Predigt im Rahmen der Sommerkirche 2026 ĂŒber Psalm 121,5.7.8
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Geschwister in Christus!
Ein Bild â ein Bild, in dem einige eine alte Frau mit zerknautschtem Gesicht erkennen und andere eine junge Frau mit zarten Proportionen und eleganter Kleidung. Der Titel lautet: âMeine Frau und meine Schwiegermutterâ; es wurde von dem amerikanischen Illustrator William Ely Hill geschaffen und erschienen zuerst in dem Magazin Puck im Jahr 1915.
Es kommt darauf an, was jemand zuerst gesehen hat. Manchmal dauert es eine richtig lange, bis Menschen die jeweils andere Sicht gefunden haben. Manchmal gelingt es sogar gar nicht! Das Schöne an diesen Bildern ist: Es gibt kein richtig oder falsch! Beide Sichtweisen sind ja von dem KĂŒnstler gewollt; es liegt in der Natur der Sache!
Auf eine sehr Ă€hnliche Art funktionieren solche Spielereien auch mit Texten. Ganz oft sorgt die Betonung der einzelnen Worte oder Satzteile, wie jemand einen Satz versteht. Oder es ergibt sich jeweils ein anderer Sinn, je nachdem, wo ein Komma gesetzt wird oder nicht. Eine der sehr bekannten, etwas sarkastischen Varianten ist unter der Ăberschrift âSatzzeichen retten Lebenâ der Satz: âKomm, wir essen, Opa!â Wer vor dem Opa das Komma weglĂ€sst â o je!
Das ging mir durch den Kopf, als ich mich mit dem Psalm beschĂ€ftigt habe, der heute im Mittelpunkt steht. Der Anfang von Psalm 121 lautet: âIch hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?â Schon in der 1984er Lutherbibel, mit der ich in gewisser Weise groĂ geworden bin, steht diese Ăbersetzung, und in der 1975er Revision ebenfalls. Allerdings immer mit dem Hinweis, dass Martin Luther â weil er die lateinische Ăbersetzung der Bibel als Ăbersetzungshilfe neben sich liegen hatte â ursprĂŒnglich formulierte: âIch hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt.â
Es ist ein Aussagesatz, wie er in der ĂŒber eine lange Zeit gĂŒltigen LutherĂŒbersetzung aus dem Jahr 1912 gestanden und so oft als Konfirmationsspruch oder als Trauspruch vergeben wurde: Der Ort, von dem her mir Hilfe kommt, wo Gott also gewissermaĂen wohnt, das ist hoch oben in den unzugĂ€nglichen Bergen; da, wo ein lokaler Berg- und Wettergott eben wohnt; vor allem da, wo Menschen normalerweise nicht hingehen, weil das GelĂ€nde und die NĂ€he zu Gott zu gefĂ€hrlich wĂ€ren. Aber: Von dort her ist Hilfe zu erwarten!
Und die Hilfe kommt nicht nur von einem eher unbedeutenden lokalen Berg- und Wettergott, sondern â und das macht der Beter des Psalms dann im 2. Vers deutlich â von dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Drunter geht nicht. Es ist eben der alles umfassende Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde; der Gott, der Israel zu seinem Erbteil erwĂ€hlt hat und mit dem dieser Gott einen ungekĂŒndigten Bund geschlossen hat. Und so habe ich diese Stelle durch die eingefĂŒgte ErklĂ€rung auch immer verstanden. Ich habe diese Stelle gewissermaĂen mit einer Lutherbrille betrachtet.
Aber was machen Menschen, die da wohnen, wo es keine Berge gibt und die deshalb ihre Augen nicht zu den Bergen, dem Sinnbild fĂŒr Gottes Gegenwart und StĂ€rke erheben können? â So könnte man scherzeshalber fragen! Nun: Nicht nur fĂŒr diejenigen, die keine solchen realen Berge zum Aufsehen habe, gibt es dann noch die zweite Deutungsmöglichkeit, die ich eben erst jetzt bei der Vorbereitung dieser Predigt fĂŒr mich entdeckt habe.
In dieser zweiten Deutungsmöglichkeit des ersten Verses handelt es sich bei den angesprochenen Bergen nicht um den Wohnort Gottes, sondern um die Berge, die sich vor mir auftĂŒrmen und von denen ich meine, dass ich sie gar nicht ĂŒberwinden kann. Es sind die Berge von Problemen, die ich habe und fĂŒr die ich dringend Hilfe brauche, weil ich sonst mein Leben nicht schaffe und auf die Reihe bekomme.
Je lĂ€nger ich diese zweite Sicht wahrnehme, desto wichtiger finde ich, dass sie in der Bibel vertreten ist. Denn es gibt so viele Menschen, die vor schier unĂŒberwindlichen Bergen stehen und nicht wissen, wie alles funktionieren soll. Es sind die Menschen, die in ihrer Existenz bedroht sind, die verzweifelt fragen, rufen, schreien oder vor Kraftlosigkeit nur noch flĂŒstern, woher denn die Hilfe kommen soll! Und genau denen wird geantwortet, woher sie Hilfe zu erwarten haben.
Es steht nichts davon da, wer genau die Menschen sind, die auf Hilfe hoffen. Der einzige Hinweis ist in der liturgischen Fassung, die wir heute Morgen gesprochen haben, nicht wiedergegeben: Es ist eine Art Regieanweisung, ein Hinweis auf den Sitz im Leben dieses Psalmes: Es handelt sich bei Psalm 121 um ein Wallfahrtslied, um ein Lied fĂŒr die Pilgerreise.
Wallfahrten und damit Pilgern ist ja nicht nur eine heutige oder mittelalterliche Form von SpiritualitĂ€t. Schon immer sind Menschen zu heiligen Orten gewandert, weil sie sich davon NĂ€he zu ihrem Gott und damit Heil und ganz oft auch Heilung versprochen haben. Auch im Volk Israel hat es solche Pilgerreisen gegeben â ganz besonders zum Tempel in Jerusalem. Manche Ausleger sehen die Eingangsfrage des Psalms und die Antwort im 2. Vers mit all den Segensworten, die sich anschlieĂen, ganz besonders am Jerusalemer Tempel verortet, wenn die Pilger endlich dort angekommen sind.
Aber es hat bestimmt auch andere Gelegenheiten gegeben, bei denen dieser Psalm erklungen ist. Und in der christlichen Tradition ist dann der ganze Lebensweg als eine Pilgerreise zu Gottes himmlischem Heiligtum verstanden worden. Die heiligen Orte â allen voran Jerusalem aber dann auch Rom, Santiago de Compostella und viele andere â waren somit immer nur âvorletzte Zieleâ.
âWoher kommt mir Hilfe?â Die existenzielle Not hat Menschen immer wieder so fragen lassen â bis heute. Und sie bekommen bis heute eine Antwort: Hilfe kommt von Gott â dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, der deshalb gröĂer ist als alle anderen Götter damals und heute und zu allen anderen Zeiten.
Gott bewahrt davor, zu stolpern, zu straucheln und dann liegen zu bleiben, â damit wir am Ziel unseres Lebens ankommen.
Gott schlĂ€ft nicht, er schlummert noch nicht einmal. So ist er immer aufmerksam und bekommt er alles mit, was den Menschen geschieht â ein kleiner Seitenhieb auf den kanaanitischen Gott Baal, der anscheinend geschlafen hat, als Elia die Baalspriester zum Wettkampf aufgefordert hatte und der nicht geantwortet hat.
Der Herr behĂŒtet dich â ja, wir sind beschirmt unter einem Hut, unter einem Schirm, wie auch immer! Denn wie wichtig ist der Schatten in einem Land, wo die Sonne oft noch so viel unbarmherziger scheint, als bei uns in den letzten Tagen! Und Gott beschattet auch in der Nacht, sodass die schĂ€dlichen EinflĂŒsse des Mondes nicht wirksam werden können.
SchlieĂlich richtet sich der Blick in die Zukunft â der Zuspruch fĂŒr die Gegenwart wandelt sich in Segen fĂŒr den weiteren Weg. Der deutsche Konjunktiv mit âbehĂŒte dichâ hat dabei nicht weniger Gewissheit als der bestimmte Indikativ âbehĂŒtet dichâ. Es ist der Hinweis, dass es bei allem nicht auf die Menschen ankommt, sondern dass alles in der Macht Gottes liegt.
Aus Sicht des Psalmbeters ist es natĂŒrlich immer der Tempel, das Heiligtum in Jerusalem, von dem aus es ganz behĂŒtet und beschirmt nach der Pilgertour wieder hinaus in die Welt geht, damit sie dann mit der nĂ€chsten Pilgerreise wieder zum Heiligtum, gewissermaĂen nach Hause zurĂŒckzukommen.
Es ist vielleicht aufgefallen: In diesen Psalm beschirmt und behĂŒtet Gott, aber er schiebt die Berge, die ich meine nicht bezwingen zu können â nicht einfach weg; sie sind â vielleicht zur EnttĂ€uschung von manchen â immer noch da. Da ist die Bibel sicherlich sehr realistisch und macht Gott nicht zu einem Zauberer, der alle Schwierigkeiten auflöst. Denn das wĂŒrde ja auch der Erfahrung der Menschen total widersprechen. Aber mit Gottes Hilfe sind die Problem-Berge zu ersteigen und vor allem zu ĂŒberwinden. Das ist die Blickrichtung, das ist die Perspektive, die uns die Betenden von Psalm 121 seit Jahrhunderten immer wieder neu ermöglichen. Wir sind behĂŒtet und beschirmt! Amen.
Zum Gottesdienst:
Vorspiel: Meditation zu „Ich seh empor zu den Bergen“
1. Lied: „Ich seh empor zu den Bergen“ (Text: Ute Passarge, Musik: Andreas Lettau; #lautstĂ€rke 39)
Psalm 121 (Luther 2017)
3-faches Kyrie mit Gedanken von Hartmut Handt aus „Lass mich fallen in dein Wort. Texte zu den Wochenpsalmen“ (Wuppertal 1995)
Gnadenzuspruch: Römer 8,38-39
Tagesgebet (nach einem Gebet von Christine Tergau-Harms aus: Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
Judas 20-25
„Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (EG 591)
Johannes 6,35-40
Befiehl du deine Wege (EG 361,1+2+7; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
Predigt
Befiehl du deine Wege (EG 361,8+11+12; Text: Paul Gerhardt, Musik: Peter Bubmann)
Credo nach einer PsalmĂŒbertragung von Psalm 121 von Peter Spangenberg (in âHöre meine Stimme. Die Psalmenâ, Hamburg 2023)
„Ich heb mein Augen sehnlich auf“ (EG 296; Text Cornelius Becker; Musik: Johann Baptista Serranus)
FĂŒrbitten (nach einem Gebet von Katharina Wiefel-Jenner: Wochengebet der VELKD zum 8. So. n. Trin. 2026)
„Ausgang und Eingang“ (EG 175; Text und Musik: Joachim Schwarz)
Segen (Christine Tergau-Harms aus Psalmengottesdienste zum Kirchenjahr, ggg 20, Hannover 2012)
Nachspiel „Anker in der Zeit“ (Text und Musik: Albert Frey)




