Solange das für Israel gilt, passiert das andere ganz automatisch, solange sich Israel daran hält, ist das andere – so schwer es manchmal auch erscheinen mag – selbstverständlich. Niemand muss die Gebote halten, um einen lieben Gott zu haben. Gott geht in Vorleistung und befreit sein Volk aus der Sklaverei und dem Exil, aus der Ferne von Gott – immer wieder neu bis heute tut er das. Und Gefangenschaften gibt es genug.

„Das Wort ist ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Als Christen glauben wir: Gott hat in Jesus Christus sein Wort noch einmal ganz neu gesprochen, um auch diejenigen, die nicht zu Israel als dem Volk Gottes gehören, hinzu zu holen. Mit dem Johannesevangelium bekennen wir, dass Jesus Christus das Wort Gottes mit dem menschlichen Angesicht ist, der uns das Gebot Gottes nahe bringt.

Auch wir müssen, um zu Christus zu gelangen, nicht in irgendeinen unerreichbaren Himmel hinauf, den wir nicht kennen; wir müssen auch nicht über irgendein unüberbrückbares Meer, dessen Ende wir nicht abschätzen können. Jesus Christus ist uns als Wort Gottes ganz nah. Denn in ihm kommen die ganzen Weisungen Gottes auf den Punkt und an ihr Ziel. So wie Jesus sie mit dem höchsten Gebot auf den Punkt gebracht hat: „Gott zu lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Und da treffen sich Artikel 1 unseres Grundgesetzes und Artikel 1 der Gebote Gottes: Denn die unantastbare Würde des Menschen ist kein theoretischer Wert, sondern ein ganz praktischer und konkreter. Ebenso wie der Nächste, in dem uns Jesus begegnet, kein theoretischer Mensch ist, sondern ein ganz realer. Und beide – die Würde des Menschen und Christus im Nächsten – kennen keine Grenzen bei Hautfarben oder Herkommen, bei Gehalt oder Geschlecht.

Lassen wir Gott über allem stehen und haben wir Gottes Wort immer in unseren Herzen. Dann wird das andere, das darauf folgt, einfach geschehen. Dazu helfe uns Gott. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes:

  • Musikalisches Vorspiel: „Wohl denen, die da wandeln“ (EG 295)
  • Begrüßung
  • Lied „Lass mich, o Herr, in allen Dingen“ (EG 414)
  • Votum
  • Psalm 1
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung und Halleluja: Mose 30,11-14; Psalm 25,14
  • Lied „Gebote“ (aus „Hoffnungsland“)
  • Predigt über 5. Mose 30,11-14
  • Glaubensbekenntnis
  • Lied „Zeichen“ (aus „Hoffnungsland“)
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser und Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Ich will dich lieben, meine Stärke“ (EG 400 mit der Melodie von Harald Sieger)

Den schönen Hinweis auf unser Grundgesetz verdanke ich Dr. Johannes Taschner in der Meditation in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 74, S. 478-483).

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