Predigt zum Partnerschaftssonntag 2023 am 29. Januar in Möllbergen

Predigt über Galater 3,23-29

P: „Bwana Yesu asifiwe“ G: Amen.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
„Alles beginnt mit der Sehnsucht …“ – so beginnt ein Gedicht von Nelly Sachs. Sie schreibt weiter:

Alles beginnt mit der Sehnsucht,
Immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres.
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille,
nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärker auf.

Ich glaube, wir alle kennen solche Sehnsucht aus unserem Leben: nach Geborgenheit, wenn wir uns bedrängt fühlen; nach Freiheit, wenn wir uns eingeengt fühlen; nach Klarheit, wenn wir uns unsicher und orientierungslos fühlen; nach Liebe, die uns unbedingt annimmt – Liebe, die uns ohne irgendwelche Bedingungen annimmt, Liebe, die es gibt, ohne dass wir dafür irgendwelche Voraussetzungen zu erfüllen haben.

Die Bibel ist voll von solcher Sehnsucht, sie ist voll von Menschen, in denen solche Sehnsucht wohnt. Es ist zwar nicht immer die Sehnsucht nach Gott, die diese Menschen bewegt. Es ist aber immer Gott, der diese Menschen zur Erfüllung ihrer Sehnsucht führt. Ich erinnere an die Sehnsucht von Abraham und Sara nach einem Sohn; an die Sehnsucht von Jakob nach seiner Heimat, als er in der Fremde bei seinem Onkel Laban zwar reich, aber nicht glücklich geworden war; ich erinnere an die Sehnsucht von David nach der Königswürde und die von Salomo nach der Weisheit eines gerechten Herrschers. Die größte Sehnsucht ist die des Volkes Israel nach der Freiheit gewesen: So groß war diese Sehnsucht, dass sie eine Wanderung von 40 Jahren durch die Wüste überstanden hat: Damals, als Mose dieses Volk im Auftrag Gottes aus der Sklaverei in Ägypten in das gelobte Land geführt hatte; so groß war diese Sehnsucht, dass sie auch die Zeit des Exils in Babylon überdauert hat.

Der Predigttext, den uns Frank Mtangi, der Superintendent des Kirchenkreises Tambarare für den Partnerschaftsgottesdienst in diesem Jahr herausgesucht hat, ist ohne eine solche Sehnsucht nicht zu verstehen. Der, in dem diese Sehnsucht gewohnt hat, ist der Apostel Paulus. Und die Sehnsucht, die in ihm war, teilte er sich mit dem Johannesevangelisten, der wie Paulus davon überzeugt war: Diejenigen, die Jesus als den Christus erkennen, sind nicht mehr auf bestimmte Orte der Anbetung und damit der Sehnsucht angewiesen. Es wird keinen Ort mehr geben, der heiliger wäre, weil er allein der richtige ist; denn der Geist Gottes vereint die Gläubigen an allen Orten und aus allen Glaubensrichtungen – wie es der Johannesevangelist Jesus am samaritanischen Brunnen sagen lässt, wie er es Jesus im Hohepriesterlichen Gebet an seinem letzten Abend sagen lässt: dass alle, die an Jesus glauben, eins sind. Und diese Einigkeit derer, die sich auf Jesus Christus berufen, ist verbunden mit einer ganz besonderen Freiheit. Der Predigttext steht im Brief des Paulus an die Gemeinden in Galatien im 3. Kapitel:

23 Ehe aber der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und eingeschlossen, bis der Glaube offenbart werden sollte. 24 So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden. 25 Da nun der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.
26 Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. 27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 28 Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. 29 Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.

aus: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung – revidiert 2017, © 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Liebe Gemeinde! Auch in Paulus lebt diese Sehnsucht nach Freiheit – allerdings ist es keine staatlich-politische Freiheit, sondern eine geistlich-seelische Freiheit, die ihm an der christlichen Botschaft so wichtig ist: Diejenigen, die – wie Paulus es sagt – in Christus sind, sind an die Zwänge einer unfrei machenden Gesellschaftsordnung nicht mehr gebunden, obwohl sie noch in dieser Gesellschaftsordnung leben. Paulus spricht ja ganz deutlich von einem Zuchtmeister der gesellschaftlichen Zwänge, die das Leben der Gemeindeglieder bestimmt haben, bevor sie zum Glauben und der christlichen Gemeinschaft dazu gekommen sind. Und eben diese gesellschaftlichen Zwänge und Unfreiheiten bleiben da außen vor, wo christliche Gemeinschaft Wirklichkeit wird.

Das heißt für Paulus natürlich nicht, dass es keine Regeln mehr geben würde. Paulus weiß die Weisungen Gottes mit den 10 Geboten ebenso zu schätzen wie die staatlichen Ordnungen, die ein Leben in Frieden und Freiheit ermöglichen. Paulus geht es um die Freiheit der Kinder Gottes, nach der es nicht nur keine Unterschiede mehr gibt, die Christinnen und Christen trennen; sie alle sind vielmehr in Christus eins. Paulus nennt als Beispiele drei Gegensatzpaare aus seiner damaligen gesellschaftlichen Lebenswelt: Juden und Heiden, Männer und Frauen, Sklaven und Freie.

Wir heute haben auch andere Gegensatzpaare vor Augen, die in Christus aufgehoben sind. Ich denke besonders an das Verhältnis von Christinnen und Christen aus Europa und Afrika, das lange als ein sehr einseitiges Abhängigkeitsverhältnis verstanden wurde: Die reichen Europäer brachten den armen Afrikanern den richtigen Glauben und die europäische Art zu leben. Nichts wäre im Licht des Predigttextes falscher als ein solches Ungleichgewicht. Wir haben keinen Patenkirchenkreis, wir sind Partner und bereichern uns gegenseitig in unserem Glauben und unserem Leben.

Was das Verhältnis von Frauen und Männern in der Kirche angeht, haben alle – Europäer wie Afrikaner – noch Luft nach oben. Wir sind auf dem Weg, aber immer wieder stolpern wir alle über noch eingefahrene Muster – trotz einer Superintendentin oder einer weiblichen Präses; und obwohl es auch im Kirchenkreis Tambarare inzwischen Pfarrerinnen gibt.

Im Vergleich zu Paulus sind wir heute im 21. Jahrhundert aber einen großen Schritt weiter: Der Apostel konnte sich ein Leben ohne Sklaverei nicht vorstellen; für ihn war aber auch eine Kirche unvorstellbar, die die gesellschaftlichen Ordnungen mitbestimmen könnte. Und deshalb war es auch nur auf der geistlich-gemeindlichen Ebene möglich, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Sklaven und Freien geben sollte; im realen gesellschaftlichen Leben blieben Sklaven Sklaven und Freie Freie.

Heute gibt es zwar offiziell keine Sklaven mehr, die Wirtschaftssysteme – gerade auch im Verhältnis von Afrika und Europa – sind aber leider so, dass es den einen – den Europäern – auf Kosten der anderen – der Afrikaner – bedeutend besser geht. Aus den geistlichen Erfahrungen der Gemeinschaft müssen und können dann auch Veränderungen zu einem anderen politischen und wirtschaftlichen Verhältnis wachsen. Als christliche Kirche in ökumenischer Weite können wir heute – immer noch – gesellschaftliche Ordnungen und Einstellungen prägen.

Es gehört wohl unbedingt zur Sehnsucht der christlichen Gemeinde, bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensbedingungen und anderen äußeren Umstände auf einer geistlichen Ebene eins zu werden und aus dieser gelebten Freiheit der Kinder Gottes heraus das Lob Gottes zu singen und zu sagen. Und aus diesem gemeinsamen Lob Gottes wird immer die neue Sehnsucht wachsen, den Schwestern und Brüdern am jeweils anderen Ende der Welt nahe zu sein und ihnen zu einem guten Leben zu helfen: die Menschen im Kirchenkreis Tambarare uns und wir den Menschen im Kirchenkreis Tambarare.

Dieses Mehr an Sehnsucht hatte schon Nelly Sachs in ihrem Gedicht beschrieben. Sie stellt die Sehnsucht der Menschen nach Gott der Sehnsucht Gottes nach den Menschen an die Seite und endet mit einer Bitte:

Alles beginnt mit der Sehnsucht,
Immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, für Größeres.
Das ist des Menschen Größe und Not:
Sehnsucht nach Stille,
nach Freundschaft und Liebe.
Und wo Sehnsucht sich erfüllt,
dort bricht sie noch stärke auf.
Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott,
mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?
So lass nun unsere Sehnsucht
damit anfangen,
Dich zu suchen,
und lass sie damit enden,
Dich gefunden zu haben.

Gott suchen und finden? Wo, wenn nicht in denen, die Gott uns zu unseren Nächsten macht: vor allem auch in den Geschwistern in Tambarare. Amen.

Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit am 6.2.2022 über Matthäus 14,22-33

Der Predigttext Matthäus 14,22-33 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Ja, bin ich denn schon wieder im gleichen Film? So mögen einige gedacht haben, die letzte Woche im Gottesdienst waren und heute wieder da sind. Aber ich kann beruhigen: Auch wenn die Jünger wieder im Boot unterwegs sind und schon wieder ein Sturm aufkommt: Es gibt in dieser Episode keine Sturmstillung; der Sturm legt sich ganz von selber.

Es geht heute in der Geschichte vom Seewandel des Petrus vielmehr um die Rolle, die Jesus in unserem Leben spielen kann und soll; es geht darum, im Chaos einer aufgewühlten Welt nicht irgendwelchen Irrlichtern und Gespenstern hinterherzulaufen; es geht vor allem um das Wunder, im Chaos einer aufgewühlten Welt nicht unterzugehen, sondern vom ihm, von Jesus gehalten zu werden.

Die Geschichte vom Seewandel des Petrus ist damit also auch eine Antwort auf die Frage: „Ich seh empor zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“, die der Beter von Psalm 121 gestellt hat, die wir zu Beginn singend nachempfunden haben. Und die Antwort auf diese Frage brauchen wir, wenn alles aus den Fugen zu raten droht. Wenn das Chaos über uns hereinbricht, um uns herum tobt. Wenn Wellen und Wind unser Lebensschiff hin und her werfen: unser persönliches Lebensschiff und das Lebensschiff der Gemeinde, von dem wir gleich noch singen werden. So ist es den Jüngern auf dem See Genezareth ganz real ergangen – und dazu noch mitten in der Nacht, wenn eh schon alles schwieriger und unheimlicher ist.

Liebe Gemeinde!
Es ist eine von nur drei Nachtgeschichten im Matthäusevangelium – neben der Geschichte von der Flucht nach Ägypten am Anfang und der Gethsemane-Geschichte an Jesu letztem Abend – und sie steht ziemlich genau in der Mitte des Evangeliums, gehört also zum Zentrum dessen, was Matthäus seiner Gemeinde mitteilen möchte. Das ist ganz wichtig, denn auch wenn die Geschichte vor Ostern spielt: Sie spiegelt ganz deutlich die Situation der bedrängten Gemeinde nach Ostern und die Gemeinde des Matthäus und damit auch wir sind eingeladen, uns mit den Jüngern und vor allem auch mit Petrus zu identifizieren:

Jesus ist nicht da, nicht mehr da. Die Jünger sind alleine auf dem See unterwegs – im Hören auf die Geschichte ist die Gemeinde mit dabei: Die Jünger bedroht von Wind und Wellen und wie im Spiegelbild die Gemeinde immer wieder bedroht von gefährlichen Mächten.

Da kommt Jesus: einfach so und ungerufen, plötzlich ist er zu sehen, wie er auf die Jünger zukommt. Deren erste Reaktion: „Ein Gespenst!“ – also eine zusätzliche Bedrohung, denn die Angst vor Sturm und die Dunkelheit der Nacht verstellen den Blick. Würden wir Jesus auf Anhieb erkennen, wenn er auf eine so unwahrscheinliche Weise zu uns käme? Würden wir nicht auch eine Täuschung vermuten; eben ein Gespenst, das uns etwas vorgaukelt, um uns noch sicherer in den Untergang zu führen?

Doch Jesus ist real, er kommt und bringt Hilfe, auch wenn wir das mit dem Über-das-Wasser-Gehen so nicht denken können. Aber hinter dem Wunder, dass Jesus das kann, steht doch: Jesus kommt auf eine ganz andere Weise als wir uns das denken oder vorstellen können. Mit den Jüngern schwankt auch die Gemeinde und schwanken auch wir: zwischen verängstigt einerseits, solange Jesus nicht da ist oder er bedrohlich wie ein Gespenst wirkt, und tollkühn andererseits, wenn sie wie Petrus eine Ahnung von seiner Nähe haben.

Dem ersten Beruhigungsversuch können die Jünger noch nicht folgen: „Ich bin’s! Fürchtet euch nicht!“ – Die Worte Jesu könnten ja auch eine Täuschung sein. Es sind dann nur zwei Worte, die Jesus als Nächstes spricht, um den Bann der Angst brechen: „Komm her!“ Diese Worte bewirken, dass Petrus auf diesen Befehl Jesu hin das Undenkbare wagen will: Auf dem Wasser zu Jesus zu gehen.

Und solange er seinen Blick auf Jesus gerichtet hat, wird dieses Wunder tatsächlich möglich – er kann auf dem Wasser gehen! Für die Gemeinde des Matthäus und uns bedeutet das: Wenn wir dem Befehl Jesu folgen, können wir das tun, was absolut undenkbar ist.

Sobald Petrus dann aber den Blick von Jesus abgewendet, gerät er in den Bann von Wind und Wellen und er beginnt zu sinken. Dabei hat sich die Situation gar nicht geändert: Wind und Wellen waren vorher ja auch da, aber sie hatten keine Macht über Petrus. Sobald Wind und Wellen im Brennpunkt stehen, sind wir von ihnen gebannt, sie haben Macht über uns und nehmen uns gefangen. Wir fangen an zu sinken …

In diesem Moment hält Jesus keine Predigt, in der er über Petrus und seine Situation nachdenkt. Er hilft: streckt die Hand aus und packt zu. Petrus soll nicht im Meer des Chaos versinken. Die zweite Reaktion Jesu ist dann eine Frage – für mich eine Frage mit Augenzwinkern, auch wenn sie in der Lutherübersetzung wie im griechischen Urtext zuerst wie ein Vorwurf klingt: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Aber Jesus spricht Petrus nicht den Glauben ab; es ist immerhin ein kleiner Glaube, den Petrus hat. Ich höre darin keinen Vorwurf, sondern ein liebevolles „Hast du so wenig Vertrauen, Petrus? Ich hab es dir doch gezeigt.“; ein aufmunterndes „Beim nächsten Mal wird es besser!“

Der Rest ist fast banal, aber nur fast: Jesus steigt mit Petrus ins Boot und der Wind legt sich – als ob nichts gewesen wäre. Den Schlusspunkt aber setzen die Jünger als Gemeinschaft und damit die versammelte Gemeinde: mit einem Glaubensbekenntnis: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Liebe Gemeinde!
Immer wieder im Leben stehen wir vor der Frage: Was sollen wir als Kirche tun angesichts von Wind, der uns entgegenweht, und Wellen, die drohen, das Gemeindeschiff kentern zu lassen? Denn es sitzt kein Einzelner im Boot, sondern die Gemeinschaft der Jünger und damit die Gemeinschaft der Kirche.
In dieser Geschichte geht es um das Wunder des Glaubens angesichts von Wind und Wellen. Und Glauben heißt nach dieser Geschichte: Wind und Wellen ernst nehmen, aber ihnen nicht das Zentrum überlassen. Ins Zentrum unseres Blicks gehört Jesus Christus. Glauben heißt dann, so können wir es auf den Punkt bringen: Glauben heißt, auf Jesus sehen – in allen Lebenslagen. Dann gelingt auch das, was auf den ersten Blick unmöglich zu sein scheint; es gelingt auch das, über das wir uns nur wundern können.
Amen.

Predigt zum Partnerschafts-Gottesdienst am 30.1.2022

Bwana Yesu asifiwe! Amen!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Wir feiern Partnerschaftsgottesdienst und sind darin mit den Geschwistern in Korogwe und Hale, in Mkata und Muheza, in Mombo und Handeni, in Kilindi und Mshihwi und all den anderen Gemeinden verbunden: im Beten und Singen, im Hören auf Gottes Wort; aber auch indem wir Sorgen und Ängste, Schwierigkeiten und Probleme, aber auch Freude und Glück miteinander teilen – so unterschiedlich die Situation auch ist: in Tanzania und in Deutschland. Nicht zuletzt durch die Auswirkungen der Coronapandemie stehen wir vor ähnlichen Fragen.

In diese Situation hinein ist für diesen Partnerschaftsgottesdienst ein Abschnitt aus dem Römerbrief als Predigttext ausgewählt worden, der alles das aufnimmt und uns – hier im Kirchenkreis Vlotho wie im Kirchenkreis Tambarare – auf die richtige Spur setzen will.

Paulus schreibt im 5. Kapitel des Römerbriefes: Römer 5,1-5

Dieser Gottesdienst steht unter der Überschrift „Glaube, Hoffnung, Liebe“. Unser Glaube, also das Vertrauen zu Gott gründet in der Liebe, die er uns durch Jesus Christus gezeigt hat. Diese Liebe macht uns zu Schwestern und Brüdern und will unter uns wirken auch in unserer Partnerschaft, aber auch weit über unsere christliche Gemeinschaft hinaus als Salz der Erde und Licht der Welt. Weil wir der Liebe Gottes vertrauen können, sind wir auch in der Lage, zuversichtlich in die Zukunft auch dieses neuen Jahres zu schauen, in der Hoffnung, dass uns Gott auch in schwierigen Situationen Halt geben kann und will.

Schwierige Situationen – ich habe dabei die Szene von der Sturmstillung vor Augen, die – wie sie eben als Evangelium gelesen wurde – für die Jünger Jesu zu einer echten Belastungsprobe ihres Glaubens geworden ist: Ein Wirbelwind macht aus der beschaulichen Bootsfahrt ein wildes und gefährliches Durcheinander.

Wie geht es uns wohl, wenn unser Leben ganz plötzlich durcheinandergewirbelt wird und plötzlich nicht mehr so wirklich klar ist, wo vorne und hinten, links und recht, oben und unten ist? In diesem Zustand sehen sich wahrscheinlich viele Menschen, seit vor so ziemlich 2 Jahren Corona angefangen hat und die Menschen in ein Auf und Ab von Hoffen und Bangen geworfen hat.

Ich weiß: Corona oder andere Unglücke und Katastrophen sind nicht einfach Auslöser einer Glaubenskrise, aber Verunsicherungen oder Chaos im alltäglichen Leben wirken sich immer auch auf das Vertrauen auf Gott und den Glauben an Gott aus. Auch die Jünger haben Angst vor dem Sturm, der als Naturerscheinung erst einmal gar nichts mit dem Glauben an Gott zu tun hat.

Die Jünger haben die Orientierung verloren und sind in Panik angesichts der Wellen und des Windes. Jesus aber ist nicht gegenwärtig: Er schläft. Für die Jünger wirkt es so, als sei Jesus ganz weit weg; vielleicht ist es so, wie wir das empfinden, wenn wir heute Gottes lebendige Nähe nicht so nahe bei uns spüren. Die panische Unsicherheit der Jünger heißt doch: „Wir erwarten, dass Jesus auf dem Schiff etwas von sich aus tut. Er müsste doch sehen, dass wir in Bedrohung sind.“ Die panische Unsicherheit heute ist – glaube ich – ganz ähnlich: „Das, was unser Leben durcheinanderbringt, da müsste Gott doch handeln und uns direkt helfen!“

Die Frage Jesu an die Jünger: „Wo ist euer Glaube?“ zeigt an, auf was es ankommt: nicht auf die Sturmstillung durch ihn. Die erscheint mir eher wie ein nettes Zugeständnis an die Jünger. Auch im Sturm kommt es auf den Glauben, auf das Vertrauen auf Jesus und Gott an: als innere Haltung, mit der wir den äußeren Ereignissen begegnen. Aus dem Vertrauen auf Gottes Gegenwart erwachsen Möglichkeiten, mit den schwierigen, ja lebensbedrohlichen Situationen umzugehen. Denn das Vertrauen auf Gott schafft eine innere Distanz zum Geschehen um uns herum und verhindert, dass wir uns in Panik verlieren.

Paulus schreibt, dass wir durch den Glauben an Jesus Christus Frieden mit Gott haben. Das bedeutet: Wir stehen nicht draußen und es steht noch etwas zwischen und uns Gott, das uns von ihm trennt; es bedeutet vielmehr, dass wir – trotz aller Unsicherheit und aller Wirbelwinde, die es in unserem Leben gibt – in der Gemeinschaft mit ihm ganz fest verwurzelt und gegründet sind. Das lässt uns die Bedrohungen des Lebens mit der nötigen inneren Distanz betrachten und dann angehen; wir brauchen nicht in Panik zu verfallen, denn: Wir sind in Gottes Liebe geborgen und haben so einen gegründeten Standpunkt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass wir die Hände in den Schoß legen könnten, um zu warten, bis Gott dann mal eingreift, so wie Jesus den Sturm gestillt hat, nachdem die Jünger ihn geweckt hatten. Es bedeutet vielmehr genau das Gegenteil: Im Vertrauen auf den sicheren Grund die Dinge ansehen, wie sie sind, und dann klug und umsichtig handeln, mit allen Möglichkeiten, die wir haben.

Paulus schreibt, dass wir Geduld haben können. Geduld zu haben meint für ihn, dass wir in den Bedrängnissen, die wir erleben ausharren, durchhalten und standhalten können, wie man das griechische Wort an dieser Stelle auch übersetzen kann. Und diese Erfahrungen des Standhaltens werden uns die nächsten Schritte gehen lassen: bestätigt durch die erfahrene Kraft des Heiligen Geistes.

Liebe Gemeinde!
Wir feiern heute die Gemeinschaft mit den Geschwistern in Tambarare. So weit die Menschen dort von uns auch entfernt sein mögen, wenn wir die Kilometer betrachten und die Stunden, die man braucht, um von hier zu ihnen zu kommen; wenn wir die Lebensumstände betrachten, die dort so ganz andres sind als bei uns; auch wenn wir die Art betrachten, wie dort der Glaube gelebt wird und welche Rolle Glauben und Gemeinde spielen: Wir sind durch eine Liebe miteinander verbunden, die uns alle ganz fest miteinander verbindet – über alle Unterschiede und Entfernungen hinweg: die Liebe, die Gott für uns hat. Durch sie sitzen wir gemeinsam in diesem einen großen Boot, das mit Jesus Christus unterwegs ist: vereint im glaubenden Vertrauen auf Gottes Nähe in Zeiten von Bedrängnis und fröhlicher Gegenwart, vereint in der Hoffnung auf Gottes Zukunft für uns und alle Menschen – in dieser Welt und darüber hinaus, vereint in der Liebe Gottes, die uns trägt und hält. Amen.

Kurz vor dem Partnerschaftsgottesdienst
Jeremia 33,3:  „Rufe mich an, so will ich dir antworten!“

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias – 9. Jan. 2022

Der Predigttext Jesaja 42,1-9 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde!
„Mein Name ist Bond, James Bond!“ – Ich bin mir sicher: Wir alle kennen diese Vorstellung. Auch wenn ich sie bestimmt nicht so cool rüber bringen kann wie Daniel Craig, Roger Moor und Jean Connery oder ihre jeweiligen Synchronsprecher. Aber wir haben sofort diesen überaus smarten und selbstbewussten Typen vor Augen, für den es die größte Ehre ist, im Dienst ihrer Majestät, der Königin von England, seinen Job zu tun.

Warum James Bond? An seiner Figur wird ganz schnell deutlich, was es mit dem Knecht auf sich hat, von dem im Jesajabuch im heutigen Predigttext gesprochen wird: Es geht bei der Vorstellung dessen, der oder die da in Gottes Dienst steht, nicht um irgendeine Tätigkeit, die als der letzte Dreck anzusehen wäre. So etwas haben viele Menschen aber im Kopf, wenn sie das Wort Knecht hören: willfährige Unterordnung und zu dreckigen Diensten angestellt. Bis hin zu Bezeichnungen wie „Kriegsknecht“ oder „Folterknecht“ verschlimmert sich das Bild vom Knecht. Weil das so ist, heißen die Angestellten in der modernen Landwirtschaft heute auch „Fachkraft Agrarservice“ und eben nicht mehr Knecht.

Wenn dann aber in der Bibel dieses Wort auftaucht, haben wir diese negativen Vorstellungen auch im Kopf. Aber der da von Gott vorgestellt wird, ist alles andere als so einer, der die unwürdige Drecksarbeit tun soll. Der Dienst, um den es geht, ist attraktiv; er ist eine Ehre, denn er hat Anteil an der Ehre des Auftraggebers – bei James Bond ist das die Ehre der britischen Königin, bei dem eved Adonai, wie es im Hebräischen heißt, ist es die Ehre Gottes, die diesem Amt und diesem Dienst seinen Glanz gibt.

Dieser eved Adonai ist nicht der einzige im Dienst Gottes. Aber er ragt als Figur unter allen Dienern Gottes in besonderer Weise heraus: obwohl – oder gerade, weil sein Name nicht bekannt ist. Vielmehr scheint Gottes Geistkraft immer wieder diese oder jenen dazu zu berufen. Und diese Gestalt ist mit höchster Machtfülle ausgestattet – in heutigen Wirtschaftsworten: mit allen Vollmachten, mit dem Recht, im Namen der Leitung des Unternehmens internationale Bündnisse zu schließen: das göttliche Recht unter die Heiden zu bringen.

Diese Aufgabe geschieht dann – um noch einmal auf James Bond zurückzukommen – geradezu undercover: unter der Decke der Verschwiegenheit: kein Schreien und Rufen, kein Reden mit Macht, denn es, das Tun Gottes, wird nicht „durch Heer oder Kraft“ geschehen, sondern durch Gottes Geist, wie schon der Prophet Sacharja weiß. Entscheidend ist: Der eved Adonai redet nicht, er tut!

Und was tut er? Auch hier steht an erster Stelle etwas ganz anderes, als wir es erwarten würden. Es sind keine Riesenaktionen, es ist kein Aktionismus. Mit den Bildern vom Bewahren des geknickten Rohrs und des glimmenden Dochtes, die es als Bildworte bis in die weltliche Sprache geschafft haben, wird deutlich: Es geht dem eved Adonai um das Recycling des eigentlich schon als unbrauchbar Abgeschriebenen. Sind wir nicht ganz schnell dabei, das auszusortieren, was geknickt ist, was nicht mehr genug Strahlkraft hat? Ist es nicht oft auch bei den Menschen so: Menschen, die geknickt sind: die enttäuscht, frustriert, gekränkt verletzt sind, werden aussortiert?

Dem widersetzt sich der eved Adonai: Er macht aus dem, was aussortiert wird, eine Wertstoffsammlung, aus der Neues entstehen kann: die alte, aussortierte Schöpfung, wird durch ihn verwandelt. Nichts und niemand wird ihm verloren gehen! Die Lampen mit den glimmenden Dochten bekommen neues Öl und damit neue Strahlkraft. Also nicht nur Recycling, sondern Upcycling im besten Sinn des Wortes!

Das alles geschieht durch ein neues Rechtssystem, das aus Gnade und Barmherzigkeit besteht: „Was braucht jedes Geschöpf zum Leben, was wird seinem Bedarf gerecht?“ – das ist die entscheidende Frage: Gnade ist das elementare Lebensrecht, das für alle Geschöpfe gilt, für das es keine Vorleistungen braucht. Und diesem Lebensrecht aller Geschöpfe haben sich auch die anderen Geschöpfe unterzuordnen. Menschen werden in diesem System nicht begnadigt, sondern sie werden als begnadet angesehen. Es geht nicht um „Gnade vor Recht“, sondern um ein „gnädiges Recht“. Dieses Recht ist die Tora, die Israel bekommen hat: die Wegweisungen zu einem Leben in Gerechtigkeit: in sozialer und Bildungsgerechtigkeit, in Gender-, Generationen- und Klimagerechtigkeit. Die Inseln, die darauf warten, können wir getrost mit den Inseln im Südpazifik gleichsetzen, denen heute schon das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. Dieses gnädige Recht der Tora ist auch der Ursprung für die allgemeinen Menschenrechte.

Liebe Gemeinde, wir feiern heute am 1. Sonntag nach dem Epiphaniasfest die Erinnerung an Jesu Taufe durch Johannes den Täufer. Höhepunkt dieser Geschichte ist aber nicht die Taufe selbst, sondern das, was im Anschluss geschieht: die Stimme, die zu hören ist und die Jesus zu seinem Dienst beruft: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus ist Sohn und damit das Kind Gottes. So wird die Jesaja-Stelle schon ganz früh aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt. Jesus ist mit diesen Worten nach der Taufe genau für seine Aufgaben im Dienst seines himmlischen Vaters berufen worden: zu diesem so besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst an den Menschen und an der beschädigten, zerbrochenen Schöpfung: Jesus wird in seinem irdischen Wirken punktuell und zeichenhaft Gottes Herrschaft sichtbar und erfahrbar machen.

Und wenn Jesus im Tauf- und Missionsbefehl am Ende des Matthäusevangeliums seine Jünger beauftragt, an alle Menschen mit der Taufe das weiterzugeben, was er ihnen gegeben hat, dann bedeutet das schlicht und ergreifend: Auch alle Getauften sind zu diesem besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst berufen. Wir werden uns nicht so vorstellen: „Mein Name ist Willimczik, Torsten Willimczik, ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Denn es ist nicht an uns, so etwas hinauszuposaunen – nicht in den Gassen zu schreien und zu rufen, wie es bei Jesaja heißt.

Aber es sollte unsere innere Haltung sein, mit der wir durchs Leben gehen: „Ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Dann wird es auch für uns selbstverständlich sein, geknicktes Selbstbewusstsein zu bewahren und neu aufzurichten, die glimmenden Dochte des Lebens von dem zu befreien, was sie zu ersticken droht, das Recht Gottes gegen alles menschliche Unrecht hinauszutragen. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit ist uns dazu durch in unserer Taufe nicht nur irgendwie zugesprochen worden: Es ist die Verheißung Jesu, dass diese Begabung real ist. Vertrauen wir darauf, dass sich das in unserem Dienst immer wieder neu bewahrheitet! Amen.

Die Predigt fußt auf der Predigtmeditation von Rainer Stuhlmann in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 105-112). Herzlichen Dank dafür!