Gottesdienste zum Jahreswechsel 2017-2018

Ganz schnell ist auch dieses Jahr zu Ende; in wenigen Tagen beginnt ein neues.

Auch zu diesem Jahreswechsel beschäftigt mich ein Lied aus dem Liederbuch „Solang wir Atem holen“ von dem niederländischen Theologen und Dichter Sytze de Vries (www.sytzedevries.com). Es ist das Titellied:

Solang wir Atem holen
  1. Solang wir Atem holen, erweckt uns Gottes Ruf,
    ins Lied zu übertragen, wozu er uns erschuf:
    Einander zugewiesen als Farben eines Klangs
    sind wir im Chor des Lebens die Stimme tiefen Danks.
  2. Auch wenn die eigne Stimme mir ihren Dienst versagt,
    das Lied auf andren Lippen trägt, bis der Morgen tagt.
    Von Atemnot befallen, im Kummer stumm gemacht –
    das Hoffnungslied mit allen hat mich ans Licht gebracht.
  3. Das Dunkel muss erbleichen vor Psalmen in der Nacht.
    Selbst Mauern können fallen: Singt denn aus aller Macht!
    Gott, lass es nie uns fehlen an Weisen und Gesang,
    die unsern Gang beseelen das liebe Leben lang.
  4. Das Lied hebt seine Flügel und schwebt im Hoffnungswind.
    Es übersteigt die Ängste um Leben, das verrinnt.
    Es blickt hinaus ins Weite, es atmet deinen Geist.
    Schon tönt in unserm Singen von fern das Hochzeitsfest.

Text: Sytze de Vries 1985; deutsch von Jürgen Henkys (2010),
Melodie: Llangloffan (Wales), © bei den Autoren

Dass wir mit unserem Lebenslied ins Weite blicken können, weil  Gott uns geleitet – das wünsche ich allen:

Gottes Geleit
beim Übergang
aus dem Alten in ein gesegnetes neues Jahr 2018!

Herzliche Einladung zu den dazu gehörenden Gottesdiensten:

am Altjahrsabend (31.12.2017):

  • in der Möllberger Kirche
  • mit Abendmahl
  • um 17.00 Uhr
  • in der Holtruper Kirche
  • mit Abendmahl
  • um 17.00 Uhr

am Neujahrstag (1.1.2018):

  • für alle drei Gemeindebezirke
  • in der Möllberger Kirche
  • um 17.00 Uhr

Kirche_mit_KindernAn diesen Tagen gibt es
keinen Kindergottesdienst.

Predigt am Altjahrsabend 2016

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde am Altjahrsabend!
Altjahrsabend – so heißt dieser Tag liturgisch gesehen in der evangelischen Kirche, denn die Bezeichnung Silvester kennzeichnet diesen Tag nach dem römisch-katholischen Heiligenkalender für das Gedenken an den Papst Silvester I., der am 31. Dezember 335 gestorben ist. Die zugegebenermaßen etwas spröder klingende Bezeichnung Altjahrsabend sagt aber dafür genau, um was es heute in diesem Gottesdienst geht: Wir feiern am Abend des alten Jahres Gottesdienst.

Damit tun etwas, was bei Christen ganz oft geschieht: Wir stellen einen weltlichen Moment unseres Lebens in das Licht unseres Glaubens; wir fragen uns, was aus der Sicht Jesu, aus der Sicht des Glaubens zu diesem Tag zu sagen ist. Der Jahreswechsel mit diesem Gottesdienst ist damit eben so ein Moment wie die Taufe nach der Geburt, der Schulanfang mit dem entsprechenden Gottesdienst, die Konfirmation auch als Begleitgottesdienst bei dem Schritt ins Erwachsenenleben, die Trauung und schließlich auch die Beerdigung. Immer geht es bei diesen Gottesdiensten darum, die Situation des je eigenen Lebens vor Gott zu bedenken.

Wir stehen am Ende eines Jahres, blicken auf das zurück, was war, und blicken – so weit das möglich ist – auf das voraus, was kommt. Jede und jeder von uns wird neben den gesellschafts- und weltpolitischen Ereignissen ganz persönliche Erinnerungen an das Jahr 2016 haben, auf die wir je nachdem mit Schaudern oder großer Dankbarkeit zurückblicken; und so wird es auch mit den Erwartungen und Befürchtungen für die Zukunft sein: besorgt und skeptisch oder freudig und zuversichtlich.
Manches Erlebte im persönlichen Bereich wird zusammen mit dem Jahr 2016 abgeschlossen werden. Manches wird auch noch im neuen Jahr spürbar sein. Aber was uns im Jahr 2016 gesellschafts- und weltpolitisch bewegt hat, das wird uns bestimmt auch im Jahr 2017 weiter beschäftigen. Da bin ich mir angesichts von Landtags- und Bundestagswahl im nächsten Jahr sicher.

Betrachtet man die Jahresrückblicke, drehen die sich vor allem darum, dass so viele Prominente verstorben sind: aus dem Musik-, Film- und Showbusiness, aus der Politik – Menschen, die für das Leben von vielen von uns prägend waren. Daneben hat es die US-Wahl natürlich in die Rückblicke geschafft, ebenso die Krise der EU und die politische Situation in Polen und vor allem in der Türkei, die Terrorgefahr nicht erst seit dem Anschlag in Berlin. Und dann ist da noch die Beobachtung, dass sich im Jahr 2016 ganz viel im Miteinander unserer Gesellschaft verändert hat: der Ton ist spürbar rauer geworden, Hassbotschaften und Hasskommentare – nicht nur von islamistischen Hasspredigern, sondern vor allem von Deutschen – haben oft, allzu oft eine konstruktive Diskussionskultur in unserem Land verdrängt.

So feiern wir am Abend des alten Jahres Gottesdienst und bedenken unser Leben – unser persönliches, das der Kirche und das unserer Gesellschaft – vor Gott und im Licht seiner Botschaft. Die Texte aus der Bibel, die für diesen Anlass ausgewählt sind, geben die Antwort auf die eine entscheidende Frage, die schon der Beter des 121 Psalms gestellt hatte: „Ich hebe meine Augen auf. Woher kommt mir Hilfe?“

Das Evangelium aus Lukas 12 legt uns unter der Überschrift „Warten auf das Kommen des Herrn“ eine Mahnung zu Wachsamkeit ans Herz: „Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ So kann Jesus unvermutet vor unserer Tür stehen – auch in Gestalt seiner geringsten Brüder und Schwestern. Vielleicht kommt aber auch der Dieb, besonders dann, wenn man nicht mit ihm rechnet, und die uns anvertrauten Schätze des eigenen Hauses sind schneller weg, als man es sich vorstellen kann: Nächstenliebe und Achtung und Würde des anderen; Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit in einem einigen und geeinten Europa.

Dem entspricht eine Warnung vor zu großer Selbstsicherheit in einem Predigttext aus dem 8. Kapitel des Johannesevangeliums: Nicht, was einmal war, was einmal erreicht war, entscheidet darüber, ob wir in uns und unserer Sünde gefangen sind, oder, ob wir frei sind zum Leben, sondern immer wieder neu das Vertrauen zu Jesus Christus: „Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“ So sagt es der johanneische Jesus. Daran erinnern uns auch zwei Verse aus dem 13. Hebräerbrief-Kapitel: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Denn – so werden wir gewarnt – wie schnell lassen wir uns von Versprechungen ablenken, von denen dann doch nur andere den Nutzen haben – nämlich diejenigen, die uns das Blaue vom Himmel herunter versprochen haben? Standhaftes Vertrauen durch ein gestärktes und gefestigtes Herz gibt es nicht durch Mauern und Zäune, sondern nur durch Gottes Gnade.

Das wusste auch Martin Luther, dessen reformatorischen Durchbruch vor fünfhundert Jahren wir 2017 bedenken. Das wusste aber auch schon der Prophet Jesaja, der hilfreiche Worte Gottes weitergeben konnte: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein.

Schnell mag da die Frage aufkommen nach dem „Wie geht das? Wie schaffen wir das?“ Die Texte des Altjahrsabend kommen nicht nur mit Warnungen und Mahnungen daher. Schon in den bisherigen Abschnitten schwingt immer wieder das Befreiende und Heilvolle mit, das uns in der Begegnung und im Vertrauen auf Gott und Christus mitgegeben ist, wenn wir auf das zurückliegende Jahr 2016 und auch auf das vor uns liegende Jahr 2017 sehen.

Ganz ausdrücklich und ausschließlich um das wegweisende Geleit und die bewahrende Nähe Gottes geht es in den beiden noch nicht genannten Texten. Den einen haben wir als Schriftlesung gehört: von Gottes sichtbarer Wegweisung am Tag und in der Nacht durch die Wolken- und Feuersäule, als das Volk Israel durch die Wüste des Sinai unterwegs war. Auch wir dürfen immer wieder Zeichen von Gottes Wegweisung durch die Wüste sehen, durch die Wüstenstrecken unseres Lebens, die es neben manchen wunderschönen Oasenplätzen und manchen blühenden Landschaften eben auch gibt.

Der zweite noch ausstehende Text vergewissert uns auf ganz andere Weise der unbedingten Nähe Gottes: Der Apostel Paulus bekennt der Gemeinde in Rom und heute auch uns seine tiefste Gewissheit von der unauflöslichen Verbindung, die Gott zu uns durch die Taufe geschaffen hat: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. Gottes Liebe ist absolut untrennbar mit den Seinen, mit uns verbunden – gegen das Heer des Schreckens, das Paulus vorher aufzählt, von dem die Gemeinde Gottes bedroht sein könnte: „Tod und Leben; Engel, Mächte und Gewalten; Gegenwärtiges und Zukünftiges; Hohes, Tiefes oder irgendeine andere Kreatur.“ Wir heute können den Platzhalter „andere Kreatur“ mit allem ausfüllen, was unser Leben und unseren Glauben heute versuchen könnte, ins Wanken zu bringen.

Es gibt sicher vieles, auf das sich Menschen im kommenden Jahr ebenso freuen, wie sie sich dankbar an das erinnern, was sie an Gutem im zuende gehenden Jahr erfahren haben. Das ist auch gut so; ich freue mich mit allen mit, die so positiv gestimmt auf das Kommende zugehen – zugehen können und wollen. Für mich bleiben an diesem Jahresübergang aber auch viele Fragen und Sorgen, besonders wenn ich über das Persönliche hinausblicke.

Die politische und die gesellschaftliche Situation in Deutschland, in Europa und in Amerika, die Situation in Russland und im Nahen und Mittleren Osten stellen die Regierungen und uns alle vor große Herausforderungen, dass der Frieden bewahrt oder wieder hergestellt werden kann. Da braucht es den Ruf zu Wachsamkeit und die Bereitschaft zum Miteinander ebenso wie die stärkende und ermunternde Zusage der Nähe Gottes.

Dies alles finde ich in dem Lied zusammengefasst, das ich schon länger kenne, das mir in den letzten Tagen neu in die Hände gefallen ist und das wir gleich singen werden (Text siehe unten): „Der uns schuf“ – geschrieben von Sytze de Vries, einem niederländischen Pfarrer, der viele Jahre an der Oude Kerk in Amsterdam seinen Dienst getan hat und der jetzt in der Nähe von Utrecht als freischaffender Dichter und Theologe arbeitet; ins Deutsche übertragen von dem genialen Übersetzer Jürgen Henkys, der Pfarrer in Ostdeutschland und später Professor für Praktische Theologie an der Humbold-Universität in Berlin war; mit der Musik von Willem Vogel, dem Kantor an der Oude Kerk, der mit seiner so einfachen Melodie den Ton der Worte trägt.

Es ist ein Lied, das in der Liedersammlung, aus der ich es entnommen habe, in der Rubrik „Gott begegnen“ steht, in der niederländischen Sammlung als Abendlied gekennzeichnet ist. Beides kommt heute, am Abend dieses Jahres zusammen, wenn wir am Ende des Tages den Abend des Jahres bedenken, um durch die Nacht in einen neuen Tag und ein neues Jahr zu gehen.

In der ersten Strophe eröffnet Sytze de Vries einen weiten Raum. Im Niederländischen ist schon in der ersten Strophe klar, dass – auch wenn vieles in der dritten Person gesagt wird – alles eine große Anrede ist, ein großes Gebet ist. Es spricht die Gemeinschaft der zu Gott Betenden, von dem her sie kommt und der ihr Leben noch immer erhält, weil er sie in der Höhlung seiner Hand hält: „Der uns schuf und noch immer hält in der Höhlung seiner Hand“. Und letzteres gerade dann, wenn das Dunkel der Nacht bedrohlich, geradezu übermächtig wird. Nacht – die Lebenswüste, durch die Israel zieht, die „andere Kreatur“, der Platzhalter für das, was zwar unsere Beziehung zu Gott gefährden, aber nicht Gottes Beziehung zu uns in Frage stellen kann. Er sucht uns vielmehr, wie es dann in der zweiten Strophe heißt, ist uns gewissermaßen immer schon den einen Schritt voraus und hat uns die Tür schon aufgemacht, durch die uns der helle Schein des neuen Tages anleuchtet.

Und wie Jesaja weiß auch Sytze de Vries, dass Gottes Wort und seine Wahrheit nicht im Geschrei oder gar Gebrüll der Straße zu finden sind, sondern im leichten, sanften Sausen, das aus der Stille kommt, wie es schon der Prophet Elia erfahren hat. So formt sich die erste Bitte des Liedes: „Komm, aus der Stille sprich uns an.“ Wir spüren es immer wieder: Ohne das Wort, das zuerst von Gott ausgeht, kommen wir nicht weit.

Mit der dritten Strophe wird die Gott beschreibende Anrede wieder aufgenommen. Mit dem Bild von den Flügeln, die Gott wie ein großer Vogel über die Seinen ausbreitet, wird seine beschützende Nähe herausgestellt – Sinnbild für die Liebe, die er für uns hat und von der uns nach Paulus nichts und niemand trennen kann.

Und im Vertrauen auf diese Liebe folgt in der vierten Strophe die zweite Bitte: In Anlehnung an die Worte des Kirchenvaters Augustinus – „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, o Gott.“ – zeichnet Sytze de Vries noch einmal die Verunsicherung und die Selbstbezogenheit nach, die die Menschen immer wieder erfasst: Was verpasse ich alles? Wem in den Spiegeln des Lebens will ich gefallen? Um dann doch zu der Erkenntnis des Hebräerbriefes zu kommen: „Es ist ein köstlich Ding, dass das Herz gefestigt werde, welches geschieht durch Gnade.“

Möge Gott – wie es schließlich in der 5. Strophe als dritte große Bitte formuliert wird – am Morgen über uns aufgehen: am ersten Morgen und an jedem weiteren Tag des neuen Jahres als das strahlende und segnende Licht und uns so Hoffnung und Zuversicht geben. Möge uns Gott im neuen Jahr immer wieder die Ruhe des Herzens und die Kraft zur Tat geben, damit wir der Finsterwelt und dem Dunkelland unserer Zeit standhalten und das tun, was notwendig ist, das tun, was die Not wendet.
Amen.

Hier noch einmal das Lied von Sytze de Vries:

Der uns schuf
  1. Der uns schuf und noch immer,
    wenn hier die Nacht uns übermannt,
    hält in der Höhlung seiner Hand,
  2. der uns sucht in dem Dunkel –
    der Du die Tür schon aufgetan:
    Komm, aus der Stille sprich uns an.
  3. Der uns birgt unter Flügeln,
    mit ihrem Schatten uns bedeckt,
    Liebe die uns zum Leben weckt:
  4. Sieh das Herz voller Unrast,
    blind zwischen Spiegeln schlägt es hier,
    bis dass es wieder ruht in dir.
  5. Komm zu uns, geh als Morgen
    über uns auf, sei du das Licht.
    Segnend erheb dein Angesicht.

T: Sytze de Vries „Die ons schiep“, deutsch von Jürgen Henkys
M: Willem Vogel
T+M: BV Liedboek, Zoetermeer ©deutsch: Strube, München

Gottesdienste zum Jahreswechsel 2016-2017

Wieder geht ein Jahr zu Ende; wieder beginnt ein neues.

Ein Lied in der Rubrik „Gott entdecken“ aus dem Liederbuch „Solang wir Atem holen“ von dem niederländischen Theologen und Dichter Sytze de Vries (www.sytzedevries.com) beschäftigt mich mit Blick auf den Jahreswechsel besonders:

Der uns schuf
  1. Der uns schuf und noch immer,
    wenn hier die Nacht uns übermannt,
    hält in der Höhlung seiner Hand,
  2. der uns sucht in dem Dunkel –
    der Du die Tür schon aufgetan:
    Komm, aus der Stille sprich uns an.
  3. Der uns birgt unter Flügeln,
    mit ihrem Schatten uns bedeckt,
    Liebe die uns zum Leben weckt:
  4. Sieh das Herz voller Unrast,
    blind zwischen Spiegeln schlägt es hier,
    bis dass es wieder ruht in dir.
  5. Komm zu uns, geh als Morgen
    über uns auf, sei du das Licht.
    Segnend erheb dein Angesicht.

T: Sytze de Vries „Die ons schiep“ deutsch von Jürgen Henkys
M: Willem Vogel
T+M: BV Liedboek, Zoetermeer ©deutsch: Strube, München

Das wünsche ich allen:

Gottes Geleit
beim Übergang
aus dem Alten in ein gesegnetes neues Jahr 2017!

Herzliche Einladung zu den dazu gehörenden Gottesdiensten:

am Altjahrsabend:

  • in der Möllberger Kirche
  • mit Abendmahl
  • um 17.00 Uhr
  • in der Holtruper Kirche
  • mit Abendmahl
  • um 17.00 Uhr

am Neujahrstag:

  • für alle drei Gemeindebezirke
  • in der Holzhauser Kirche
  • um 17.00 Uhr

Kirche_mit_KindernAn diesen Tagen gibt
es keinen Kindergottesdienst.

Predigt am Altjahrsabend 2015

Predigt-Icon5Liebe Schwestern und Brüder in Christus am letzten Tag des Jahres 2015!

„Gestern – heute – morgen“ Das sind die drei Worte, die diesen Tag und Abend in besonderer Weise charakterisieren. Heute am Ende des Tages und am Ende vor allem des Jahres halten wir inne, um den Blick auf das Gestern und das Morgen zu richten. Was war im zuende gehenden Jahr? Was mag wohl auf uns zukommen im neuen Jahr? Fragen nach persönlichem Erfolg und Misserfolg stehen neben Erwartungen und Befürchtungen. Und mittendrin der Wunsch, dass der Übergang schön ist: mit Freunden zusammen zu feiern und dann auf das neue Jahr anzustoßen oder ganz zurückgezogen den Abend und vor allem die Nacht an sich vorübergehen zu lassen.

Aus christlicher Perspektive stehen die drei Zeitbezüge „Gestern – heute – morgen“ unter der Zusage von Gottes Liebe und Treue, die er den Seinen verheißt. So wie Gott bisher mit den Menschen gewesen ist, so ist er das auch heute und wird es in Zukunft sein. Der Schreiber des Hebräerbriefes stellt dies mit ganz wenigen Worten dar: so wie ein Künstler mit 5 Strichen eine ganze Szene auf Papier zaubert. Da heißt es im 13. Kapitel des Hebräerbriefes: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Damit ist für den christlichen Glauben eigentlich alles gesagt. Aber weil auch der Hebräerbrief in einer ganz konkreten Umgebung entstanden ist, kommen doch noch ein paar Worte mehr vor, die auch uns heute beschäftigen. Der Schreiber fährt fort: „Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben.“ Diese Fortsetzung lässt uns erkennen, wie unwägbar schon damals das Leben, auch das Glaubensleben der Christen war. Wie viele Sinn-Angebote es auch damals gegeben hat, die alle geschrien haben: „Ich verheiße dir das Beste und das Tollste für dein Leben. Höre nur auf mich.“

Und beispielhaft macht es der Schreiber des Briefes an einer dieser Lebensverheißungsmaschen fest: „Wenn ihr nur bestimmte Speisegebote erfüllt, dann wird euer Leben gelingen. Mit dieser, der einzig richtigen Diät habt ihr es im Handumdrehen geschafft!“ Dem widerspricht der Hebräerbrief entschieden. Für Christen gilt: Einen starken Glauben und damit die Kraft, dem Leben standzuhalten, das bekommt man nicht durch Diäten, sondern nur durch die Gnade Gottes. Von den Diäten haben doch nur die etwas, die sie verkaufen, nicht die Kunden. Im Brief heißt es: „Ja, es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen.“

Was denn nun den Glauben und damit das Leben stärkt und kräftig? Keine Einhaltung von Speisegeboten in der damaligen Zeit noch von Diätrezepten heute lässt uns das Leben gewinnen. Allein die Nähe Jesu, der für uns am Kreuz alles vollbracht hat, seine Nähe zu uns, seine Gnade stärkt und kräftig das Herz und damit unser Leben, so sehr es auch durch die Umstände unseres Lebens gefährdet sein mag.

So haben wir an diesem Altjahrsabend dieses Kurz-Bekenntnis des Hebräerbriefes vor Augen und in den Ohren: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Und wir können unser Leben im Licht dieses Bekenntnisses betrachten: das, was war, im zuende gehenden Jahr; das, was jetzt ist, und in etwas eingeschränkter Weise auch das, was auf uns zukommt. Denn was genau kommt, wissen wir ja noch nicht und es muss nicht unbedingt die Ewigkeit sein.
Ich will das anhand eines Gedichtes tun, das mir in den vergangenen Tagen in die Hände gefallen ist, das mich sehr berührt hat. Der Verfasser ist Arno Pötzsch, der auch „Meinem Gott gehört die Welt“ geschrieben hat. Arno Pötzsch hat als 18-jähriger das Ende des Ersten Weltkrieges erlebt und kam in einer Lebens- und Glaubenskrise zur Herrnhuter Brüdergemeinde. Später studierte er Theologie und wurde zunächst in Sachsen Pfarrer. Nach Konflikten mit staatlichen Stellen wurde er Marinepfarrer in Cuxhaven und in Den Haag, nach dem Krieg kam er nach Cuxhaven zurück und war dort bis zu seinem Tod 1956 als Pfarrer tätig. Er leitete das kirchliche Hilfswerk in Cuxhaven und kümmerte sich um die damaligen Flüchtlinge.

Die gedichtete Betrachtung zum Jahreswechsel von Arno Pötzsch heißt: „Dein ist das Jahr“. Sie finden es auf der Rückseite des Blattes mit der Folge der Lieder.

Dein ist das Jahr

Dein ist das Jahr, dein ist die Zeit,
dein, Gott, ist alle Ewigkeit.
Dein ist die Welt, auch wir sind dein;
kann keins hier eines andern sein!

Dein ist der Tag und dein die Nacht,
dein, was versäumt, dein, was vollbracht,
dein Saat und Ernte, täglich Brot,
das Leben samt Geburt und Tod.

O Herr, im Werden und Vergehn
lass ohne Wandel uns bestehn
in deiner Gnade, Lieb und Huld
mit Los und Leid, Angst, Sorg und Schuld!

So gehn wir, Gott, aus dem, was war,
getrost mit dir ins neue Jahr,
ins Jahr, dem du dich neu verheißt,
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Liebe Gemeinde!
Die erste Strophe ist eine ähnlich bekenntnishafte Aussage wie der Satz aus dem Hebräerbrief: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Wir – zusammen mit der ganzen Welt, mit allem, was dazu gehört, wir gehören Gott. So wie über das zuende gehende Jahr ist Gott Herr über die Zeit, ja sogar über die Ewigkeit. Und wenn Arno Pötzsch – mit Blick auf die Zeit – die Kreise immer größer zieht, so kehrt sich die Blickrichtung in der zweiten Hälfte der 1. Strophe um: Die ganze Welt, der ganze Kosmos gehört Gott – und auch wir: jede und jeder Einzelne, so klein und unbedeutend wir uns im Verhältnis zum Großen und Ganzen des Universums auch vorkommen mögen, auch wir gehören ihm.

Und wie in Psalm 139, wo der Beter sich in jeder Lebenslage von Gott begleitet und liebevoll betrachtet weiß, ist diese so alles umfassende Gegenwart Gottes auch hier nicht so gemeint, dass Gott in seiner Größe bedrängend oder einschränkend wäre. Ganz im Gegenteil. Wie viele andere Gedichte und Lieder sind auch diese Strophen von Arno Pötzsch von einem fast kindlichen Vertrauen geprägt, das sich mit einem sehr großen, erwachsenen Glaubensernst verbindet. Keines der Menschenkinder gehört von Gott aus gesehen einem anderen.

Es ist immer wieder wichtig, sich das klar zu machen. Gott hat uns schon längst als die Seinen angenommen, wie uns auch Paulus erinnert: Mit dem so eindrücklichen Abschnitt aus dem Römerbrief, den wir als Schriftlesung gehört haben und mit dem einen Satz der Jahreslosung, der uns in diesem zuende gehende Jahr begleitet hat: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

Mit der zweiten Strophe wendet sich Arno Pötzsch dem Einzelnen zu: sehr allgemein sicherlich, aber gerade deshalb können wir uns wohl alle in diesen Worten wiederfinden. Die Tage und die Nächte des zuende gehenden Jahres liegen vor Gott ausgebreitet. Was wir jeweils damit verbinden, wird sehr unterschiedlich sein: Das Helle und Frohe des Tages steht vielleicht dem Dunkel und der Angst der Nacht gegenüber; es mag aber auch genau umgekehrt sein: die Ruhe der Nacht bringt Erholung von dem Stress und dem Ärger des Tages.

Ebenso vor Gott ausgebreitet ist das Gelungene und das Unvollendete dieses Jahres. Mit dem Blick auf Saat und Ernte und dem Verweis auf das tägliche Brot, um das wir in jedem Vater unser bitten, ist der Blick ebenso auf die Gesamtheit des Lebens gerichtet, wie mit dem Hinweis auf das Leben, zu dem Geburt und Tod immer mit dazu gehören:

Im Rückblick werden wir die Dinge sehen, die uns misslungen sind, die wir versäumt haben: Menschen, die vergeblich auf einen Anruf oder Besuch gewartet haben, einen Unfall oder eine Krankheit, Misserfolge in Schule und Beruf, vielleicht sogar den Verlust des Arbeitsplatzes oder das Ende eine Beziehung, den Tod von Menschen, die uns nahe standen.

Daneben gibt es aber auch vieles zu entdecken, über das wir uns aus tiefster Seele freuen können, weil es gelungen oder gut ausgegangen ist: unverhoffte Begegnungen mit zunächst fremden Menschen, also mit Freunden, die man nur noch nicht kannte, bestandene Prüfungen, eine neue Arbeitsstelle, den erfolgreichen Abschluss von wichtigen Projekten, Bilder von schönen Urlaubstagen, aber auch den Beginn des Lebens mit einer Geburt in der Familie oder im Freundeskreis.

Wie gut ist es, dass wir das alles in Gottes Hand geborgen und gut aufgehoben wissen dürfen! Die Freuden ebenso wie das Missratene und Traurige. Jesus Christus – gestern und heute – er nimmt uns die Lasten von der Schulter, um das zu heilen, was verletzt und zerbrochen ist.
Mit der dritten Strophe blickt Arno Pötzsch – auf der Schwelle zum neuen Jahr stehend – der Zukunft entgegen. „O Herr, im Werden und Vergehen“ – noch einmal stellt er uns die Gesamtheit des Lebens vor Augen, das es zu bestehen gilt. Wie in vielen anderen seiner Gedichte, die während der Kriegszeit entstanden sind, ist es ein skeptischer Blick. Vielleicht ist es aber auch ein realistischer Blick, denn die Momente des Lebens, die sich mit Los und Leid, mit Angst, Sorge und Schuld verbinden, wiegen oft viel schwerer als das kurze Jauchzen der Freude.

Und über das persönliche hinaus gibt es ja durchaus auch gesellschaftliche und politische Themen, die Menschen mit Sorge in die Zukunft blicken lassen: Wird es gelingen, dass Deutschland ein offenes und buntes Land bleibt? Wird es gelingen, die nationalistischen Tendenzen in Europa zu stoppen? Wird es gelingen, wirtschaftliche Interessen zugunsten von Gerechtigkeit und Klimaentwicklung zu beeinflussen? Ich wünsche mir das alles sehr.

Bei allen diesen Herausforderungen im Persönlichen und im Gesellschaftlich-Politischen dürfen wir auf Gottes Nähe und Beistand hoffen und vertrauen.

So wie Gottes Liebe und Treue jeden Morgen neu ist, so ist auch die Verheißung von Gottes Beistand in jedem Jahr neu. So eröffnet uns Christus als das Fundament unseres Lebens und unseres Glaubens den Weg in die Zukunft, den Beginn von Gottes Ewigkeit: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

Und so bleibt am Ende als Summe des Jahreswechsels das Wort „getrost“, unter dem auch das neue Jahr stehen wird. Mit der Verheißung Gottes aus der neuen Jahreslosung aus Jesaja 66: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, die uns in die Worte von Arno Pötzsch einstimmen lässt:

So gehn wir, Gott, aus dem, was war,
getrost mit dir ins neue Jahr,
ins Jahr, dem du dich neu verheißt,
Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen.

Der Text des Gedichtes  von Arno Pötzsch ist entnommen aus:
„Sagt, dass die Liebe allen Jammer heilt“,
Christliches Verlagshaus, Stuttgart 2000