Kategorie: Predigt

  • Der Video-Gottesdienst morgen kommt aus der Veltheimer Kirche und diesmal war ich dran. Bin gespannt wie es geworden ist.

    Mit dabei waren als Sprecherin Marianne Kollmeier für die Musik Christine Backer und Gabriel Backer und für Video und Schnitt Lucas Schierbaum.

    Zu finden ist der Gottesdienst ab morgen (17. Januar) um 10.00 Uhr hier: https://youtu.be/f7jR-7MuUlc
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    Der Gottesdienst aus Lohfeld vom 1. Sonntag nach Epiphanias ist hier zu finden: https://youtu.be/sq9NX6HumuY
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  • Original-Bild von Angeles Balaguer auf Pixabay
    • Tagesspruch: Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt. (1. Johannes 2,8b)
    • Lieder des Tages:
      Der du die Zeit in Händen hast (EG 64)
      Du bist der Weg (EG.E 23)
    • Psalm des Tages: Psalm 72,1-3.10-12.17b-19 (siehe EG.E 68)
    • Predigttext Reihe 3: Jesaja 60,1-6 „Zions künftige Herrlichkeit“
    • Evangelium: Matthäus 2,1-12 „Die Weisen aus dem Morgenland“

    Impuls zu Jesaja 60,1-6

    Es waren königlichen Geschenke, mit denen die weitgereisten Gäste aus dem Osten in dem ärmlichen Stall in Bethlehem ankamen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Es macht einen tiefen Eindruck, wenn nicht nur irgendwer – wie die Hirten – kommt, um das Kind anzubeten, sondern eben auch die Reichen der Welt. Aber die Geschenke alleine machen aus den Gabenbringern keine Könige. In der Tradition und im landläufigen Namen des Festes „Heilige Drei Könige“ haben sie sich aber unauslöschlich als Könige in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt.

    Der kurze Abschnitt aus dem Propheten Jesaja ist der Schlüssel dafür, dass diese Tradition entstanden ist: Könige werden zum Glanz ziehen, der über Israel aufgeht! So verheißt Gott durch Jesaja.

    Damit wird der weite Horizont sichtbar, den die Geburt im Stall von Bethlehem bedeutet: So wichtig die lukanische Weihnachtsgeschichte ist, die die Hirten als erste Besucher und Zeugen in den Mittelpunkt des Geschehens stellt – so regional wäre dieses Ereignis geblieben. Mit den Weisen, die von Matthäus als Magier bezeichnet und in der Volksfrömmigkeit zu den Königen werden, kommt die große weite Welt an.

    Und mit Epiphanias, dem Fest von der Erscheinung des Herrn, und den folgenden Sonntagen gibt das Kirchenjahr die Antwort auf die Frage, wer Jesus von Nazareth ist – außer einem Kind, das im Stall geboren wird:

    • Jesus Christus ist der Sohn Gottes, zu dem sich Gott selbst bei der Taufe Jesu im Jordan bekennt: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ (Matthäus 3; 1. Sonntag nach Epiphanias)
    • Jesus Christus ist der Freudenmeister, der das Fest des Lebens möglich macht – erzählt anhand der „Hochzeit zu Kana“ (Johannes 2; 2. Sonntag nach Epiphanias).
    • Jesus Christus hat Gewalt über Krankheit und Tod, wie es wiederum Matthäus mit der Geschichte vom „Hauptmann von Kapernaum“ erzählt (Matthäus 8; 3. Sonntag nach Epiphanias).
    • Durch Jesus Christus scheint Gottes Licht hindurch, wie es bei der Geschichte von der Verklärung Jesu auf dem hohen Berg sichtbar wird, und wo Gott sein Bekenntnis zu Jesus als seinem Sohn wiederholt (Matthäus 17,1-9; Letzter Sonntag nach Epiphanias).
    • In Jesus Christus wird aus christlicher Sicht das Licht Gottes sichtbar, das schon der Prophet Jesaja verheißen hat: im Stern von Bethlehem, dem die Weisen folgen (Jesaja 60 und Matthäus 2; Epiphanias).

    Was ist das aber für ein Licht, das aufscheint? Wie ein kleines Streichholz in einem dunklen Zimmer oder wie ein Sonnenstrahl, der eine Bergkuppe überstrahl und das Tal in ein besonderes Licht taucht? Wie die Sonne am Mittag oder wie ein Spot-Scheinwerfer, der nur einen ganz bestimmten Fleck beleuchtet?

    Jesaja denkt an so etwas wie den Sonnenaufgang: „Über dir geht auf …“ Und das Licht ist nicht einfach nur die Sonne – es ist Gott selbst, der als Licht sichtbar wird und einen Teil der noch dunklen Welt in Helligkeit taucht: Gottes Volk Israel wird von diesem besonderen Licht beschienen. Für uns als Christen ist es wichtig, sich daran immer wieder zu erinnern: Die kommende Heilszeit für das Gottesvolk Israel ist die Grundlage für die Heilszeit der übrigen Völker.

    Die segnende Aufforderung, die sich mit der Verheißung des aufscheinenden Gottes verbindet, heißt: „Werde licht!“ Licht werden – das heißt zunächst hell werden, durchscheinend werden für das Licht Gottes und so das eigene Umfeld erhellen. Das Wort „licht“ meint aber auch so etwas wie „hoch“ und „frei“, wenn es zum Beispiel im Satz „Der Raum hat eine lichte Höhe“ gebraucht wird. Ein solcher lichter Raum atmet eine große Leichtigkeit. Und so bewirkt das Licht Gottes eine große Befreiung, die alles Schwere und Bedrückende wegnimmt.

    „Werde licht!“ Neben die Aufforderung, das zu werden, was Gott uns schenkt, tritt ein weiterer Impuls: „Mache dich auf!“ – Bleib also nicht stehen; bleib nicht sitzen in deinem Sessel oder liegen auf deinem Sofa bei Chips und Cola oder Tee und Weihnachtsgebäck! Tue etwas, das Licht ins Dunkel der Welt bringt!

    Einer, der so etwas mit großer und andauernder Wirkung getan hat, war Louis Braille, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte. Er, der selber im Alter von 3 Jahren durch einen Unfall erblindete, hat die fühlbare Schrift aus sechs Punkten erfunden, die es möglich macht, alles aufschreiben und lesen zu können. So hat er Licht in die Dunkelheit von blinden Menschen gebracht und ihnen eine ganz neue Teilhabe am Leben ermöglicht. Aus der Dunkelheit der Bildungsferne ins Licht von Erkenntnis und Teilhabe. Sein Todestag am 6. Januar 1852 ist Grund genug, heute an ihn zu erinnern.

    Louis Braille steht mit seiner Erfindung dafür, wie der helle Schein des Sterns von Bethlehem auch bei den Menschen zuhause scheinen kann – ganz gleich, wie klein oder groß das ist, wozu sich Menschen auch heute aufmachen:

    Stern über Bethlehem, kehrn wir zurück,
    steht noch dein heller Schein in unserm Blick,
    und was uns froh gemacht, teilen wir aus,
    Stern über Bethlehem, schein auch zu Haus!
    (aus dem 2. Tageslied zu Epiphanias: EG 546)

    Und so lasst auch uns aufstehen und lasst an uns etwas sichtbar werden von dem Licht, das uns mit der Geburt Jesu Christi aufgeschienen ist und durch uns sichtbar werden will!

    • Tagesspruch: „Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Johannes 1,14b)
    • Wochenlieder:
      Fröhlich soll mein Herze springen (EG 36)
      Freuet euch, ihr Christen alle (EG 34)
    • Wochenpsalm: Psalm 71,1-3.12.14-18
    • Evangelium (= Predigttext): Lukas 2,(22-24)25-38(39-40): „Jesu Darstellung im Tempel“

    Impuls: „In einem Kind die Zukunft sehen“

    Mit dem Evangelium des ersten Sonntags nach Weihnachten geht es einen großen zeitlichen Schritt weiter: Die Zeit der Reinigung für die Mutter des neu geborenen Kindes betrug 33 Tage. Danach war für die Mutter die Auszeit zu Ende; ihre Pflichten und das allgemeine gesellschaftliche und religiöse Leben hatte sie wieder.

    Im Mittelpunkt des Schluss-Abschnitts aus dem 2. Kapitel des Lukasevangeliums stehen aber nicht Maria und Josef mit dem Kind, sondern zwei andere Menschen treten in Beziehung zu diesem Kind, das in der Christnacht geboren wurde. Beide haben eine besondere Nähe und Beziehung zu Gott, denn sie leben in Jerusalem, sind oft im Tempel und erfahren den Geist Gottes.

    Da ist Simeon, den wir gerne als Greis sehen, weil die Verheißung, die er bekommen hat, seinen nahen Tod vermuten lässt. Und da ist Hanna, die uralte Prophetin, die täglich im Tempel ist. Beiden gemeinsam ist die erwartungsvolle Lebenseinstellung: Sie rechnen fest damit, dass Gott in ihr Leben tritt, dass Gottes Heiland von ihnen erkannt werden würde, wenn er denn endlich da ist.

    Für viele Menschen ist die Szene von Simeon mit dem Jesuskind von dem niederländischen Maler Rembrandt kongenial in ein Bild gefasst worden: Was dieser Moment für Simeon und Hanna bedeutet hat, können wir heute wohl kaum nachvollziehen, weil wir diese radikale Erwartungshaltung kaum noch kennen. Wir rechnen nicht mehr damit, dass sich das Ziel unseres Lebens erfüllt, weil wir den Heiland und Retter der Welt in unseren Händen halten. Wir rechnen nicht mehr damit, dass nach einem solchen Moment nichts Bedeutendes mehr in unserem Leben passieren könnte.

    Und trotzdem weiß ich von vielen Besuchen, dass wir bis heute ganz oft etwas ganz ähnliches erleben, was uns hilft, das zu verstehen, was Simeon widerfährt: Wie oft erzählen mir Menschen voller Freude von ihren Kindern und von ihren Enkelkindern. Und was für ein besonderes Erlebnis ist es für die Menschen, wenn sie dann ihr Urenkelkind in den Armen halten. Sie sehen in dem kleinen Menschlein etwas sehr zartes und liebenswertes; sie sehen in diesem Menschenkind aber auch etwas von der Zukunft, die in diesem Leben eingeschlossen ist. Und weil es ihr Enkel- oder Urenkelkind ist, trägt es auch etwas von der Zukunft der (Ur-)Großeltern in sich.

    In Enkel- und Urenkelkindern kommen meine Hoffnung und meine Erwartungen an ihr Ziel: „Mein eigenes Leben war nicht vergebens; meine Mühe und Arbeit mit meinen Kindern, meine Ängste um sie haben Früchte getragen. Und ich lebe in diesen Kindern in einer besonderen Weise weiter. Meine Zukunft ist gerettet – auch wenn mein eigenes Leben (demnächst) irgendwann zu Ende geht.“

    Auch Simeon und Hanna sind an das Ziel ihrer Hoffnungen und Erwartungen gekommen. Für sie ist es nicht aber nur die eigene Zukunft, die sie in diesem Kind gesichert sehen, sondern die Zukunft der ganzen Welt!

    Der Lobgesang, den Simeon dann anstimmt (lateinisch: Nunc dimittis), begleitet Menschen
    seit vielen hundert Jahren als gesungenes Nachtgebet in der evangelischen und katholischen Kirche. Zum Abschluss des Tages erinnert es symbolisch an das irdische Lebensende. Die folgende Nacht hat aber nicht das letzte Wort – auch nicht die Nacht des Todes: Die Zukunft des Lebens bei Gott ist gesichert.

    Ich wünsche uns allen diese Erwartungshaltung, wie sie Hanna und Simeon zu eigen ist. Und mögen wir alle aus diesem Weihnachtsfest die Erfahrung mitnehmen, dass auch unsere Zukunft in diesem Kind Jesus gesichert ist!

    • Tagesspruch: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.
      (Johannes 1,1a)
    • Wochenlieder:
      Gelobet seist du, Jesu Christ (EG 23)
      Herbei, o ihr Gläubigen (EG 45)
    • Wochenpsalm: Psalm 96,1-3.7-13 (siehe auch EG 741)
    • Evangelium: Johannes 1,1-5.9-14(16-18) „Das Wort“
    • Brief-Lesung (= Predigttext): 1. Johannes 3,1-2(3-5) „Die Herrlichkeit der Gotteskindschaft“

    „Mach es wie Gott – werde Mensch.“ – Seit vielen Jahren wandert dieser Spruch durch die Weihnachtszeit und bringt das Geschehen von Weihnachten genau auf den Punkt. Denn wir feiern Weihnachten, weil Gott Mensch wurde und das nicht bei einem einmaligen Ereignis vor etwa zweitausend Jahren stehen bleibt.

    Weihnachten – das ist nicht eine rückwärtsgewandte rührselige Stimmung, mit der wir uns in die angeblich „heile Welt“ unserer Kindheit zurückträumen, die es aber so nie gegeben hat. Aber in unserer mehr oder weniger weit zurückliegenden Kindheit war nicht alles gut und schön und viele Menschen haben Sorgen gehabt, die den Sorgen von uns heute in nichts nachstehen. Unsere Kinderwelt von damals war vielleicht heil, die Welt als ganze bestimmt nicht.

    Und ebenso ist es zur Zeit der Geburt Jesu gewesen. Unser heutiges Bild von Weihnachten wird mit der Situation von Maria und Joseph und ihrem Kind nicht das Mindeste zu tun gehabt haben. Dazu war die Situation im damaligen Judäa und Galiläa mit der römischen Besatzung viel zu schwierig.

    „Mach es wie Gott – werde Mensch.“ Dieser Spruch erinnert uns daran, dass wir Weihnachten feiern, weil Gott Mensch wurde und dies Auswirkungen auf uns selbst haben soll, ja haben muss: Wir sollen Menschen im Sinn Gottes sein.

    Was es mit diesem Menschsein im Sinn Gottes auf sich hat, das hat Jesus sichtbar und erfahrbar gemacht. Er lebte und forderte eine radikale Hinwendung zu Gott und damit zu den Menschen. „Gott dienen und dem nächsten wie sich selbst.“ Auf diese kurze Formel hat er es mit seiner Antwort auf die Frage nach dem höchsten Gebot gebracht.

    Diese Radikalität Jesu widerspricht allen Radikalitäten, die wir auch und gerade in unserer Zeit erleben: wenn Menschen sich radikalisieren und im Namen eines Gottes oder im Namen einer Idee oder Ideologie meinen, andere Menschen ausschließen oder gar umbringen zu dürfen.

    Der Radikalität der Hinwendung zu Gott bei Jesus entspricht dagegen eine radikale, liebevolle Hinwendung zu den Menschen. Das ist der Grundton der Verkündigung Jesu: Er wendet sich den Menschen zu, die in den Augen der übrigen Welt diese Zuwendung nicht verdient gehabt hätten, die aus unterschiedlichsten Gründen außerhalb der damaligen Gesellschaft gestanden haben. In diesen Menschen kommt Jesus selbst uns nahe.

    Es ist diese liebevolle Hinwendung zu den Menschen, die Jesus und das junge Christentum so interessant machte. Die Kraft zu dieser Lebenshaltung hatten sie aus der tiefen Erfahrung, die auch den ganzen 1. Johannesbrief prägt, der wie Jesus die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe der Menschen zu Gott in den Mittelpunkt stellt.

    Am Anfang des 3. Kapitels seines Briefes, dem Predigttext für den 1. Weihnachtsfeiertag in diesem Jahr, lässt er uns einen ganz tiefen Blick in die Seelenlage der ersten Christen tun. Er offenbart uns damit den Glaubensgrund, der die radikale Liebe der ersten Christen möglich gemacht hat: Sie wussten sich selbst von der elterlichen Liebe Gottes geliebt. Sie erwarteten von ihm her ihre Zukunft – in einem unerschütterlichen Vertrauen, wie es nur Kindern möglich ist. Dass ihr Leben immer auch gefährdet war, war ihnen trotzdem klar. Ihr Vertrauen gab ihnen die Kraft, das alles zu bestehen.

    „Mach es wie Gott – werde Mensch.“ – Ich möchte den Spruch ein wenig abwandeln und das Wort „Mensch“ durch das Wort „Kind“ ersetzen. „Mach es wie Gott, werde Kind – Gottes Kind.“ Das spiegelt zum Einen die Schutzbedürftigkeit, die unserem Leben ganz grundsätzlich zu eigen ist und die wir in dieser Zeit besonders erfahren. Zum Zweiten spiegelt diese Änderung das unerschütterlichen Vertrauensverhältnis, das zwischen guten Eltern und ihrem Kind besteht. Und zum dritten kommt die Hinwendung zur Zukunft zum Tragen, die Kindern zueigen ist. Sie sehen, weil sie sich von ihren Eltern geliebt wissen, voller Zuversicht auf das, was kommt.

    „Werdet, seid und bleibt Gottes Kinder.“ Das wünsche ich Euch allen an diesem Weihnachtsfest besonders auch nach einem Jahr, das von so großer Verunsicherung geprägt war! Denn von Gott her kommt die Liebe auf uns zu und lässt uns leben!

  • Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
    Liebe Gemeinde am 3. Advent!

    Zacharias – sein Lobgesang steht im Mittelpunkt und damit er selbst. Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, der der entscheidende Wegbereiter für Jesus werden sollte. Zacharias, dem der Engel Gabriel im Tempel von Jerusalem erschien, um ihm seinen Sohn Johannes anzukündigen, obwohl Zacharias und Elisabeth für Kinder doch schon viel zu alt waren. Zacharias, der als Priester am Tempel in Jerusalem seinen Dienst tat und als Vater des Johannes zu einer entscheidenden Übergangsgestalt vom Alten zum Neuen wurde.

    In den Evangelien sind diese Übergänge vom Alten zum Neuen ganz wichtig. Bei Matthäus und Lukas gibt es die Geburts- und Kindheitsgeschichten zu Beginn und die Auferstehungs-, Himmelfahrts- und Aussendungsgeschichten als Nachklang. Geprägt sind diese Abschnitte durch Menschen wie Zacharias. Sie sind – um es in ein Bild zu fassen – wie Fährleute, die die Leserinnen und Leser vom einen auf das andere Ufer der Zeit geleiten.

    Für den Übergang von der Zeit mit dem irdischen Jesus in die nachösterliche Zeit des „Nicht-Schauens“ ist Thomas, der Zweifler, die klassische Übergangsgestalt: für die Zeit nach Ostern, wenn Jesus nicht mehr greifbar ist.

    Diesem Zweifler Thomas entspricht am Anfang des Evangeliums der alte Zacharias bei Lukas. Zacharias ist der Thomas des Advents – angesichts der kommenden Zeit des irdischen Jesus. Wie Thomas fordert er ein Zeichen und bekommt es – aber ganz anders als er es erwartet. So wird er zur Übergangsgestalt zwischen Altem Testament und dem Beginn der Christusgeschichte.

    Schon sein Name Zacharias ist dabei Programm, denn der bedeutet „Der Herr gedenkt“ und was der Erzengel Gabriel ihm im Jerusalemer Tempel sagt, enthält die letzten Worte der griechischen Fassung des Alten Testamentes als Brücke zwischen dem Alten und dem Neuen. Ja, mit dem Engel Gabriel bei Zacharias erfüllt sich die Verheißung des Boten Gottes im Tempel in Jerusalem aus dem Propheten Maleachi. Das Kommen Jesu ist das Gedenken Gottes an sein Volk.

    Zacharias reagiert auf die Ankündigung des Neuen in drei Schritten: mit Zweifeln, mit Schweigen und schließlich mit Singen. Und er ist damit zum Vorbild geworden für alle, die das Evangelium als etwas immer wieder neu Irritierendes erfahren.

    Am Anfang steht der Zweifel. Zacharias ist zusammen mit Thomas auch beileibe nicht der Einzige, dem es so ergeht. Ob Ostern und Weihnachten – das Neue, das Wunderbare, das Evangelium löst bei den Menschen zuerst Skepsis, Vorbehalte und Missverstehen aus. Denn der Glaube an das Evangelium ist eine unmögliche Möglichkeit. Mit Martin Luther im Kleinen Katechismus gesprochen: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann.“ Und weil das für Ostern wie für Weihnachten gilt, braucht es jeweils eine entsprechende Vorbereitungszeit: Advent und Passion – als Kopfwüsten des Glaubens. Zweifel, Vorbehalte und Skepsis sind notwendig um das Neue vorzubereiten. Kein Glaube ohne Zweifel, kein Ostern ohne Thomas, kein Advent ohne Zacharias. Thomas Latzel, Leiter der Ev. Akademie in Frankfurt, sagt es so: „Zweifel sind die notwendigen kreativen Wehen von Wahrheit und Wundern.“

    Im zweiten Schritt wird Zacharias selbst zu dem Zeichen, das er sich wünscht: Er kann nicht mehr reden, denn das, was ihm geschehen ist, das lässt sich nicht in Worte fassen. Ganz ähnlich wie das Zweifeln hilft das Schweigen, das Geschehen werden zu lassen – es ist vielleicht so etwas wie der Dienst einer Hebamme bei der Geburt. So wie Zacharias neun Monate nicht redet, so schweigt und fastet Jesus 40 Tage in der Wüste, bevor er zu wirken beginnt; und in der Passionsgeschichte schweigt Jesus ab einem bestimmten Zeitpunkt vor Pilatus.

    Zacharias verschlägt es durch die unglaubliche Anrede des Engels die Sprache und dadurch hat diese Anrede in Zacharias den Raum, den sie braucht: zur inneren wie äußeren Vorbereitung auf das Neue, das kommt. Vielleicht wäre das auch für heute etwas sehr Heilsames: Ein „Wörter-Fasten“ in der Kirche des Wortes. Ja, in Zeiten von medialer Dauerbeschallung mit Wort und Bild möchte ich manchmal auch still und stumm und so zum Zeichen werden: „Und sagt kein einziges Wort.“ – als Predigt, als Verkündigung, die statt auf die Stimme, auf die Beredtheit der Stille traut.

    Für Zacharias ist die Stille nicht selbst gewählt; sie widerfährt ihm von außen. Und so führt diese Stille auch wieder aus ihm heraus in einen aus der Stille geborenen Gesang – nach dem Zweifel und dem Schweigen das Singen als dritter Schritt. Was die Träume der Weisen und Josephs in den Vorgeschichten bei Matthäus sind, das sind die Lieder bei Lukas: die Lobgesänge von Maria, Zacharias und Simeon. Sowohl durch die Träume bei Matthäus als auch durch die Lieder bei Lukas wird die göttliche Wirklichkeit für die Menschen erfahrbar.

    Diese göttliche Wirklichkeit ist nicht einfach so zu sagen und zu erzählen, sie ist unsagbar. Wovon man aber nicht sprechen kann, davon muss man schweigen oder singen. Denn das Singen macht den ganzen Leib zum Klangkörper; die Menschen werden beim Singen selbst zum Resonanzraum. Ich erfahre so an mir selbst, was ich sage; ich bin, was ich singe. Auf diese Weise gewinnt das Neue, die Frohe Botschaft, durch mein Lied an und in mir selbst Gestalt, wird das Erhoffte zur anbrechenden Wirklichkeit. Deswegen, wegen seiner vorwegnehmenden Wirkung, ist das Singen von so zentraler Bedeutung im Advent: Es wird schon zeichenhaft Wirklichkeit, wovon es verheißungsvoll spricht. Nicht von ungefähr galt Johannes, der Täufer, deshalb früher einmal als Patron der Kirchenmusik, weil seine Geburt die Lippen seines Vaters gelöst hatte.

    Das „Benedictus“, der Lobgesang des Zacharias, ist zusammen mit dem „Magnificat“, dem Lobgesang der Maria, und dem „Nunc dimittis“ des greisen Simeon fester Bestandteil im gesungenen Stundengebet in der katholischen und in der evangelischen Kirche. Gesungen wird das Benedictus in der Laudes, also im Morgengebet und spiegelt damit das Nachdenken über den neuen kommenden Tag mit einer „morgendlichen Theologie“: voller träumender Erinnerung und hoffnungsvollem Neuanfang, die sich in den zwei Teile des Gesangs verbinden.

    Der erste Teil von Zacharias Lobgesang erinnert an und bewahrt den Zusammenhalt mit dem Vergangenen. Er erinnert an David, an die Väter und den Heiligen Bund, den Eid, den Gott Abraham geschworen hat. Das Evangelium, das Lukas in den folgenden Kapiteln erzählt, ist also ganz tief und fest in der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel verankert. Hier spricht der Priester Israels, der Zacharias war.

    Im zweiten Teil geht es dann um das Kind Johannes und damit um den Blick nach vorne in die Zukunft. Johannes ist der Wegbereiter Christi; er ist der vorausweisende Prophet und vermittelt das so sehnlich erwartete Licht. Er setzt alle, die sich darauf einlassen, auf den richtigen Weg, auf den neuen Weg des Friedens. In einem Film könnte das ganze folgende Evangelium so etwas wie ein Roadmovie über diesen Friedensweg sein.

    Die „morgendliche Theologie“ blüht in den letzten Versen besonders auf: das Licht aus der Höhe, das aufgeht und es denen hell macht, die vorher noch in Finsternis und Todesschatten gesessen haben; das aufgehende Licht, das die Füße der Menschen auf den Weg des Friedens ausrichtet. Anbrechendes Licht – Vergehen der Nacht – Aufbruch auf einen neuen Weg. Das meint Advent.

    Und der zweifelnde, schweigende und zum Schluss singende Zacharias kann auch für uns heute ein Wegbereiter für Christus sein. Zusammen mit dem zweifelnden Thomas am Ende umfasst er am Anfang das eigentlich unsagbare Evangelium von der Liebe Gottes zu den Menschen. Damit eröffnet Zacharias auch uns heutigen Menschen mit unseren Fragen und Zwiespälten den Raum, den wir brauchen. So wird er für uns zur Übergangsfigur in die Zeiten des anbrechenden Lichtes aus der Höhe.
    Amen.

    Die Predigt basiert auf den Gedanken von Thorsten Latzel in den Göttinger Predigtmeditationen, die ich gerne aufgenommen und an einigen wenigen Stellen (fast) wörtlich zitiert habe (Gött. Predigtmed. 75, S. 37-43).