Monat: April 2025

  • Predigt am Karfreitag 2025 zu Johannes 19,5 in Holzhausen

    (und an Judika 2025 beim GoSpecial-Gottesdienst im Haupensiek/Löhne-Gohfeld)
    Lesung: Johannes 18,28-19,5 und Johannes 19,16-30

    Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

    Liebe Geschwister am Karfreitag!

    „Seht welch ein Mensch!“ Da steht er: Jesus im Purpurmantel und mit der Dornenkrone auf dem Kopf. Alles andere können wir uns dazu denken: ein gefolterter Mensch, dem die Kraft fehlt, sich gerade zu halten, hängende Schultern und so vieles mehr. Ein Gesicht, das müde und schmerzverzerrt ist.

    „Seht welch ein Mensch!“ Schon immer haben mich diese Worte des Pilatus interessiert und fasziniert. Die Menge schreit nur ihr „Kreuzige ihn!“ Wen sie in dieser Gestalt vor sich sehen, bleibt unbestimmt. Und ich frage mich, wen ich in diesem Menschen sehe, der da von Pilatus der Menge präsentiert wird, der dann wenig später am Kreuz hängt; ich frage nach meinem Bild von Jesus. Und ich frage mich, wen andere Menschen in Jesus sehen.

    „Seht welch ein Mensch!“ Ich werde immer wieder an diesen Ausspruch erinnert, wenn ich Bilder von anderen Menschen sehe: Bilder aus dem Fernsehen oder in der Zeitung, Bilder von Menschen, denen die Not ins Gesicht geschrieben ist: aus dem Krieg in der Ukraine; von den Geiseln der Hamas und von den Palästinensern im Gazastreifen; von Flüchtlingen, die gerade so noch vom Ertrinken gerettet wurden; von Opfern von Naturgewalten und Gewaltverbrechen. Welche Empfindungen habe ich, haben wir bei diesen Bildern? Welche Emotionen löst ein Satz wie „Seht welch ein Mensch!“ aus, wenn uns Menschen in ihrer so großen Not vor Augen geführt werden?

    „Seht welch ein Mensch!“ Die Szene, in der Pilatus diese Worte spricht, lassen wohl nur eine Interpretation zu: Seht, welch ein Häufchen Elend, seht, welch ein Stück Dreck sich unter dem purpurnen Mantel verbirgt. Von der Hoheit eines Königs, dem man mit Ehrerbietung entgegentreten müsste – keine Spur. Ein Mensch, der jeder Würde beraubt ist.

    Oder sieht Pilatus doch noch etwas anderes? Schwingen bei seinen Worten entgegen dem ersten Eindruck doch Achtung oder gar Bewunderung mit: Weil er einen Menschen vor sich sieht, der trotz des Spottes, der Folter und der Erniedrigung nicht gebrochen ist, sondern immer noch Würde ausstrahlt? Ist Jesus gerade deshalb noch so gefährlich, dass die Menge das „Kreuzige ihn!“ schreit, weil sie spüren: Kein Häufchen Elend, sondern ein Mensch steht da, dem nichts Irdisches seine Würde nehmen kann?

    Wenn ich ein Vorbild bräuchte, um mir Jesus in der Situation damals vorzustellen, dann sind es die Züge der heutigen Menschen, die dem Gesicht Jesu damals seinen Ausdruck verleihen. Denn ich finde auch in diesen Menschen immer wieder etwas, das mich erkennen lässt: Da ist mehr als nur ihr Elend, das vordergründig in ihr Gesicht geschrieben ist!

    Da steht er also: Jesus im Purpurmantel und mit der Dornenkrone auf dem Kopf. Wir hören diese Worte: „Seht welch ein Mensch!“ und wir fragen uns: Wer ist dieser Jesus – für uns selbst und für andere. Natürlich spielt in diese Frage und das Bild, das wir von Jesus haben, das hinein, was Jesus in der Zeit seiner Wanderschaft getan und gepredigt hat: Seine Wunder und seine Mahlgemeinschaften, seine Predigten und sein Verhältnis zu Gott, wie es uns in den Evangelien geschildert wird.

    Aber wir sehen Jesus und das, was er uns bedeutet, immer auch durch die Brille unserer je eigenen Zeit; durch die Brille unseres Herkommens und unserer Sozialisierung. Mancher Buchtitel über Jesus kann das zeigen: Für die meist unfreien Bauern in Südamerika war und ist die soziale Gerechtigkeit das große Thema ihres Lebens: Jesus als der Sozialreformer. Und so schrieb Ernesto Cardenal sein berühmtes befreiungstheologisches Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentinam“. Als in den 70-Jahren die Psychologie in der Seelsorge Einzug hielt, wurde Jesus durch diese Brille gedeutet, Hanna Wolf schrieb ein Buch „Jesus als Psychotherapeut“. In den 80-Jahren stand die Frauenbewegung immer mehr im Vordergrund, die Frauen in Jesu Umgebung wurden aus ihrem Schattendasein herausgeholt. Jesus erschien als der, der die Trennung der Geschlechter aufheben sollte und Franz Alt schrieb sein Buch „Jesus – der erste neue Mann“.

    Es sind aber nicht nur Bücher, die unser Bild von Jesus prägen oder in denen sich das manifestiert, was in unserer Zeit, in unserer Glaubensrichtung gerade dran ist. Mit Blick auf die Situation, wie Jesus vor Pilatus steht und die Kreuzigung Jesu: In der romanischen Kunst steht der gekreuzigte Christus aufrecht und geradezu erhaben am Kreuz und lässt so schon am Kreuz die Auferstehung durch das Karfreitagsgeschehen hindurchscheinen. Und dem gegenüber verlieren sich die Kreuzigungsszenen der Gotik in einer immer detailverliebteren Darstellung der Qualen Jesu, die in der Kunst der Nachkriegszeit im 20. Jahrhundert noch einmal aufgenommen und noch einmal auf eine ganz neue Ebene gehoben wurde.

    In den alten Passionsliedern im Gesangbuch ist es meistens der Mensch, der sich zu Jesus in die Niedrigkeit und die Qualen der Passion Jesu begibt, weil Jesus für die Sünden des Betrachters mit seinem Leben büßt: Jesus ist ganz unten und der singende Betrachter gibt auch sich selbst die Schuld an Jesu Leiden und Sterben.
    In der Musik aus dem Lobpreis- und Worship-Bereich wird Jesus dagegen oft als König beschrieben, der herrscht und mächtig ist; der – zwar von den Wunden des Kreuzes gezeichnet – immer oben ist und den Menschen aus der Tiefe heraufholt. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, der sehr hoch oben steht, hoch über all dem Staub der Welt, ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Der Refrain des bekannten Liedes kann als ein Beispiel für viele andere dienen.

    Das Lied, das wir vor der ersten Lesung gesungen haben, ist 1986 entstanden – wahrscheinlich für den Deutschen Evangelischen Kirchentag 1987 in Frankfurt geschrieben, der unter dieser Losung stand: „Seht welch ein Mensch“. Vielleicht erinnern sich einige noch an das blaue Plakat mit dem ockerfarbenen Kreuz, in das skizzenhaft ganz unterschiedliche Menschen eingezeichnet waren. Das Lied nimmt auf und vereint die Themen der 80-er Jahre, an deren Aktualität sich bis heute nichts geändert hat: die Frage nach Frieden und Gerechtigkeit mit dem ökumenischen Aufbruch durch den „Konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“; das Verhältnis von Himmel und Erde, die zentrale Stellung der Liebe Gottes, die Orientierung an Jesus als dem Licht für die Menschen in der Dunkelheit der Welt und Segen und Beistand durch Gottes guten Geist im Handeln der Menschen. Alles als Antworten auf und im Gegensatz zu den Strömungen der Zeit, dem Missbrauch der Macht, den unheilvollen Verflechtungen in Politik und Wirtschaft und der empfundenen eigenen Ohnmacht.

    Entscheidend für alle Menschen ist nach diesem Lied, dass sie auf Gottes Spuren gehen. Zuerst ist mit dem Menschen natürlich Jesus gemeint. Im Sinn des Liedes, aber auch im Sinn des Gleichnisses vom großen Weltgericht im Matthäusevangelium setzt der Dichter Hans-Jürgen Netz einen ganz starken zusätzlichen Akzent: Jesus wird nicht mit Namen genannt. Er ist zwar derjenige, an den wir zuallererst denken; aber mit dem Menschen, auf den wir sehen sollen, kann alle gemeint sein, die auf Gottes Spuren gehen.

    Jesus steht stellvertretend für die, die unter die Räder von Unrecht und Gewalt, von Terror und Krieg kommen. Jesus steht mit seiner Präsentation durch Pilatus und dann mit seinem Weg ans Kreuz für alle, denen ihre Würde genommen wird, die für die Wahrheit eintreten und damit nach christlichem Verständnis für alles, was das Leben fördert, auch wenn ihnen ein Pilatus ein „Was ist schon, was kümmert mich Wahrheit!“ entgegenschleudert.

    Jede Zeit, jede Richtung des christlichen Glaubens, jede und jeder Mensch hatte und hat ein eigenes Bild von Jesus, ob wir das für uns wollen oder nicht. Alle machen wir uns ein eigenes Bild von Jesus: Weil das, was uns in unserem Leben bestimmt, unseren Blick lenkt; unseren Blick auf das, was uns die Bibel von Jesus vermittelt. Vielleicht ist das sogar gut so. Denn das heißt eben auf der anderen Seite, dass mein Bild, das ich von Jesus habe, nicht alternativlos gültig ist und es kein anderes mehr daneben geben dürfte. Vielmehr müssen wir unser eigenes Bild von Jesus und damit unser Bild von Gott immer wieder neu überdenken, wir müssen uns immer wieder neu von ihm ansprechen und oft genug überraschen lassen. Sonst endet unser Glaube so engstirnig wie die Einstellung vieler fanatischer Gruppen. Die zerstören dann Kunstwerke anderer Kulturen, aber eben nicht, weil diese Kunstwerke etwas mit ihrem Glauben zu tun hätten, sondern weil sie Gott durch ihre eigene Auslegung ersetzt haben. Und solches gibt es nicht nur bei den muslimischen Taliban, die vor ein paar Jahren Buddha-Statuen zerstörten, das hat es immer auch unter Christen gegeben, es gibt es auch unter Christen immer noch.

    Am Ende weiß ich wohl nur dieses: Das eine, das allgemeingültige und absolute Bild von Jesus gibt es nicht: für mich nicht und auch für alle anderen nicht. Mein Bild von Jesus ist immer nur ein Ausschnitt, mit dem er sich mir in einem Moment meines Lebens gezeigt hat und zeigt. Für eine gewisse Zeit wird mich dieses Bild von Jesus tragen und mir im Leben helfen – in all der Freude und vor allem auch in all den Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt. Aber ich verändere mich und die Welt um mich herum verändert sich. Das alte Bild von Jesus wird vielleicht – oder sogar wahrscheinlich – nicht mein ganzes Leben halten.

    Wie gut, dass ich nicht auf mein einmal gefasstes Bild von Jesus festgelegt bin. Ich kann mich immer wieder neu von Pilatus auffordern und damit im besten Sinn verunsichern lassen: „Seht welch ein Mensch!“ und Jesus in den Menschen entdecken, die er mir schickt: in seinen geringsten Geschwistern, in den Nächsten, die er mir an die Seite stellt.

    Worauf ich mich immer verlassen kann, ist dabei dieses: Jesus Christus ist – ganz gleich, welches Bild ich von ihm habe – immer an meiner Seite. So wie er es versprochen hat: Ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende und das Ziel der Welt! Amen.

  • Herzliche Einladung!

    Noch einmal in der Möllberger Kirche!
    Im Anschluss gibt es wie immer Frühstück im Gemeindehaus.
    Jede:r bringe mit was er/sie essen möchte.