… unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht

© PaToWi –Geschmücktes Festzelt auf Schröders Hof

Predigt zum Erntefest auf Schröders Hof „Am Anger“ in Holtrup über Psalm 36,8

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Geschwister in Christus!
Erntefest in Holtrup: Das heißt Freude über alles, was nach der Ruhe des Winters und der Saat in den letzten Monaten gewachsen ist, was Frucht gebracht hat und gereift ist, was jetzt und in der nächsten Zeit geerntet werden kann. Denn die Ernte ist ja noch nicht ganz vorbei: Zuckerrüben und Mais sind die beiden noch ganz offensichtlich ausstehenden Feldfrüchte, die noch auf den Feldern stehen.

Und dann heute Morgen Gottesdienst beim Erntefest: Dass wir im Rahmen dieses Festes Gottesdienst feiern, heißt, wir wissen, wem wir das, was wir ernten, zu verdanken haben. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ So werden wir es mit „Wir pflügen und wir streuen“ singen, dem Lied, das wie kein anderes im Gesangbuch und in unserer Tradition mit der Ernte verbunden ist, auch wenn es – wenn man den Text einmal genau betrachtet – ein Frühlingslied zur Aussaat ist, das den Blick zu dem lenkt, was dann noch nötig ist: Tau und Regen, Sonn- und Mondenschein: Segen auf dem Feld in Wachsen und Gedeihen; Segen, der schließlich im Brot für uns Menschen sein Ziel findet. Alles ist Gottes Schöpfung bis hin zum schönen Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm – Aprilwetter eben.

So vollzieht sich immer wieder neu der Wechsel von Saat und Ernte – zusammen mit Wachsen im Frühsommer und Ruhen im Winter. So scheint es. Aber schon immer ist die Schöpfung bedroht – das zeigt exemplarisch die Urgeschichte im 1. Buch Mose – diese so tiefgründige biblische Aufarbeitung der menschlichen Existenz. Die Sintflutgeschichte mit Noah und der Arche zeigt uns nicht nur ein fernes, vergangenes, sagenhaftes Geschehen. Diese Geschichte zeigt als Urtyp, dass Gottes Schöpfung schon immer durch die Bosheit der Menschen bedroht ist. Und es zählt zu den wunderbaren, zukunftsweisenden Tatsachen unseres Glaubens, dass die Urgeschichte und mit ihr die ganze Bibel angesichts dieser Tatsache nicht in depressiver Verzweiflung versinkt.

Denn Gott gibt ein Versprechen: Gott verspricht, er werde keine weitere Sintflut schicken, so sehr die Bosheit der Menschen auch zum Himmel stinkt. Vielmehr garantiert Gott für seine Seite den Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels, wie wir in der Gnadenzusage gehört haben: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Trotzdem machten und machen sich die Menschen Sorgen: Denn es ist doch sehr fraglich, ob die Menschen sich bewusst sind, dass es nun ihre Sache ist, darauf zu achten, dass die Bosheit im Zaum gehalten und so der Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels gewährleistet bleibt. Das ist – gewissermaßen – die Kehrseite von Gottes Versprechen. Gott sagt den Menschen: „Jetzt seid Ihr dran! Seht zu, dass ihr es nicht vermasselt!“

Manche denken vielleicht: „Es ist ja noch immer gut gegangen.“ Ich mache an diesen Satz so meine Fragezeichen. Und viele Menschen machen sich heute Sorgen: Der Ton in unserer Gesellschaft ist viel rauer geworden; einander zuzuhören und zu sehen, was hinter den Aussagen der Menschen an Sorgen und Ängsten steht, ist irgendwie viel schwieriger geworden; ganz schnell sind wir – oft ohne es zu merken – bei einem „wir“ auf der einen Seite und einem „die anderen“ auf der anderen Seite – mit einem garstigen Graben dazwischen; wir sind oft nicht mehr bei einem „Ich“ und einem „Du“, um gemeinsam „Wir“ zu sagen. Und das gilt im Großen der Weltpolitik ebenso, wie auf den unterschiedlichen Ebenen des politischen und gesellschaftlichen Miteinanders und den ganz kleinen Formen des Miteinanders von Dorfgemeinschaft und Verein, Arbeitsplatz, Schule und Familie. Aufmerksamkeit bekommt nicht unbedingt, wer recht hat; sondern, wer provoziert. Und wenn eine Behauptung erst einmal in der Welt ist, setzt sie sich fest, so falsch sie auch sein mag.

Aber nicht nur im menschlichen Miteinander verändert sich vieles: Auch in der Natur gibt es vieles, was sich verändert: Der trockene Sommer mit seinen Begleiterscheinungen wie Wassermangel und Waldbränden in noch nicht gekanntem Ausmaß macht ebenso nachdenklich wie die Tatsache, dass – wenn es denn einmal regnet – gleich so viel Wasser vom Himmel kommt, dass es des Guten zu viel ist. Vieles wird inzwischen früher reif als noch vor zehn, zwanzig Jahren: Äpfel und Birnen so ungefähr zwei Wochen früher, Sonnenblumen sind jetzt schon fast verblüht, kaum ein Gedanke, zum „offiziellen“ Erntedankfest Anfang Oktober noch welche zu finden.

Und schließlich ist die „güldne Sonne voll Freud und Wonne“, von der wir so gerne singen, – also die Garantin für all das Wachsen und Gedeihen – zumindest für uns Menschen immer gefährlicher geworden: Gab es vor 40 bis 50 Jahren Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 1 bis 6, ist heute Lichtschutzfaktor 50 an der Tagesordnung, viele Menschen tragen uv-abschirmende Kleidung und Braunwerden ist – das wissen wir inzwischen – nicht wirklich empfehlenswert, denn die schädliche UV-Strahlung kommt immer besser durch die Atmosphäre auf unsere Haut und kann richtig Schäden anrichten.

Ich singe hier und heute kein Lied des Jammers, dass alles schlechter wird, was einmal in der sogenannten „guten alten Zeit“ gegolten und funktioniert hat. Ich trage vielmehr beides in mir: Die Freude über die Ernte, die Freude über das Wunder von Wachsen und Gedeihen auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Erkenntnis, dass das, was einmal unverrückbar fest gefügt erschien, eine sehr kippelige Angelegenheit ist, die viel schneller aus dem Gleichgewicht geraten kann, als das bisher vorstellbar war.

Der Psalmabschnitt aus Psalm 36, der den Schlusspunkt zu unserer Gottesdienstreihe „beschirmt und behütet“ setzt, entbindet uns Menschen nicht von unserer Verantwortung für unser Tun und Lassen. Dieses Loblied auf Gottes Güte zeigt uns aber, wo wir in unserer Unsicherheit Zuflucht nehmen können: Diese Güte Gottes, die so weit reicht, wie der Himmel, das unendliche Weltall ist, und die so köstlich ist, die also so unendlich gut schmeckt – so viel besser als jedes Eis oder jedes Stück Fleisch oder alles Gute dazwischen – diese Güte Gottes steht eben doch über allem, was Menschen tun. Wir dürfen, ja: Wir sollen Zuflucht bei Gott suchen.

„Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!“ Wir alle – der Psalmbeter und die Psalmbeterin spannen einen ganz weiten Bogen, denn außer dem Wort „Menschenkinder“ steht da nichts, was diese Menschen sein müssen, um zu Gott kommen zu dürfen. Und dieser Gott hilft: Menschen und Tieren; Gott teilt seinen Reichtum einfach so aus.

Und wie sieht er aus, dieser Hoffnungsort, dieser Gott? Wo ist er? Ohne Bilder ist dieser alles umfassende Gott nicht zu beschreiben. Und die Beterin des Psalms benutzt ein Bild aus dem Tierreich: So wie die Schwinge eines Vogels alles abdeckt, was für Jungvögel lebenswichtig ist – so ist Gott: Wir Menschenkinder sind unter dem Schatten des – im wörtlichen Sinn – alles umfassenden Flügel Gottes geborgen: behütet und beschirmt vor grellen, geradezu tödlichen Strahlen.

Alles gut? Jein. Der Schutz unter Gottes Flügel bedeutet nicht einfach, dass wir in einer Wohlfühloase gelandet sind, in der wir es uns gut gehen lassen könnten. Dieser Schatten unter Gottes Flügel ist einerseits natürlich Hoffnungsort und andererseits ist dieser Schatten aber auch Handlungsort für das, was getan werden muss, damit wir unseren Teil der Aufgabe aus der Urgeschichte erfüllen und unsere Verantwortung wahrnehmen: die Bosheit der Menschen im Zaum zu halten und so den Fortbestand des für das Leben notwendigen Wechsels gewährleisten.

So und nur so werden wir satt – wie die viertausend auf dem Feld bei Jesus, der die Hungrigen mit dem Wort Gottes und anschließend auch mit Brot und Fisch speist; wie die Menschenkinder unter dem Schatten der Flügel Gottes, die die reichen Güter des Hauses Gottes genießen dürfen. Daran erinnern wir uns jedes Jahr neu, wenn wir Erntefest feiern. Mögen wir unter dem Schatten von Gottes Flügel die Kraft finden, auch als Menschenkinder und Kinder Gottes zu leben! Amen.

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