Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias – 9. Jan. 2022

Der Predigttext Jesaja 42,1-9 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde!
„Mein Name ist Bond, James Bond!“ – Ich bin mir sicher: Wir alle kennen diese Vorstellung. Auch wenn ich sie bestimmt nicht so cool rüber bringen kann wie Daniel Craig, Roger Moor und Jean Connery oder ihre jeweiligen Synchronsprecher. Aber wir haben sofort diesen überaus smarten und selbstbewussten Typen vor Augen, für den es die größte Ehre ist, im Dienst ihrer Majestät, der Königin von England, seinen Job zu tun.

Warum James Bond? An seiner Figur wird ganz schnell deutlich, was es mit dem Knecht auf sich hat, von dem im Jesajabuch im heutigen Predigttext gesprochen wird: Es geht bei der Vorstellung dessen, der oder die da in Gottes Dienst steht, nicht um irgendeine Tätigkeit, die als der letzte Dreck anzusehen wäre. So etwas haben viele Menschen aber im Kopf, wenn sie das Wort Knecht hören: willfährige Unterordnung und zu dreckigen Diensten angestellt. Bis hin zu Bezeichnungen wie „Kriegsknecht“ oder „Folterknecht“ verschlimmert sich das Bild vom Knecht. Weil das so ist, heißen die Angestellten in der modernen Landwirtschaft heute auch „Fachkraft Agrarservice“ und eben nicht mehr Knecht.

Wenn dann aber in der Bibel dieses Wort auftaucht, haben wir diese negativen Vorstellungen auch im Kopf. Aber der da von Gott vorgestellt wird, ist alles andere als so einer, der die unwürdige Drecksarbeit tun soll. Der Dienst, um den es geht, ist attraktiv; er ist eine Ehre, denn er hat Anteil an der Ehre des Auftraggebers – bei James Bond ist das die Ehre der britischen Königin, bei dem eved Adonai, wie es im Hebräischen heißt, ist es die Ehre Gottes, die diesem Amt und diesem Dienst seinen Glanz gibt.

Dieser eved Adonai ist nicht der einzige im Dienst Gottes. Aber er ragt als Figur unter allen Dienern Gottes in besonderer Weise heraus: obwohl – oder gerade, weil sein Name nicht bekannt ist. Vielmehr scheint Gottes Geistkraft immer wieder diese oder jenen dazu zu berufen. Und diese Gestalt ist mit höchster Machtfülle ausgestattet – in heutigen Wirtschaftsworten: mit allen Vollmachten, mit dem Recht, im Namen der Leitung des Unternehmens internationale Bündnisse zu schließen: das göttliche Recht unter die Heiden zu bringen.

Diese Aufgabe geschieht dann – um noch einmal auf James Bond zurückzukommen – geradezu undercover: unter der Decke der Verschwiegenheit: kein Schreien und Rufen, kein Reden mit Macht, denn es, das Tun Gottes, wird nicht „durch Heer oder Kraft“ geschehen, sondern durch Gottes Geist, wie schon der Prophet Sacharja weiß. Entscheidend ist: Der eved Adonai redet nicht, er tut!

Und was tut er? Auch hier steht an erster Stelle etwas ganz anderes, als wir es erwarten würden. Es sind keine Riesenaktionen, es ist kein Aktionismus. Mit den Bildern vom Bewahren des geknickten Rohrs und des glimmenden Dochtes, die es als Bildworte bis in die weltliche Sprache geschafft haben, wird deutlich: Es geht dem eved Adonai um das Recycling des eigentlich schon als unbrauchbar Abgeschriebenen. Sind wir nicht ganz schnell dabei, das auszusortieren, was geknickt ist, was nicht mehr genug Strahlkraft hat? Ist es nicht oft auch bei den Menschen so: Menschen, die geknickt sind: die enttäuscht, frustriert, gekränkt verletzt sind, werden aussortiert?

Dem widersetzt sich der eved Adonai: Er macht aus dem, was aussortiert wird, eine Wertstoffsammlung, aus der Neues entstehen kann: die alte, aussortierte Schöpfung, wird durch ihn verwandelt. Nichts und niemand wird ihm verloren gehen! Die Lampen mit den glimmenden Dochten bekommen neues Öl und damit neue Strahlkraft. Also nicht nur Recycling, sondern Upcycling im besten Sinn des Wortes!

Das alles geschieht durch ein neues Rechtssystem, das aus Gnade und Barmherzigkeit besteht: „Was braucht jedes Geschöpf zum Leben, was wird seinem Bedarf gerecht?“ – das ist die entscheidende Frage: Gnade ist das elementare Lebensrecht, das für alle Geschöpfe gilt, für das es keine Vorleistungen braucht. Und diesem Lebensrecht aller Geschöpfe haben sich auch die anderen Geschöpfe unterzuordnen. Menschen werden in diesem System nicht begnadigt, sondern sie werden als begnadet angesehen. Es geht nicht um „Gnade vor Recht“, sondern um ein „gnädiges Recht“. Dieses Recht ist die Tora, die Israel bekommen hat: die Wegweisungen zu einem Leben in Gerechtigkeit: in sozialer und Bildungsgerechtigkeit, in Gender-, Generationen- und Klimagerechtigkeit. Die Inseln, die darauf warten, können wir getrost mit den Inseln im Südpazifik gleichsetzen, denen heute schon das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. Dieses gnädige Recht der Tora ist auch der Ursprung für die allgemeinen Menschenrechte.

Liebe Gemeinde, wir feiern heute am 1. Sonntag nach dem Epiphaniasfest die Erinnerung an Jesu Taufe durch Johannes den Täufer. Höhepunkt dieser Geschichte ist aber nicht die Taufe selbst, sondern das, was im Anschluss geschieht: die Stimme, die zu hören ist und die Jesus zu seinem Dienst beruft: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus ist Sohn und damit das Kind Gottes. So wird die Jesaja-Stelle schon ganz früh aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt. Jesus ist mit diesen Worten nach der Taufe genau für seine Aufgaben im Dienst seines himmlischen Vaters berufen worden: zu diesem so besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst an den Menschen und an der beschädigten, zerbrochenen Schöpfung: Jesus wird in seinem irdischen Wirken punktuell und zeichenhaft Gottes Herrschaft sichtbar und erfahrbar machen.

Und wenn Jesus im Tauf- und Missionsbefehl am Ende des Matthäusevangeliums seine Jünger beauftragt, an alle Menschen mit der Taufe das weiterzugeben, was er ihnen gegeben hat, dann bedeutet das schlicht und ergreifend: Auch alle Getauften sind zu diesem besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst berufen. Wir werden uns nicht so vorstellen: „Mein Name ist Willimczik, Torsten Willimczik, ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Denn es ist nicht an uns, so etwas hinauszuposaunen – nicht in den Gassen zu schreien und zu rufen, wie es bei Jesaja heißt.

Aber es sollte unsere innere Haltung sein, mit der wir durchs Leben gehen: „Ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Dann wird es auch für uns selbstverständlich sein, geknicktes Selbstbewusstsein zu bewahren und neu aufzurichten, die glimmenden Dochte des Lebens von dem zu befreien, was sie zu ersticken droht, das Recht Gottes gegen alles menschliche Unrecht hinauszutragen. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit ist uns dazu durch in unserer Taufe nicht nur irgendwie zugesprochen worden: Es ist die Verheißung Jesu, dass diese Begabung real ist. Vertrauen wir darauf, dass sich das in unserem Dienst immer wieder neu bewahrheitet! Amen.

Die Predigt fußt auf der Predigtmeditation von Rainer Stuhlmann in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 105-112). Herzlichen Dank dafür!

Predigt am Altjahrsabend 2021 über Matthäus 13,24-30

Der Predigttext Matthäus 13,24-30 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde am Altjahrsabend!
Es ist auch in diesem Jahr ein besonderer Abend, den wir heute begehen: Rückblick auf das Jahr 2021 und ein mit vielen Fragen versehener Ausblick auf 2022 prägen das Bild, das sich uns heute bietet. Ganz gleich, wie der Rückblick ausfällt – für ganz viele Menschen wird es so sein, dass sich gute Erfahrungen und fröhliche Erlebnisse mit schwierigen Momenten und traurigen Ereignissen verbinden werden: Da sind für uns alle die allgegenwärtige Pandemie mit Einschränkungen und Belastungen und die immer bedrohlicher erscheinenden Veränderungen in unserer Gesellschaft; da sind aber auch persönliche Momente von Trauer und Abschied und die familiären und beruflichen Freudenmomente.

Zu trennen sind diese beiden Erfahrungsebenen nicht. Bei aller Freude blieb die Sorge um Corona immer gegenwärtig; bei aller Nachdenklichkeit über unsere Gesellschaft blieben erhebende Momente von Freude und Leichtigkeit. Vielleicht ist es diese Grundstimmung, die dazu geführt hat, dass bei der Neugestaltung der Predigttextordnung der Abschnitt über Unkraut und Weizen aus dem Matthäusevangelium an den heutigen Tag gerutscht ist. Geht es uns nicht so wie den Knechten, die plötzlich feststellen müssen: Trotz bester Vorsätze, trotz allen Bemühens gibt es auch in unserem Jahr 2021 manches Unkraut, das wir nicht wollten und nicht zu verantworten haben.

Nun kann es heute weder darum gehen, vor lauter Klage um das Unkraut die Freude über den guten Weizen aus dem Blick zu verlieren, noch in Verklärung des Guten, das wir erlebt haben, das Unkraut für unwichtig zu erklären. Beides würde unserer Wirklichkeit nicht gerecht.

Woher im Gleichnis Jesu allerdings der Feind kommt, bleibt ebenso unklar wie unsere Fragen unbeantwortet, woher die lebensfeindlichen Momente des zurückliegenden Jahres kommen. Jesus zeigt uns mit seinem Gleichnis aber, wie das Böse des Feindes funktioniert:

Alles beginnt im Dunkeln, wenn die Menschen schlafen und deshalb nicht wachen. Da werden von vielen unbemerkt Ansichten in die Gesellschaft getragen, die zuvor noch undenkbar und unsagbar waren. Mit Sätzen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ wird versucht, rechtes und extrem rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig zu machen.

Es muss auch nicht sofort sein, dass das Gute sichtbar angegriffen oder zerstört wird. Der Feind kann auf Zeit spielen: Was er aussät, wächst unscheinbar und ebenso langsam wie der eigentliche Weizen. Aber unter der Oberfläche hat sich das Böse schon entwickelt und verwurzelt.

Das Unkraut zwischen dem Weizen im Gleichnis Jesu ist Taumel-Lolch, auch Rauschgras oder Schwindelweizen genannt; es sieht dem Weizen ganz lange erst einmal sehr ähnlich. Erst wenn sich die Ähren ausbilden, wird der Unterschied sichtbar und dann ist es zu spät, dem Unkraut Herr zu werden. Es dann einfach mit zu ernten und eine schlechtere Weizenqualität in Kauf zu nehmen, kann tödlich enden: Denn Taumel-Lolch ist gefährlich, weil giftig.

Heruntergefahrene Aufmerksamkeit, langsames, zunächst unmerkliches Wachstum und über lange Strecken harmloses Erscheinungsbild: Ganz gleich ob bei einem Einzelnen, in zwischenmenschlichen Beziehungen oder auf gesellschaftlich-politischer Ebene: Plötzlich – so sieht es dann aus – scheint man ganz unverhofft in eine Katastrophe hineingerutscht. „Wir haben zuerst gar nichts gemerkt.“, „Es fing doch alles ganz harmlos an!“, „Das wird schon wieder.“ Solche Sätze sind später im politischen, aber auch im persönlichen Bereich oft zu hören: Wenn Menschen von Sucht betroffen sind oder bei schädlichen und von Gewalt geprägten Beziehungen, denn so etwas kommt nicht plötzlich, sondern schleichend und lässt sich lange verharmlosen oder ignorieren.

Der Rückblick am Ende eines Jahres lädt ein, dieses Jahr zu betrachten und ganz ehrlich nach den Strukturen des Bösen abzuklopfen. Nicht, weil man sich das Jahr schlecht reden möchte, sondern weil es ja um den Aufbruch in ein neues Jahr geht: Wann, wenn nicht heute, wäre der Moment für diesen ehrlichen Blick auf unser Leben? Und bei dem ehrlichen Blick soll es nicht bleiben.

Die Frage der Knechte im Gleichnis beweist ihre guten Absichten, dem Unkraut Herr zu werden und den Weizen zu retten, damit die Ernte gelingt. Und ich bin mir sicher, viele werden denken: „Klar, raus mit dem Unkraut!“ Und allgemein formuliert: „Das Übel buchstäblich mit der Wurzel ausrotten!“ Doch der Landbesitzer verweigert sich – auf den ersten Blick überraschend – einer solchen Radikalkur. Er will bis zur Ernte warten und dann fein säuberlich trennen. Denn vorher das Unkraut auszureißen, bedeutet gleichzeitig, den Weizen ebenfalls kaputt zu machen. Damit wäre die Ernte hin und der Feind hätte erreicht, was er wollte!

Blicken wir in die Geschichte und in die Gegenwart müssen wir dem Landbesitzer recht geben: Jeder Versuch, das Böse mit Gewalt auszumerzen, hat dazu geführt, dass trotz der besten Absichten die Mission „Reinigung“ sich in ihr Gegenteil verwandelt hat: Religionsterror, Staatsterror oder Tugendterror – ganz gleich, wie man die Versuche nennen möchte – sind das Ergebnis: über alle Grenzen von Staaten, Religionen und Gesellschaftsformen hinweg. Ein- für allemal ausreißen lässt sich das Böse nicht. Nicht von Menschen, nicht durch Gewalt. Denn wer garantiert, dass das Wurzelwerk der an der Oberfläche so wohlmeinenden und bemühten Knechte nicht schon längst mit dem Wurzelwerk des Bösen verflochten ist? Der Fanatismus derer, die das Böse ausrotten wollen, endet immer im Bösen.

Bis zur Ernte, also dem „Jüngsten Tag“ wird das Feld des Landbesitzers nicht perfekt und rein sein. Im Großen nicht und auch im Kleinen nicht, denn auch da – bei jeder und jedem von uns – haben wir es mit einem kaum durchschaubaren Geflecht von Gutem und Bösem zu tun.

„Und was mache ich dann jetzt mit meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr? Mit allem, was ich besser machen möchte, also mit dem ganzen Unkraut, das ich in meinem Leben ausreißen möchte?“

Die Erfahrung lehrt, dass ganz viele der Vorsätze nicht lange halten. Alles ändern zu wollen, verursacht Überforderung, Frust und Elend. Nichts zu tun, ist auf der anderen Seite auch keine Lösung, denn dann gewinnt das Unkraut im Leben die Oberhand. Wer sich von der Illusion des „Alles“ und von dem Fatalismus des „Nichts“ verabschiedet, lernt, dass es dazwischen ein Etwas gibt, in dem wir leben und das es zum Guten zu gestalten gilt, denn es ist und bleibt uns ja gesagt, was gut ist und was Gott von uns fordert: Sein Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor unserem Gott.

Es gibt ganz viel, was getan werden kann: zu unterscheiden zwischen Unkraut und Weizen; zwischen guter und böser Saat. Und im praktischen Leben wird es dann immer darum gehen, das Gute zu stärken. Um das Beispiel der Alkoholsucht noch einmal aufzunehmen: Die Anonymen Alkoholiker wissen um das Unausrottbare der Sucht; Alkoholiker bleiben das ihr Leben lang. Es gilt, das Gute zu fördern: trocken zu werden und es zu bleiben.

Wer sich von der Illusion verabschiedet, das Böse mit Stumpf und Stiel ausreißen zu können, ist beileibe nicht zur Untätigkeit verdammt. Er hat alle Hände voll zu tun, das erstrebenswerte Gute nach Kräften zu fördern.

Am Abend dieses Tages und des Jahres sehen wir auf den Acker unseres Lebens: auf ganz viel Weizen, der zur Ernte heranreift. Wir sehen aber auch das Unkraut dazwischen: das, wo wir selber mit dem Bösen verwoben sind. Und wir stellen uns für das neue Jahr unter den Schutz und den Segen Gottes, dass er uns die Kraft gibt, dem Bösen zu widerstehen, damit das Unkraut nicht überhandnimmt, und das Gute wachsen zu lassen wie den Weizen auf dem Feld.

Die Verheißung, die Jesus uns mit dem Schluss des Gleichnisses gibt, weist uns den Weg und gibt uns die nötige Kraft zu Demut und tätiger Geduld: Was wir nicht in letzter Konsequenz können, das wird er tun: Am Tag der Ernte wird er das Unkraut endgültig vernichten; es wird vergehen wie flüchtiger Schall und Rauch. Und das Gute wird sich als nachhaltig erweisen und zu unvergänglichem Leben erscheinen. Unter dieser Verheißung gehen wir in das neue Jahr 2022. Amen.

Die Predigt verdankt sich in besonderer weise der Predigtmeditation von Peter Bukowski in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 74-80). Herzlichen Dank dafür!

Gottesdienste zum Jahreswechsel 2021-2022

Es gelten die jeweiligen Coronabestimmungen! Zur Zeit: 3-G-Regel.

31. Dezember 2021 – Silvester 

17.00 Uhr Gottesdienst in Holzhausen; Pfr. Schierbaum 
17.00 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl in Möllbergen; Pfr. Willimczik 
17.00 Uhr Gottesdienst in Eisbergen; Pfr. Schulz  
17.00 Uhr Gottesdienst in Veltheim; Pfr’in Kenter-Töns 

1. Januar 2022 – Neujahr 

17.00 Uhr Gottesdienst zum Neuen Jahr in Veltheim; Pfr. Schulz 
17.00 Uhr Gottesdienst zum Neuen Jahr in Holtrup; Superintendentin Goudefroy 

2. Januar 2022 – 2. Sonntag nach Weihnachten 

10.00 Uhr Gottesdienst in Lohfeld mit Chorprojekt; Pfr’in Kenter-Töns 

Predigt am 1. Weihnachtstag 2021

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Kind in der Krippe, dem Heiland der Welt!

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Es ist der Tagesspruch für das Weihnachtsfest und der Wochenspruch für die ganze Weihnachtswoche. In nur einem Satz fasst der Evangelist das in Worte, was wir zum einen aus der Weihnachtserzählung des Lukas vor Augen haben: das Gebot von Augustus, die Herbergssuche und die Geburt des Kindes, die Verkündigung an die Hirten mit dem Engel und deren Weg zum Stall. Eben ist sie noch einmal erklungen. Und zum anderen sehen wir, auch wenn sie in der liturgischen Tradition erst an Epiphanias dran sind, die Weisen aus dem Morgenland kommen und ihre Geschenke bringen.

Johannes geht mit seinem einen Satz noch viel weiter, denn in seinem „er wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“ schwingt mit, dass es im Folgenden ja dann um den erwachsenen Jesus geht. Seine Herrlichkeit wird bis zur Erhöhung am Kreuz und bis zur Auferstehung in geradezu paradoxer Weise immer mehr an Strahlkraft zunehmen – je nachdem, aus welchem Blickwinkel die Menschen diesen Jesus Christus betrachten.

„Das Wort ward Fleisch!“ – Die Worte haben als Höhepunkt des sogenannten Johannes-Prologes einen ganz besonderen, für viele einen geradezu heiligen Klang.

Vielleicht deshalb haben die Revisions-Kommissionen 1984 und 2017 den Modernisierungsversuch von 1975 wieder rückgängig gemacht. Die hatten übersetzt: „Das Wort wurde Mensch.“ Gott selbst, der schon in seinem Wort hörbar und erfahrbar ist, wird ein Mensch, ein Mensch von Fleisch und Blut!

Das feiern wir Weihnachten. Und das ist etwas, was uns froh und getrost machen kann. Das will Hoffnung und Zuversicht schenken. Wir feiern nämlich nicht nur, dass da vor 2000 Jahren in Bethlehem eine wundersame Geburt geschah, damit sich heute Menschen streiten können, ob die Mutter des Kindes biologisch gesehen noch Jungfrau war oder nicht. Der Theologe Martin Nicol schreibt dazu so wunderbar: „Dass man auch nur eine Sekunde lang meinen kann, es ließe sich von der ‚Jungfrauengeburt‘ normal reden, ist mir unerfindlich. Die ‚Jungfrauengeburt‘, wie sie in fachbegrifflicher Nominalität genannt wird, ist das Mindeste, was an Anormalität aufzubieten ist, wenn Gott zur Welt kommt. In dieser Perspektive ist die Jungfrauengeburt kein Problem von Weltbild, modernem Denken und zeitgemäßem Verstehen. Sie gehört vielmehr zur poetischen Hülle, die die Bibel um ein Geschehen legt, das sich dem Verstehen entzieht.“

Wir feiern kein 2000 Jahre zurückliegendes biologisches Wunder. Wir feiern vielmehr, dass immer wieder neu diese Menschwerdung Gottes geschieht. Johannes Scheffler, bekannt als Angelus Silesius, der ‚Schlesische Bote‘ bekennt: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“ Immer wieder neu will Gott selbst in uns geboren werden. Gott wird Mensch – in, mit und durch uns hindurch.

Weihnachten ist deshalb ein Fest der Leibhaftigkeit. Die Hirten liefen, kamen und sahen sich an, was da in Bethlehem geschehen war. Und später die Könige: Sie brachten ihre Geschenke und beteten an. Das alles ist leibhaftiges Geschehen. Weihnachten geschieht, was jeder Mensch durchlebt hat: Geboren werden. Jedes Kind erinnert uns daran: Am Christfest kam Gott selbst zur Welt und wurde uns Menschen gleich.

Warum? Wir sollen ihm immer ähnlicher werden. Wir sollen immer tiefer in diese Erfahrung hineinsinken: Wir kommen aus Gott, wir leben als Menschen in dieser Welt und wir kehren zu Gott zurück. Leibhaftigkeit – der Berneuchener Tradition, aus der ich komme, ist das ein zentrales Anliegen: Leibhaftige Begegnung von Menschen: im Gottesdienst und bei Gruppen und Kreisen, beim KonfiCamp für die Konfirmandinnen und Konfirmanden; leibhaftige Einwohnung Gottes in den Menschen bei der Feier seines Mahles: Wir tun nicht nur so, wir essen und trinken; leibhaftige Vollzüge des Glaubens: Taufe mit echtem Wasser, das Stehen beim Gebet oder das Knien, für manche das selbst vollzogene Kreuzzeichen – so schwer das alles in dieser schwierigen Zeit durchzuhalten ist. Leibhaftigkeit als zentrale und wichtige Erfahrung: Es geht um so viel mehr, als theoretisch über Glaubenssätze oder Bibeltexte nachzudenken. Das ist alles auch wichtig, aber es ist die leibhafte Gemeinschaft, die uns in unserem Glauben durch das Leben trägt.

Am Christfest kam Gott selbst zur Welt und wurde uns Menschen gleich, wurde leibhaftiger Mensch. Warum? Wir sollen ihm immer ähnlicher werden. Und indem und weil Weihnachten in uns geschieht, vollzieht sich ein wunderbarer Wandel, die Rollen vertauschen sich erneut: Aus dem Kind, das an Weihnachten als kleiner Mensch zur Welt kommt und Gott leibhaft werden lässt, wird im Lauf seines Lebens Jesus von Nazareth, den wir als Christus und Messias, als Herrn und Heiland bekennen. Auch in uns klingt der Vers aus dem Johannes-Prolog nach: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

Und durch Christus vollzieht sich der zweite Teil dieses neuerlichen Rollentausches: Wir werden durch Christus zu Gottes Kindern berufen – nicht irgendwann, sondern schon hier und jetzt.

Denn so schreibt der Apostel und Evangelist Johannes in seinem ersten Brief: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch! Darum erkennt uns die Welt nicht; denn sie hat ihn nicht erkannt. Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen: Wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Mit diesen Worten des Johannes öffnet sich uns der Blick in die Zukunft – also auf das, was von Gott her auf uns zu kommt: Gott gleich zu werden, wie er zuvor uns gleich geworden ist. Das ist das Ziel, dem wir entgegengehen: die Einheit mit Gott, die uns dadurch eröffnet wird, dass Gott mit uns eins wurde und wird: als Kind, als leibhafter Mensch.

Gott geht nicht auf in unserer Leibhaftigkeit und unserem Menschsein, aber wir als Gottes Geschöpfe können uns nicht außerhalb Gottes stellen. So bleibt es immer die „weihnachtliche Aufgabe“ von uns allen, uns gemeinsam immer neu auszurichten auf den, der unter uns geboren wurde, der in uns neu geboren werden will und der uns als seine Kinder liebt, damit wir für andere leuchten und zum Licht in dunklen Zeiten werden. Amen.

Vielen Dank an Matthias Gössling, den Leiter der Gemeinschaft Sankt Michael für die Inspiration durch seinen Weihnachtsbrief.
Ebenso Dank an Martina Schwarz, in deren Predigtmediation zum Lukas 1,26-38 ich das Zitat von Martin Nicol gefunden habe (Timebreak und englisches Empowerment, in: Gött. Predigtmed. 76, S. 39); Originalzitat in: Martin Nicol, Fanfaren der Freude und Ankunft im Pianissimo (Lk 1.,26-33[34-37]38, in: Gött. Predigtmed. 71 (2016/2017). S. 36-38)

Predigt am Heiligen Abend 2021

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!
Nun ist es Weihnachten geworden – ich denke, bei vielen war es in diesem Jahr nicht so überraschend wie sonst. Denn die Frage, wie wir angesichts steigender Coronazahlen in diesem Jahr Weihnachten würden feiern können, hat ganz viele in den letzten Wochen beschäftigt.

Wie gut: Dass es Weihnachten wird, das hängt nicht von uns ab. Mit der Geburt des Kindes im Stall vor gut 2000 Jahren ist es Weihnachten geworden. Und wir dürfen uns in jedem Jahr neu daran erinnern, dürfen uns jedes Jahr neu in dieses Geschehen hinein nehmen lassen, mit dem sich Himmel und Erde verbinden.

Aber wie geschieht das? Reichen auf dem Weg dahin die Gefühle, die der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, Weihnachtshits wie „Last Christmas“ oder „Coming home for Christmas“ oder ein Haus voller Lichterketten hervorrufen? Schon das Weihnachten im letzten Jahr mit all seinen Einschränkungen hat uns deutlich gemacht, dass es nicht nur um liebgewordene Rituale gehen kann, die den Zauber von Weihnachten aus der Kindheit jedes Jahr neu heraufbeschwören; dann wäre das Weihnachtsgeschehen und damit Gott in unserer kleinen Welt gefangen, dann hätten wir Gott sehr klein gemacht.

Wie aber werden wir hineingenommen in das Weihnachtsgeschehen? Es ist sicherlich etwas sehr Persönliches, um das es an Weihnachten geht. Angelus Silesius, der schlesische Bote Johannes Scheffler hat es in seinem kurzen Gedicht so wunderbar auf den Punkt gebracht. Er schreibt: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, doch nicht in dir, du gingest ewiglich verloren!“ Weihnachten geschieht: in mir und in dir – in jeder und jedem von uns – unabhängig von allen äußeren Vorbereitungen und Bemühungen, die wir selber machen können. Weil es schon einmal geschehen ist, kann Weihnachten auch heute wieder neu erfahren werden.

Aber es wäre viel zu kurz gegriffen, wollten wir Weihnachten auf einen kurzen, wenn auch heiligen Moment am Heiligen Abend 2021 beschränken, weil irgendwann irgendwo ein Kind geboren wurde. Die Nachricht von der Geburt des Heilandes, also dessen, von dem das Heil und Leben her kommt, hat Menschen schon immer verwandelt: angefangen von den Hirten auf dem Feld über die Weisen aus dem Morgenland bis hin zu denjenigen, die heute voller Sehnsucht auf Kraft und Zuversicht hoffen, um ihr eigenes Leben zu bestehen oder um anderen beizustehen, damit die ihr Leben bestehen können.

Weihnachten bedeutet beides: diese Botschaft für sich zu empfangen und sie dann an andere weiter zu geben. Und wie Jesus später nicht einfach nur Worte gemacht hat, sondern Menschen in ihrer Not ganz konkret geholfen hat, so wird auch unsere je eigene Weihnachtserfahrung nicht in erbaulicher Innerlichkeit stecken bleiben. Angesichts der großen Schwierigkeiten, vor die wir uns in dieser Welt gestellt sehen, wäre es fatal, wenn wir einfach nur „heile Weihnachtswelt“ fabrizieren würden. Der Klimawandel und seine Folgen und die immer noch großen Unterschiede zwischen Nord- und Südhalbkugel, das Auseinanderfallen unserer Gesellschaft und die Probleme, vor die die Pandemie uns nach wie vor stellt, erfordern Handeln aus der weihnachtlichen Gewissheit heraus.

Mut und Ermutigung dafür kommen aus längst vergangenen Zeiten, wenn der Prophet Micha für uns weihnachtliche Worte Gottes verkündet: 5,1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei. Er wird herrlich werden bis an die Enden der Erde. 4 Und er wird der Friede sein.

Diese Worte von Micha spielen vor allem bei dem Evangelisten Matthäus eine große Rolle, denn Matthäus stellt das Kind in der Krippe, sein ganzes irdisches Wirken als Jesus von Nazareth und seine Bedeutung für die ganze Welt und ihre Zukunft in einen Rahmen aus dieser Verheißung: Die Weisen aus dem Morgenland finden das Kind in der Krippe durch die Weissagung aus Micha; und Jesus nimmt in seiner großen Zusage, die das Matthäus-Evangelium beschließt, wiederum die Worte dieses Propheten auf und weitet sie noch aus: „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“

So verbinden sich zwei Welten: die Verheißung aus uralter Zeit, die Menschen so vieler Generationen Hoffnung gegeben hat und bis heute Hoffnung gibt, auf der einen Seite mit einer Zusage auf der anderen Seite, die unsere Zukunft in den Blick nimmt: „bis an das Ende der Welt“. Weihnachten ist eben nicht „es war einmal“, es ist auch nicht die Wiederkehr des Ewiggleichen mit „the same procedure as every year“. Weihnachten ist heute, denn die Engel singen: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Und Weihnachten ist eine in die Zukunft hin offene Geschichte. Nachdem wir uns das Jahr über in so vielem festgefahren haben und in so vielem stecken geblieben sind, geht es deshalb an diesem Weihnachten „Zurück in die Zukunft“!

Das Ziel dieser Zukunft ist Friede: Der Friede auf Erden, von dem die Engel in der Heiligen Nacht singen; der Friede, den Jesus den Jüngern verheißt und der so viel mehr ist, als ein Zustand, bei dem gerade kein Krieg ist! In Jesus Christus wird dieser Frieden konkret, er verkörpert ihn, er ist der Friede: das Kind in der Krippe, das allen Menschen zum Heil geboren ist, das für alle Menschen am Kreuz stirbt und aufersteht und Herr ist! Amen.