
Kirche Möllbergen am Ostersonntag, 17. April 2022, um 6.00 Uhr!
Leben MIT: Gott – Familie – Kirche
Designed with WordPress

Der Predigttext Matthäus 14,22-33 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!
Ja, bin ich denn schon wieder im gleichen Film? So mögen einige gedacht haben, die letzte Woche im Gottesdienst waren und heute wieder da sind. Aber ich kann beruhigen: Auch wenn die Jünger wieder im Boot unterwegs sind und schon wieder ein Sturm aufkommt: Es gibt in dieser Episode keine Sturmstillung; der Sturm legt sich ganz von selber.
Es geht heute in der Geschichte vom Seewandel des Petrus vielmehr um die Rolle, die Jesus in unserem Leben spielen kann und soll; es geht darum, im Chaos einer aufgewühlten Welt nicht irgendwelchen Irrlichtern und Gespenstern hinterherzulaufen; es geht vor allem um das Wunder, im Chaos einer aufgewühlten Welt nicht unterzugehen, sondern vom ihm, von Jesus gehalten zu werden.
Die Geschichte vom Seewandel des Petrus ist damit also auch eine Antwort auf die Frage: „Ich seh empor zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“, die der Beter von Psalm 121 gestellt hat, die wir zu Beginn singend nachempfunden haben. Und die Antwort auf diese Frage brauchen wir, wenn alles aus den Fugen zu raten droht. Wenn das Chaos über uns hereinbricht, um uns herum tobt. Wenn Wellen und Wind unser Lebensschiff hin und her werfen: unser persönliches Lebensschiff und das Lebensschiff der Gemeinde, von dem wir gleich noch singen werden. So ist es den Jüngern auf dem See Genezareth ganz real ergangen – und dazu noch mitten in der Nacht, wenn eh schon alles schwieriger und unheimlicher ist.
Liebe Gemeinde!
Es ist eine von nur drei Nachtgeschichten im Matthäusevangelium – neben der Geschichte von der Flucht nach Ägypten am Anfang und der Gethsemane-Geschichte an Jesu letztem Abend – und sie steht ziemlich genau in der Mitte des Evangeliums, gehört also zum Zentrum dessen, was Matthäus seiner Gemeinde mitteilen möchte. Das ist ganz wichtig, denn auch wenn die Geschichte vor Ostern spielt: Sie spiegelt ganz deutlich die Situation der bedrängten Gemeinde nach Ostern und die Gemeinde des Matthäus und damit auch wir sind eingeladen, uns mit den Jüngern und vor allem auch mit Petrus zu identifizieren:
Jesus ist nicht da, nicht mehr da. Die Jünger sind alleine auf dem See unterwegs – im Hören auf die Geschichte ist die Gemeinde mit dabei: Die Jünger bedroht von Wind und Wellen und wie im Spiegelbild die Gemeinde immer wieder bedroht von gefährlichen Mächten.
Da kommt Jesus: einfach so und ungerufen, plötzlich ist er zu sehen, wie er auf die Jünger zukommt. Deren erste Reaktion: „Ein Gespenst!“ – also eine zusätzliche Bedrohung, denn die Angst vor Sturm und die Dunkelheit der Nacht verstellen den Blick. Würden wir Jesus auf Anhieb erkennen, wenn er auf eine so unwahrscheinliche Weise zu uns käme? Würden wir nicht auch eine Täuschung vermuten; eben ein Gespenst, das uns etwas vorgaukelt, um uns noch sicherer in den Untergang zu führen?
Doch Jesus ist real, er kommt und bringt Hilfe, auch wenn wir das mit dem Über-das-Wasser-Gehen so nicht denken können. Aber hinter dem Wunder, dass Jesus das kann, steht doch: Jesus kommt auf eine ganz andere Weise als wir uns das denken oder vorstellen können. Mit den Jüngern schwankt auch die Gemeinde und schwanken auch wir: zwischen verängstigt einerseits, solange Jesus nicht da ist oder er bedrohlich wie ein Gespenst wirkt, und tollkühn andererseits, wenn sie wie Petrus eine Ahnung von seiner Nähe haben.
Dem ersten Beruhigungsversuch können die Jünger noch nicht folgen: „Ich bin’s! Fürchtet euch nicht!“ – Die Worte Jesu könnten ja auch eine Täuschung sein. Es sind dann nur zwei Worte, die Jesus als Nächstes spricht, um den Bann der Angst brechen: „Komm her!“ Diese Worte bewirken, dass Petrus auf diesen Befehl Jesu hin das Undenkbare wagen will: Auf dem Wasser zu Jesus zu gehen.
Und solange er seinen Blick auf Jesus gerichtet hat, wird dieses Wunder tatsächlich möglich – er kann auf dem Wasser gehen! Für die Gemeinde des Matthäus und uns bedeutet das: Wenn wir dem Befehl Jesu folgen, können wir das tun, was absolut undenkbar ist.
Sobald Petrus dann aber den Blick von Jesus abgewendet, gerät er in den Bann von Wind und Wellen und er beginnt zu sinken. Dabei hat sich die Situation gar nicht geändert: Wind und Wellen waren vorher ja auch da, aber sie hatten keine Macht über Petrus. Sobald Wind und Wellen im Brennpunkt stehen, sind wir von ihnen gebannt, sie haben Macht über uns und nehmen uns gefangen. Wir fangen an zu sinken …
In diesem Moment hält Jesus keine Predigt, in der er über Petrus und seine Situation nachdenkt. Er hilft: streckt die Hand aus und packt zu. Petrus soll nicht im Meer des Chaos versinken. Die zweite Reaktion Jesu ist dann eine Frage – für mich eine Frage mit Augenzwinkern, auch wenn sie in der Lutherübersetzung wie im griechischen Urtext zuerst wie ein Vorwurf klingt: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Aber Jesus spricht Petrus nicht den Glauben ab; es ist immerhin ein kleiner Glaube, den Petrus hat. Ich höre darin keinen Vorwurf, sondern ein liebevolles „Hast du so wenig Vertrauen, Petrus? Ich hab es dir doch gezeigt.“; ein aufmunterndes „Beim nächsten Mal wird es besser!“
Der Rest ist fast banal, aber nur fast: Jesus steigt mit Petrus ins Boot und der Wind legt sich – als ob nichts gewesen wäre. Den Schlusspunkt aber setzen die Jünger als Gemeinschaft und damit die versammelte Gemeinde: mit einem Glaubensbekenntnis: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“
Liebe Gemeinde!
Immer wieder im Leben stehen wir vor der Frage: Was sollen wir als Kirche tun angesichts von Wind, der uns entgegenweht, und Wellen, die drohen, das Gemeindeschiff kentern zu lassen? Denn es sitzt kein Einzelner im Boot, sondern die Gemeinschaft der Jünger und damit die Gemeinschaft der Kirche.
In dieser Geschichte geht es um das Wunder des Glaubens angesichts von Wind und Wellen. Und Glauben heißt nach dieser Geschichte: Wind und Wellen ernst nehmen, aber ihnen nicht das Zentrum überlassen. Ins Zentrum unseres Blicks gehört Jesus Christus. Glauben heißt dann, so können wir es auf den Punkt bringen: Glauben heißt, auf Jesus sehen – in allen Lebenslagen. Dann gelingt auch das, was auf den ersten Blick unmöglich zu sein scheint; es gelingt auch das, über das wir uns nur wundern können.
Amen.

Der Predigttext Jesaja 42,1-9 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.
Liebe Gemeinde!
„Mein Name ist Bond, James Bond!“ – Ich bin mir sicher: Wir alle kennen diese Vorstellung. Auch wenn ich sie bestimmt nicht so cool rüber bringen kann wie Daniel Craig, Roger Moor und Jean Connery oder ihre jeweiligen Synchronsprecher. Aber wir haben sofort diesen überaus smarten und selbstbewussten Typen vor Augen, für den es die größte Ehre ist, im Dienst ihrer Majestät, der Königin von England, seinen Job zu tun.
Warum James Bond? An seiner Figur wird ganz schnell deutlich, was es mit dem Knecht auf sich hat, von dem im Jesajabuch im heutigen Predigttext gesprochen wird: Es geht bei der Vorstellung dessen, der oder die da in Gottes Dienst steht, nicht um irgendeine Tätigkeit, die als der letzte Dreck anzusehen wäre. So etwas haben viele Menschen aber im Kopf, wenn sie das Wort Knecht hören: willfährige Unterordnung und zu dreckigen Diensten angestellt. Bis hin zu Bezeichnungen wie „Kriegsknecht“ oder „Folterknecht“ verschlimmert sich das Bild vom Knecht. Weil das so ist, heißen die Angestellten in der modernen Landwirtschaft heute auch „Fachkraft Agrarservice“ und eben nicht mehr Knecht.
Wenn dann aber in der Bibel dieses Wort auftaucht, haben wir diese negativen Vorstellungen auch im Kopf. Aber der da von Gott vorgestellt wird, ist alles andere als so einer, der die unwürdige Drecksarbeit tun soll. Der Dienst, um den es geht, ist attraktiv; er ist eine Ehre, denn er hat Anteil an der Ehre des Auftraggebers – bei James Bond ist das die Ehre der britischen Königin, bei dem eved Adonai, wie es im Hebräischen heißt, ist es die Ehre Gottes, die diesem Amt und diesem Dienst seinen Glanz gibt.
Dieser eved Adonai ist nicht der einzige im Dienst Gottes. Aber er ragt als Figur unter allen Dienern Gottes in besonderer Weise heraus: obwohl – oder gerade, weil sein Name nicht bekannt ist. Vielmehr scheint Gottes Geistkraft immer wieder diese oder jenen dazu zu berufen. Und diese Gestalt ist mit höchster Machtfülle ausgestattet – in heutigen Wirtschaftsworten: mit allen Vollmachten, mit dem Recht, im Namen der Leitung des Unternehmens internationale Bündnisse zu schließen: das göttliche Recht unter die Heiden zu bringen.
Diese Aufgabe geschieht dann – um noch einmal auf James Bond zurückzukommen – geradezu undercover: unter der Decke der Verschwiegenheit: kein Schreien und Rufen, kein Reden mit Macht, denn es, das Tun Gottes, wird nicht „durch Heer oder Kraft“ geschehen, sondern durch Gottes Geist, wie schon der Prophet Sacharja weiß. Entscheidend ist: Der eved Adonai redet nicht, er tut!
Und was tut er? Auch hier steht an erster Stelle etwas ganz anderes, als wir es erwarten würden. Es sind keine Riesenaktionen, es ist kein Aktionismus. Mit den Bildern vom Bewahren des geknickten Rohrs und des glimmenden Dochtes, die es als Bildworte bis in die weltliche Sprache geschafft haben, wird deutlich: Es geht dem eved Adonai um das Recycling des eigentlich schon als unbrauchbar Abgeschriebenen. Sind wir nicht ganz schnell dabei, das auszusortieren, was geknickt ist, was nicht mehr genug Strahlkraft hat? Ist es nicht oft auch bei den Menschen so: Menschen, die geknickt sind: die enttäuscht, frustriert, gekränkt verletzt sind, werden aussortiert?
Dem widersetzt sich der eved Adonai: Er macht aus dem, was aussortiert wird, eine Wertstoffsammlung, aus der Neues entstehen kann: die alte, aussortierte Schöpfung, wird durch ihn verwandelt. Nichts und niemand wird ihm verloren gehen! Die Lampen mit den glimmenden Dochten bekommen neues Öl und damit neue Strahlkraft. Also nicht nur Recycling, sondern Upcycling im besten Sinn des Wortes!
Das alles geschieht durch ein neues Rechtssystem, das aus Gnade und Barmherzigkeit besteht: „Was braucht jedes Geschöpf zum Leben, was wird seinem Bedarf gerecht?“ – das ist die entscheidende Frage: Gnade ist das elementare Lebensrecht, das für alle Geschöpfe gilt, für das es keine Vorleistungen braucht. Und diesem Lebensrecht aller Geschöpfe haben sich auch die anderen Geschöpfe unterzuordnen. Menschen werden in diesem System nicht begnadigt, sondern sie werden als begnadet angesehen. Es geht nicht um „Gnade vor Recht“, sondern um ein „gnädiges Recht“. Dieses Recht ist die Tora, die Israel bekommen hat: die Wegweisungen zu einem Leben in Gerechtigkeit: in sozialer und Bildungsgerechtigkeit, in Gender-, Generationen- und Klimagerechtigkeit. Die Inseln, die darauf warten, können wir getrost mit den Inseln im Südpazifik gleichsetzen, denen heute schon das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. Dieses gnädige Recht der Tora ist auch der Ursprung für die allgemeinen Menschenrechte.
Liebe Gemeinde, wir feiern heute am 1. Sonntag nach dem Epiphaniasfest die Erinnerung an Jesu Taufe durch Johannes den Täufer. Höhepunkt dieser Geschichte ist aber nicht die Taufe selbst, sondern das, was im Anschluss geschieht: die Stimme, die zu hören ist und die Jesus zu seinem Dienst beruft: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus ist Sohn und damit das Kind Gottes. So wird die Jesaja-Stelle schon ganz früh aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt. Jesus ist mit diesen Worten nach der Taufe genau für seine Aufgaben im Dienst seines himmlischen Vaters berufen worden: zu diesem so besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst an den Menschen und an der beschädigten, zerbrochenen Schöpfung: Jesus wird in seinem irdischen Wirken punktuell und zeichenhaft Gottes Herrschaft sichtbar und erfahrbar machen.
Und wenn Jesus im Tauf- und Missionsbefehl am Ende des Matthäusevangeliums seine Jünger beauftragt, an alle Menschen mit der Taufe das weiterzugeben, was er ihnen gegeben hat, dann bedeutet das schlicht und ergreifend: Auch alle Getauften sind zu diesem besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst berufen. Wir werden uns nicht so vorstellen: „Mein Name ist Willimczik, Torsten Willimczik, ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Denn es ist nicht an uns, so etwas hinauszuposaunen – nicht in den Gassen zu schreien und zu rufen, wie es bei Jesaja heißt.
Aber es sollte unsere innere Haltung sein, mit der wir durchs Leben gehen: „Ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Dann wird es auch für uns selbstverständlich sein, geknicktes Selbstbewusstsein zu bewahren und neu aufzurichten, die glimmenden Dochte des Lebens von dem zu befreien, was sie zu ersticken droht, das Recht Gottes gegen alles menschliche Unrecht hinauszutragen. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit ist uns dazu durch in unserer Taufe nicht nur irgendwie zugesprochen worden: Es ist die Verheißung Jesu, dass diese Begabung real ist. Vertrauen wir darauf, dass sich das in unserem Dienst immer wieder neu bewahrheitet! Amen.
Die Predigt fußt auf der Predigtmeditation von Rainer Stuhlmann in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 105-112). Herzlichen Dank dafür!