Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis 2020 (18. Oktober)

Der Predigttext Epheser 4,22-32 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen. Der Ablauf des Gottesdienste ist unten zu finden.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde!
„Kleider machen Leute!“ Wer kennt dieses Sprichwort nicht. Und viele werden die Geschichte vom Schuster Vogt kennen: er stiehlt sich – frisch aus dem Gefängnis entlassen – eine Hauptmannsuniform, weil er mit seiner abgerissenen Kleidung weder Wohnung noch Arbeit bekommt: „Haste keine Wohnung, kriegste keine Arbeit; haste keine Arbeit kriegste keine Wohnung. – Erst recht nicht in solchen Klamotten. Heinz Rühmann hat der Figur des Hauptmann von Köpenick aus der Erzählung von Stefan Zweig ein cineastisches Denkmal gesetzt. Also einfache Lebensregel: raus aus den alten Klamotten und rein in die neuen – und ein neuer Mensch werden.

Aber bleiben wir noch einmal bei den alten Kleidern: Warum ziehen wir sie aus und tragen sie nicht mehr? Weil sie kaputt sind – eingerissene Jeans sind natürlich nicht kaputt, sondern sie sind Ausdruck eines besonderen Lebensstils und Lebensgefühls und müssen deshalb nicht ausgezogen werden. Weil sie uns von der Größe her nicht mehr passen: die Kleidung ist eingegangen oder wir sind gewachsen – oder wir haben im besten Fall abgenommen, dass alles an uns nur noch schlabbert. Oder weil die Kleidung vom Anlass her nicht oder nicht mehr passt: Bei der Hochzeit trägt man keine Badeshorts und am Strand keinen Smoking. Oder schließlich, weil die Kleidung uns krank macht: Sie kratzt und scheuert, im Extremfall sind gesundheitsschädliche Stoffe bei der Herstellung verwendet worden, auf die wir allergisch reagieren.

Also weg damit und Neues zum Anziehen her. Da müssen wir dann entscheiden: Was soll die neue Kleidung ausmachen? Klar – sie soll passen: in der Größe und in der Form und in der Farbe; sie soll passen auch vom Zweck her: Wozu brauche ich sie? – und vom Preis her: Kann ich mir das leisten? Und schließlich – und für viele ist das neben der Größe inzwischen das Wichtigste: Wie sind die inneren Werte? Aus welchem Material ist meine Kleidung hergestellt und unter welchen Bedingungen?

Und jetzt kommen die eingenähten Etiketten und Label zum Zug, denn die verraten uns, wo und aus welchem Material und unter welchen Bedingungen alles hergestellt wurde. Immer vorausgesetzt es wird – im wahrsten Sinn des Wortes – kein Etikettenschwindel betrieben. Der Stoff aus 100 % Naturfaser oder Polyester oder aus Mischgewebe. Hergestellt vielleicht zu 100% aus Wolle mit dem Wollsiegel oder aus Biobaumwolle mit Ökotext-Siegel und mit gesicherten sozialen Komponenten bei der Herstellung wie bei GOTS, bei Fairwear und bei dem stattlich kontrollierten Label „grüner Knopf“.

Wie und mit was wir uns kleiden – so sind wir als Menschen: in welchem Stil wir uns kleiden; vor allem aber mit welcher Einstellung unserer Kleidung gegenüber und mit welcher Einstellung den Ländern und Menschen gegenüber, wo unsere Kleidung hergestellt wird. Das lässt alles tief blicken.

Und was für die reale Kleidung gilt, die wir tragen, ist für unser Leben als Christen ebenso entscheidend. In welchem geistlichen Stil, vor allem aber mit welcher geistlichen und ethischen Einstellung unserem Gott gegenüber und damit den Menschen, die er zu unseren Nächsten macht, wollen wir leben, dass er uns als Christen passt und wir nicht in Glaubenshosen rumlaufen, die Hochwasser haben oder viel zu groß sind?

Der Apostel fordert die Gemeinde in Ephesus auf, den alten vorchristlichen Menschen endgültig auszuziehen wie ein altes Kleidungsstück und sich stattdessen mit dem neuen Menschen einkleiden zu lassen. In einer Zeit, als sich in erster Linie Erwachsene haben taufen lassen, war das ganz besonders eindrücklich. Denn diese Leute hatten vorher ja oft wirklich ganz anders gelebt, als es den damaligen christlichen Vorstellungen entsprach. Da war der Unterschied von „Vorher“ zu „Nachher“ viel deutlicher zu sehen, als wenn wir heute auf uns sehen, die wir meistens als kleine Kinder getauft worden sind. Für uns gab es kein nichtchristliches Leben vor unserer Taufe, das von Ausschweifungen und zügellosem Leben geprägt war.

Trotzdem ist es richtig und wichtig, dass auch wir bei unserer bisherigen Kleidung nach dem Etikett sehen. Denn wir können ja inzwischen dieses oder jenes angezogen haben, ohne darauf zu achten, woher es kommt, und vor allem, was diese Kleidungsstücke mit uns machen. Ich bin überzeugt: Wir werden ganz schnell feststellen, dass viele Kleidungsstücke unseres Lebens genau solche unchristlichen sind, wie sie der Apostel aufzählt. Und sie haben eben auch diese zweifelhaften Label: Eher selten wird auf dem Etikett wirklich „100% Teufel“ stehen, der alles in unserem Leben durcheinanderbringen will und uns so krank macht. Viel häufiger aber wird unser alter Mensch zumindest aus einem Mischgewebe mit mehr oder weniger großen Anteilen aus dem Material „Teufel“ bestehen.

Der alte Mensch – davon schreibt Paulus uns sehr deutlich – besteht aus Lüge, Zorn und Stehlen, aus faulem Geschwätz – also dem, was wir heute lästern nennen würden – aus Bitterkeit, Grimm und Zorn, aus Geschrei, Lästerung und Bosheit. Es kommt so ziemlich alles zusammen, was das Miteinander der Menschen schwierig bis unerträglich und unmöglich macht. Denn alles das führt zur Sünde und immer weiter weg von Gott. Wenn wir diese Kleidungsstücke tragen und sie deshalb unser Leben bestimmen, macht uns diese Kleidung krank.

Alles das, was Paulus aufzählt, passt als geistliche und damit auch als ethische Kleidung für einen Christenmenschen nicht mehr: Es ist keine angemessene Kleidung mehr für einen Menschen, der und die sich zu Jesus Christus bekennt. Was aber sollen wir dann tragen?

Paulus nennt die beiden Label, die unsere Kleidung unbedingt haben sollen: „Der neue Mensch, den wir anziehen sollen, ist geschaffen in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Damit macht Paulus deutlich, dass es sich im christlichen Leben immer um diese zwei Dimensionen handelt, die unsere geistliche Kleidung und damit unser Wesen bestimmen: Heiligkeit und Gerechtigkeit.

Heiligkeit steht dabei für die senkrechte Dimension und damit für die Verbindung mit Gott und wir könnten ohne Schwierigkeiten die erste Tafel der 10 Gebote heranziehen, um zu sagen, was das heißt. In der Zusammenfassung Jesu: „Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft.“

Gerechtigkeit steht für die waagrechte Dimension und nimmt die Menschen um uns herum in den Blick: die Nahen und die Fernen; die, mit denen wir gut können, und die, die wir lieben; aber immer auch die, mit denen wir uns oft so schwertun; und die, mit denen wir gar nicht gut auskommen. Die wichtigen Stichworte neben der zweiten Tafel der 10 Gebote und dem so knappen wie richtigen Satz von Jesus, den Nächsten zu lieben wie sich selbst, das sind: Wahrheit, Aussöhnung bevor sich schier unüberwindbare Mauern aufbauen – denn das ist gemeint mit: „die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen lassen“ – Arbeit und vom Ertrag dieser Arbeit mit anderen teilen; das Gute und Aufbauende reden; Freundlichkeit und Herzlichkeit.

Heiligkeit und Gerechtigkeit – die zwei Label der christlichen Kleidung, die mit der senkrechten und der waagrechten Dimensionen des christlichen Lebens zusammengenommen das Kreuz bilden – sind beide den Christen in der Taufe durch den Heiligen Geist geschenkt. Damit steht der Name Jesu schon über unserem Leben. Und deshalb soll auf dem Etikett unseres neuen christlichen Menschen als Material stehen: „100% Jesus Christus“. Ihn sollen wir anziehen und so sein Wesen annehmen. Damit ist auch gewährleistet, dass uns dieses Kleidungsstück in Größe, Farbe und Form wie angegossen passen wird. Denn Gott weiß, was wir brauchen.

Jesus selbst hat immer wieder Menschen zu neuer, passgenauer Kleidung verholfen, indem er ihnen die Sünde ausgezogen und das Kleid des Glaubens angezogen hat. Das Evangelium des heutigen Sonntags erzählt von dem Gelähmten, den seine vier Freunde zu Jesus bringen; durch das geöffnete Dach wird er Jesus vor die Füße gelegt und der vergibt ihm seine Schuld. Das ist der entscheidende Moment; dass Jesus ihn auch noch gesund macht, ist nur noch Machterweis Jesu den Zweiflern gegenüber. In der zweiten Evangelien-Lesung heilt Jesus den Kranken am Teich Betesda, und gibt ihm als entscheidende Weisung für seinen weiteren Weg ein „Sündige hinfort nicht mehr.“ mit. So heilt Jesus in unserem heutigen Sinn ganzheitlich an Leib und Seele.

Für Jesus wie auch für Paulus war immer wichtig, dass nicht jede Krankheit durch Sünde hervorgerufen wird. Ein Rückschluss: „Jetzt bist du krank, deshalb musst du früher einmal gesündigt haben.“ ist falsch. Es ist nur in die andere Richtung richtig: Alles, was Paulus aufgezählt hat, alle Sünde und Schuld macht die Seele und damit auch unweigerlich den Körper krank. Deshalb muss die krank machende Kleidung, der alte, also vorchristliche Mensch ausgezogen werden. So schwer es uns manchmal auch fällt, denn oft genug merken wir gar nicht, wie schädlich die Kleidung ist, die wir tragen. Aber nachdem wir sie abgelegt haben, können wir neu eingekleidet werden: mit Kleidern, die die beiden Label „Heiligkeit“ und „Gerechtigkeit“ tragen, die zu 100% aus Jesus Christus bestehen und die uns so leben lassen. Amen.

Ablauf des Gottesdienstes

  • Musikalisches Vorspiel: „Herz und Mund“ (M.Buchholz/T.Böcking)
  • Begrüßung
  • Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ (#lautstärke 27)
  • Votum
  • Psalm 32 (EG.E 47)
  • Gnadenzusage
  • Tagesgebet
  • Schriftlesung und Halleluja: Epheser 4,22-32 Psalm 138,8b
  • Predigt über Epheser 4,22-32
  • Lied „Vergiss nicht, zu danken“ (EG 644)
  • Glaubensbekenntnis
  • Abkündigungen
  • Fürbitten
  • Vater unser
  • Segen
  • Musikalisches Nachspiel: „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324 i.A.)

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