Predigt am 4. Sonntag vor der Passionszeit am 6.2.2022 über Matthäus 14,22-33

Der Predigttext Matthäus 14,22-33 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Der Heilige Geist segne unser Reden und Hören. Amen.
Liebe Gemeinde!

Ja, bin ich denn schon wieder im gleichen Film? So mögen einige gedacht haben, die letzte Woche im Gottesdienst waren und heute wieder da sind. Aber ich kann beruhigen: Auch wenn die Jünger wieder im Boot unterwegs sind und schon wieder ein Sturm aufkommt: Es gibt in dieser Episode keine Sturmstillung; der Sturm legt sich ganz von selber.

Es geht heute in der Geschichte vom Seewandel des Petrus vielmehr um die Rolle, die Jesus in unserem Leben spielen kann und soll; es geht darum, im Chaos einer aufgewühlten Welt nicht irgendwelchen Irrlichtern und Gespenstern hinterherzulaufen; es geht vor allem um das Wunder, im Chaos einer aufgewühlten Welt nicht unterzugehen, sondern vom ihm, von Jesus gehalten zu werden.

Die Geschichte vom Seewandel des Petrus ist damit also auch eine Antwort auf die Frage: „Ich seh empor zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“, die der Beter von Psalm 121 gestellt hat, die wir zu Beginn singend nachempfunden haben. Und die Antwort auf diese Frage brauchen wir, wenn alles aus den Fugen zu raten droht. Wenn das Chaos über uns hereinbricht, um uns herum tobt. Wenn Wellen und Wind unser Lebensschiff hin und her werfen: unser persönliches Lebensschiff und das Lebensschiff der Gemeinde, von dem wir gleich noch singen werden. So ist es den Jüngern auf dem See Genezareth ganz real ergangen – und dazu noch mitten in der Nacht, wenn eh schon alles schwieriger und unheimlicher ist.

Liebe Gemeinde!
Es ist eine von nur drei Nachtgeschichten im Matthäusevangelium – neben der Geschichte von der Flucht nach Ägypten am Anfang und der Gethsemane-Geschichte an Jesu letztem Abend – und sie steht ziemlich genau in der Mitte des Evangeliums, gehört also zum Zentrum dessen, was Matthäus seiner Gemeinde mitteilen möchte. Das ist ganz wichtig, denn auch wenn die Geschichte vor Ostern spielt: Sie spiegelt ganz deutlich die Situation der bedrängten Gemeinde nach Ostern und die Gemeinde des Matthäus und damit auch wir sind eingeladen, uns mit den Jüngern und vor allem auch mit Petrus zu identifizieren:

Jesus ist nicht da, nicht mehr da. Die Jünger sind alleine auf dem See unterwegs – im Hören auf die Geschichte ist die Gemeinde mit dabei: Die Jünger bedroht von Wind und Wellen und wie im Spiegelbild die Gemeinde immer wieder bedroht von gefährlichen Mächten.

Da kommt Jesus: einfach so und ungerufen, plötzlich ist er zu sehen, wie er auf die Jünger zukommt. Deren erste Reaktion: „Ein Gespenst!“ – also eine zusätzliche Bedrohung, denn die Angst vor Sturm und die Dunkelheit der Nacht verstellen den Blick. Würden wir Jesus auf Anhieb erkennen, wenn er auf eine so unwahrscheinliche Weise zu uns käme? Würden wir nicht auch eine Täuschung vermuten; eben ein Gespenst, das uns etwas vorgaukelt, um uns noch sicherer in den Untergang zu führen?

Doch Jesus ist real, er kommt und bringt Hilfe, auch wenn wir das mit dem Über-das-Wasser-Gehen so nicht denken können. Aber hinter dem Wunder, dass Jesus das kann, steht doch: Jesus kommt auf eine ganz andere Weise als wir uns das denken oder vorstellen können. Mit den Jüngern schwankt auch die Gemeinde und schwanken auch wir: zwischen verängstigt einerseits, solange Jesus nicht da ist oder er bedrohlich wie ein Gespenst wirkt, und tollkühn andererseits, wenn sie wie Petrus eine Ahnung von seiner Nähe haben.

Dem ersten Beruhigungsversuch können die Jünger noch nicht folgen: „Ich bin’s! Fürchtet euch nicht!“ – Die Worte Jesu könnten ja auch eine Täuschung sein. Es sind dann nur zwei Worte, die Jesus als Nächstes spricht, um den Bann der Angst brechen: „Komm her!“ Diese Worte bewirken, dass Petrus auf diesen Befehl Jesu hin das Undenkbare wagen will: Auf dem Wasser zu Jesus zu gehen.

Und solange er seinen Blick auf Jesus gerichtet hat, wird dieses Wunder tatsächlich möglich – er kann auf dem Wasser gehen! Für die Gemeinde des Matthäus und uns bedeutet das: Wenn wir dem Befehl Jesu folgen, können wir das tun, was absolut undenkbar ist.

Sobald Petrus dann aber den Blick von Jesus abgewendet, gerät er in den Bann von Wind und Wellen und er beginnt zu sinken. Dabei hat sich die Situation gar nicht geändert: Wind und Wellen waren vorher ja auch da, aber sie hatten keine Macht über Petrus. Sobald Wind und Wellen im Brennpunkt stehen, sind wir von ihnen gebannt, sie haben Macht über uns und nehmen uns gefangen. Wir fangen an zu sinken …

In diesem Moment hält Jesus keine Predigt, in der er über Petrus und seine Situation nachdenkt. Er hilft: streckt die Hand aus und packt zu. Petrus soll nicht im Meer des Chaos versinken. Die zweite Reaktion Jesu ist dann eine Frage – für mich eine Frage mit Augenzwinkern, auch wenn sie in der Lutherübersetzung wie im griechischen Urtext zuerst wie ein Vorwurf klingt: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Aber Jesus spricht Petrus nicht den Glauben ab; es ist immerhin ein kleiner Glaube, den Petrus hat. Ich höre darin keinen Vorwurf, sondern ein liebevolles „Hast du so wenig Vertrauen, Petrus? Ich hab es dir doch gezeigt.“; ein aufmunterndes „Beim nächsten Mal wird es besser!“

Der Rest ist fast banal, aber nur fast: Jesus steigt mit Petrus ins Boot und der Wind legt sich – als ob nichts gewesen wäre. Den Schlusspunkt aber setzen die Jünger als Gemeinschaft und damit die versammelte Gemeinde: mit einem Glaubensbekenntnis: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Liebe Gemeinde!
Immer wieder im Leben stehen wir vor der Frage: Was sollen wir als Kirche tun angesichts von Wind, der uns entgegenweht, und Wellen, die drohen, das Gemeindeschiff kentern zu lassen? Denn es sitzt kein Einzelner im Boot, sondern die Gemeinschaft der Jünger und damit die Gemeinschaft der Kirche.
In dieser Geschichte geht es um das Wunder des Glaubens angesichts von Wind und Wellen. Und Glauben heißt nach dieser Geschichte: Wind und Wellen ernst nehmen, aber ihnen nicht das Zentrum überlassen. Ins Zentrum unseres Blicks gehört Jesus Christus. Glauben heißt dann, so können wir es auf den Punkt bringen: Glauben heißt, auf Jesus sehen – in allen Lebenslagen. Dann gelingt auch das, was auf den ersten Blick unmöglich zu sein scheint; es gelingt auch das, über das wir uns nur wundern können.
Amen.

Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias – 9. Jan. 2022

Der Predigttext Jesaja 42,1-9 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde!
„Mein Name ist Bond, James Bond!“ – Ich bin mir sicher: Wir alle kennen diese Vorstellung. Auch wenn ich sie bestimmt nicht so cool rüber bringen kann wie Daniel Craig, Roger Moor und Jean Connery oder ihre jeweiligen Synchronsprecher. Aber wir haben sofort diesen überaus smarten und selbstbewussten Typen vor Augen, für den es die größte Ehre ist, im Dienst ihrer Majestät, der Königin von England, seinen Job zu tun.

Warum James Bond? An seiner Figur wird ganz schnell deutlich, was es mit dem Knecht auf sich hat, von dem im Jesajabuch im heutigen Predigttext gesprochen wird: Es geht bei der Vorstellung dessen, der oder die da in Gottes Dienst steht, nicht um irgendeine Tätigkeit, die als der letzte Dreck anzusehen wäre. So etwas haben viele Menschen aber im Kopf, wenn sie das Wort Knecht hören: willfährige Unterordnung und zu dreckigen Diensten angestellt. Bis hin zu Bezeichnungen wie „Kriegsknecht“ oder „Folterknecht“ verschlimmert sich das Bild vom Knecht. Weil das so ist, heißen die Angestellten in der modernen Landwirtschaft heute auch „Fachkraft Agrarservice“ und eben nicht mehr Knecht.

Wenn dann aber in der Bibel dieses Wort auftaucht, haben wir diese negativen Vorstellungen auch im Kopf. Aber der da von Gott vorgestellt wird, ist alles andere als so einer, der die unwürdige Drecksarbeit tun soll. Der Dienst, um den es geht, ist attraktiv; er ist eine Ehre, denn er hat Anteil an der Ehre des Auftraggebers – bei James Bond ist das die Ehre der britischen Königin, bei dem eved Adonai, wie es im Hebräischen heißt, ist es die Ehre Gottes, die diesem Amt und diesem Dienst seinen Glanz gibt.

Dieser eved Adonai ist nicht der einzige im Dienst Gottes. Aber er ragt als Figur unter allen Dienern Gottes in besonderer Weise heraus: obwohl – oder gerade, weil sein Name nicht bekannt ist. Vielmehr scheint Gottes Geistkraft immer wieder diese oder jenen dazu zu berufen. Und diese Gestalt ist mit höchster Machtfülle ausgestattet – in heutigen Wirtschaftsworten: mit allen Vollmachten, mit dem Recht, im Namen der Leitung des Unternehmens internationale Bündnisse zu schließen: das göttliche Recht unter die Heiden zu bringen.

Diese Aufgabe geschieht dann – um noch einmal auf James Bond zurückzukommen – geradezu undercover: unter der Decke der Verschwiegenheit: kein Schreien und Rufen, kein Reden mit Macht, denn es, das Tun Gottes, wird nicht „durch Heer oder Kraft“ geschehen, sondern durch Gottes Geist, wie schon der Prophet Sacharja weiß. Entscheidend ist: Der eved Adonai redet nicht, er tut!

Und was tut er? Auch hier steht an erster Stelle etwas ganz anderes, als wir es erwarten würden. Es sind keine Riesenaktionen, es ist kein Aktionismus. Mit den Bildern vom Bewahren des geknickten Rohrs und des glimmenden Dochtes, die es als Bildworte bis in die weltliche Sprache geschafft haben, wird deutlich: Es geht dem eved Adonai um das Recycling des eigentlich schon als unbrauchbar Abgeschriebenen. Sind wir nicht ganz schnell dabei, das auszusortieren, was geknickt ist, was nicht mehr genug Strahlkraft hat? Ist es nicht oft auch bei den Menschen so: Menschen, die geknickt sind: die enttäuscht, frustriert, gekränkt verletzt sind, werden aussortiert?

Dem widersetzt sich der eved Adonai: Er macht aus dem, was aussortiert wird, eine Wertstoffsammlung, aus der Neues entstehen kann: die alte, aussortierte Schöpfung, wird durch ihn verwandelt. Nichts und niemand wird ihm verloren gehen! Die Lampen mit den glimmenden Dochten bekommen neues Öl und damit neue Strahlkraft. Also nicht nur Recycling, sondern Upcycling im besten Sinn des Wortes!

Das alles geschieht durch ein neues Rechtssystem, das aus Gnade und Barmherzigkeit besteht: „Was braucht jedes Geschöpf zum Leben, was wird seinem Bedarf gerecht?“ – das ist die entscheidende Frage: Gnade ist das elementare Lebensrecht, das für alle Geschöpfe gilt, für das es keine Vorleistungen braucht. Und diesem Lebensrecht aller Geschöpfe haben sich auch die anderen Geschöpfe unterzuordnen. Menschen werden in diesem System nicht begnadigt, sondern sie werden als begnadet angesehen. Es geht nicht um „Gnade vor Recht“, sondern um ein „gnädiges Recht“. Dieses Recht ist die Tora, die Israel bekommen hat: die Wegweisungen zu einem Leben in Gerechtigkeit: in sozialer und Bildungsgerechtigkeit, in Gender-, Generationen- und Klimagerechtigkeit. Die Inseln, die darauf warten, können wir getrost mit den Inseln im Südpazifik gleichsetzen, denen heute schon das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht. Dieses gnädige Recht der Tora ist auch der Ursprung für die allgemeinen Menschenrechte.

Liebe Gemeinde, wir feiern heute am 1. Sonntag nach dem Epiphaniasfest die Erinnerung an Jesu Taufe durch Johannes den Täufer. Höhepunkt dieser Geschichte ist aber nicht die Taufe selbst, sondern das, was im Anschluss geschieht: die Stimme, die zu hören ist und die Jesus zu seinem Dienst beruft: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Jesus ist Sohn und damit das Kind Gottes. So wird die Jesaja-Stelle schon ganz früh aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt. Jesus ist mit diesen Worten nach der Taufe genau für seine Aufgaben im Dienst seines himmlischen Vaters berufen worden: zu diesem so besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst an den Menschen und an der beschädigten, zerbrochenen Schöpfung: Jesus wird in seinem irdischen Wirken punktuell und zeichenhaft Gottes Herrschaft sichtbar und erfahrbar machen.

Und wenn Jesus im Tauf- und Missionsbefehl am Ende des Matthäusevangeliums seine Jünger beauftragt, an alle Menschen mit der Taufe das weiterzugeben, was er ihnen gegeben hat, dann bedeutet das schlicht und ergreifend: Auch alle Getauften sind zu diesem besonderen, attraktiven und ehrenvollen Dienst berufen. Wir werden uns nicht so vorstellen: „Mein Name ist Willimczik, Torsten Willimczik, ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Denn es ist nicht an uns, so etwas hinauszuposaunen – nicht in den Gassen zu schreien und zu rufen, wie es bei Jesaja heißt.

Aber es sollte unsere innere Haltung sein, mit der wir durchs Leben gehen: „Ich habe die Ehre im Dienst Gottes unterwegs zu sein.“ Dann wird es auch für uns selbstverständlich sein, geknicktes Selbstbewusstsein zu bewahren und neu aufzurichten, die glimmenden Dochte des Lebens von dem zu befreien, was sie zu ersticken droht, das Recht Gottes gegen alles menschliche Unrecht hinauszutragen. Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit ist uns dazu durch in unserer Taufe nicht nur irgendwie zugesprochen worden: Es ist die Verheißung Jesu, dass diese Begabung real ist. Vertrauen wir darauf, dass sich das in unserem Dienst immer wieder neu bewahrheitet! Amen.

Die Predigt fußt auf der Predigtmeditation von Rainer Stuhlmann in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 105-112). Herzlichen Dank dafür!

Predigt am Altjahrsabend 2021 über Matthäus 13,24-30

Der Predigttext Matthäus 13,24-30 wurde zuvor als Schriftlesung vorgetragen.

Liebe Gemeinde am Altjahrsabend!
Es ist auch in diesem Jahr ein besonderer Abend, den wir heute begehen: Rückblick auf das Jahr 2021 und ein mit vielen Fragen versehener Ausblick auf 2022 prägen das Bild, das sich uns heute bietet. Ganz gleich, wie der Rückblick ausfällt – für ganz viele Menschen wird es so sein, dass sich gute Erfahrungen und fröhliche Erlebnisse mit schwierigen Momenten und traurigen Ereignissen verbinden werden: Da sind für uns alle die allgegenwärtige Pandemie mit Einschränkungen und Belastungen und die immer bedrohlicher erscheinenden Veränderungen in unserer Gesellschaft; da sind aber auch persönliche Momente von Trauer und Abschied und die familiären und beruflichen Freudenmomente.

Zu trennen sind diese beiden Erfahrungsebenen nicht. Bei aller Freude blieb die Sorge um Corona immer gegenwärtig; bei aller Nachdenklichkeit über unsere Gesellschaft blieben erhebende Momente von Freude und Leichtigkeit. Vielleicht ist es diese Grundstimmung, die dazu geführt hat, dass bei der Neugestaltung der Predigttextordnung der Abschnitt über Unkraut und Weizen aus dem Matthäusevangelium an den heutigen Tag gerutscht ist. Geht es uns nicht so wie den Knechten, die plötzlich feststellen müssen: Trotz bester Vorsätze, trotz allen Bemühens gibt es auch in unserem Jahr 2021 manches Unkraut, das wir nicht wollten und nicht zu verantworten haben.

Nun kann es heute weder darum gehen, vor lauter Klage um das Unkraut die Freude über den guten Weizen aus dem Blick zu verlieren, noch in Verklärung des Guten, das wir erlebt haben, das Unkraut für unwichtig zu erklären. Beides würde unserer Wirklichkeit nicht gerecht.

Woher im Gleichnis Jesu allerdings der Feind kommt, bleibt ebenso unklar wie unsere Fragen unbeantwortet, woher die lebensfeindlichen Momente des zurückliegenden Jahres kommen. Jesus zeigt uns mit seinem Gleichnis aber, wie das Böse des Feindes funktioniert:

Alles beginnt im Dunkeln, wenn die Menschen schlafen und deshalb nicht wachen. Da werden von vielen unbemerkt Ansichten in die Gesellschaft getragen, die zuvor noch undenkbar und unsagbar waren. Mit Sätzen wie „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ wird versucht, rechtes und extrem rechtes Gedankengut wieder gesellschaftsfähig zu machen.

Es muss auch nicht sofort sein, dass das Gute sichtbar angegriffen oder zerstört wird. Der Feind kann auf Zeit spielen: Was er aussät, wächst unscheinbar und ebenso langsam wie der eigentliche Weizen. Aber unter der Oberfläche hat sich das Böse schon entwickelt und verwurzelt.

Das Unkraut zwischen dem Weizen im Gleichnis Jesu ist Taumel-Lolch, auch Rauschgras oder Schwindelweizen genannt; es sieht dem Weizen ganz lange erst einmal sehr ähnlich. Erst wenn sich die Ähren ausbilden, wird der Unterschied sichtbar und dann ist es zu spät, dem Unkraut Herr zu werden. Es dann einfach mit zu ernten und eine schlechtere Weizenqualität in Kauf zu nehmen, kann tödlich enden: Denn Taumel-Lolch ist gefährlich, weil giftig.

Heruntergefahrene Aufmerksamkeit, langsames, zunächst unmerkliches Wachstum und über lange Strecken harmloses Erscheinungsbild: Ganz gleich ob bei einem Einzelnen, in zwischenmenschlichen Beziehungen oder auf gesellschaftlich-politischer Ebene: Plötzlich – so sieht es dann aus – scheint man ganz unverhofft in eine Katastrophe hineingerutscht. „Wir haben zuerst gar nichts gemerkt.“, „Es fing doch alles ganz harmlos an!“, „Das wird schon wieder.“ Solche Sätze sind später im politischen, aber auch im persönlichen Bereich oft zu hören: Wenn Menschen von Sucht betroffen sind oder bei schädlichen und von Gewalt geprägten Beziehungen, denn so etwas kommt nicht plötzlich, sondern schleichend und lässt sich lange verharmlosen oder ignorieren.

Der Rückblick am Ende eines Jahres lädt ein, dieses Jahr zu betrachten und ganz ehrlich nach den Strukturen des Bösen abzuklopfen. Nicht, weil man sich das Jahr schlecht reden möchte, sondern weil es ja um den Aufbruch in ein neues Jahr geht: Wann, wenn nicht heute, wäre der Moment für diesen ehrlichen Blick auf unser Leben? Und bei dem ehrlichen Blick soll es nicht bleiben.

Die Frage der Knechte im Gleichnis beweist ihre guten Absichten, dem Unkraut Herr zu werden und den Weizen zu retten, damit die Ernte gelingt. Und ich bin mir sicher, viele werden denken: „Klar, raus mit dem Unkraut!“ Und allgemein formuliert: „Das Übel buchstäblich mit der Wurzel ausrotten!“ Doch der Landbesitzer verweigert sich – auf den ersten Blick überraschend – einer solchen Radikalkur. Er will bis zur Ernte warten und dann fein säuberlich trennen. Denn vorher das Unkraut auszureißen, bedeutet gleichzeitig, den Weizen ebenfalls kaputt zu machen. Damit wäre die Ernte hin und der Feind hätte erreicht, was er wollte!

Blicken wir in die Geschichte und in die Gegenwart müssen wir dem Landbesitzer recht geben: Jeder Versuch, das Böse mit Gewalt auszumerzen, hat dazu geführt, dass trotz der besten Absichten die Mission „Reinigung“ sich in ihr Gegenteil verwandelt hat: Religionsterror, Staatsterror oder Tugendterror – ganz gleich, wie man die Versuche nennen möchte – sind das Ergebnis: über alle Grenzen von Staaten, Religionen und Gesellschaftsformen hinweg. Ein- für allemal ausreißen lässt sich das Böse nicht. Nicht von Menschen, nicht durch Gewalt. Denn wer garantiert, dass das Wurzelwerk der an der Oberfläche so wohlmeinenden und bemühten Knechte nicht schon längst mit dem Wurzelwerk des Bösen verflochten ist? Der Fanatismus derer, die das Böse ausrotten wollen, endet immer im Bösen.

Bis zur Ernte, also dem „Jüngsten Tag“ wird das Feld des Landbesitzers nicht perfekt und rein sein. Im Großen nicht und auch im Kleinen nicht, denn auch da – bei jeder und jedem von uns – haben wir es mit einem kaum durchschaubaren Geflecht von Gutem und Bösem zu tun.

„Und was mache ich dann jetzt mit meinen guten Vorsätzen für das neue Jahr? Mit allem, was ich besser machen möchte, also mit dem ganzen Unkraut, das ich in meinem Leben ausreißen möchte?“

Die Erfahrung lehrt, dass ganz viele der Vorsätze nicht lange halten. Alles ändern zu wollen, verursacht Überforderung, Frust und Elend. Nichts zu tun, ist auf der anderen Seite auch keine Lösung, denn dann gewinnt das Unkraut im Leben die Oberhand. Wer sich von der Illusion des „Alles“ und von dem Fatalismus des „Nichts“ verabschiedet, lernt, dass es dazwischen ein Etwas gibt, in dem wir leben und das es zum Guten zu gestalten gilt, denn es ist und bleibt uns ja gesagt, was gut ist und was Gott von uns fordert: Sein Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor unserem Gott.

Es gibt ganz viel, was getan werden kann: zu unterscheiden zwischen Unkraut und Weizen; zwischen guter und böser Saat. Und im praktischen Leben wird es dann immer darum gehen, das Gute zu stärken. Um das Beispiel der Alkoholsucht noch einmal aufzunehmen: Die Anonymen Alkoholiker wissen um das Unausrottbare der Sucht; Alkoholiker bleiben das ihr Leben lang. Es gilt, das Gute zu fördern: trocken zu werden und es zu bleiben.

Wer sich von der Illusion verabschiedet, das Böse mit Stumpf und Stiel ausreißen zu können, ist beileibe nicht zur Untätigkeit verdammt. Er hat alle Hände voll zu tun, das erstrebenswerte Gute nach Kräften zu fördern.

Am Abend dieses Tages und des Jahres sehen wir auf den Acker unseres Lebens: auf ganz viel Weizen, der zur Ernte heranreift. Wir sehen aber auch das Unkraut dazwischen: das, wo wir selber mit dem Bösen verwoben sind. Und wir stellen uns für das neue Jahr unter den Schutz und den Segen Gottes, dass er uns die Kraft gibt, dem Bösen zu widerstehen, damit das Unkraut nicht überhandnimmt, und das Gute wachsen zu lassen wie den Weizen auf dem Feld.

Die Verheißung, die Jesus uns mit dem Schluss des Gleichnisses gibt, weist uns den Weg und gibt uns die nötige Kraft zu Demut und tätiger Geduld: Was wir nicht in letzter Konsequenz können, das wird er tun: Am Tag der Ernte wird er das Unkraut endgültig vernichten; es wird vergehen wie flüchtiger Schall und Rauch. Und das Gute wird sich als nachhaltig erweisen und zu unvergänglichem Leben erscheinen. Unter dieser Verheißung gehen wir in das neue Jahr 2022. Amen.

Die Predigt verdankt sich in besonderer weise der Predigtmeditation von Peter Bukowski in den aktuellen Göttinger Predigtmeditationen (Gött. Predigtmed. 76, 74-80). Herzlichen Dank dafür!

Predigt am 4. Sonntag nach Trinitatis über 1. Mose 50,15-21

Lesung des Predigttextes 1. Mose 50,15-21 vor der Predigt

Liebe Gemeinde!
Wenn etwas zu Ende geht, fragen sich Menschen, wie es weiter geht. Ein absolutes Ende kann sich niemand so wirklich vorstellen und Redewendungen wie „Kopfhoch, das Leben geht weiter!“ sprechen eine deutliche Sprache. Selbst am Ende eines Menschenlebens geht das Leben zumindest für die anderen weiter. Unter welchen Vorzeichen das Leben weiter geht, ist allerdings nicht so sicher. Das müssen auch die Brüder von Joseph gespürt haben, als ihr Vater gestorben war und damit der Garant für ihr Wohlergehen, denn dass Joseph nichts gegen seinen Vater tun würde, war immer klar gewesen. Aber nun?

Ja, sie hatten ihren Bruder aus Neid in die Sklaverei verkauft, und Joseph war durch seine Traumdeutungen zum höchsten Beamten des Pharao aufgestiegen, er hatte dafür gesorgt, dass nicht nur die Ägypter, sondern auch viele andere Menschen vom Hungertod verschont geblieben waren, er hatte sie alle – den Vater und alle Brüder und ihre Familien nach Ägypten geholt und ihnen ein gutes Leben ermöglicht. Aber nun, nachdem der Vater tot war, fühlten sie sich nicht mehr sicher. Irgendwie nagte das Gewissen an ihnen: „Steht unsere Schuld doch noch zwischen uns und unserem Bruder?“ Die Angst ist groß; so groß, dass die Brüder sogar ihren verstorbenen Vater zu Hilfe nehmen, um bei Joseph um gutes Wetter zu bitten.

Und die Frage ist bis heute aktuell geblieben: Bleibt das Böse, das wir tun – ob gewollt oder nicht – bleibt die Schuld, die wir auf uns laden, bestehen? Bleibt sie am Ende unseres Lebens auch zwischen Gott und uns stehen?

Joseph scheint mit allem gerechnet zu haben, nur nicht mit dieser Angst seiner Brüder. Aus seiner Sicht ist die ganze Geschichte ja gut ausgegangen – bei allen Tiefen, bei allen Dunkelheiten, die er in der Zisterne und im Gefängnis erleben musste. Sind die Schrecken dieser Erlebnisse bei Joseph verblasst? Wohl kaum. Aber Joseph kann rückblickend hinter allem die Handschrift Gottes sehen, der alles zum Guten gewendet hat.

Es ist von ganz großer Bedeutung, wer dieses: „Es war böse gedacht, aber Gott hat es gut gemacht!“ sagt. „Ich doch halb so schlimm gewesen und gut ausgegangen!“ So etwas aus dem Mund der Brüder wäre die Verharmlosung der Schrecken, die Joseph erdulden musste, und es würde das Böse relativieren und damit das Opfer des Bösen um sein Recht und seine Würde bringen.

Aber wenn Joseph das sagt, hat es einen ehrlichen und wahrhaftigen Klang. Von ihm gesprochen bleibt das Böse böse, wird nicht relativiert. Sein „Es war böse gedacht, aber Gott hat es gut gemacht!“ hebt das Böse auf eine andere Ebene, die ihm als dem Opfer des Bösen seine Würde lässt. Er als das Opfer des Bösen hat das Recht, so auf das Böse zu sehen und es zu beurteilen, nicht seine Brüder, die das Bösen verursacht haben.

Manches aus unserer gegenwärtigen Welt kann ich mir vorstellen, was ähnlich zu betrachten ist: Ich denke an die Zeit der Coronapandemie, die für viele Probleme und ganz große Nöte gesorgt hat, die Existenzen vernichtet und die zu Krankheit und Tod geführt hat; aus der heraus sich aber auch trotz allem anderen manches Positive entwickelt hat: neue Wege in der medizinischen Forschung, eine neue gesellschaftliche und kirchliche Sicht auf die Möglichkeiten digitaler Medien. Aber niemand hat das Recht, solches in den Himmel zu heben, ohne zumindest der Opfer der Pandemie zu gedenken und Lösungen und Hilfen für diejenigen zu finden, die die Last der Pandemie getragen haben und die inzwischen schon fast wieder vergessen sind.

Ich denke an das Gute, an den Reichtum, an das, was in Deutschland nach dem Ende der Nazidiktatur gewachsen ist, das aber nur dann gut genannt werden kann, wenn das Böse ebenso benannt und erinnert wird. Wer die Nazidiktatur zum Fliegenschiss der Geschichte relativiert und damit die Opfer dieser Gewaltherrschaft missachtet und verhöhnt, hat kein Recht zu sagen, dass aus Bösem Gutes erwachsen ist.

Das Böse muss als Böses benannt werden, so wie Joseph das tut. Er lässt seine Brüder nicht aus der Verantwortung für ihr Tun und Lassen. Aber er sorgt im Vertrauen auf Gottes Handeln dafür, dass das Böse nicht mehr zwischen ihm und seinen Brüdern steht. Er – Joseph, das Opfer ihrer Bosheit – darf das.

„Gott wollte tun, was heute Wirklichkeit wird: ein großes Volk am Leben erhalten. Fürchtet euch nicht.“ Die Worte Josephs lesen sich dabei nicht nur wie eine Zusammenfassung seines Leidensweges, der zu einem Weg des Lebens wurde. Fast möchte man diese Worte als deutenden Blick auf den Weg Jesu sehen: Denn Jesus ist seinen Weg durch Kreuz und Tod hin zur Auferstehung gegangen, damit auch über ihn am Ende gesagt werden kann: „Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, um die Welt zu richten, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“

Jesus Christus, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt, wie es Johannes der Täufer sagt und wie wir es in der Abendmahlsliturgie bekennen; Jesus, das Opfer unserer Sünde, spricht uns frei von unserer Schuld, damit sie nicht mehr zwischen Gott und uns und damit auch nicht mehr zwischen uns stehen muss. Sein Trost für uns ist der Trost Jospehs für seine Brüder: „Fürchtet euch nicht!“ Amen.