Predigt vom 23. Oktober 2016

Predigt-Icon5Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Es gibt Sätze, die höre ich immer wieder und ich sage sie bestimmt auch immer wieder selbst. Da ist der berühmte Satz: „Ich war das nicht!“ Aber das ist bestimmt nicht der Einzige. Ein Satz, der wohl fast ebenso häufig vorkommt, ist: „Beim nächsten Mal wird alles besser!“ – Etwas vorsichtiger formuliert: „Beim nächsten Mal wird alles anders!“ Dann hat man wenigstens recht behalten, auch wenn das Projekt in die Hose geht.

Ich kann mir viele Situationen vorstellen, die mit diesem Grundgedanken enden: Da hat jemand ein Projekt, eine Prüfung oder eine Klassenarbeit gerade hinter sich gebracht und das Ergebnis war nicht wirklich zufriedenstellend: doch nur eine vier minus (oder sogar noch schlechter); der Zuspruch des Publikums war geringer als erwartet, der Verkauf hat noch nicht einmal die Kosten eingebracht, von einem positiven Ertrag ganz zu schweigen; ein Geschäft ist doch nicht zustande gekommen; man hat sich verfahren und ist zu einem wichtigen Termin nicht rechtzeitig gekommen.

Woran es gelegen hat? Es gibt viele Möglichkeiten. Oft sind es äußere Faktoren. Nicht selten aber muss man – wenn man ehrlich mit sich ist – sich an die eigene Nase fassen und feststellen: Es hat an mir gelegen: Wer für eine Klassenarbeit nicht lernt, darf sich nicht wundern, wenn keine gute Note dabei heraus kommt; wer sich nicht um die Rahmenbedingungen wie Öffentlichkeitsarbeit oder Ähnliches kümmert, kann kaum einen überwältigenden Zuspruch erwarten; wer sich nicht darum kümmert, in welches Holzhausen man fahren muss, wird verwundert feststellen, dass es eben nicht das an der Porta gewesen ist, sondern eines in Hessen.

Ein ehrlicher Blick auf die eigene Einstellung, die eigene Vorbereitung ist ein erster Schritt, um weiter zu kommen. Daraus dann die richtigen Schlüsse zu ziehen, ist der zweite Schritt, denn selber schuld ist man nur, wenn man denselben Fehler wieder macht. Und so kommt es zu diesem Satz: „Beim nächsten Mal wird alles anders!“ oder sogar „… wird alles besser!“

Und was für so weltliche Dinge wie Klassenarbeiten, berufliche Projekte und Orientierung bei Autorouten gilt, das ist auch bei Fragen des Glaubens und dem, wie man sich als Christ verhält, nicht anders. Christ sein, das wollen viele Menschen, und ich gehe einfach mal davon aus, dass das für uns heute und hier in der Möllberger Kirche auch gilt: Christen sein, möglichst auch gute Christen.

So einfach, wie wir uns das denken, ist es aber auch nicht. Mit einem ehrlichen Blick auf uns selbst werden wir immer wieder feststellen müssen: Es gibt so vieles in meinem Leben, was den Werten des Christentums und damit dem christlichen Glauben nicht entspricht. Alleine ein Blick auf die 10 Gebote wird reichen, um uns das klar zu machen. Auch wenn wir niemanden direkt umgebracht haben, wenn wir niemanden direkt beklaut haben – wie ist das alleine damit, dass wir neben dem Gott, in dessen Namen wir hier versammelt sind, keine Götter haben sollen; dass wir seinen Feiertag heiligen und seinen Namen ehren sollen? Und, wenn wir die zweite Tafel der Gebote betrachten, die das Leben der Menschen untereinander regeln sollen: Wie ist das mit Worten und mit Whatsapp-Nachrichten, die zumindest verletzen und oft genug auch im übertragenen Sinn zu töten scheinen; wie ist das – wenn wir unseren eigenen persönlichen Rahmen ein wenig weiten – mit einer Wirtschaftsordnung, die einen Teil der Menschen strukturell arm hält – hier in Deutschland und vor allem auch in den Handelsbeziehungen zwischen Europa und Nordamerika auf der einen Seite und den vielen Ländern in Afrika und Asien auf der anderen Seite?

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: als der, der hier den moralischen Zeigefinger ausfährt oder gar die moralische Keule schwingt. Alles, was ich hier sage, das sage ich auch und zu allererst mir selbst. Der Pastor ist in diesen Dingen bestimmt kein besserer Christ als jede und jeder andere, die heute Morgen hier in der Kirche sitzen.

Da braucht es auch keine Einbestellung durch den „König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte“, wie wir es im Evangelium des heutigen Sonntags gehört haben. Ein ehrlicher Blick auf sich selbst reicht bestimmt schon, um sich das alles klar zu machen. Und dann? Dann fällt dieser so bedeutsame Satz: „Beim nächsten Mal wird alles nicht nur anders, es wird sogar bestimmt besser!“

Also: Ich gehe demnächst ganz regelmäßig in den Gottesdienst, ich bete demnächst bestimmt morgens und abends; ich sage nicht mehr „O Gott!“, wenn der gar nichts damit zu tun hat; ich schreibe nur noch liebe und wahre Sachen bei Whatsapp und Facebook, ich kümmere mich um hilfsbedürftige Menschen, ich kaufe nur noch fair gehandelte Produkte und ich protestiere bei der nächsten Demo gegen TTIP und CETA.

Wirklich? Schaffe ich, schaffen wir das? Wird wirklich alles anders und sogar besser? Wenn ich auf mich sehe, bin ich mir da nicht so ganz sicher. Ich denke eher, dass es wie mit den berühmten Vorsätzen an Silvester sein wird: Da ist das neue Jahr noch keine Woche alt und alles ist Makulatur. So ist es doch, oder nicht? Wir wissen doch ganz genau, wie gut es uns tut, wenn der Sonntag wirklich Sonntag ist, wenn wir unsere Lasten und Probleme, unsere Freude und unseren Dank vor Gott aussprechen; wenn die Menschen, mit denen wir kommunizieren sich auf unsere ehrliche Zuwendung verlassen können; wir wissen doch, dass wir und so viele andere Menschen glücklicher wären, wenn die Verhältnisse in der Welt anders wären, als sie sind: von Syrien und Palästina angefangen bis nach Niger, Afghanistan, Papua Neuguinea und Kolumbien. Wir wissen es und so viele andere wissen es auch. Und trotzdem ändert sich, wenn überhaupt, nur ganz wenig. Als ob eine böse Macht es immer wieder verhindern würde.

Ich kann Ihnen und Euch verraten: Wir sind in bester Gesellschaft. So erging es auch einem, an den wir vielleicht am allerwenigsten gedacht hätten, weil der das Paradebeispiel für christlichen Glauben schlechthin ist. Ich spreche vom Apostel Paulus, der durch seine Begegnung mit dem auferstandenen Jesus vom fanatischen Verfolger zum glühenden Bekenner des christlichen Glaubens geworden war. Eben dem ist es so gegangen wie uns auch. Und er bekennt sich in einem seiner Briefe ganz offen dazu – vor Leuten, die er noch gar nicht kennt, die er aber für seine Theologie gewinnen möchte: vor der Gemeinde in Rom. In seinem Brief an diese Gemeinde schreibt er – und das ist der heutige Predigttext – im siebten Kapitel:

14 Wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. 16 Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. 18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.
21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? 25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!
(Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers in der revidierten Fassung von 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

Liebe Gemeinde! Es ist schon erstaunlich, mit welcher Offenheit Paulus hier über seine Defizite schreibt. Für mich klingt in diesen Worten eine tiefe Verunsicherung durch. Und es ist sehr tröstlich, dass auch ein solches christliches Schwergewicht wie Paulus mit unseren Problemen zu kämpfen hatte. Aber wir sollten deshalb mit unseren Bemühungen nicht nachlassen oder sie gar aufgeben. Frei nach dem Motto: „Wenn schon Paulus an diesen Problemen gescheitert ist, was sollen wir uns dann abmühen!“ Das wäre bestimmt nicht in seinem Sinn, denn Paulus hat nie aufgegeben, an sich zu arbeiten.

Paulus zieht aus dem, was er an sich erlebt, seine Schlüsse und er schreibt an die Römer zwei wichtige Erkenntnisse: Zum einen haben Christen eine Art Doppelrolle: Christen haben mit dem Gesetz Gottes eine Wegweisung für ihren Weg zum Leben. Und durch ihre Taufe sind sie sogar schon das, wohin sie auf dem Weg sind: Sie sind Heilige – wie wir das im Glaubensbekenntnis bekennen. Wir gehören als Christen schon zu Gottes himmlischen Welt.

Wir leben aber auch als Menschen in dieser irdischen Welt, in der es auch noch das andere gibt: diese böse Macht, die Paulus „die Sünde“ nennt, die uns in unseren Gliedern steckt wie Muskelkater und uns immer wieder aus unserer christlichen Haltung und aus unsren guten Vorsätzen herausfallen lässt. Sünde ist für Paulus also nicht das dritte Stück Torte oder der Verstoß gegen dieses oder jenes Gebot. Sünde ist für ihn das, was uns dann diese Dinge tun lässt, weil sie uns von Gott weggebracht hat. Sünde ist für Paulus, wenn wir uns von Gott abwenden. Alles andere, was wir dann konkret tun, ist Folge davon. Für Paulus ist klar: wenn wir die Sünde in den Griff bekommen, dann haben wir auch unser Handeln im Griff – fast wie von selbst. Wenn da nicht das Aber wäre: es ist leichter gesagt als getan. Paulus schreibt: Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

Da kommt dann die zweite Erkenntnis zum Tragen: Paulus vertraut darauf, dass er in seinem Bemühen, in seinem Kampf gegen die Sünde und für ein christliches Leben nicht alleine gelassen ist: Wie so oft sucht und findet er seine Zuflucht in Jesus Christus. Auf seinen Verzweiflungsruf „Ich elender Mensch!“ antwortet er selber mit einem kämpferischen Jubelruf: „Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ Von ihm weiß er: Der hat mit seinem Tod am Kreuz für alles das gerade gestanden, was ich hier nicht schaffe.

Gerade weil Paulus weiß, was Jesus Christus für ihn getan hat, kann er sich nicht damit begnügen, sein Leben einfach laufen zu lassen. Er hat immer wieder neu Anlauf genommen, um die Sünde in sich in den Griff zu bekommen. Und so liegt es – wie bei Paulus – eben auch an uns: dass wir immer wieder neu erfassen, wie groß das Geschenk ist, das uns Gott mit Jesus Christus gemacht hat; immer wieder neu zu ermessen, was es heißt, dass er auch für unsere Schuld ans Kreuz gegangen ist. Um dann aus dieser Gewissheit die Kraft für unseren Kampf gegen die Sünde zu bekommen. Diese Glaubensgewissheit kommt nicht von jetzt auf gleich – es ist vielmehr ein lebenslanges Lernen und immer neu Erfassen. Dieses Lernen und Erfassen geschieht aber in diesem wunderbaren Rahmen, den Jesus in seinem Gleichnis aufgezeigt hat, als der Knecht zum ersten Mal vor seinem König erscheinen musste und alle Schulden erlassen bekam; dieses Lernen und Erfassen geschieht in diesem wunderbaren Rahmen, von dem wir schon am Anfang gesungen haben: All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu. Amen.

Autor: PaToWi

Ich darf mein Leben frei gestalten unter dem liebenden Blick Gottes. Ist das nicht Grund genug auf IHN zu hören und mir von IHM den Weg weisen zu lassen?

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